28.02.1972

SPANIENLos Muchachos

Spanische Jungen reisen derzeit mit einem eigenen Zirkus durch die Bundesrepublik. Mit den Einnahmen helfen sie, den ersten Kinderstaat der Welt zu finanzieren.
Der dumme August ist erst 13 Jahre alt, und die Hohe-Schule-Reiter gehen noch in die Schule. Halbwüchsige fahren Rad auf dem Hochseil ohne Netz oder wirbeln im doppelten Salto durch die Luft. "Estupendo, chicos", "Prima, Jungs", lobt der Konferencier nach jeder besonders guten Nummer mit heller Kinderstimme. Von den Musikanten, die den Tusch spielen, reichen einige noch nicht ganz bis ans Mikrophon.
Denn Erwachsene gibt es im "Circo de los Muchachos", dem spanischen Kinderzirkus, der zur Zeit seine erste Deutschlandtournee macht, nur hinter den Kulissen. Trapezflieger und Trickspieler, Reiter und Rad-Artisten, Clowns und Kletterkünstler sind alle erst zwischen 8 und 18 Jahre alt.
Was die rund hundert Kinderartisten an Geschicklichkeit und Originalität bieten, übertrifft manche professionelle Manegenschau. Und was sie einspielen, reicht, um Tourneen sogar bis nach Amerika zu wagen. Vor allem aber hilft es mit, ein Unternehmen zu finanzieren, das noch erstaunlicher ist als der Zirkus selbst: die Kinderrepublik Bemposta -- das wohl einzige Gemeinwesen auf der Welt, das fast nur von Kindern bewohnt und ausschließlich von Kindern regiert wird.
Bemposta liegt in der nordwestspanischen Provinz Galicien, nahe der kleinen Stadt Orense. In den Armenvierteln von Orense hatte vor 15 Jahren der katholische Pater Jesús Silva Méndez, damals 26, verlassene und verwaiste Kinder aufgelesen, um die sich niemand kümmerte. Als er 15 beisammen hatte, erwarb er eine Unterkunft außerhalb der Stadt, dort wo heute Bemposta liegt.
Ihren Lebensunterhalt bestritten der Pater und seine Schützlinge auf vielfältige Art: Sie sammelten Altpapier und leere Flaschen. veranstalteten Tombolas und Musikabende. Schließlich erhielt Pater Jesús, der aus der spanischen Zirkusfamilie Feijóo-Castilla stammt, von seinem Onkel ein altes Zirkuszelt geschenkt. Die ersten Artistennummern wurden eingeübt -- gelegentlich unter fachkundiger Assistenz des zirzensisch vorgebildeten Pfarrers; Handstand etwa machte er selber vor, Schwierigeres unterrichteten Artistenlehrer.
Bald kamen Kinder nicht mehr nur aus Orense, sondern aus ganz Spanien und sogar von jenseits der Landesgrenzen nach Bemposta. Heute leben dort auf einem Privatgrundstück von insgesamt 150 000 Quadratmetern über 2000 Jungen zwischen 4 und 20 Jahren. Die "Zollgrenze" zur "Nación de los Muchachos" dürfen erwachsene Besucher nur mit Spezialvisum und erst nach genauer Kontrolle durch einen Kinderpolizisten passieren.
Die Spielzeug-Republik besitzt ein eigenes Rathaus, Theater, Hotel, Restaurant und Einkaufszentrum. Die Jungbürger backen ihr eigenes Brot und drucken ihr eigenes Geld -- Währung: 1 Corona = 3 Peseten 15 Pfennig. Einnahmequellen für den Liliput-Staat sind, neben dem Zirkusunternehmen, unter anderem eine Tankstelle sowie die verschiedenen Lehrwerkstätten, in denen die Jungen ihre späteren Berufe erlernen können.
Während im übrigen Spanien Kinder schon für den Besuch einer kirchlichen Volksschule -- staatliche gibt es zu wenige -- mindestens zwischen 300 und 600 Peseten pro Monat (15 bis 30 Mark) zahlen müssen, können die Bemposta-Bürger gratis eine eigene Volks-, Mittel- und Oberschule bis zur Universitätsreife sowie eine Berufsschule, die Zirkusschule oder ein Technikum besuchen.
Dennoch haben bislang weder der spanische Staat noch die Kirche das Werk des Pfarrers finanziell unterstützt. Und konservativen Spaniern ist das ganze Unternehmen sowieso nicht recht geheuer. Denn so viel demokratischen Freiheitsspielraum wie die Knaben von Bemposta haben des Generalissimus Franco erwachsene Untertanen nicht.
So können alle in der Muchachos-Republik lebenden Kinder aus ihrer Mitte in freien Wahlen ihre Vertreter bestimmen: den Bürgermeister, den Finanzminister, den Verantwortlichen für Hygiene, für öffentliche Dienste, für die Verwaltung und die Ausbildung. Erwachsene Spanier hingegen dürfen nicht wählen, wer sie regieren soll.
Jeden Tag wird zudem in einer Vollversammlung über alle Fragen des Tages beraten und entschieden. Jeder Bemposta-Bürger hat Sitz und Stimme -- außer Lehrern und anderen Volljährigen. Auch das gibt es außerhalb des Kinderladens in Spanien nicht.
"Die Welt, in der die Menschen heute leben, ist nicht gut", sagt Pater Silva, der Pullover und Lederjacke seiner Soutane vorzieht. "Die Jungen, die morgen in ihr leben sollen, sind die einzigen, die sie ändern können." Doch das können sie nur, glaubt Pater Silva, wenn sie schon als Kinder "Vertrauen erfahren, Verantwortung lernen und begreifen, daß einer nicht mehr ist als der andere.
So wurde in Bemposta vor allem deshalb eine eigene Spiel-Währung eingeführt, damit die Bewohner -- längst nicht mehr nur Waisenkinder -- nicht durch Zuwendungen von den Eltern in Reiche und Arme geteilt werden. Jeder verdient seinen Lebensunterhalt selbst: Schulbesuch gilt als Dienst an der Gemeinschaft und wird entsprechend entlohnt. Wer schwänzt, bekommt kein Geld.
Die sonst in Spaniens Schulen gängigen Strafmethoden -- körperliche Züchtigung, Nachsitzen und (in kirchlichen Lehrinstituten) Zwangsknien -- sind in Bemposta verpönt. Peinlichste Strafe ist der befristete Entzug der Bürgerrechte -- etwa des Wahlrechtes. Der Appell ans Ehrgefühl tritt an die Stelle der Prügel: Wer gestohlen hat, wird zum Bankangestellten gemacht.
"Der Zusammenprall mit der Realität der Erwachsenen", glaubt Pater Silva, "kann heilsam sein -- für die Erwachsenen."
Noch allerdings erfahren die Gesandten der Kinderrepublik, die mit ihrem Zirkus in diesen Tagen Hamburg, Berlin, Düsseldorf und später Israel bereisen, die Welt der Erwachsenen nur als bunt und abenteuerlich. "Kennen Sie irgendein Kind", fragt Pater Silva, "das soviel von der Welt zu sehen bekommt wie unsere Muchachos?"

DER SPIEGEL 10/1972
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