27.03.1972

Paul Konrad Kurz SJ über Walser: „Die Gallistl'sche Krankheit“Gesundung in der Partei?

Paul Konrad Kurz, 44, ist Jesuitenpater und Literaturkritiker der katholischen Zeitschrift „Stimmen der Zeit“. Er veröffentlichte zwei Essay-Bände „Über moderne Literatur“. -- Martin Walser, 45, engagiert sich seit einiger Zeit für die DKP.
Mit den beiden voluminösen Kristlein-Romanen "Halbzeit" und "Das Einhorn" hat Martin Walser Literarisches zur Kritik des Bürgers in unserem Wohlfahrts- und Händlerstaat beigetragen. Sein neuer Roman, mit nur 132 Seiten geradezu asketisch gewandet, bezeichnet eine Wende. Walser sagt der Literatur, die sich feuilletonistisch vereinnahmen läßt, ab.
Der Ich-Erzähler Josef Georg Gallistl beschreibt sein Krankheitsbild. Da die zu beschreibende Krankheit noch keinen Namen hat, leiht er ihr den eigenen. Gallistls Fall ist in Kürze dieser: Es ist ihm völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, Lust zu empfinden, Sinn zu erfahren, Zukunft vor sich zu sehen, menschliche Kontakte nicht der Lüge, die Gesellschaft nicht der Unmoralität zeihen zu müssen. Es ist die Krankheit des Intellektuellen, vorab des Schriftstellers in dieser Zeit und Gesellschaft.
Dem kritischen Leser erscheint sie nicht ganz neu. Sie reicht vom Fin-desi~cle-Ekel, von Bruder Nietzsche gespeist, über Hofmannsthals "Lord Chandos"-Brief, Kafkas geradezu metaphysische Nahrungssuche, Brechts Bürger-Ekel und Frischs nutzlose Ich-Suche, über die nausée der Surrealisten und Existentialisten, den zornigen Ausbruch der amerikanischen Beat-Autoren und Marcuses "Große Weigerung" bis zum radikalen Unbehagen gegenüber dieser amorphen Wohlstandsgesellschaft im Aufbruch der studentischen Linken. Von den einstigen Gruppe-47-Autoren erkannte Walser als einer der ersten: Eine antagonistische Waren- und Klassengesellschaft erlaubt dem Schriftsteller bloß Tummeln im Kulturgehege, Ästhetizität.
Gallistls Freunde heißen A., B., C., D., E., F. Die entpoetisierende Namengebung, die stilistische Versachlichung und berufliche Typisierung zeigt, wie das Wort bei Walser jetzt rein funktional eingesetzt ist. A. steht für Architekt, B. für Bankkaufmann, C. für Chemiker, D. ist "wahrscheinlich Dichter", F. "macht jetzt Fernsehen". Die sieben Freunde "tauchen hier nur auf, insofern wir jene Krankheit zum Ausdruck bringen, der ich meinen Namen leihe". Die Freunde arrangieren sich mit ihrer Krankheit, möchten sie "nicht loswerden, sondern ausbilden", genüßlich, eitel. Gallistl aber erkrankt schwer. Der früher Gedichte produzierte, schreibt jetzt "bis zur Erschöpfung an dem Buch über das, was vorfällt".
Gallistl weigert sich, seine Erfahrung als Einzelfall zu betrachten, die Ursache für seinen Selbst- und Menschenhaß nur und zuerst in sich selbst zu suchen. An dieser Gallistl'schen Krankheit zum Tode ist die Gesellschaft schuld. Deshalb kann und will er keine demokratische Wahlhilfe leisten. Seine Gegner reichen vom "Bürgerkomitee" bis zu einer "sozialdemokratischen Intellektuellengruppe". Er denkt wie weiland Brecht: Das Ganze muß verändert werden. Absichtsvoll ruft er neue Freunde ins Haus. Von Pankraz Pudenz, der ihn herausruft aus seinem Gehäuse wie einst Jahve den Abram aus seiner Heimat oder Jesus den Lazarus aus dem Grab, empfängt Gallistl den 1. Band der Lenin-Ausgabe. Auch in der Bundesrepublik soll die Stunde der Praxis schlagen. "Ich habe das Gefühl, der Zukunft zu dienen", sagt Gallistl. Wie in den mittelalterlich-platonischen Philosophien, wie in der Romantik stellt sich die Vision des Wahren Guten Schönen ein -- und Gefühle.
Die Schuld der Gesellschaft beginnt von Anfang. Schon die Mütter nähren in ihrer Brut das böse Gib-Nimm-System. Die gehätschelten Sprößlinge werden "Kulturschaffende", die zu kurz Gekommenen "asozial", "Verbrecher". Entweder -- oder, aber beidemal "Entfremdung". Doch gibt es unter den Kulturschaffenden welche, "die durchschauen sich und ihre Bedingung, die werden politisch ... So einer entzieht sich einfach dem Leistungsspiel" -- und dem Lyrikspiel und dem Bücherspiel. "Er geht ins Kollektiv." Jawohl. Die schmarotzen und lamentieren nicht mehr. Die agitieren, auf daß dem kranken Kaufmannsstaat und anderen Kranken Gallistls Frühling in die Stube wehe, eine schöne, neue, runde Religion anstelle der krank machenden alten.
Gallistls "Vorstellung von einer besseren Welt" und dem "Leben einen Sinn geben" mündet in die "Partei". Die im Roman anvisierte sozialistische Idee meint nicht einen bereits vorhandenen Staatsmarxismus oder eine einfach übernehmbare Parteivorstellung. In der neuen Hier-und-Jetzt-Partei darf und muß man selber denken.
Gallistls Krankheit wird nicht mehr durch erzählerische Ironie entschärft, nicht mehr durch eine Fülle von Details. die der Autor dem Leser zur Unterhaltung übergibt, überspielt. Wie der zum Marxismus bekehrte Brecht durchleuchtet Walser das vorhandene Realitätsvokabular von vornherein ideologiekritisch, das heißt von einem marxistisch gläubigen Bewußtsein her.
Bewußtsein, Diagnose und Entscheidung des Josef Georg Gallistl entsprechen denen der biographischen Person Walsers. Die neue Identität. Geschehnis und Analyse, Bild und Begriff, erlebte Rede und Dialog, Kunstfigur und Bekenntnis werden, meist ohne Übergang, meisterlich gefügt. Der neue Walser scheint geboren, Kristleins Misere überschritten, Belletristik auch.
Wird der in Aussicht gestellte dritte Kristlein-Roman das hier, in Direttissima-Route. eingeschlagene Thema voluminös variieren oder bereits, was Brecht und Anna Seghers literarisch nicht gelungen ist, die neue sozialistische Praxis unparabolisch zeigen? Wenn der Suhrkamp-Verlag das Bekenntnis seines Autors ernst nimmt, müßte er sich zu einem sozialistischen Kollektiv umformen. Veränderungen stünden bevor.

DER SPIEGEL 14/1972
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