17.04.1972

LUFTPIRATENLohnende Reise

Eine neue Spezies von Luftpiraten beunruhigt Amerikas Luftfahrt: Experten im Fallschirmspringen.
Als der Mann, der sich Cooper nannte, im vorigen November auf Nimmerwiedersehen in die finstere Nacht hinabtauchte, schien es, als sei für Luftpiraten eine neue Zukunft angebrochen: Geld fordern, kassieren, abspringen, verschwinden.
Auf den Feldern zwischen den US-Staaten Washington und Nevada sucht die Polizei immer noch nach Spuren jenes Cooper, dem sein tolldreistes Gaunerstück 200 000 Dollar einbrachte. Nachdem Cooper nächtens aus der Hecktür einer Boeing 727 der Northwest Airlines abgesprungen war, schwante dem Nachrichtenmagazin "Newsweek", nun sei "ein neues Kapitel in den bizarren Annalen der US-Luftpiraterie" angebrochen. Doch der neuen Methode war weniger Erfolg beschieden, als der Auftakt verheißen hatte.
Ende Januar hechtete der 23jährige Richard Charles LaPoint, angetan mit Sturzhelm, Westernhemd und Cowboystiefeln, aus der hinteren Nottür einer DC-9. Kurz nach der Landung wurde er, gebrochen an Hand und Fuß, 130 Meilen nördlich von Denver (Colorado) im Schneematsch entdeckt.
Vorletzte Woche sprang wieder ein Pirat neuer Prägung. Er trug die höchste Lösegeldsumme mit sich, die je eine US-Luftfahrtgesellschaft an Erpresser gezahlt hat: 500 000 Dollar. Der Student und Mormonen-Laienprediger Richard Floyd McCoy, 29, hatte sich von der gekaperten Boeing 727 quasi vor die Haustür in Provo (US-Staat Utah) fliegen lassen. Am Montag letzter Woche wurde er festgenommen.
Die drei Abspringer lehrten, wo die Polizei bei künftigen Fällen von Fallschirm-Luftraub vorrangig zu fahnden hat: in Kreisen von Sportspringern und Ex-Militärs. Denn alle drei wußten gekonnt vom Himmel zu schweben.
Daß der geheimnisvolle Mr. Cooper es wußte, schließen Kriminalbeamte unter anderem aus seinen detaillierten Anweisungen an die Crew. Er hatte für seine lohnende Reise eine Flughöhe von maximal 10 000 Fuß -- eine ideale Absprunghöhe -- befohlen, zudem mußte das Flugtempo mit Hilfe ausgefahrener Landeklappen gedrosselt werden.
Der zweite Springer, LaPoint, war Fallschirmjäger in Vietnam gewesen, und auch der Student McCoy hatte sich seine Kenntnisse in Amerikas .schmutzigem Krieg erworben -- als Hubschrauberpilot. Bei ihm zu Haus, in Provo, fand die Polizei Sturzhelme, eine Militärfliegerkombination und einen Fallschirm.
Doch selbst für Könner ist das Risiko, nach einem luftigen Beutezug abzuspringen, groß genug. Die "American Medical Association" hält Fallschirmspringen für 80mal gefährlicher als Football. Von den in mehr als 400 Vereinen organisierten Sportspringern Amerikas benötigen jährlich Zehntausende nach Fehlsprüngen ärztlichen Beistand, Dutzende sterben.
Zudem ist die Chance, nach Landungen ohne Bruch unbemerkt zu entkommen, gering. Jede der von Fallschirmspringern entführten Maschinen wurde während des Fluges von Düsenbombern begleitet, deren Piloten die abspringenden Gangster orten sollten. Und die Fallschirme, die den Entführern von den Fluggesellschaften geliefert wurden, waren sämtlich mit elektronischen Sendern ausgestattet, die den Ort der Niederkunft verraten sollten.
Nur im Fall Cooper schlugen sämtliche Maßnahmen fehl. Anders als seine Nachahmer hatte der angebliche Cooper Militärfallschirme abgelehnt, in aller Eile mußten Sportspringerschirme -- ohne Funkgeräte -- besorgt werden. Und anders als Militärschirme öffnen sich Sportfallschirme nicht automatisch nach rund 600 Metern.
Mr. Cooper, der nach Stewardessen-Beobachtungen gut 180 Pfund wiegt, ist vermutlich viel weiter als 700 Meter aus den Augen der spähenden Bomberpiloten in die Nacht gefallen, bis er endlich die Reißleine zog.

DER SPIEGEL 17/1972
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