15.05.1972

BERUFLICHES

Wladimir Fjodorowitsch Tolubko

Wladimir Fjodorowitsch Tolubko, 58, Armeegeneral und Kandidat des ZK der KPdSU, wurde vergangenen Dienstag -- dem 27. Jahres-"Tag des Sieges" über NS-Deutschland -- neuer sowjetischer Vize-Verteidigungsminister und Oberbefehlshaber der Strategischen Raketentruppen. Von 1963 bis 1968 hatte Tolubko bereits als Erster Vize des greisen Raketenchefs Marschall Krylow (der am 9. Februar 68jährig verstarb) gedient. Nach einem Vorbereitungsjahr als Befehlshaber des Wehrkreises Sibirien war er dann im August 1969, auf dem Höhepunkt der Konfrontation mit den Chinesen, zum Chef des Wehrkreises Fernost in Wladiwostok ernannt worden. Seiner Berufung in die Raketenzentrale nach Moskau ging ein Vierteljahr des Tauziehens voraus, weil sich die Kreml-Herren nicht darüber einigen konnten, ob man den bewährten Abschreckungs-Strategen von der chinesischen Grenze abziehen dürfe.

Emilio Pucci, 57, Florentiner Modeschöpfer, empfahl Chinas Vorsitzendem Mao per Post seine Couture "als sichtbaren Ausdruck ... für die Art von Zivilisation, in der wir arbeiten". Der Marchese, der neun Jahre lang dem italienischen Parlament angehörte (Anfang vergangener Woche jedoch nicht wiedergewählt wurde), hatte in Pekings Zeitschrift "Rote Fahne" bekräftigt gefunden, "daß auch "Massenkultur' ... nicht notwendigerweise einen Verfall der Dienstleistungen, Vulgarität und Uniformität bedeutet". Um den Chinesen seine Banal-Einsicht vorzuführen, daß "Frisur und Konfektionskleidung ... die Ideologie einer bestimmten Klasse" widerspiegeln, möchte der Polit-Schneider. der auch schon Ostereier für den Schokoladenkocher Perugina entwarf, seine Kollektion vor Ort zeigen -- zu italienischen Schlagerrhythmen. Pucci an Mao: Die Sowjets hätten ihm bereits vor Jahren eine Zusammenarbeit angeboten, er habe damals aber aus Zeitmangel ablehnen müssen.

Henning Wolff, 42, Chefredakteur des "Fehmarnschen Tageblatts", bestimmt selbst, wer seine Zeitung lesen darf. Der rechtskonservative Blattmacher hatte in der Insel-Gazette (Auflage: etwa 2500) zehn Schülerzeitungs-Autoren namentlich als "Rote-Zellen-Zersetzer" angreifen lassen und war daraufhin von (CDU-) Gemeindevertreter und Volksschulkonrektor Hans-Joachim Heesch belehrt worden, solche Art politischer Berichterstattung sei "für die Entwicklung unserer noch sehr jungen Demokratie gefährlich". Der Redaktionsführer kündigte Heesch das Abonnement, weil er dessen Reaktion als "unpassend und ehrkränkend" empfand. Und dem SPD-MdL Eckart Kuhlwein -- der von der Kieler (CDU-)Landesregierung zu wissen begehrte, ob eine Zeitung, die so "ihren Bezieherkreis begrenzt", noch als "Organ für amtliche Bekanntmachungen" geeignet sei -- unterstellte Wolff, durch eine Anfrage beim Bonner Presserat "unzulässigen politischen Druck gegen die freie Presse" auszuüben. Über den inzwischen ergangenen Regierungs-Bescheid an Kuhlwein, das "Fehmarnsche Tageblatt" erfülle seine Verpflichtungen schon, wenn es "an allgemein zugänglichen Stellen" zu kaufen sei, konnte sich Wolff indes nur wenige Tage freuen: Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft Lübeck, ob er sich wegen des Angriffs auf die Schüler der "Volksverhetzung" schuldig machte.

Henry Cebot Lodge, 69, US-Spitzendiplomat, zieht sich in den Hörsaal zurück. Der wohlhabende Jurist, der als Chefdelegierter in der Uno Dienst tat und zuletzt als Nixons persönlicher Beauftragter im Vatikan antichambrierte, begann vorletzten Mittwoch am North Community College Shore seiner Heimatgemeinde Beverly (Massachusetts) über "Die Nation und die Welt" zu dozieren -- wöchentlich zweieinhalb Stunden. Zwar will der Polit-Plauderer Auskunft über Uno-Händel und ihre Auswirkungen auf Amerika geben. doch über die Pariser Vietnam-Friedensgespräche (an denen er als Chefdelegierter teilnahm) möchte sich Lodge ausschweigen. Der Diplomat nach der ersten Lektion: "Ich war nervös."


DER SPIEGEL 21/1972
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