17.04.1972

FERNSEHEN Nicht zu bremsen

Nach Protesten war die brutale Comic-Serie „Speed-Racer“ abgesetzt worden. Nach ermunternden Kinderbriefen will der SDR sie wiederaufnehmen.
Brutalität im Fernsehen ist ein Vorzugsthema für Medienforscher. Die TV-Anstalten schicken Demoskopen über Land, um Sehgewohnheiten und Sehbedürfnisse zumal der Kinder zu erforschen. Intendanten wie Kölns Klaus von Bismarck warnen von Tagung zu Tagung vor der "Gefahr der Enthumanisierung".
Doch über humane und pädagogische Prinzipien geht offenbar noch immer der Grundsatz ökonomischer Haushaltsführung. Der Süddeutsche Rundfunk jedenfalls will lieber den Kindern eine Sendefolge zumuten, die "nur faschistischen Durchhaltefilmen vergleichbar" ist (so der Pressedienst "Kirche und Fernsehen"), als diese Sendungen unnütz eingekauft haben: Nach einer durch Proteste erzwungenen Sende-Pause soll wieder die japanische Comic-Serie "Speed-Racer" ins Programm.
Dieser Fernost-Import ist der SDR-Redakteurin Elisabeth Schwarz zu verdanken. Als eine "heiße Anhängerin aller Comics" hatte sie von insgesamt 52 "Speed-Racer"-Folgen "an die 40" inspiziert und acht für die Kinderstunde ausgesucht.
Mit Takt: Alle Filme "von der harten Sorte" ließ sie beiseite und fischte nur Anschauungsmaterial heraus, das "für deutsche Kinder gut geeignet" und "besonders amüsant ausgefallen" war.
Welcher Art dieses Vergnügen ist, zeigte sich schon in der ersten Folge, die im November letzten Jahres, zwischen Bußtag und Totensonntag, im Nachmittagsprogramm gesendet wurde: Der zehnjährige Serienheld Speed startet in seinem Wunderauto "Mach 5" zu einem "Großen Alpenrennen", das Heidenspaß bereitet. Speeds Rivalen fliegen nämlich reihenweise aus den Kurven, schlagen Kobolz, rasen gegen Felsen, stürzen in Schluchten, verbrennen und verbluten beiderseits der Piste.
"Das sieht schlimmer aus, als es ist". tröstet freilich ein Synchron-Onkel die möglicherweise doch erschreckten Kinder, "gleich kommt "die Feuerwehr." Und Speed ist durch Leichenhaufen schon gar nicht zu bremsen: "Da muß jeder durch!" Zwar kostet die sportliche Kurzweil ihn das Augenlicht. Die feine Nase am Auspuff seiner Konkurrenten, riecht und rast aber der blinde 007-Knirps den Abgasen seiner Rivalen nach und schießt, auch den letzten, 85. Gegner heldentot links liegen lassend, siegreich durchs Ziel;
In zwei weiteren Folgen machte der knäbische James Bond sein Publikum auf ähnlich drollige Weise mit Unterweit und Weltuntergang vertraut: Unter sengender Wüstensonne steht er zwischen Hofintigranten und Bombenattentätern seinen Mann, und in letzter Minute bewahrt er, klein, doch clever, den Erdball vor dem Raketenangriff eines übergeschnappten Superlaboranten.
Nicht jeden freute das Kinder-Spiel -der "Welt" zum Beispiel schien dieses "pure Vergnügen einer rohen Totschlägergesinnung" empörend. Doch die Stuttgarter empfanden das offenbar als allzu pingelig. Auch das Wort "Skandal", das dem Redakteur Walter Flemmer vom Bayerischen Rundfunk entfuhr, wurde als Schelte eines hausfremden Kollegen wohl nicht allzu ernst genommen. Als dann freilich noch aus 200 Briefen "eine Welle der Empörung" über Frau Schwarz zusammenschlug, setzte SDR-Programmchef Horst Jaedicke die vierte, nach seiner Meinung letzte Folge ab.
Da aber die Schwaben gleich acht Filme auf einen Streich gekauft hatten, kam ihnen eine postalische Gegenströmung von ungeahnter Wucht wie gerufen: In "Tausenden von Briefen" beklagten meist Kinder, oft zu ganzen Schulklassen gebündelt, das vorzeitige Ende des "lustigen" Speed und forderten sein Comeback.
Dadurch sah sich der SDR ermuntert, "die noch nicht "gesendeten Folgen ... nochmals auf ihre Verwendbarkeit im Nachmittagsprogramm (zu) prüfen und die Prüfung ergab: Speed soll im nächsten Winter wiederkommen.
So war für den SDR die ganze Diskussion über Bildschirm-Brutalität auf einmal zu einer "womöglich modischen Floskel" geschrumpft. Bei den Protesten gegen "Speed-Racer" sollten nun bloß "Erwachsene ihren Kindern ganz offensichtlich die Ablehnung in die Feder diktiert" haben.
Elisabeth Schwarz erkennt, daß bei den "natürlich vollkommen undemokratischen Comics" jeder Gedanke an "irgendeine psychische Gefährdung der Kinder absurd" ist. Und Intendant Hans Bausch, der sich gern als Gewissen der ARD geriert, ist sicher, daß "professionelle Kritiker das Unterscheidungsvermögen der Kinder maßlos unterschätzt" haben und "Kinder offenbar zwischen "Realität" und "Fiction" ... besser zu unterscheiden wissen als gewisse Programm-Pädagogen".
Diese kuriose Erziehungslehre, die den Kinderwunsch nach bunten Karambolagen als Urteilsspruch akzeptiert, wird auch besprochen werden müssen, wenn sich in dieser Woche die Redakteure des ARD-Nachmittagsprogramms in Hamburg treffen -- Leute, die mit "Pan Tau" und "Kwatschnich" und mit dem "Spatz vom Wallrafplatz" den Bildschirm erst für Kinder kultiviert haben.
Denn für so mündig, wie Bausch im Fall "Speed-Racer" die minderjährigen Zuschauer ansieht, hält sonst die ARD nicht einmal die Erwachsenen: Ein Homosexuellen-Film wurde kürzlich abgesetzt, weil die Gesellschaft dafür noch nicht reif sei.

DER SPIEGEL 17/1972
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