22.05.1972

FUSSBALLBerliner Ballade

„Ich werde Netzer künftig Fräulein nennen“, schimpfte der englische Fußballnationalspieler Alan Ball nach dem Spiel gegen die Bundesequipe. Netzer hatte gegnerische Fouls taktisch genutzt -- zum Zeitschinden.
Die Engländer fühlten sich wie beim Begräbnis, die Deutschen wähnten sich im Wunderland. Den Unterschied hatte ein Fußballspiel beider Nationalmannschaften bewirkt, bei dem nicht einmal ein Tor gefallen war. Hinterher fielen um so mehr Kraftausdrücke.
"Die Deutschen verhöhnen England in der Schlacht von Berlin", zürnte der englische "Sunday Express" über das 0:0. Der bundesdeutsche ZDF-Reporter Werner Schneider erboste sich: "Ich habe noch keine englische Mannschaft so unfair spielen sehen." In England rügte der "Daily Mirror" gleich beide Seiten: Die deutschen Spieler seien "Heulsusen" und "Schauspieler", die Engländer "Holzschuhtänzer in einer Ballettschule".
Die zu Sprachblüten mißstilisierte Berliner Ballade um die Fußball-Europameisterschaft wurde sogar für die Bonner Politbühne einstudiert. Sonntagsschreiber Peter Boenisch entdeckte für "Bild am Sonntag" einen "neuen Nationalspieler" dort, wo Bundestrainer und Fußballvolk noch nie einen entdeckt hatten: Rainer Barzel in Bonn.
Auf der Fußballwelle schwemmte der frühere "Bild"-Boß den unter Popularitätsmangel leidenden Oppositions-Chef zu neuen Ufern: "Barzel ist mehr geworden als nur der Spielmacher seines Vereins. Er ist der Günter Netzer von Bonn."
Fußballspieler Günter Netzer aus Mönchengladbach. von Mitspieler Franz Beckenbauer mit dem Prädikat "bester Mittelfeldspieler der Welt" versehen, glaubte sich auf dem Fußballfeld von den Engländern gejagt: Ein Engländer trat Netzer. als er am Boden lag, kräftig auf die Finger.
Weil der Schiedsrichter aber nichts unternahm, vollführte Netzer nun nach jedem Stoß, den er erhielt, pantomimen-reife Stürze. Dazu stieß er bis in die oberste Zuschauerreihe im Olympiastadion hörbare Wehrufe aus. Die Schauspielerei am Ball verhalf den
* Nach dem 0:0 der englischen Fußball-Nationalmannschaft in Berlin im "Daily Mirror": "Heulsusen -- so nennt man in England die Deutschen."
Deutschen, denen ein Unentschieden ohnehin genügte, zum Zeitgewinn.
Bundestrainer Helmut Schön rügte nach dem Spiel: "England ist im Fußball kein Lehrmeister mehr." Und beim englischen Kollegen Sir Alf Ramsey beschwerte er sich über das "brutale Spiel". 34 Fouls der Engländer stellte "Bild" nur acht der Deutschen gegenüber. Während fünf Deutsche verletzt worden sein sollen, diagnostizierten die Statistiker beim Fußball-Erbfeind England kein beschädigtes Gliedmaß.
Der Münchner Abwehrspieler Georg Schwarzenbeck jedoch wiegelte ab: "So schlimm war das doch nicht. Nur in der letzten halben Stunde sind die Tommies ein bißchen auf die Beine gegangen." Auch Günter Netzer griente nach dem gemeinsamen Festbankett mit den Engländern: "Ach ja" im Spiel hört die Freundschaft eben auf, aber hinterher verstehen wir uns alle prächtig."
Ursprung für die Rivalität auf dem Rasen war der Machtwechsel im beliebten Ballspiel. Die ersten fünf Länderspiele in den Jahren 1899 bis 1901 hatten die Engländer gewonnen -- mit insgesamt 52:4 Toren. Verschämt begannen die Deutschen daher ihre offizielle Länderstatistik erst 1908.
Auf den ersten Sieg über England warteten sie fast 70 Jahre. Selbst als Deutschland 1954 Weltmeister geworden war, verlor die Mannschaft anschließend gegen England 1:3. Im Endspiel um die Weltmeisterschaft 1966 freilich entschied ein Torschuß zugunsten Englands, bei dem der Ball nicht vorschriftsmäßig die Torlinie überschritten hatte. Die englische Königin adelte Englands Trainer Alf Ramsey. Den schon damals ausbrechenden Pressekrieg um das strittige dritte Tor vermochte auch Bundespräsident Heinrich Lübke ("Der Ball war drin") nicht zu entschärfen.
Doch seitdem siegten nur noch die Deutschen. Schon 1970 in Mexiko feuerten sie mit einem 3:2-Sieg England aus dem Weltmeisterschafts-Wettbewerb. Ende April siegten sie sogar erstmals im Londoner Wembley-Stadion, wo England erst viermal gegen nicht-britische Teams verloren hatte.
"Kaput" überschrieb der "Daily Express" den Bericht über die "traurige Nacht". Als in Berlin eine nur trittfestere, doch nicht bessere englische Mannschaft 0:0 kickte, suchte der "Daily Telegraph" nach alter Fußballsitte die Schuld beim Trainer Sir Alf Ramsey und kalauerte resigniert: "Aufwiedersehn".

DER SPIEGEL 22/1972
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