27.03.1972

POLYNESIENRepublik unter Wasser

Ein Korallen-Riff im Pazifik haben amerikanische Unternehmer zur Republik erhoben.
Sie hat keine Verfassung, keine Gesetze, keine Einwohner. Kein Mensch hat jemals ihre Grenzen überschritten. Sie ist auf keiner Landkarte verzeichnet und doch Objekt diplomatischen Gerangels: die "Republik Minerva".
Den Staat, den es eigentlich gar nicht gibt, hat die amerikanische Unternehmensgruppe Ocean Life Research Foundation -- die Büros in New York, Orange Plaza (Kalifornien) und London unterhält -- auf einem Korallenriff im Pazifischen Ozean gegründet.
Das Riff, Seefahrern als "Minerva Reef" bekannt, liegt 720 Kilometer südöstlich der Fidschi-Inseln und 450 Kilometer südwestlich der Tongatapu-Insel. Da das Riff völlig unter Wasser liegt -- wenn auch nur wenige Meter -, galt es bislang nicht einmal als Niemandsland.
Lange Zeit beanspruchte kein Staat Minerva als Hoheitsgebiet. Denn das Riff liegt fern aller Küsten. Nur einmal, am 24. November 1966, hatte Tevita Fefita, Kapitän eines Fischerboots von Tonga, am Riff eine Boje verankert und an der Boje die Flagge von Tonga befestigt.
Ob damit tatsächlich die Besitzergreifung für Tonga vollzogen wurde. ist jetzt fraglich. Denn die Herren der Ocean Life Research Foundation lassen derzeit mit Baggern Sand und Gestein auf das Riff aufschütten. Bisherige Kosten: etwa 175 000 Dollar (564 000 Mark).
Für die so entstehende, etwa 160 Hektar große künstliche Insel haben sie auch schon einen Außenminister namens Ralph McMullen ernannt. Der sandte bereits eine Art Unabhängigkeitsproklamation für die "Republik Minerva" an viele Regierungen.
Die Oberen mehrerer Pazifikinseln (geographischer Sammelbegriff: Polynesien) wie Tonga, Fidschi, Nauru und West-Samoa beeilten sich, auf einer Konferenz mit den Regierungen von Australien und Neuseeland gegen die Ausrufung der Republik zu protestieren.
Die Regierung der Vereinigten Staaten ersuchten sie gar, die Staatsgründer zu stoppen.
Einer von denen, Michael Oliver, behauptet zwar, im neuen Staat sollten nur ökologische und ozeanographische Studien betrieben werden.
Daneben aber könnte die Republik Minerva -- ähnlich wie Europas Zwergstaat Liechtenstein -- Scheinsitz von Unternehmen werden und damit zum Dorado für Steuerflüchtlinge avancieren.

DER SPIEGEL 14/1972
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