22.05.1972

POPMUSIKTote auf Reisen

Die Rock-Band „Grateful Dead“ aus San Francisco, seit Jahren erwartet, ist auf Europa-Tournee.
Die Europäer", erkannte Jon McIntire, Manager der kalifornischen Popmusik-Band "Grateful Dead", "müssen langsam den Eindruck gewinnen, daß es uns gar nicht gibt." Denn immer wieder hat die 1965 in San Francisco gegründete Truppe, die rasch zur "gesellschaftlichen Institution" wurde ("Rock Encyclopedia")" ihre geplante große Europatournee hinausgeschoben.
Nun sind die "Dankbaren Toten" aber da und beweisen, wie lebendig sie sind: Seit Anfang April ziehen die sechs Musiker, eine Sängerin, ein Troß von insgesamt 37 Ehefrauen, Freundinnen, Sekretärinnen, Tourneemanagern und Technikern durch fünf europäische Länder. Und wo immer die pittoreske Großfamilie -- am vergangenen Donnerstag beispielsweise in München -- mit mehr als fünf Tonnen Gepäck biwakiert, wird ihr Auftritt als "Rock-Ereignis des Jahres" ("Melody Maker") gefeiert.
Anders als die meisten prominenten Combos, die in der letzten Saison -- jeweils nach belanglosen Vorprogramm-Darbietungen -- lediglich 60 Minuten Routine-Rock zu Gehör brachten, bieten die "Grateful Dead"-Musiker ein abwechslungsreiches Vier-Stunden-Programm voller inspirierter Blues-, Folksong-, Country-, Gospel- und Jazz-Klänge.
Zu dieser "Musik von gescheiter Selbstverständlichkeit", diesem "Stimmmengeflecht von erstaunlicher Ausgewogenheit und Plausibilität" ("Süddeutsche Zeitung"), tragen alle Musiker als gleichberechtigte Partner bei. Doch daß sich die Band als einziges Popmusik-Ensemble die stimulierende Love-, Peace- und Flower-Power-Stimmung, die 1966 bei den Hippies von San Francisco herrschte, bis heute erhalten konnte, hat ihr Vorsänger und Gitarrist Jerry Garcia bewirkt.
Garcia, 29, der vollbärtige Sohn eines spanischbürtigen Jazz-Saxophonisten, ist eine Art Huckleberry Finn der Rockmusik: ein Junge, mit dem ein anständiges Mittelklasse-Kind nicht spielen darf. Mit 15 rauchte er seine erste Marihuanazigarette, und seit den Tagen der sogenannten Acid Tests um 1965, bei denen die US-Regierung auf Popmusik-Partys an Freiwilligen die Wirkung von LSD ausprobierte (die Droge wurde daraufhin verboten), ist Garcia "eigentlich unablässig high".
Er ist der "Kapitän Trip", der "Große Guru", der "Big Hippie" Kaliforniens, der nach seiner "unehrenvollen" (Garcia) Entlassung aus der Armee monatelang an der Pazifikküste gammelte, in einem Autowrack nächtigte, von Ananasresten lebte oder sich von seinen Gespielinnen ernähren ließ. "Als ich", sagt er, "die Erwachsenenwelt mit 15 Jahren verließ, ging ich auf Urlaub, und da befinde ich mich heute noch." Glücklicher Mensch.
Auf diesem Dauerurlaub hat Garcia allerdings Bemerkenswertes zustande gebracht: Er verjüngte -- mit einem Schuß Rock"n"Roll -- die Volksmusik aus Mark Twains Zeiten zum psychedelischen "San Francisco Sound". Und er bewies mit kostenlosen "Free Concerts" in den Parks von San Francisco. daß sich eine Rock-Band durchaus erfolgreich dem Zugriff der Musikindustrie entziehen kann.
Denn auch auf ihren ausnahmslos selbst produzierten Langspielplatten -etwa einer pro Jahr -- sind die "Grateful Dead"-Musikanten weder dem Massengeschmack noch den Wünschen der Public-Relations-Manager gefolgt. Stets war Garcias mitunter 70köpfige Mannschaft, die im Haight-Ashbury-Distrikt von San Francisco ein praktikables Kommune-Modell entwickelt hat, "in Abwehrstellung gegenüber dem Establishment".
Mit den linken Umstürzlern, die sie früher einmal bei Studentendemonstrationen in Berkeley unterstützt haben, wollen die Rock-Kommunarden nun gleichfalls nichts mehr zu tun haben. Denn Jerry Rubin und Abbie Hoffman, die einstigen Aufrührer des politischen US-Underground, "sind moralisch bankrott, niemand glaubt ihnen mehr" (Garcia).
Statt mit Ideologien wollen die "Dankbaren Toten", die ihren Namen einst dem willkürlich aufgeschlagenen Oxford Dictionary entnommen haben, die Gesellschaft mit "Play Power" verändern: mit der Überzeugungskraft ihrer Instrumente.
"Wir spielen", erklärt Garcia, "nicht für die Karriere und nicht wegen des Geldes, wir tun es aus anderen Gründen. Wir wissen genau, aus welchen, aber wir haben keine Bezeichnung dafür." Damit ihre namenlose Botschaft möglichst viele junge Menschen erreicht, wollen sie künftig häufiger als bisher in Rundfunk und Fernsehen auftreten.
Schon am vergangenen Dienstag haben die "Grateful Dead" drei Stunden lang live auf den "fröhlichen Wellen" des Schlagersenders Radio Luxemburg musiziert. Am Samstag dieser Woche propagieren sie in Radio Bremens TV"Beat Club" ihre Dropout-Philosophie.

DER SPIEGEL 22/1972
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