22.05.1972

MEDIZINSchwankende Schwelle

Frauen, so die landläufige Meinung, seien dazu geboren, Schmerzen zu erdulden -- und ertrugen sie deshalb auch besser. Amerikanische Wissenschaftler bewiesen jetzt das Gegenteil.
Versuchsleiter Dr. Kenneth Woodrow ruckte die Ferse der Probandin zwischen zwei fingerdicke Metallbolzen und schaltete die Testapparatur ein. Langsam schoben sich die Stäbe gegeneinander und preßten die Achillessehne der Frau mit immer stärkerem Druck zusammen, bis sie den Schmerz unerträglich fand.
Dann stellte Woodrow, Psychiater an der kalifornischen Stanford University, die Martermaschine ab und notierte den Druck, dem die Frau standgehalten hatte: Die Manometernadel war bei 1,2 atü stehengeblieben -- etwa demselben Druck wie in den Vorderreifen eines VW-Käfers.
Insgesamt 41 119 Kalifornier ließen in den vergangenen Jahren -- im Rahmen einer medizinischen Reihenuntersuchung -- den an mittelalterliche Folter erinnernden Druckversuch an sich geschehen. Stanford-Psychiater Woodrow und seine Kollegen wollten durch diese Testreihe herausfinden, welche Menschen den größten Schmerz ertragen können,
Die Ergebnisse des Großversuchs gab US-Forscher Woodrow Anfang dieses Monats auf der Jahres-Konferenz der American Psychiatrie Association in Dallas (US-Staat Texas) bekannt. Fazit der Martertests:
* Männer können (entgegen landläufiger Auffassung) nahezu doppelt so starke Schmerzen aushalten wie Frauen;
* mit zunehmendem Alter sinkt die Toleranzschwelle gegenüber Schmerzen. über 60jährige ertragen bei den Schmerztests nur etwa ein Viertel der Schmerzen, die von der jüngsten Versuchsgruppe (Alter: 20 bis 29 Jahre) noch erduldet wurden, Ein drittes, wenngleich weniger ausgeprägtes Untersuchungsergebnis beurteilt Schmerz-Tester Woodrow indes zurückhaltend. Bei ihren Martertests hatten die amerikanischen Forscher verzeichnet, daß Farbige an der Druck-Maschine weniger aushielten als Weiße. Dieser Unterschied könnte freilich, wie Woodrow einräumt, auch emotionell zustande gekommen sein, etwa durch ein Vorurteil der farbigen Probanden, daß weiße Versuchsleiter ihnen Schmerzen zufügen würden.
Ohnehin konnten psychisch bedingte Schmerz-Verstärker, wie sie Ärzte etwa bei Schwerkranken häufig beobachten. in die Untersuchungsergebnisse der kalifornischen Schmerzforscher nicht ein -- fließen. So blieb denn auch ungeklärt, wie Woodrow betonte, ob die Toleranzschwelle bei "künstlich erzeugten Schmerzen ihrem emotionellen Stellenwert nach mit dem Schmerzempfinden bei physischer Erkrankung gleichgesetzt werden könne".
Gleichwohl könnten die Ergebnisse der kalifornischen Psychiater, ungeachtet einer notwendigen klinischen Nachprüfung, bereits jetzt Kranken zugute kommen. Mediziner könnten individuell abgestimmte Dosierungen von schmerzstillenden Medikamenten verschreiben, je nachdem wie alt und ob der Patient eine Frau oder ein Mann ist.

DER SPIEGEL 22/1972
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