22.05.1972

Adams achter Achter

Zwei Jahre nach seinem freiwilligen Rücktritt holten die Ruderer Trainer Adam zurück Er bewies, daß er allen Rivalen nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis überlegen ist.
Mit Idealismus sind keine Medaillen zu gewinnen. Zum Olympiasieg führen Aggressivität, Geltungssucht und materieller Anreiz.
Derart provokante Thesen des Ratzeburger Oberstudienrats (Mathematik, Physik) und Rudertrainers Karl Adam, 60, verschreckten immer wieder Amateurfunktionäre im Bundessport. Sie intrigierten, bis der erfolgreichste Rudertrainer der Welt 1969 den Deutschland-Achter abgab.
Kurz vor den Olympischen Spielen in München mußte der Ruderrat den Trainer Adam zurückrufen. Am vorletzten Wochenende erwies sich abermals: Adams Achter sind die besten.
Seine in Ratzeburg kurzfristig vorbereitete Crew besiegte den seit 1971 eingespielten Essener Achter, der sich trotzig gegen Verstärkungen gesperrt und so die Aussichten für München aufs Spiel gesetzt hatte. "Wir werden in den Kampf um die Medailleneingreifen können", urteilte Adam über seinen achten Achter.
Der frühere Studenten-Boxweltmeister hatte 1948 ohne eigene Ruderpraxis das Training der Ruderriege an der Ratzeburger Gelehrtenschule übernommen. "Die Trainingsmethoden im Rudern waren hoffnungslos veraltet", erkannte er und führte als unbefangener Außenseiter Neuerungen ein, die ihm zu Weltruf und der bundesdeutschen Ruderei zur Vormacht auf den Regatta-Revieren der Welt verhalfen.
Statt die Regatta-Distanz von 2000 Metern zu proben, ließ Adam 500-Meter-Intervalle wiederholen oder mehr als 20 Kilometer rudern. Dann vergrößerte er die Ruderblätter zu "Kohlenschaufeln" (Ruderer-Jargon). Im Winter rannten Adams Athleten durch das Gelände und stemmten Gewichte.
Als erster trimmte er seine Crew im Höhentraining. Er führte demokratischen Stil in den Bootshäusern ein, überzeugte die Ruderer von seinen Methoden statt zu kommandieren und ließ sie über den Umfang des Trainings mitbestimmen. Zum Ärger der Funktionäre hielt er seine Reformen nicht geheim: "Für mich ist der sportliche Gegner kein Feind, sondern Partner."
Vor allem hob sich Adam durch seine umfassende Theorie der Leistung von nur fachkundigen Trainern ab. Er ist von der engen Beziehung zwischen dem Medaillenspiegel und den technischwissenschaftlichen -- Leistungen eines Landes überzeugt: "Die Struktur der Leistung ist auf allen Gebieten gleich". meint Adam. "Sport ist nur leichter zu organisieren als Wissenschaft."
Die umstrittene Frage, ob Sportler ihre Leistungen auf andere Lebensbereiche übertragen können, bejaht Ehrendoktor Adam: "Der Transfer geschieht keinesfalls automatisch, aber wenn man ihn bewußt anstrebt." Aus seinem ersten Goldachter von 1960 gingen ein Universitäts-Dozent, Walter Schröder, und ein Philosophie-Professor, Hans Lenk, hervor; Manfred Rulffs lehrt als designierter Adam-Nachfolger an der Ratzeburger Ruderakademie.
Sportler und Schüler beriet er auch beruflich. Mit einer Klasse veranstaltete er nach dem Abitur noch ein Sieben-Tage-Seminar über Dialektischen Materialismus -- bevor Marxismus bei bundesdeutschen Studenten "in" war. Adams Aktivitäten verstörten die Verbandsoberen, die er ungeniert als "kleine Stalins und Napoleons" einstufte. Die Frage, wo man Rudertrainer werden könne, beantwortete er realistisch: "In Leipzig". Seine Methoden verhalfen den DDR-Ruderern an die Spitze der Welt. Dagegen erschienen Adams Theorien den Anhängern der heilen Sportwelt in der Bundesrepublik unheimlich.
"Ein Leben in der Gruppe ist nur möglich", urteilte er, "wenn man alle Konflikte austrägt." Für den ersten Olympiasieg im Achter 1960 nutzte er die "absolute Funkstille zwischen Vorder- und Achterschiff" (Olympiasieger Karl-Heinrich von Groddeck) zur Leistungssteigerung. Den Gold-Achter von 1968 brachte er absichtlich durch abfällige Kritik gegen sich auf. Die Ruderer antworteten mit aggressivem Einsatz -- und siegten. 1969 trat Adam, der neidvollen Kritik leid, zurück.
Er empfahl, den nächsten Olympia-Achter solle der Essener Trainer Siegfried Kuhlmey-Becker aufbauen. Doch die Essener kehrten sich von Adams wissenschaftlichen Methoden ab. So erreichten sie bei der Europameisterschaft 1971 nur den sechsten Platz, den schlechtesten seit 1959.
Medizinische Tests ergaben, daß drei schwächere Ruderer die Gesamtleistung minderten. Adam, der "den subjektiven Trainereindruck für höchst unzuverlässig" hält, verlangte Qualifikationen für den Achter in Zweimann-Booten. Die Essener wollten weiter zusammen rudern und wichen aus.
Um seine Methoden zu bestätigen, kehrte Adam zurück. Nach sieben Europa-, zwei Weltmeisterschaften, zwei goldenen und einer silbernen Medaille bei Olympischen Spielen steuert er seinen dritten Olympiasieg an.
"In Amerika gibt es einen Trainer", nannte er sein eigenes Motiv, "der mit dem Achter schon dreimal Olympiasieger geworden ist."

DER SPIEGEL 22/1972
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