24.04.1972

Für den Notfall kleine blaue Flaggen

Der Krieg scheint täglich näher zu kommen; dennoch lebt Südvietnams Hauptstadt, als drohe keine Gefahr.
Letzte Woche versammelte sich die Prominenz zu einem asiatischen Tennisturnier, diese Woche trifft man sich bei einer Ausstellung dadaistischer Kunst, veranstaltet vom Goethe-Institut. Unterdessen greifen die Kommunisten einen Polizeiposten an der Nationalstraße 13 an, 35 Kilometer vor der Hauptstadt.
Eine Artillerie-Batterie, per Funk alarmiert, feuert auf die Angreifer. "Leider hatten die Kanoniere falsche Positionsmeldungen erhalten". versucht später ein südvietnamesischer Offizier zu erklären: Zehn Granaten schlagen am falschen Ort ein, im Weiler My Phuoc. Acht Menschen sind tot, 20 verwundet. Die überlebenden Dörfler sammeln die Überreste ein: In eine große Kiste werfen sie die zerfetzten Körperteile ihrer Mitbewohner. Noch Nützliches, wie Splitter, Reste von Hausrat und Häusern, legen sie auf einen Haufen.
Die Straßen der Hauptstadt säumen riesige, aus unerfindlichen Gründen rote Spruchbänder. Auf ihnen wird der "Triumph von An Loc" gefeiert -- während beide Seiten noch um jede Gasse in der Provinzstadt 100 Kilometer nördlich von Saigon kämpfen. Die Armee bepflastert alle Mauern mit Postern erbeuteter nordvietnamesischer Panzer -- während solche Panzer näher an die Hauptstadt heranrücken. "Die brauchen An Loc doch gar nicht", gibt ein südvietnamesischer Offizier privat zu. "Es reicht, wenn sie daran vorbeifahren."
Die Nordvietnamesen verlegen den Schwerpunkt ihrer Offensive wie nach Belieben. Derzeit scheint das bislang vernachlässigte zentralannamitische Hochland an der Reihe zu sein. Die Straße zwischen den Hauptbasen Pleiku und Kontum wurde unterbrochen. Die Stützpunkte können nur noch aus der Luft versorgt werden, die dafür benötigten Hubschrauber also nicht mehr in die Erdkämpfe eingreifen.
Südvietnamesische Infanteristen aber weigern sich, ohne hinreichende Luftunterstützung gegen den neuerdings mechanisierten Feind anzutreten. "Vietnamisierung" des amerikanischen Vietnamkriegs bedeutet nämlich auch, daß die vietnamesischen Soldaten nur noch nach amerikanischer Art kämpfen mögen: mit möglichst vielen Flugzeugen.
Die Soldaten auf der anderen Seite haben sich offenbar auf die von ihrer eigenen Führung geplante konventionelle Materialschlacht eingestellt. Gefangene Nordvietnamesen erzählen, daß sie die tausend Kilometer von Hanoi her mit einer einzigen Bazooka auf dem Rücken anmarschiert sind und dann tagelang ausgeharrt haben, bis sie einen Panzer als Ziel für ihre Waffe fanden.
Manche Einheiten der Saigoner Armee haben sich gewiß gut geschlagen, andere liefen nach dem ersten Granateinschlag davon. Viele Soldaten an der Nationalstraße 13 zwischen An Loc und Saigon haben für alle Fälle eine Rückversicherung in der Tasche: eine kleine blaue Flagge, mit der sie den Nordvietnamesen im Notfall signalisieren können, daß sie sich ergeben wollen. Ein Händler in Saigon, der ansonsten Lametta für die Uniformierten verkauft, erzählt, er habe an einem einzigen Tag der letzten Woche 400 blaue Fähnchen an den Mann gebracht.
Über die Zahl der Deserteure will niemand mehr Auskunft geben. Sie kann nicht gering sein: Die Frist für straflose Rückkehr zur Truppe wurde bis zum 31. Mai verlängert.
Die Amerikaner tun alles, Südvietnam in dieser offenkundig letzten Phase des Vietnamkriegs zu stärken. Und doch verstehen sie die Südvietnamesen heute weniger als je zuvor. Als der texanische Generalmajor James Hollingsworth prahlte: "Ich werde alle Kommies ausrotten, bevor sie wieder nach Kambodscha abhauen", bedachte er nicht, daß südvietnamesische Offiziere den Eindruck gewinnen mußten: "Als ob er die vietnamesische Entsatz-Streitmacht für An Loc befehligte!"
Dankbar registrieren Saigons Offizielle die amerikanische Bombenoffensive gegen Hanoi und Haiphong. Freilich, am Ende baut niemand darauf. Zu lange dauert der Krieg, zu zynisch sind die Überlebenden geworden.
Vietnamesen, die am amerikanischen Milliarden-Dollar-Strom nach Südostasien mitverdienten, gehen auf Nummer Sicher: Die Ansuchen um Ausreisevisa haben sich binnen Monatsfrist vervierfacht, und der Dollarkurs auf dem schwarzen Markt ist in einer Woche um 30 Prozent gestiegen.
Was noch kommt, wie es enden wird, weiß niemand. "Der Krieg wird weitergehen", prophezeit ein Mönch in der An-Quang-Pagode, deren Bonzen meist früher als andere Vietnamesen wissen, was los ist: "Vielleicht vier Monate oder so, dann wird es eine neue Regierung geben und neue Verhandlungen. Frieden werden wir dann wohl noch immer nicht haben, aber einen anderen Krieg."
Von Tiziano Terzani

DER SPIEGEL 18/1972
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