22.05.1972

„Wünsch dir was anderes ...“

Am 2. Mai beginnen in der kahlen, kalten Kölner Sporthalle, Schauplatz der 20. Folge des "Großen Familienspiels" mit dem niedlichen Titel "Wünsch dir was", Fernsehtechniker planmäßig mit dem Aufbau der sogenannten Lichtgitter und mit dem Verlegen des Fußbodens auf der Spielfläche. In elf Tagen soll Sendung sein.
Am nämlichen 2. Mai versammelt sich im Wiener Stadtteil Hietzing, im Frühstückszimmer des Hotels "Ekazent", das Autoren-Team von "Wünsch dir was". Zweck der Redaktionssitzung ist eigentlich der Entwurf der 21., also der Juni-Sendung. Aber daraus wird nichts. Denn das Team sieht sich unverhofft einer Auflage der drei beteiligten Sendeanstalten, vor allem des ZDF in Mainz, konfrontiert, alsbald einen thematischen Aufriß weiterer sechs Folgen der Sendereihe vorzulegen -- als Entscheidungsgrundlage dafür. ob "Wünsch dir was" überhaupt noch eine Zukunft haben soll oder nicht.
Dietmar Schönherr, 46, Schaumann und Buhmann in Personalunion, ist diesmal nicht dabei. Er dreht auf dem Truppenübungsplatz Großmittel bei Wiener Neustadt den Film "Kam", dessen Autor und Regisseur er ist und den er verstanden wissen will als "Attacke sowohl gegen das kapitalistische System als auch gegen die etabliert-kommunistischen Systeme". Gelegentlich meldet er sich über Telephon oder auch vermittels vehementer Interviews, in denen er sich zum Beispiel darüber erregt, daß er nun auch noch wegen der großzügigen Subventionierung seines Films aus öffentlichen Mitteln (insgesamt drei Millionen Schilling) den "Angriffen von solchen Arschlöchern" ausgesetzt sei.
Das übrige "Wünsch dir was"-Team trifft sich in fröhlicher Frustration. Auch Vereitelung kann intellektuellen Spaß bringen, besonders in Wien, erst recht unter Journalisten. Und hier sind die Journalisten praktisch unter sich: Peter Hajek, 31, Filmexperte beim Wiener "Kurier" und einschlägiger Fernseh-Autor ("Apropos Film"); Josef Kirschner, 40, einer der leitenden Leute der Wiener Redaktion des Hauses Burda; Dieter Böttger, 32, Redakteur für "Wünsch dir was" beim Österreichischen Rundfunk (ORE), früher beim Wiener "Express".
Der Regisseur der Sendung, Peter Behle, 24, Schüler (und bei "Wünsch dir was" auch Nachfolger) von Michael Pfleghar, ist kein Journalist, auch Harry Windisch, 36, der Herstellungsleiter, nicht. Doch sie denken und reden wie die anderen, verwenden den Spezialjargon und die Begriffskürzel, die das Team zur internen Verständigung sich angewöhnt hat. Eine geschlossene Gesellschaft, aber fidel.
Dabei ist, elf Tage vor der Sendung, für die in Köln schon Licht aufgebaut wird, in Wien noch keineswegs klar, ob wenigstens das Buch dieser 20. Sendefolge von den koproduzierenden Anstalten, ZDF Mainz und SRG Zürich, akzeptiert worden ist.
Es ist bereits das dritte Buch, das die "Wünsch dir was"-Crew für diese Sendung geschrieben hat. Die ersten beiden sind abgelehnt worden, eins von Zürich, das andere von Mainz.
Das erste Buch. findet das Team, war das beste. Es basierte auf der Idee, das chemisch reine Mittelstandsmilieu der üblichen Spiel-Familien zu durchbrechen durch die Auswahl von drei Gastarbeiter-Familien, einer (türkischen) aus der Schweiz, einer (spanischen oder portugiesischen) aus Deutschland und einer (jugoslawischen) aus Österreich.
Jede dieser Familien sollte, unterstützt durch einen Fernsehaufruf" vierzehn Tage vor der Sendung, ihren Sohn eine Woche lang bei einer Familie des Gastlandes unterbringen und im Tausch deren Sohn bei sich aufnehmen. In der Sendung sollten dann die Gastarbeiter-Kinder die wesentlichen Unterschiede,
* Mit Schnauzer Dymky während der Proben zur 20. "Wünsch dir was"-Sendung in der Kölner Sporthalle.
aber auch die Gemeinsamkeiten zwischen der Gastgeber-Familie und ihrer eigenen darstellen.
Oder es sollte beispielsweise vorgespielt werden, wie ein Gastarbeiter von Einheimischen aus einer Kneipe gewiesen wird, und erst sollten die Kinder sagen, wie sich ihr Vater in dieser Situation wohl verhalten hätte, dann der Vater selbst.
Sechs Sitzungen hat das "Wünsch dir was"-Team, zeitweilig verstärkt durch einen Soziologen und einen problemkundigen Senatsrat, zwischen dem 4. und dem 13. April für das Gastarbeiter-Buch aufgewendet.
Abgelehnt haben es die Schweizer, bedauernd, aber beharrlich -- wegen der innenpolitischen Sprengkraft, die das Thema Gastarbeiter in der Schweiz erwiesenermaßen habe.
Das zweite Buch hat das Wiener Team dann in einer einzigen Nacht erstellt, am 18. April, von 15.30 Uhr bis morgens halb vier Uhr, ohne Experten, eher schon mit Daffke.
Wiederum sollten nicht die herkömmlichen Spiel-Familien auftreten (Sohn, 14 Jahre, Tochter, 17 Jahre, Ehe der Eltern in Ordnung, mindestens vorzeigbar), sondern "junge Paare, die nachweislich (Aufgebot bereits bestellt) kurz vor der Hochzeit stehen".
Diese drei Brautpaare sollten zum Beispiel mit einem prominenten geschiedenen Paar über Sinn und Unsinn der Ehe diskutieren. Die drei Mädchen sollten von ihrem Zukünftigen, aber auch von zwei (heimlich angereisten) "Verflossenen" kurz schriftlich charakterisiert werden und dann raten, welche Charakterisierung von wem stammt. Und am Ende sollten alle drei Brautpaare in der Sendung "live" von einem echten Standesbeamten getraut werden.
Abgelehnt hat diese Version, schnell und nachdrücklich, das ZDF. Die Brautpaar-Fassung ist es auch gewesen, die bei den Mainzelmännern (und für die Wiener sind das vor allem der Intendant Holzamer und der Programmdirektor Viehöver) die Erkenntnis hat ausreifen lassen, so gehe das mit den Wiener Spielmachern auf Dauer nicht weiter; mindestens müsse man sich irgendwie gegen deren kurzfristig gezündete Knalleffekte wappnen.
Und obgleich das "Wünsch dir was"-Team davon zu diesem Zeitpunkt noch nichts geahnt hat, ist ihm das dritte Buch für die 20. Sendung (wieder in einer einzigen Nachtsitzung am 26. April), gemessen am eigenen Anspruch, fast zu einer Travestie auf "Mainz, wie es singt und lacht" geraten: Umweltschutz, Reizüberflutung, Müll wird ausgeleert, ein Auto wird angezündet.
"Langsam schaffen sie uns", kommentiert Josef Kirschner mit mildem Spott, "der Holzamer und der Viehöver, auf ihre stille Art. Bei der letzten Sendung glauben wir noch selber, die Familie sei das Größte und die Welt heil."
Auch an diesem 2. Mai sitzt "der Holzamer" wie Banquos Geist mit am Tisch des Teams. Und immer wenn die Ideenproduktion für den geforderten thematischen Aufriß sich wieder einmal in die Extreme transparenter Blusen und versenkter Familienautos zu bewegen droht, erscheint dieser Geist den Versammelten und läßt sie erschauern -- so als wäre "Wünsch dir was" wirklich das. was Holzamers Wiener Kollege, der ORF-Generalintendant Gerd Bacher (auch ein Rechter, aber im Gegensatz zu Holzamer ein heimatloser), einmal eine "Bastelstunde für Black Panthers" genannt hat.
In Wahrheit haben die bösen Buben vom "Wünsch dir was"-Team noch nicht einmal ein gemeinsames "linkes" Selbstverständnis, auch kein gesellschaftspolitisches (überhaupt kein politisches) Konzept. Sie haben keine andere Ideologie als die pädagogisch gemeinte, aber vage Absicht, "gewisse Dinge in irgendeiner Form bewußter zu machen" (Kirschner). Sie glauben noch nicht einmal, daß sie Vorurteile abbauen können. "Wir können", so Kirschner, "nur eine Diskussion anregen."
Was sie wirklich wollen, ist, ganz simpel gesagt, "was anderes" machen, was anderes als "Sackhüpfen"" sicher auch was anderes als der Durchschnittszuschauer samstags abends im Pantoffelkino sehen mag. Sie machen eine Sendung. die eigentlich "Wünsch dir was anderes" heißen müßte -- und das genügt, sie in Verruf zu bringen, jedenfalls bei allen denen, die Diskussion und Denkanstoß in einer Unterhaltungsshow entweder für "links" oder für langweilig oder für beides halten.
Aber das ist gar nicht das eigentliche Problem des Teams und seiner Sendung. Denn eine Show mit ernsthafter Information (statt nur mit Kreuzworträtsel-Bildung), eine Familiensendung mit Denkanstößen -- das hätten sogar die Fernsehgewaltigen in den Funkhäusern ganz gern.
Das Problem ist der Denkanstoß selbst, genauer: der schmale Grat zwischen dem Anstoß und dem Anstößigen, zwischen der Provokation und dem Skandalon.
-- Seit bald drei Jahren ist das "Wünsch dir was"-Team nun ständig auf der Jagd nach den anderthalb Schelmen, nach dem Supergag, nach einer "Hetz" (wie die Wiener sagen). Und am Ziel dieses Rennens kann im Grunde gar nichts anderes stehen als das "Millionenspiel", die öffentliche Erschießung. Und die geht nun mal nicht. Also wählt man Umwege, auch Abwege, gerät ins Artifizielle, in den Krampf.
Die Team-Mitglieder wissen das, und zwar besser als alle die Kritiker, denen "Wünsch dir was" entweder zu progressiv oder zu einfallslos ist. "Ich sag" ja immer", so Peter Hajek, eine Dunhill-Pfeife im Mundwinkel, "daß wir von der Zeit überholt sind. Wir machen Modernismen. anstatt was Neues." Und dann linst er aus schmalen Augenschlitzen vergnügt über sein "Esquire" hinweg in die Runde: "Dös is unser Problem: Die Welt hat sich weitergedreht -- und mir san immer noch progressiv."
* Nach der 19. Sendung, von links: ORF-Fernsehdirektor Zilk, Dietmar Schönherr, Vivi Bach, Peter Hajek. André Heller, Harry Windisch, Dieter Böttger.
Spät am Abend stößt der Fernsehdirektor des ORF, Dr. Helmut Zilk, auf ein Weilchen zum Team, nicht eben in der heitersten Laune. Zilk fährt am nächsten Tag zu Holzamer (der in Montreux ist), um dort die Zukunft von "Wünsch dir was" zu erforschen. Auch von einem möglichen Absprung der Schweizer aus der Koproduktion ist die Rede, seit der eidgenössische Quiz-Experte Guido Baumann dem Wiener Team fernzubleiben pflegt -- offensichtlich nicht nur aus Zeitmangel.
Alles in allem vermittelt Zilks Erscheinen das Unbehagen eines Kaufmanns, der auf einem größeren Posten teurer Ware sitzt, die er nicht mehr loszuwerden fürchtet. Er ist es schließlich gewesen, der am Ende der 19. "Wünsch dir was"-Folge mit einem "Bambi" bewaffnet dem angetretenen Team und Millionen Zuschauern die Verlängerung der Schönherr-Schau ins Jahr 1973 hinein annonciert hat.
Und das war, gelinde gesagt. voreilig. Denn erstens ist auf dem letzten Koproduzenten-Treff im Februar von den Beteiligten zwar (laut Protokoll) "in Erwägung gezogen" worden, das Familienspiel zu prolongieren, aber mehr nicht (und auch das im wesentlichen nur mangels einer sendefertigen Nachfolgeshow). Zweitens sind mindestens die Mainzer von Zilks öffentlicher Kundmachung vorher nicht informiert gewesen. Und wenn der ORF auch die Federführung für "Wünsch dir was" hat -- das ZDF hat die Kasse: Die Kosten (pro Sendung im Schnitt eine knappe halbe Million Mark) trägt zu 70 Prozent Mainz, zu 20 Prozent Wien und mit einem Fixbetrag von rund zehn Prozent Zürich.
Am 3. Mai trifft das telegraphische Einverständnis des ZDF zum dritten Buch ein. Das Schweigen der Schweizer wird als Zustimmung gewertet. Nur Robert Jungk, Zukunftsforscher mit Professur in Berlin, dem in der dritten Fassung der 20. Sendung eine Schlüsselrolle zugedacht ist, teilt nach einer schlaflosen Nacht mit, daß er es doch nicht für richtig halte, zu tun, was das Buch ihm (beim vierten Spiel) vorschreibt: "Als Auftakt und zur Demonstration zündet Prof. Jungk ein (natürlich präpariertes) nagelneues Auto an." Von Zilk kommt obendrein Anweisung, daß es keinesfalls ein nagelneues Auto sein dürfe.
Schließlich schaut auch noch Andre Heller. 25, beim Team herein -- ehemaliger Disk-Jockey, Chansonnier. Pamphletist, Produzent. Schauspieler, zu orten irgendwo zwischen Karl Kraus und Henning Venske, näher bei letzterem. Heller ist an den drei Fassungen der 20. Sendung aktiv beteiligt, derzeit aber verhindert durch die Proben zu seinem ersten Theaterstück, das den aparten Titel "King-Kong-King-Mayer-Mayer-Ling" trägt und von einer schizophrenen Prokuristengattin handelt, die sich einbildet, sie sei die Sissi.
Eine Familiensendung wie "Wünsch dir was" interessiert Andre Heller wegen ihres Millionenpublikums. wegen ihrer Breitenwirkung (die Einschaltquoten liegen immer noch zwischen 18 und 66 Prozent). Er gehört durchaus zu denen, die begriffen haben, daß "man Unterhaltung machen muß", wenn man das Bewußtsein der Massen wirklich erreichen will; daß eine provokante Szene in der Samstagabendshow eine größere Lawine lostreten kann als alle politischen Magazine eines Monats zusammengenommen. Man hat ja gesehen, wie es Esther Vilar (vor allem ihrem Buch) ergangen ist.
Am Montag, dem 8. Mai, beginnt die sogenannte Produktionswoche. Der Kern des Stabs der Studio-Film GmbH, Wien, die im Auftrag des ORE "Wünsch dir was" produziert, trifft in Köln auf den Produktionsstab des ZDF, der seit einer Woche mit dem Aufbau der Übertragungstechnik beschäftigt ist. Beide Gruppen beziehen getrennte Büros. Die Umgangsformen sind hinlänglich kollegial, beschränken sich aber auf das Erforderliche.
Die Verzögerungen während der Vorbereitungszeit machen sich bemerkbar. Ein Prominenter muß noch gefunden werden, der seinen Müll einsammeln und sich in der Sendung damit konfrontieren läßt; man nimmt deshalb Kontakt mit Innenminister Genscher.
Für die Autosprengung in Spiel vier sind drei Wagen beschafft worden, zwei zum Probieren vom Schrottplatz und ein gebrauchter VW 411 für die Sendung. Einen Pyrotechniker hat Windisch eigens aus Berlin einfliegen lassen. Bei der ersten Probesprengung brennt gleich die ganze Karte lichterloh. Die Feuerpolizei kann so was in der Halle mit Publikum nicht zulassen, eine Panik steht zu befürchten. Bei der zweiten Probesprengung (am selben Auto) explodiert so gut wie gar nichts. Erst bei der Generalprobe klappt der Gewaltakt zum erstenmal.
Von Dienstag an ist das Showmaster-Ehepaar Dietmar Schönherr und Vivi Bach samt Zwergschnauzer Dymky an den Proben beteiligt. Probiert wird mit Komparsen. So ziemlich alle langweilen sich dabei, außer Dymky.
Dietmar Schönherr, sicherlich weit mehr ein Mensch in seinem Widerspruch als Lieschen Müllers Traum von einem gelungenen Samstagabend, ist schon lustiger gewesen. Er hat nicht nur Ärger mit den Subventionen für seinen Film und mit seinem Temperament, das er selbst als "aufbrausend" bezeichnet. Er bringt noch eine andere ärgerliche Neuigkeit mit nach Köln.
Die Studio-Film, bei der er und Vivi Bach für "Wünsch dir was" unter Vertrag sind, hat den beiden etwa um die Zeit, als ORF-Fernsehchef Zilk die Fortführung der Sendereihe kundmachte, auch eine Verlängerung ihres Showmaster-Engagements für 1973 schriftlich angetragen -- fraglos nicht ohne Zustimmung des ORF. Schönherrs Manager Henry Heller hat diese Offerte sofort und ohne Änderungsbegehren (bisherige Abendgage für die Schönherrs: 30 000 Mark) schriftlich akzeptiert.
Aber nun ist vor ein paar Tagen ein Brief der Studio-Film gekommen, in dem diese mitteilt, daß sie ihr Verlängerungsangebot aufgrund neuer Entwicklungen leider nicht aufrechterhalten könne -- zu spät, wie Henry Heller meint, denn die Offerte sei und bleibe angenommen, könne also auch nicht entschädigungslos zurückgezogen werden.
Sogar der Bart, den sich Schönherr während der Filmerei hat stehen lassen, ist von einigen Gazetten naserümpfend notiert worden ("Quizmaster oder Pennbruder?" fragt zum Beispiel die "Funk Uhr"). Das wirft das Problem auf, ob man zusätzlichen Ärger riskieren und die "linke" Haartracht auch den Kameras präsentieren soll. Am Donnerstag hat Vivi Bach, die immer schon gern in der Sendung "den Clown gemacht" hätte, die Idee, ihr Mann solle sich den Bart ganz kurz vor der Sendung abnehmen, sie selbst aber solle zum Opening der Show mit angeklebtem Bart erscheinen -- kommentarlos.
Am Freitag treffen die mitwirkenden Familien in Köln ein. Klaus Peter Fritz von der Studio-Film hat sie, diesmal unter erheblichem Zeitdruck, aus dem Vorrat von über 3000 Bewerbern ausgesucht, für die ein Auftritt bei "Wünsch dir was" offenbar immer noch zu den Höhepunkten des Lebens zählt. Es sind übrigens meistens die Kinder, die ihre Eltern zu einer Bewerbung drängen.
Schönherr, Bach und dem Team bleibt gar nichts anderes übrig, als sich auf die getroffene Auswahl zu verlassen. Die schriftliche Beschreibung, die Fritz von der deutschen Familie Horn (aus München) dem Team abgeliefert hat, erweist sich bei genauerem Vergleich mit dem lebenden Modell allerdings als ein Euphemismus -- vorsichtig formuliert. Bei einer Probediskussion aller drei Familien mit Robert Jungk über das Thema Bewältigung der Zukunft empfiehlt der (laut Fritz "urige") Münchner Feuerwehr-Profi kaum verhohlen einen starken Mann als Ordnungshüter, und seine Tochter schlägt unbefangen vor, der drohenden Übervölkerung dadurch entgegenzuwirken, daß man zum Beispiel geistig Behinderte gleich aus dem Verkehr ziehe.
Einen Unsicherheitsfaktor anderer Art stellt Innenminister Genscher dar. Am Mittwoch hat er seinen Müll-Auftritt zugesagt, am Freitag sagt er ihn, unverhoffter Terminschwierigkeiten wegen, wieder ab. Das Team bemüht sich auf gescheucht um Ersatz, zunächst in Gestalt von Willy Millowitsch, aber der ist auf Tournee. Am Samstagmorgen sagt Genscher, nach neuerlichem Drängen, wieder zu.
In der Sendung ist er wenige Minuten vor seinem Auftritt noch nicht in der Halle, und da Schönherr (der vor der Kamera agiert) dies nicht weiß, wird Vivi Bach prophylaktisch auf eine entsprechende Ansage vorbereitet. Doch dann hört man des Ministers Hubschrauber brummen, der Auftritt klappt. "Das ist eben live", freut sich Redakteur Böttger.
Kurz bevor das Auto in die Luft gehen soll, kommt Harry Windisch zum Notarpult gelaufen und verkündet beinah stolz: "Wir haben wieder mal Bombenalarm. Einer hat angerufen, es sollen gleich drei Sprengsätze hochgehen. In Wien haben wir so was öfter." Vivi Bach -- das Mikrophon im Ausschnitt, den Sender unterm Rock am Oberschenkel -- läuft auf die Spielfläche, um Dymky zu holen (laut Peter Hajek den "einzigen Sympathieträger dieser Sendung"), weil der sich erschrecken könnte, wenn es knallt.
Aber es platzt keine Bombe, auch nach der Sendung nicht, es glühen noch nicht mal die Telephondrähte. Wohl gibt es auf der Empore im Foyer eine kurze Diskussion zwischen den Mitwirkenden der Show und Mitgliedern einer Arbeitsgemeinschaft für Bildung und Kultur, aber die verläuft eher harmonisch und ganz im Sinne der Sendung. Gerhard Prager, der eigens angereiste Unterhaltungschef des ZDF, sagt sogar, er halte "Wünsch dir was" für eine Sendung, "die in etwa signalisiert, wo Unterhaltung in Zukunft hingehen muß".
Der Querschuß kommt diesmal aus Österreich -- ausgerechnet von jenem Helmut Zilk, der noch nach der 19. Sendung öffentlich eine Fortsetzung der Serie im Jahr 1973 angesagt hat. In einem offenen Brief an Schönherr hält er dem "lieben Dietmar" die Kritikerbeschimpfungen aus dem Interview vor, das dieser in Sachen "Kain"-Subventionen gegeben hat, erklärt solche Ausfälle für unvereinbar mit der Glaubwürdigkeit eines Familien-Showmasters und fragt am Ende, "ob Du es nicht vielleicht doch auch angezeigt findest, der Reihe ("Wünsch dir was") mit Jahresschluß ein Ende zu setzen".
Showmaster Schönherr, die akzeptierte Verlängerung seines Engagements für 1973 im Sinn, findet das zumindest nicht logisch. "Entweder die Sendung ist gut, dann muß sie bleiben", sagt er, bereits wieder mit "Kam" beschäftigt. "Oder sie ist schlecht, dann muß sie weg. Oder ich bin unzumutbar, weil ich gelegentlich explodiere, dann muß eben ich weg, nicht die Sendung. Aber wenn ich unzumutbar bin, dann bin ich es doch nicht erst mit Jahresschluß 1972."
Von SPIEGEL-Reporter Hermann Schreiber

DER SPIEGEL 22/1972
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