01.05.1972

„Um weitere Veranlassung wird gebeten“

Das Interesse der Öffentlichkeit ist nicht groß, als am Mittwoch letzter Woche der Prozeß gegen die Eheleute Herbert und Renate Fries beginnt. Eine Handvoll Zuschauer verliert sich im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Koblenz. Jene Politik, die man die "große" zu nennen pflegt, beschäftigt die Gemüter und lenkt die Neugier ab, die sich an einem anderen Tag schon regen würde, denn über Kindesmißhandlung, über Mord am "eigenen" Kind wird verhandelt.
Das Gewissen des Angeklagten, der verurteilt wird, hat versagt. Unser Richten gründet sich darauf, daß der Mensch ein Gewissen haben kann und zu haben hat, einen richtenden Maßstab in sich selbst. Doch wie steht es mit dem Gewissen draußen, rund um die Gerichte herum, während in den Gerichten die Möglichkeit des Gewissens, die Pflicht zum Gewissen behauptet wird?
Alljährlich werden etwa 150 000 Kinder in der Bundesrepublik von ihren Eltern mißhandelt. Knapp 500 Fälle kommen zur Verhandlung, die Dunkelziffer ist gewaltig. Doch die Gesellschaft gebraucht diesem Greuel gegenüber das von ihr so gern benutzte Bild vom "Gipfel des Eisbergs", der allein hier sichtbar werde -- und damit ist der Greuel für sie etikettiert als ein unabänderlicher Greuel. Fast 150 Kinder sterben in jedem Jahr nach Mißhandlung durch ihre Eltern. Eine Sensation ist der Fall, der in Koblenz verhandelt wird, also nicht. Doch dann kommt dieser Fall Fries über einen; dann findet jählings unsere Welt in diesem Fall im Schwurgerichtssaal von Koblenz statt.
Herbert Heinrich Fries wurde 1932 in Baumbach, Westerwald, als Sohn eines Tonarbeiters geboren. Er hat von 1938 bis 1947 die Volksschule besucht. Dann ging er in die Schneiderlehre, bestand die Gesellenprüfung und arbeitete anschließend für ein Bekleidungshaus. Herbert Fries hat sogar neun Monate lang die Schneiderakademie besucht, bevor er als Zuschneider und kaufmännischer Volontär für verschiedene Firmen tätig wurde.
1955 stirbt der Vater von Herbert Fries, und dieser Todesfall ist ein Einschnitt. Denn 1956 eröffnet Herbert Fries ein Textileinzelhandelsgeschäft in seinem Heimatort Baumbach. Er tut den Schritt, der seine Entwicklung aus der Bahn bringt. Das Geschäft geht nicht. 1957 gerät Herbert Fries zum erstenmal an das Strafgesetz. Er verkauft einen Kraftwagen, der unter Eigentumsvorbehalt steht. Fünf Monate Gefängnis sind die Quittung, und kurz darauf macht Herbert Fries bankrott. Er hat versagt, und sein Versagen wird man ihm in seiner Heimat nicht vergessen. Herbert Fries verläßt Baumbach, findet da und dort Arbeit. Ob er unstet und ein rastloser Wanderer wird, weil seine Vorstrafe immer wieder aufkommt und er ihretwegen entlassen wird, oder ob es ihm nicht gelingt, sich damit abzufinden, daß er nie ein Chef, ein Unternehmer, mehr als ein Schneider sein wird, der für einen Erfolgreicheren arbeitet, mag dahinstehen.
Knapp 19 Jahre alt ist Renate, als er ihr 1960 begegnet, und so wie Herbert Fries schon damals unheilbar am Zusammenbruch seiner Hoffnungen im Baumbacher Bankrott trägt, so ist das Mädchen Renate auf ganz andere Weise vom Kurs abgekommen. Ihr Vater war Kapitän auf den Flüssen, ein Rheinschiffer. Beim Vater an Bord ist sie Schiffsjunge gewesen. Doch der Vater muß die Flußfahrt 1958 einer Krankheit wegen aufgeben, und so kommt Renate an Land.
Bis 1960 sitzt sie zu Hause herum. Dann geht sie in eine Kleiderfabrik nach Niederlahnstein, in der sie Herbert Fries begegnet, der dort als Hosenabnehmer arbeitet. Man hat daheim bei Renate zuerst nichts gegen ihren Freund, die Mutter nimmt ihn in Pflege. Doch dann wächst das Mißtrauen, Herbert Fries muß gehen, und Renate geht mit. Sie geht mit, und ihr ist gewiß nicht bewußt, wem sie sich anschließt. 1962 könnte es ihr inzwischen aufgegangen sein, als sie volljährig wird, aber nun heiratet sie Herbert Fries, denn zwei Monate später kommt Reni-Rose zur Welt, das erste Kind.
Für Herbert Fries bringt das Kind mit sich, daß er fortan schwerer beweglich ist, nicht von einer Arbeitsmöglichkeit zur nächsten ausweichen kann, einen Zwang zu einem Ausharren, das ihm nicht mehr möglich ist. Er ist längst wieder an die Gerichte geraten. 1962 wird ihm auch der Führerschein auf zwei Jahre entzogen, doch versäumt man es, ihm das Papier abzunehmen. Und so ist er fortan nicht nur unstet, sondern auf der Flucht vor jeder Situation, in der offenbar werden könnte, daß er mit ungültigem Führerschein unterwegs war.
1962 macht sich übrigens auch Renate Fries strafbar. Sie entwendet für Reni-Rose einen Kinderwagen. Das zweite Kind, Peter, wird im August 1963 geboren, als Renate eine Freiheitsstrafe verbüßt. Sie hat als ihr Leben hingenommen, was ihr widerfährt.
Herbert Fries quält Reni-Rose nicht ständig. Doch über dieses Kind, in dem sich die Zeit personifiziert, in der 1962 alles unabänderlich wurde, fällt er immer dann her, wenn Verzweiflung und Ausweglosigkeit über ihm zusammenbrechen: Wenn kein Geld da ist, wenn man erwischt wurde bei etwas Strafbarem, wenn eine Geldstrafe zu zahlen oder eine Freiheitsstrafe anzutreten ist, wenn ein Projekt scheitert oder eine Vorladung trotz aller Ortswechsel zugestellt werden kann. Dann gerät Herbert Fries außer sich, dann schlägt er zu. Und ob Renate Fries dann immer anwesend ist, ob sie sich immer dazwischenwirft, wer weiß es. Vielleicht hat auch sie Reni-Rose gegenüber mitunter die Beherrschung verloren, die ist eine Bettnässerin, wie anders denn, das ist die einzige, verzweifelte Antwort des Kindes.
1968 soll Renate Fries einmal wieder eine Freiheitsstrafe antreten. Sie erwartet ihr viertes Kind, doch vor allem würde ihre Abwesenheit das vagabundierende Vegetieren der Familie gefährden. Statt Renate Fries tritt ihre Schwägerin Margot die Freiheitsstrafe an, sie ist mit Renate nicht zu verwechseln: Doch in eine Strafanstalt der Bundesrepublik kann Margot Fries als Renate Fries einziehen.
Nun dürfen Herbert und Renate Fries nirgendwo anhalten, denn dann könnte sich herausstellen, daß Margot und nicht Renate einsitzt. Am 27. September 1968 erstattet eine Fürsorgerin Bericht an das Landratsamt Erding, die Reni-Rose in Moosinning untersucht hat, nachdem die Wirtsleute des Ehepaars Fries gemeldet haben, hier werde ein Kind mißhandelt. "Im Gespräch mit den Eltern gewann ich den Eindruck, daß sie das Kind völlig ablehnen", heißt es in dem Bericht, der die Spuren schwerer Mißhandlungen feststellt.
Am 30. September 1968 geht der Bericht an das Landratsamt Würzburg weiter, in dessen Bereich sich einer der Gelegenheitswohnsitze der aus Moosinning eilends abgereisten Familie Fries befindet·. "Um weitere Veranlassung wird gebeten." Doch das Kind Reni-Rose wird nicht angetroffen, es soll mit dem Vater unbekannt unterwegs sein. Aufregung bricht darob nicht aus. Es wird kein Alarm ausgelöst. Die Familie Fries befindet sich inzwischen an der Mosel.
Dort beobachtet am 13. Oktober 1968 ein Rentner am Fuß der Burg Eltz, daß ein Kind schwer mißhandelt wird. "Bitte dringend wegen dieses Kindes mal nach dem Rechten zu sehen", schreibt er. Das geschieht denn auch derart, daß Herbert Fries am 7. Juli 1970 von einem Schöffengericht in Mainz zu zehn Monaten Freiheitsstrafe verurteilt wird. Er nimmt das Urteil nicht an, und so verhandelt am 21. Januar 1971 eine Große Strafkammer in Mainz erneut.
Und bei dieser Gelegenheit bleibt es dem Staatsanwalt Loos vorbehalten, durch Antrag auf Ladung des Kindes Reni-Rose Ermittlungen mit dem Resultat auszulösen, daß die am 31. März 1969 auf dem Müllplatz bei Klotten an der Mosel -- bereits skelettiert -- aufgefundene Kinderleiche die Leiche der am 19. Oktober 1968 verstorbenen Reni-Rose Fries ist.
Wie steht es mit dem Gewissen draußen, rings um die Gerichte herum? Renate Fries erscheint in Koblenz vor Gericht, von der U-Haft verschont, sie lebt von Sozialhilfe mit den Kindern Peter, mit Agathon, der im April 1967 geboren wurde, und mit Darius, der im April 1969 zur Welt kam. Renate Fries sorgt gut für ihre Kinder, heißt es. Peter, Agathon und Darius haben nie an das Jahr erinnert, in dem alles seinen unabänderlichen Verlauf nahm.
Und da ist ein Satz von Herbert Fries am letzten Mittwoch: "Im Unterbewußtsein, das möchte ich sagen, haben weder meine Frau noch ich jemals gedacht, daß wir dafür bestraft werden könnten." Das ist kein gemeiner, sondern ein auf das schrecklichste verständlicher Satz. Ein Kind ist "das eigene Kind", ein Stück von einem selbst, man schlägt nicht ein Kind, ein eigenes Wesen, sondern allenfalls sich selbst, indem man sein Kind schlägt.
Man sitzt in Koblenz am Mittwoch letzter Woche und ist an die Gesellschaft geraten, an eine Gesellschaft, die Reni-Rose Fries noch hätte retten können, die jedoch so wenig dazu aufgelegt war, daß sie über Mißhandlung richtete, ohne gewahr zu werden, daß längst nicht mehr lebte, was sie "schützte".

DER SPIEGEL 19/1972
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