22.05.1972

Felix Schmidt über Strawinski / Craft: „Erinnerungen und Gespräche“Hat er wirklich so geredet?

Felix Schmidt, 38, ist leitender Kulturredakteur beim SPIEGEL.
Es ist nun schon ein Vierteljahrhundert her, seit ein junger, nicht sonderlich erfolgreicher Kapellmeister namens Robert Craft dem alternden Strawinski seine Dienste antrug. Er tat es mit solch aufsässigem Elan. daß der oft so boshafte Greis, der sich die Leute vom Leibe zu halten verstand, den zudringlichen Musikanten schließlich vorließ, mit ihm speiste und trank, überraschender-weise Gefallen an ihm fand und ihn in den inneren Kreis einbezog. Es war, man wird es sehen, zu beider Nutzen.
Zunächst assistierte Craft als Dirigent, war gelegentlich Sekretär und Manager; doch bald schon war er gänzlich unentbehrlich, wurde wie ein Sohn in den Haushalt der Strawinskis. Igor und Vera, aufgenommen. Man sprach vom "Trio con brio", vom "Ménage à trois".
Er ging mit auf Reisen und war der immer belehrende Führer durchs kulturelle Leben vergangener und gegenwärtiger Zeiten. Denn Craft ist ein Musiker hoch über dem Durchschnitt der Musiker-Intelligenz. Er schmeichelt sich wirklich nicht, wenn er heute sagt: "Ich habe mit Strawinski 23 Jahre lang 24 Stunden am Tag zusammengelebt."
Es muß ein Leben des immerwährenden Gesprächs gewesen sein, vom Quasi-Sohn unermüdlich und sorgsam protokolliert: Insgesamt sechs Bände haben die beiden gefüllt mit Dialogen über Strawinski, mit Strawinskis Erinnerungen, seinen Ideen, Urteilen, Sottisen, mit Briefen, Tagebuchaufzeichnungen, Essays, Rezensionen und Analysen. Das Resultat von alledem: Kein Musiker-Leben, Beethovens ausgenommen, ist so überschaubar. Und Craft scheint entschlossen, aus diesem Leben herauszuholen, was er kann, solange er kann. So ist gut zu verstehen, daß er die von PR-Agenturen längst weltweit verbreiteten und vielfach nachgedruckten "letzten Interviews" Strawinskis in das neueste, sechste Strawinski/Craft-Buch übernommen hat.
Es sind jene Gespräche. in denen der schon hinfällige Mann, hoch in den Achtzigern, noch ein gutes Quantum Lebensneugier verrät und sich mit spitzer Zunge ein letztes Mal auf einen Tour d'horizon einläßt. Von allem möglichen ist die Rede: von der schlechten Luft in Los Angeles. vom schlechten Frühstücksservice in amerikanischen Hotels, von den Fehlern in den Bankauszügen. Allerweltsgeplauder, Haarspaltereien. Der Komödiant kommt noch mal zum Vorschein, der reizbar und mit derbem Spott über die Zunftgenossen herfällt, lebendige wie tote. Schmerzlich und anschaulich beklagt er seine Thrombosen und Magengeschwüre. Beharrlich und durstig nach Lob, weist er auf seine eigene Bedeutung für die Musikgeschichte hin, die er wohl am liebsten ganz zu seinen Gunsten umgeschrieben hätte.
Er spricht natürlich auch über Musik. Er spricht gut, gelehrt und mit überreicher Kenntnis, wenn er auf seine "Entdeckung" hinweist, die Vokalmusik der Renaissance, wenn er in Werk und Biographie von Monteverdi oder Gesualdo di Venosa eindringt. Er wird peinlich, in jedem Fall unklug, wenn er sarkastische Witze über die Musik nach Strawinski macht, Cage oder Xenakis banausisch der Scharlatanerie zeiht und ihr Tun als Symptom für das Ende aller Musik hinstellt.
Aber was konnte man in dieser Sache vom mißmutigen Alten denn anderes erwarten? Er war ja nicht mehr auf dem laufenden. Er hatte seit Jahren kein Avantgarde-Konzert besucht, und von den eingesandten Tonbändern hat er wohl nur wenige abgehört. So läßt sich leicht gehässig sein. Man möchte ihm zustimmen, wenn er sagt: "Ich rede zuviel..
Aber hat er wirklich so geredet? Wirklich so geurteilt? Es wird bezweifelt, und der Zweifel ist begründet. Seit Jahren schon wird getuschelt, daß sich Strawinski, immer häufiger und ernster krank, der harten gemeinsamen Arbeit mit seinem Eckermann vom dritten Buch an mehr und mehr entzogen habe. Des Ganzen überdrüssig, billigte er willfährig, was Craft in seinem Namen schrieb. Während Strawinskis Geisteskraft mählich schwächer wurde. Denken und Reden ihm schwerer fielen. machte Craft der Welt weis, das verfallende Genie lebe auf dem hervorragenden Niveau der gerade veröffentlichten Artikel und Gespräche.
Man mag einwenden, daß eine Reihe der strittigen Interviews gar nicht von Igor Fjodorowitschs Adlatus, sondern von Zeitungsleuten geführt worden ist. Schon wahr, aber die Fragen mußten schriftlich gestellt werden, die Antworten wurden schriftlich gegeben. Das war die Methode. Wie Craft dieses Geschäft im einzelnen betrieb, sollen wir im Herbst erfahren. Zeugen haben sich gemeldet, die eine gewisse Divergenz zwischen veröffentlichten und eigentlichen Ansichten Strawinskis beschwören; ein Bericht wird vorbereitet von Strawinskis langjähriger und fachkundiger Sekretärin, die mit "Tausenden von Dokumenten" belegen will, wie schweigsam Strawinski in seinen letzten Jahren war und wie zielstrebig Robert Craft mit geübter Schriftstellerhand die Intellektualisierung des grüblerischnaiven Komponisten betrieben hat.
Warum? Aus der so sentimental geschilderten Liebe zu seinem Beinahe-Vater, der für ihn "ein Teil der natürlichen Ordnung" war, oder doch mehr aus Eigenliebe? Schließlich wird er ja gemerkt haben, daß, je größer er Strawinski machte, um so größer auch er selbst wurde. Oder ist Craft am Ende lediglich von seiner eigenen schriftstellerischen Virtuosität überwältigt worden? Zum Naturell des eitlen Gescheiten würde es schon passen. In die Enge getrieben, hat er immerhin eingeräumt: "Ich behaupte nicht, daß alles Strawinskis eigene Worte sind."
Daß sie es nicht sind, wäre auch leicht zu beweisen. Man merkt nämlich durchaus, wenn man die Bücher miteinander vergleicht, einen beträchtlichen Unterschied in Gedanken, Sill und Ton. Bei den ersten ist alles ganz schlicht. da war Craft noch die Stimme seines Herrn. Die nachfolgenden werden zunehmend blendender, das polierte Vokabular kommt hinzu, die klugen. gebildeten Reden. Da gehören Stimme und Kopf einem einzigen. Unverkennbar: Es ist Stil und Denkart der eigenen Tagebuchaufzeichnungen Robert Crafts, so wie er sie dem sechsten Band beigegeben hat.
Craft denkt und schreibt vorzüglich: ein Beobachter mit Psychologenblick, ein Erzähler, der Abstraktes klarzumachen versteht, ein Journalist mit Sinn für wirksame Anekdoten, ein kenntnisreicher Reise- und Restaurantführer, ein Bankfachmann, der genaue Auskunft darüber geben kann, wie ein Züricher Nummernkonto geführt wird.
Zwangsläufig. Denn der Musiker Strawinski ist auch ein Genius auf der Tastatur der Registrierkasse. Er liebt die handlichen Noten mit einer geradezu erotischen Leidenschaft. Er will viel Geld haben, und was er auch bekommt, er bekommt nie genug.
Und da ist noch etwas anderes, was Strawinskis Herz hüpfen läßt. Craft vermag es plastisch. witzig und mit der diaristischen Kunst eines Grafen Kessler zu beschreiben: Wo Strawinski ist, ist auch ein guter Braten, ein guter Tropfen. Er versteht es, große Tafel zu halten. Er diniert mit den Astors, mit Huxley, Isherwood, mit Eliot, Auden, Graham Greene und Duchamp. Er diniert mit Zeremoniell; zehn, zwölf Gerichte sind keine Seltenheit, zu jeder Speise der passende Wein. Wundervoll. Und als allerletzten Gang legt er dann oft seinen trunkenen Kopf auf den Tisch. Nüchternheit ist ihm ein Ärgernis. Kein Wunder, daß sich Crafts Aufzeichnungen wie ein Gourmet-Journal, wie das Tage- und Nachtbuch des Strawinskischen Alkoholpegels lesen: "Insgesamt saugen wir ein, oder aus: zwei Flaschen Wodka, drei Flaschen Bordeaux. zwei Dom Perignon und einige Gläschen Calvados -- und sind infolgedessen völlig betäubt."
Und die Frauen? Bei soviel Daseinsfreude klingt es einleuchtend, was die Eingeweihten von Strawinskis Liebesangelegenheiten erzählen. Doch der Protokollant, der sonst so viel Sinn fürs Detail verrät, kommt darauf nicht zu sprechen, wenn er "das interessanteste Leben des Jahrhunderts" beschreibt. übrigens mit stetem Erstaunen, daß er daran teilhatte. Mag sein, daß in den letzten 25 Jahren, über die Craft Bericht gibt, Strawinskis stärkster Trieb der nach Ruhe und Arbeit war. Daß seine Liebe zur Musik stets seine größte Leidenschaft entfachte -- wen soll es wundern?
So kommen viele Züge dieser Charakterstudien dem Modell wohl nahe. aber vieles fügt sich nur zum Wunschbild, das der Chronist sich vom Künstler, der Sohn vom Über-Vater machte.

DER SPIEGEL 22/1972
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