01.05.1972

DIRNEN

Der einzige Nackte

Im Münchner "Dirnenkrieg" um die Schließung von City-Etablissements zogen die Damen vorerst den kürzeren: Laut Urteil des Verwaltungsgerichts ist ihr Gewerbe "keine vom Grundgesetz geschützte Tätigkeit".

Das Haus ist", so bescheinigen Rechtsanwälte dem "Leier-Kasten" am Münchner Hauptbahnhof, "das sauberste, hygienischste und in jeder Hinsicht ordentlich geführteste" seiner Art in der Stadt. Sogar "Polizeibeamten stand Tür und Tor offen, sie hatten Schlüssel zu den Appartements" und "wurden über die Belegung eingehendst aufgeklärt". Der Hausbesitzer garantierte überdies, "daß von außen her nicht die geringste Kleinigkeit eingesehen werden kann".

Viermal in den letzten drei Wochen gab es auch drinnen nicht das geringste zu sehen, Weil Polizeibeamte in nächtlichem Dauereinsatz vor Münchens Eros-Center den Kundendienst blockierten, stand der "Leier-Kasten" still. Und wie in der Zweigstraße, wo 65 Damen sonst rund um die Uhr arbeiten, so herrschte um diese Zeit auch in drei weiteren Etablissements der Innenstadt und am Westfriedhof amtlich erwirkte Betriebsruhe.

Der einzige Nackte, den die protestierenden Prostituierten in den erwerbslosen Stunden zu Gesicht bekamen, war ein verhinderter Freier. Der junge Mann ließ, auf einem Dach vis-avis vom Eros-Center, Hemd und Hose runter und demonstrierte dergestalt -- wie die Mädchen unter ihm -- für die "Bumsfreiheit". Doch gebumst werden darf in den öffentlichen Häusern der City nach einem vorübergehenden Kompromiß zwischen Behörden und Bordellbesitzern derzeit nur tagsüber und künftig womöglich gar nicht mehr.

Denn die "Modellaktion" ("Bayerische Staatszeitung") gegen die Liegenschaften des freien Gewerbes vereint in München Stadtverwaltung, Staat und Polizei in gemeinsamem Interesse -- und "im Hinblick auf die Olympiade", für deren reibungslosen Verlauf es Münchens Polizeipräsident Manfred Schreiber "wichtig ist, daß die Dirnen, die die Fahrkarte nach München schon haben, ihre Koffer wieder auspacken".

Gestützt auf Landes- und Bundesbestimmungen zum "Schutz der Jugend" wie des "öffentlichen Anstands"" verordnete die Regierung von Oberbayern Anfang April, daß "Dirnen-Sperrbezirke" über den Straßen-Strich hinaus auch auf "Dirnenunterkünfte oder bordellartige Betriebe" ausgedehnt werden, wenn diese sich "störend auswirken". Geschreckt von der Kriminalitätsrate im Bahnhofsviertel und von der Vorstellung, daß sich rund um die Betten-Häuser "ein St. Pauli mit entsprechender Verdichtung der Unterwelt entwickelt" (Kripo-Chef Hermann Häring), machte München prompt von dem Verhütungsmittel Gebrauch. "Wir werden". verkündete Kriminaldirektor Gustav Stogl am Einsatzort Zweigstraße" "die Damen aushungern."

Weil sich im Münchner "Dirnenkrieg" derart die "Front versteift" hatte (Stogl), zogen die Damen vor Gericht -unter Berufung auf das grundgesetzlich verbürgte Recht der "freien Persönlichkeitsentfaltung" und den Gewerbe-Schutz. Aber auch da zogen sie vorerst den kürzeren: Das Verwaltungsgericht München lehnte am Montag letzter Woche eine einstweilige Anordnung gegen die Polizeiblockade ab und beschied, die Prostitution sei "keine im Grundgesetz geschützte Tätigkeit".

Das Urteil traf freilich in erster Linie einen Mann, den auch Polizeipräsident Schreiber vornehmlich treffen will: den "Leier-Kasten"-Chef Willi Schütz, 52, Bauunternehmer in Frankfurt und "Deutschlands König der käuflichen Lust" ("FAZ"). Anders als etwa det Bankier Günther Mayr aus Niederbayern, den die "Sache überhaupt nicht berührt", weil er sein Haus am Westfriedhof für den Herren-Besuch nur zinsbringend verpachtet hat, sieht Schütz sein Geschäft nun auch in München bedroht.

Zwar überblickt er noch immer ein Eros-Imperium von 30 Appartement-Häusern in Frankfurt, Berlin, Wiesbaden, Kiel und München. Doch in Frankfurt, wo Schütz "allein neun Häuser "betreibt, mußte er Ende letzten Jahres wegen drückender Kreditschulden Konkurs anmelden.

In Darmstadt und Mainz machte der Gewerbetreibende überdies einschlägige Fehlinvestitionen. Und in der Olympia-Stadt Kiel droht seinem Etablissement, auch ein "Leier-Kasten", dasselbe wie in "der Olympia-Stadt München -- es liegt ebenfalls in einem neuverordneten Sperrbezirk.

Gleichwohl sucht Schütz, wie die anderen Zentrums-vertriebenen Münchner Geschäftskollegen, vorsorglich nach einer neuen Bleibe für seine Mieterinnen. Er hat sich das Villenviertel SoHn ausgesucht, wo sich allerdings der Bezirksausschuß schon gegen die "städtische Vertreibungsaktion stemmt. Ausschuß-Vorsitzender Heinz Reuther: "Man stopft lediglich ein Loch und reißt gleichzeitig eines auf."


DER SPIEGEL 19/1972
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