22.05.1972

TV-SPIEGELLaßt das Fernsehen drin

Werner Höfer, 59, ist Fernsehdirektor des WDR.
Nein, Kollege Gaus, das Fernsehen bleibt drin, im Bundeshaus! Warum sollte es denn auch das Vor-Feld räumen?
Selbst wenn die Wahrnehmung richtig wäre, das Vestibül des Parlaments würde durch die Aktivität des Fernsehens in ein Staatstheater verwandelt, in dem es spannend oder gar unterhaltsam zugeht, so wäre das doch keine Schande. Denn die "Schicksalsfragen der Nation aus der Sphäre erhabener Langeweile und gespreizter Würde herunterzuholen, kann der Humanisierung und Popularisierung der Hohen Politik nur dienlich sein.
Auch an großen Tagen fallen große Entscheidungen nicht nur in großen Debatten, sondern auch im kleineren Kreis, in Fraktionszimmern und Wandelgängen. Auch dort die Volksvertreter zu beobachten und zu befragen, ist das Recht des Wahlbürgers und die Pflicht des Fernsehens, das dabei die Rolle des vorgeschobenen Beobachters und mündigen Fragestellens spielt. Wenn es nach mir und einigen meiner Kollegen ginge, sollten jedoch die beiden Kanal-Rivalen ARD und ZDF vermeiden, allzuoft und allzuviel Gleichartiges gleichzeitig zu senden.
Was es bei diesem audiovisuellen Lobbyismus in den letzten Wochen im Bundeshaus zu hören und zu sehen gab, war "Politik aus erster Hand", greifbar und begreifbar für jedermann, nicht durchs Schlüsselloch geschmuggelt oder über die Hintertreppe kolportiert. Jedenfalls sind die Zitate, die durch solche Direkt-Übertragungen unters Volk gebracht wurden, absolut authentisch und garantiert dementiersicher, weil es für jedes Mienenspiel, jeden Zungenschlag Millionen Augen- und Ohrenzeugen gibt.
Das Fernsehen hat auch jene schwankenden Gestalten, denen vorübergehend weltgeschichtliche Bedeutung zugewachsen war, röntgenologisch genau durchleuchtet. Was ein Mann wie Knut von Kuhlmann-Stumm gesagt hat, war wichtig, aufschlußreich war aber auch, wie er es gesagt hat. Und wenn Rainer "Hamlet" Barzels Profil neue Konturen annahm, indem bei ihm Anzeichen der Anfechtung und Nachdenklichkeit erkennbar wurden, so hat in solchen Sekunden der Wahrheit die Kamera Psychogramme von dokumentarischer Glaubwürdigkeit produziert -- die Elektronische Kamera, deren Bilder nicht manipuliert werden können.
Das Fernsehen hatte gewiß zuvor zum Negativ-Image des Oppositionsführers einiges beigetragen; wenn es ihn jetzt zeigt, wie er der Umwelt "sich und seine Sache" erklärt, so vollführt das Medium damit eine Art von Rehabilitierung eines seiner Opfer.
Ein Gegenbeispiel, wie ein Mannsbild sich und seinem Klischee treu blieb: als Franz Josef Strauß für seinen Gefährten Richard Stücklen mit Ellbogen und Stimmbändern im Gedränge der Journalisten Platz schuf und Ruhe gebot. Hingegen war Horst Ehmkes entschlossener Alleingang in mitternächtlicher Stunde, um vor Kamera und Mikrophon zur Behebung der zwischen Moskau und Bonn entstandenen Zweifel beizutragen, große Ein-Mann-Politik, die in diesem Augenblick und mit dieser Wirkung nur über das Fernsehen zu praktizieren war.
Das Objektiv, das gewiß auch subjektiv operieren kann, ist in solch unvorhersehbaren Situationen der verläßliche Spiegel der Wirklichkeit, erst recht, wenn es hart am Mann bleibt. Den Objekten aber, den Politikern, ist diese Härte durchaus nicht unwillkommen. Von den meisten bp-Figuren der politischen Szene wird das Fernsehen als Reflektor ihrer An- und Absichten gern gesehen und genutzt. Gerade die Professionals haben begriffen, daß in diesem "Weltdorf" Politik und Politiker durch die Faszination der bewegten Bilder gemacht oder fertiggemacht werden können.
Gewiß wäre es ein nationales Unglück, wenn in unserem Lande jene Art von Tele-Autokratie etabliert würde, die in Frankreich einst Charles de Gaulle über seinen Staatsfunk ausüben konnte, und wie sie auch diesseits des Rheins von manchem angestrebt wird. Aber wie die junge parlamentarische Demokratie bei uns respektabel funktioniert, so ist auch die fast gleichaltrige Form von Tele-Demokratie hier so ansehnlich entwickelt, daß sie selbst aus dem Parlaments- und Fernseh-Musterland Großbritannien mit Respekt, wenn nicht mit Neid betrachtet wird.
Von Werner Höfer

DER SPIEGEL 22/1972
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