21.02.1972

Helmut Ensslin: „All jene Eltern ...“

Helmut Ensslin, 62, ist Pfarrer der evangelischen Luther-Gemeinde in Stuttgart/Bad Cannstatt. Seine Tochter Gudrun, 31, Germanistin mit Grundschullehrer-Examen, lebt im Untergrund, seit sie 1968 als Kaufhaus-Brandstifterin verurteilt wurde; sie steht als Kernmitglied der Baader-Meinhof-Gruppe auf Fahndungslisten. Dem SPIEGEL schrieb Pfarrer Ensslin nach einigen Gesprächen folgenden Brief:
Sehr geehrte Herren, nach unserem Gespräch habe ich sehr intensiv überlegt, ob ich mich in einer öffentlichen Anrede an meine Tochter Gudrun wenden soll. Ich meine nein. Wohl aber würde ich gern die Gelegenheit ergreifen, eine gewisse Solidarität mit all jenen Eltern zu versuchen, die von den Verstehensschwierigkeiten ihrer Kinder in besonders gravierender Weise während der letzten 10 bis 15 Jahren betroffen worden sind.
Diese Eltern sind nach meinen Erfahrungen weithin der Gefahr einer Isolierung erlegen. Diese ist weniger von der Außenwelt her verursacht, etwa durch vielsagendes Mitleid, als vielmehr durch sie selbst und ihre ungedeuteten Schuldgefühle. die sie in einen Prozeß des Verstummens verfallen ließen.
Ihre Zahl ist sehr groß, weil die Zahl jener Heranwachsenden sehr groß war, denen der Übergang von pubertärem Erschrecken über Unrecht und Erlogenheit der Gesellschaft zu einem gesellschaftlichen Engagement in der Bundesrepublik mißlang. Letzteres erforderte die Kunst, weder Kompromisse mit dem Unrecht einzugehen noch einem puristischen Perfektionismus zu verfallen, sondern den dritten Weg eines geduldigen Lernprozesses und relativer Entscheidungen zu finden. Das vollzog sich in Stadien, die einigermaßen logisch in sich verbunden sind, womit ich den tatsächlichen Ablauf freilich nicht in ein abstraktes Schema spannen will,
Das Mißlingen der pubertären Reifung vollzog sich vor 1967 vor allem in individuellen Neurosen. Depressionen und Psychosen, meistens erfolglos behandelt von Psychotherapeuten und Seelsorgern und letztlich niedergehalten durch ärztlich verordnete Drogen. Über die Zahl der jungen Leute, die in diesen Jahren die Nervenheilanstalten und die Selbstmordstatistiken füllten, kenne ich keine genaue Aufstellung. Aber ich weiß, daß die hiervon betroffenen Elternhäuser nach Erziehungsmethode, Bildungsniveau, Kontostand, weltanschaulicher, religiöser. wie auch politischer Einstellung so verschieden waren, daß schon von dorther die persönliche Schuldfrage überaus relativiert wird.
Den überfamiliären, ja auch übernationalen Zusammenhängen hier nachgehen zu wollen, geht über den Raum eines Briefes hinaus. Aber dies: Die Studentenbewegung von 1967 auf 68 bedeutete hier einen wirklichen Einschnitt. Ich vermute, daß Sie mit mir die Meinung teilen können, daß der Erfolg des damaligen SDS die einzig bedeutende und ernsthafte Bewegung der Jugend in der BRD seit 1945 war. Sie hat sich sehr sozialistisch gebärdet.
Das hätte aber einer Gesellschaft dennoch mehr, als geschehen, zu denken geben müssen. Sie hätte daran das Unbequeme, aber Unumgängliche ablesen können, was alles durch restauratives Denken unbewältigt und in Schulbüchern und anderswo überschwiegen hinter der Fassade des wirtschaftlichen Aufbaus verdrängt zugrunde lag. Die Studentenbewegung proklamierte zusätzlich zum Kollegheft die Aktion als den entscheidenden Lernprozeß (was nebenbei eine uralt christliche, biblisch fundierte Erkenntnis enthält).
Diese Bewegung wurde durch einen Großteil der Presse lächerlich gemacht und was gegenüber dem positiv ethischen Gehalt dieser Bewegung besondere Leidenschaftlichkeit entfachen mußte -- kriminalisiert, letztlich aber durch Polizeieinsatz aus jener Öffentlichkeit gefegt, in der sie vermutlich ohnedies keine politisch wirksame Basis bei der derzeitigen Arbeitnehmerschaft gefunden hätte.
Darauf folgte aus Enttäuschung, die keinen Ausweg mehr sah, die Flucht aus der Geschichte überhaupt in Form der Rauschgiftwelle, die jede politische Aktivität für aussichtslos und Unsinn erklärte und bis tief in die Schulen hineinschwappte. Was darauf noch folgen kann, müßte wohl entweder, sofern überhaupt noch geschichtsverbunden, ein eiskaltes, seelen- und gewissenloses Kalkül sein oder eine weitere geschichtslose Welle (vielleicht sogar eine "Jesus-Welle").
Mit alledem sage ich Ihnen nichts Neues. Ich will mich auch nicht dem Mißverständnis aussetzen, ich wolle mit einem Rückblick auf die Geschichte der jungen Generation den Verständnis- und Toleranzraum um die Gruppe, der meine Tochter angehört, vergrößern. Das aber ist nicht der Fall, schon allein darum nicht, weil diese Gruppe selbst längst nicht mehr mit Toleranz seitens der Gesellschaft rechnet und sich gerade damit zu der Härte entwickelt hat, die an die Eltern nur noch Zumutungen stellt, aber keine Möglichkeit der Anrede mehr gibt.
Anstelle vieler hier nötiger Analysen, die, nicht zuletzt theologischer Art, für die Eltern fruchtbar sein könnten (das würde wenigstens eine Broschüre erfordern), jetzt nur noch einmal aus meiner Erfahrung als ein durch eines seiner Kinder in extrem auffälliger Weise exponierter Vater, der zugleich Pfarrer ist, der ganz zuversichtlich gemeinte Zuspruch an die betreffenden Eltern:
Sie sollen sich nicht verstehen als Müll der bundesrepublikanischen Industrie-Gesellschaft, sondern als deren seismographisches Zentrum und als Terrain der eigentlichen Auseinandersetzungen, gegenüber denen Konferenzen der Bosse vieler Sparten zuweilen den Eindruck eines oberflächlichen und rein opportunistischen Larvenspiels machen.

DER SPIEGEL 9/1972
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