22.05.1972

PERSONALIENJoachim Steffen, Walter Arendt, Philip Prinz in Frankreich, Hans-Dietrich Genscher, Roelf Heyen, Eisaku Sato, Spiro Agnew, Kaiser Hirohitos, Gattin Nagako

Joachim Steffen, 49, Schleswig-Holsteins SPD-Vorarbeiter, darf "Kuddl Schnööfs achtersinnige Gedankens und Meinungens von die sozeale Revolutschon und annere wichtige Sachens" (Steffen-Buchtitel) nicht in der Bürgerhalle des Flensburger Rathauses verlesen. Den einstimmigen Magistratsbeschluß kommentierte (SPD-)Oberbürgermeister Heinz Adler: "Die Bürgerhalle wird nicht jedem, der sich nebenbei schriftstellerisch betätigt, zur Verfügung gestellt", darum könne dem Genossen, der "als Schriftsteller unvergleichlich weniger profiliert" sei denn als Politiker, "keine Extrawurst gebraten" werden. Jochen Steffen verlor erstmals die Lust zu bissiger Replik: "Ich möchte mich nicht äußern."
Walter Arendt, 47, "der erfolgreichste Minister dieser Regierung" (Ehmke), wollte keine Versöhnung um jeden Preis. Als sich der Arbeitgeberverbände-Präsident. Otto A. Friedrich, während der letzten sozialpolitischen Gesprächsrunde im Arbeitsministerium kumpelhaft gab: "Aber, Herr Minister, wir sitzen doch alle in einem Boot", korrigierte ihn Arendt: "Das mag sein. Aber da gibt es einige, die sitzen ständig auf dem Sonnendeck, und andere, die sind ständig im Maschinenraum. Wir wollen, daß die aus dem Maschinenraum auch mal an das Sonnendeck kommen."
Philip, 50, Prinz in Frankreich, bekam die Tür nicht auf. Nach einem Empfang im -- 1889 in Paris von Engländern gegründeten -- "Standard Athletic Club" wollte das Briten-Paar zurück ins Versailler Lust-Schloß Trianon fahren, doch während Elizabeth II., 46, ohne Schwierigkeit die erstmals benutzte, eigens für Staatsbesucher gefertigte Citroen-Nobelkarosse besteigen konnte, blieb ihr Mann ausgesperrt -- das Türschloß hakte (Photo). Tags darauf folgte in Avignon die nächste Auto-Panne: Die Stadtfahrt der Queen in einem 15 Jahre alten Simca wurde jäh von einem Knall unterbrochen -- ein Kühlwasserschlauch war geplatzt. Londons "Daily Express": "Die motorverrückten Franzosen ... versanken vor Scham im Erdboden."
Hans-Dietrich Genscher, 45, Bonns Umwelt- und Verfassungsschützer, zeigte Sendungs- Bewußtsein. Bei einem Auftritt in der deutsch-österreichischschweizerischen Fernseh-Unterhaltung "Wünsch dir was" vorletztes Wochenende hatte der Zukunftsforscher Robert Jungk, der eigentlich nur über die Aussichten im Straßenverkehr plaudern sollte, den "kleinen Mann" aufgefordert, "denen da oben" mehr auf die Finger zu klopfen, und als Beispiel das von Genscher ausgesprochene Einreise-Verbot für den belgischen Trotzkisten Ernest Mandel genannt. Der als Gast anwesende Innenminister nutzte die Gelegenheit: Er überzog mit seiner Antwort ("Menschen, die die beste aller Staatsformen, die wir ... jemals hatten. offen bekämpfen wollen, haben in unserem Lande nichts zu suchen") die Sendezeit und war hinterher über sein Eurovisions-Gastspiel zufrieden: "Jetzt wissen endlich auch die Leute im Ausland, daß ich der oberste Verfassungsschützer bin."
Roelf Heyen, 33, Berliner SPD-MdB, verunsicherte DDR-Kollegen mit einem Kompliment für SED-Chef Erich Honecker. Der Abgeordnete, bei einer Studientagung osteuropäischer, österreichischer, deutscher und amerikanischer Wissenschaftler sowie Parlamentarier in Budapest dabei, beantwortete die Frage eines Polen, was er vom Ulbricht-Nachfolger halte, auf englisch: "I cherish Erish". Während sich die meisten Zuhörer, besonders die Sowjets, amüsiert zeigten und ein Amerikaner gar rühmte: "Für einen solchen Slogan würden Politiker bei uns viel Geld bezahlen", blieben die DDR-Vertreter stumm. Mutmaßt Heyen: "Die werden jetzt erst mal zu Hause das Wort 'cherish' auf seine vielfältige Bedeutung hin (unter anderem: pflegen, hochhalten, schätzen, sorgen für) analysieren lassen."
Eisaku Sato, 71 (r.), Japan-Premier" griff erneut zum Taschentuch. Grund: Vergangenen Montag erlebte der Tokioter Regierungs-Chef mit der Rückgabe der Insel Okinawa -- Sato: "Symbol unserer Niederlage" -- den bisherigen "Höhepunkt" seines politischen Lebens. Beim Übergabe-Zeremoniell sah sich Sato durch den US-Vizepräsidenten Spiro Agnew, 53 (l.), in seiner Einschätzung bestätigt: Die Wiederkehr sei nicht nur Ausdruck der Harmonie zwischen zwei großen pazifischen Alliierten, sie beseitige auch "den letzten Hauptstreitpunkt des Krieges". Vor den Augen Kaiser Hirohitos, 71 (2. v. l.), dessen Gattin Nagako, 69 (3. v. l.), und rund 10 000 Gästen reagierte der Premier, der erst kürzlich in aller Öffentlichkeit Tränen der Rührung wegen des nach 28 Jahren aus dem Dschungel Guams wiederaufgetauchten Kriegers Shoichi Yokoi vergossen hatte (SPIEGEL 20/1972), auf seine Art: weinend.

DER SPIEGEL 22/1972
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