22.05.1972

FREIZEITWärme und Gehorgenheit

Der Caravan wird immer beliebter -- die Industrie empfiehlt seßhaft gewordenen Caravanern bereits den Zweit-Caravan.
Nun rollen sie wieder. Die Bruderschaft der Caravan-Besitzer hat die gute Stube hinten angekuppelt und zuckelt, alle Jahre wieder, im Achtzig-Kilometer-Tempo über verstopfte Autobahnen, schmale Landstraßen und enge Gebirgspässe einem Platz an der Sonne entgegen.
Ihre Zahl ist beträchtlich. Die Statistiker nehmen an, daß mindestens eine Million Bundesbürger ihren Urlaub in den schwankenden Blechbüchsen verbringt. Und die Zuwachsraten sind beängstigend: Sie liegen bei Caravans dreimal so hoch wie bei Personenwagen; allein in diesem Sommer rechnet das Kraftfahrt-Bundesamt in Flensburg mit 35 000 Neuzulassungen.
Längst hat das Caravaning den Beigeschmack von Armeleute-Urlaub verloren. Als vor rund 40 Jahren zunächst in England die ersten Sandalentreter und Naturapostel vom Zelt auf der "Rheumawiese" in fahrbare Anhänger umgestiegen waren, taufte der Volksmund die neuartigen Feriengefährte aus Abschätzigkeit "Caravans"; so hieß bis dahin die dritte Klasse auf der Eisenbahn.
Heute freilich, so eruierte der Mainzer Psychologe Klaus Dieter Hartmann, sind Camping und Caravaning "in bezug auf das Sozialprestige völlig neutral". Wohnwagen-Kapitäne, die ihre intakte Eigenheimideologie in Blech verfestigt nach sich ziehen, sind meist frischluftliebende Städter aus allen sozialen Schichten, die eine Art Robinson-Sehnsucht nach dem "ungezwungenen Leben in der freien Natur" hinaus ins Grüne treibt.
Die Freiheit, die sie meinen, sieht dann freilich meist so aus: dicht an dicht mit dem Nachbarn auf überfüllten, benzingeschwängerten Rastplätzen; Gedrängel in unzureichenden Waschräumen, Anstehen vor primitiven Toiletten; Kochen, Putzen, Spülen: alles wie zu Hause, nur ein paar Nummern kleiner und eher unbequem.
"Der Caravaner ist unabhängig, er ist frei", predigt dennoch werbewirksam und unbeirrt das Fachhandelsblatt "Caravans-International" (Auflage: 160 000) und propagiert als Vorzüge der vaganten Urlaubsform:
* Keine vorher festgelegte Reiseroute; ein Camping-Wagen wird als "Wohnanhänger" zugelassen und kann überall geparkt werden. > Keine genormten Essenszeiten oder gar Kleidervorschriften wie im Hotel.
* Kein Zwang, das Urlaubsquartier oft monatelang im voraus zu buchen, ohne Rücktrittsmöglichkeit bei schlechtem Wetter.
Zudem, so behauptet der Mainzer Psychologe in seiner Studie weiter, falle dem campierenden Urlauber das "Überspringen der Barrieren, die sonst einem unmittelbaren Kontakt mit Angehörigen anderer Nationen entgegenstehen", leichter als zum Beispiel einem Menschen im Hotel.
"Lagerfeuerromantik" Wärme und Nähe des menschlichen Kontaktes, ein Gefühl der Geborgenheit in einer gleichgestimmten engen Gemeinschaft", so Hartmann, seien die Ursachen für diese weltumfassende Camping-Kumpelei ohne Ansehen der Personen und ihres sozialen Status.
Von einer klassenlosen Internationale der Wohnwagen-Urlauber sind die Caravaner trotz ihrer "stärkeren sozialen Kohärenz im Nahbereich" (Hartmann) freilich weit entfernt. Das weitgeschleppte Schlafzimmer der einen ist in einen Mittelklasse-Hänger für 3000 bis 5000 Mark eingebaut, die der anderen aber in Luxuskabinen für 60 000 Mark und mehr.
Fahrbare Traumhäuser (Typ "Mikafa"), unter anderem mit Air-Conditioning, Nirosta-Spüle und dem Wasser-Klo der Boeing 707 ausgestattet, kosten leicht soviel wie ein Einfamilienhaus: 240 000 Mark. Sie sind, nach Auskunft der Hersteller-Firma Peschke, unter anderem für Großindustrielle konzipiert, die "wegen Personalmangel von Motorjacht auf Landjacht umschalteil".
Benützen sie das Renommier-Gefährt mitunter als Konferenz-Raum oder etwa als Sozialeinrichtung für die Angestellten, so können sie es sogar als Geschäftswagen von der Steuer absetzen.
Die Reichen auf Rädern sind vorerst freilich eine Minderheit. In England, der klassischen Heimat des Caravans, gelten Wohnmobilisten immer noch als "fahrendes Volk", das kein Geld ausgibt und sich aus Konservendosen nährt.
Das Vorurteil dürfte historisch sein: Denn unerschwingliche Hotelpreise und Schlangenfraß in den billigeren Unterkünften haben, so heißt es, die Engländer erst auf die Idee gebracht, sich von der Hotellerie unabhängig zu machen.
"Wir nisteten uns nach dem Krieg in dieser Lücke ein", erinnert sich ein Sprecher von "Caravans International", dem größten Hersteller der Welt für Touren-Caravans, der "einzigen Industrie in Europa, die von englischen Fabrikanten beherrscht wird" (Firmen-Slogan).
Heute rollen ungefähr 250 000 Caravans über die Briten-Insel; zudem sind die englischen Strände übersät mit Camps, wo rund 200 000 weitere Caravans zu einem Wochen-Preis von 85 bis 250 Mark vermietet werden: Jede achte englische Familie macht, so die Statistik, mindestens einmal jährlich Wohnwagen-Ferien.
Ein Geographen-Team aus Edinburgh hat 1970 eine Umfrage unter Schottland-Caravanern veranstaltet und die Ergebnisse jetzt in einer Studie veröffentlicht. Dabei wurde ermittelt, daß der typische Caravaner
* über mehr Bildung und über ein höheres Einkommen verfügt als der Durchschnittsbürger,
* meist Familienvater ist und in der Regel mit Frau und zwei Kindern verreist.
* diese Urlaubsform vor allem wählt, weil sie ihm Freiheit garantiert, und erst in zweiter Linie aus Sparsamkeitserwägungen.
Neuerdings freilich macht sich ein Trend bemerkbar, der diesen Freiheitsdrang, auf den sich auch deutsche Caravaner immer wieder berufen, in sein Gegenteil pervertiert. Immer mehr Freizeit-Nomaden nämlich werden seßhaft und mieten sich mit ihrem Wohnmobil für einen Jahresbeitrag zwischen 600 und 1000 Mark auf einem Dauerstandplatz ein: Der Wohnwagen mausert sich zum Wochenendhäuschen mit Schrebergartenbeet und geranienbepflanzten Blumenkästen vor den Fensterluken.
"Der feste Stellplatz", bestätigt "Tabbert"-Geschäftsführer Alfred Lindstedt, "wird immer mehr zum Verkaufsargument für den Absatz von Caravans."
Jeder dritte bundesdeutsche Caravaner verbringt heute schon nicht nur den Urlaub, sondern auch die Wochenenden auf dem Campingplatz. Und etwa 40 Prozent der neuverkauften Caravans werden erst gar nicht für den Verkehr zugelassen, sondern ab Werk auf einen festen Platz verfrachtet.
Vergebens moniert der Schriftsteller und Campingfreund Horst Krüger ("Deutsche Augenblicke"), daß die Dauercamper aus ihrem Wagen eine "feste Blechburg ihrer Innerlichkeit gemacht" hätten. Die Caravan-Hersteller haben sich längst auf diesen Trend eingestellt und das ehemalige Ferienfahrzeug zu einem nahezu unbeweglichen Naherholungsheim umfunktioniert.
Und wenn den Dauer-Camper dann doch einmal das alte Fernweh packt? Die Branche weiß Rat. In ihrem Fachblatt kündete sie jüngst an: "Der Zweit-Caravan kommt!"

DER SPIEGEL 22/1972
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