21.02.1972

Das chinesische Pferd - mit Futter aus USA?

Amerikas Präsident kommt nicht als Sieger nach Peking -- und doch verändert seine China-Reise die Weltpolitik. Sie wird nicht mehr von Moskau und Washington allein bestimmt. China betreibt -- erstmals in seiner Geschichte -- eine offensive, auf den Westen gerichtete Außenpolitik, projektiert von Premier Tschou En-lai, Maos engstem Vertrauten und Nixons Gesprächspartner. Tschou erwartet von Nixon Hilfe für die Wirtschaft des 800-Millionen-Volkes. Er ist der einzige in der Pekinger Führungsspitze, der den Westen -- und Deutschland -- kennt.

Als die zwölf Tiere des chinesischen Mondkalenders einen Wettbewerb austrugen, wer wohl als erster über einen Fluß setze, stürzte sich der Wasserbüffel sogleich in die Fluten.

Das Rennen machte dennoch die Ratte: Sie biß den Büffel in den Schwanz, der Büffel zuckte zusammen und schleuderte die Ratte mit dieser Bewegung ans andere Ufer.

Deshalb gilt nach chinesischer Mythologie die Ratte in Asien als zielstrebiges, mutiges, listiges Tier. Ihr ist das Mondjahr geweiht, das am 15. Februar begann, das "Jahr der Ratte". Wie zu seiner Eröffnung, am 21. Februar, zieht der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, in gewissem Sinn der Welt oberster Kapitalist, in Peking ein, in die Kapitale der "Großen Proletarischen Kulturrevolution".

Das "Jahr der Ratte" leitet mithin ein Ereignis von verwirrender Symbolkraft ein -- nicht nur für Asien. Nixon und Mao: Ist das Duett, das die bisherigen Todfeinde vor der gespannt nach Peking blickenden Welt aufführen, nur ein genialer Propaganda-Coup, oder signalisiert es ein vielleicht geschichtliches "renversement des alliances"? Macht der Gipfel aller Gipfel den Frieden fester, oder spielen auf ihm Büffel und Ratte listiges Theater?

Gast und Gastgeber sind gut präpariert. Richard Nixon trichterte sich den Inhalt ("top secret") einer 500 Seiten starken Akte ein: Extrakte aus einigen hundert China-Analysen, die ihm das State Department, die Geheimdienste. seine wirtschaftlichen und juristischen Berater zusammengestellt hatten. Dazu las Nixon die "Anti-Memoiren" von Andre Malraux. Den Autor, Frankreichs pensionierten Kunst- und Asienfreund, ließ er zu einem Zwei-Stunden-Gespräch mit anschließendem Arbeitsessen nach Washington einfliegen.

In Peking wurde unterdes geputzt. Der Himmelstempel, Hauptquartier der Roten Garden in der Kulturrevolution, ist renoviert, in Blau und Gold. In Blau und Gold, in Rot und Grün sind die Läden in der Wang Fu Jing, der Hauptgeschäftsstraße von Peking, gestrichen. Am "Platz des Himmlischen Friedens" wurden die Gehsteige neu gepflastert und Bäume gepflanzt.

In einem der Verhandlungslokale. dem Haupttelegraphenamt von Peking, wurden Gardinen mit roten Samtvorhängen angebracht, Plakate durch Landschaftsbilder ersetzt und das ganze Gebäude kräftig durchgeheizt.

Ein über hundert Meter langes Spruchband, das seit der Kulturrevolution den Flughafen Peking schmückte, ist verschwunden. Darauf stand das Mao-Wort: "Völker der Welt, vereinigt euch, besiegt die USA-Aggressoren und alle ihre Lakaien!"

Der Aggressor kommt nicht als Sieger. Fast ein Vierteljahrhundert lang hatten die USA das China Mao Tsetungs als Geächteten behandelt -- den sie in Korea nicht besiegen konnten und den sie in Vietnam, glücklos, zu bekämpfen meinten.

Nicht Chinas Premier Tschou En-lai fährt nach Amerika, sondern der Präsident der USA nach China -- wie seit Jahrhunderten Chinas Kaiser nie außer Landes gingen, sondern die fremden "Barbaren" stets an ihrem Hof antreten ließen, damit sie den Kotau leisteten.

Richard Nixon kommt nach eigenen Worten "ohne naive Illusionen" nach Peking und ohne Aussicht, konkrete Ergebnisse mitzubringen -- vielleicht nicht einmal diplomatische Beziehungen. weil Peking sie davon abhängig macht, daß Washington Formosa fallen läßt, und schon gar nicht Frieden in Vietnam, weil über ihn nicht die Chinesen, sondern die Vietnamesen zu bestimmen haben: Aus Furcht vor einer großen roten Offensive, die zum Debakel in Südvietnam führen könnte, schickten die Amerikaner vor der Nixon-Reise neue Bomber und Kriegsschiffe nach Südostasien. Am Donners-Lag, als Nixon startete, bombardierten sie erneut Nordvietnam.

Gast Nixon hat seinen Tribut bereits gezollt: mit der Preisgabe fast aller amerikanischen China-Dogmen, mit der Aufhebung des Handels-Embargos, mit einem gefährlichen Affront gegenüber den China-Anrainern Japan, Indien und UdSSR, und mit dem Anerkenntnis, daß die Chinesische Volksrepublik eine neue Weltmacht sei, laut Nixon den USA "ebenbürtig".

Der einzige Reichtum der neuen Weltmacht ist eine Last: fast 800 Millionen Menschen, deren höchster Konsumwunsch ein Fahrrad oder eine Armbanduhr. ist, ein fleißiges, friedliches, genügsames Volk, das zu 90 Prozent von der Landwirtschaft lebt. Niemand verhungert mehr in China -- dank hoher Getreide-Importe aus Kanada. Bei dem Versuch, die in der Kulturrevolution freigesetzten Energien für eine große industrielle Revolution zu nutzen (SPIEGEL 3/1971), machten die Chinesen zwar Fortschritte, aber die Stahlproduktion ist kaum so hoch wie die der 50 Millionen Franzosen.

Mit drei Millionen Mann hat Maos China zwar etwa soviel Soldaten wie Rußland oder Amerika -- aber sie sind an Bewaffnung und Ausbildung weit unterlegen. Spaltbares Material für 120 Atombomben liegt zur Abschreckung bereit -- aber noch fehlt die serienmäßig hergestellte Interkontinentalrakete zum Transport der Bomben.

Das seit der Revolution von 1911 bis zu Maos Machtantritt 1949 vom Bürgerkrieg zerrissene, vorher von Fremden abhängige Land hat durch Disziplin und die bewußte Zerstörung aller hemmenden traditionellen Strukturen eine innere Ordnung gefunden. Doch zwei Versuche, über die ersten Etappen der Industrialisierung hinaus eine kommunistische Gesellschaft der Gleichheit und des Glücks zu schaffen, sind zerronnen: der "Große Sprung nach vorn" von 1958, dessen Volkskommunen und Volkshochöfen unrentabel waren, und die "Große Proletarische Kulturrevolution", deren Avantgarde. die Rotgardisten, gestoppt werden mußte.

Dennoch nimmt China, seit dem 26. Oktober vergangenen Jahres in der Uno, fortan an der Weltpolitik teil. Dennoch hat sein Auftreten die weltpolitische Szene verändert: Die nach 1945 vollzogene Zweiteilung der Welt (Opfer: Deutschland, China, Korea. Vietnam). die ein Vierteljahrhundert lang den Frieden sicherte, indem sie

* Oben: Expeditionskorps unter dem Befehl von Graf Waldersee in China. Mitte: US-Soldat mit chinesischem Gefangenen in Korea. Unten: Bestattung von Sowjetsoldalen nach dem Ussuri-Gefecht.

beide Weltmächte neutralisierte, wurde erschüttert.

Eine Dreiteilung zeichnete sich bereits ab, als die Solidarität der beiden roten Reiche zerbrach und Moskau für Peking -- aber bald auch Peking für Moskau -- zum Häretiker wurde.

Damals. 1959, besuchte Sowjet-Chef Chruschtschow den US-Präsidenten Eisenhower in Camp David. während Peking mit dem US-Alliierten Tschiang Kai-schek um die Inseln Quemoy und Matsu focht.

Der Enkel eines Mandarins wird Polit-Kommissar.

Als Chruschtschow auch noch ablehnte, Peking bei der Entwicklung von Atomwaffen zu helfen, fühlte Mao sich hintergangen. Er sah die Gefahr einer Koalition der beiden Großen gegen China heraufziehen, klagte Rußland des Verrats am gemeinsamen Glauben an -- und Rußland rief seine über 10 000 Berater aus China zurück.

Die Konfrontation zwischen dem volkreichsten und dem landreichsten Staat, die miteinander die längste Landgrenze der Erde haben (7000 Kilometer), steigerte sich 1969 am Ussuri bis an die Schwelle zum heißen Krieg. Sowjet-Marschälle rieten, Chinas -- selbständig aufgebaute -- Atomfabriken vorsorglich zu bombardieren, ehe China Atomraketen auf Rußland richten könne. Eine kleine Probe für einen solchen Präventivschlag lieferte Moskau in den Gefechten am Grenzfluß Ussuri: "Wir mußten den Chinesen eine Lektion erteilen", so ein sowjetischer Gewährsmann zum SPIEGEL, "und sie haben die Lektion verstanden."

Die innere Schwäche der US-Gesellschaft und des bröckelnden Sowjetsystems zwingt heute die USA und die Sowjet-Union zum Rückzug. zur Verkleinerung ihres Machtbereichs. Die Welt wird multipolar, und hinter den Verlautbarungen aus Peking schimmern die Grundzüge einer Ordnung in dieser multipolaren Welt durch.

In einem gemeinsamen Leitartikel proklamierten die führenden Pekinger Presseorgane, die "Volkszeitung", die "Armeezeitung" und die theoretische Zeitschrift "Rote Fahne", zu Neujahr 1972 das, was US-Beobachter die "Tschou-Doktrin" nennen: "Die Zeiten sind vorüber, da die Vertreter der beiden Supermächte durch Kuhhandel hinter den Kulissen mit dem Geschick anderer Länder nach Belieben schalten und walten konnten."

Den Appell an die Kleinen gegen die Großen hatte Mao schon als Partisanenführer in seiner Höhlenburg Jenan konzipiert. Gegenüber der amerikanischen Journalistin Anna Louise Strong sprach er 1946 von einer durch US-Aggression bedrohten "Weiten Zone" zwischen den USA und der Sowjet-Union, "die viele kapitalistische, koloniale und halbkoloniale Länder in Europa, Asien und Afrika einschließt".

Im Januar 1964, kurz vor der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Frankreich (und dem ersten chinesischen Atomtest), präzisierte die Pekinger "Volkszeitung":

Die weite Zwischenzone enthält zwei Teile:

r> Der erste besteht aus den schon selbständigen oder um Selbständigkeit kämpfenden Staaten Asiens, Afrikas und Lateinamerikas;

der andere Teil aus den kapitalistischen Staaten ganz Westeuropas, Ozeaniens und Kanada.

Während die herrschenden Klassen dieser Länder als Ausbeuter und Unterdrücker gelten, sind sie selbst amerikanischer Kontrolle, Einmischung und Beeinflussung ausgesetzt. Deshalb wollen sie sich von der amerikanischen Kontrolle befreien. Sie haben daher etwas mit den sozialistischen Ländern gemein.

Das Spiel in der multipolaren Welt ist komplizierter und mithin auch gefährlicher geworden -- nicht nur für den von politischem Aktionismus besessenen Gast aus Washington, sondern auch für China. Die Diplomaten scheinen gezwungen, sich wieder stärker der Instrumente des 19. Jahrhunderts zu bedienen -- des Wechsels der Koalitionen, des Gegeneinander -- Ausspielens, des Vorrangs der Staatsräson gegenüber ideologischen Verpflichtungen oder Neigungen.

Vorbei scheint die bequeme Gegenüberstellung von Ost und West, "Kommunismus" und "freier Welt", bei der die Regierungen sich nur an die Linie des Blockführers zu halten hatten -- man kannte seinen Feind, die Abstimmungsergebnisse in der Uno waren vorherzusagen.

Sie sind es nicht mehr, Chinas Aufnahme in die Uno und der Krieg zwischen Indien und Pakistan haben es bewiesen. Auf die Seite des reaktionären Pakistan trat das kommunistische China im Bund mit dem kapitalistischen Amerika; auf die Seite Indiens, der einzigen Demokratie auf dem asiatischen Festland, die kommunistische Sowjet-Union.

Es wird wieder mehr Geheimdiplomatie betrieben, die verkümmert war, weil die beiden Großen sich wenig zu sagen hatten. Vergessen sind die bösen Lehren der Kabinettspolitik der Vergangenheit. Die neue Diplomatie, zu kompliziert für Beschlußgremien, zwingt demokratisch verfaßte Staaten, Entscheidungen öfter als bisher im Küchenkabinett zu treffen. So klagte das State Department, es werde bei einsamen Entschlüssen Nixons und Kissingers nicht mehr gehört. Selbst in der UdSSR und in China wird seit Monaten ohne Politbüro, allein durch Parteichef, Premier und deren Sonderberater, regiert.

Als neue Chargen in der Reprise dieser alten Geheimkunst traten zwei Politiker vor den Vorhang, die auf den ersten Blick wenig gemein haben: Henry Kissinger, 47, oberster Sicherheitsberater des amerikanischen Präsidenten, von Beruf Professor, und Tschou En-lai, 73, Premierminister Chinas, von Beruf politischer Kommissar.

Insgeheim -- Kissinger unter dem Vorwand einer Erkrankung in Pakistan -- hatten sie Kontakt geknüpft. Tschou, der erfahrene Taktiker, über Kissinger: "Er hat die Merkmale eines Mannes, mit dem man argumentieren kann"

Tschou -- und nicht der greise Parteichef und Dichter-Partisan Mao -- war es denn auch, der diese Politik projektierte. Er ist Maos engster Vertrauter und heute aussichtsreichster Kandidat auf dessen Nachfolge. Er hat den Kontakt zum Hort des Kapitalismus schon immer gesucht. Er führt die Verhandlungen mit Nixon.

In dem engen Kreis der Männer um Mao, die sich selbst wie ihr Land stets von der Umwelt abgeschirmt haben, kennt Tschou als einziger den Westen. Er sprich Englisch und Französisch, etwas Russisch, Japanisch und Deutsch.

Der schmächtige, stets übermüdet wirkende Mann ist kein Bilderbuch-Kommunist: Tschou kann seinen Stammbaum auf die Tschou-Dynastie aus dem ersten Jahrtausend vor Christus zurückführen. Sein Großvater war noch Mandarin in der Gelehrtenbürokratie des Kaisers, sein Vater ein Hofbeamter. Wegen seiner zarten Haut und seiner feinen Hände mußte Tschou als Schüler beim Laienspiel stets die Frauenrollen übernehmen.

Studentenliebe in Göttingen.

Als Lenin seine Revolution in Rußland machte, ging Tschou, 19, als Student dorthin, wo progressive Chinesen damals ein Muster für chinesische Gesellschaftsreformen suchten: nach Japan.

Ein Hilfsbibliothekar an der Pekinger Universität, Mao Tse-tung, organisierte 1920 Europa-Reisen für Werkstudenten, und Tschou fuhr so nach Frankreich, wo er als Kumpel und bei Renault arbeitete. Im Pariser "Café Flore" ließ er 100 Tassen Kaffee anschreiben -- und bezahlte sie im Jahr 1957 per Post, mit einem Zins von 300 chinesischen Zigaretten.

Tschou baute 1921 die französische Filiale der eben in Schanghai gegründeten Kommunistischen Partei Chinas auf. Er ist ebensolange Mitglied wie Mao Tsetung -- und länger als Mao Mitglied des Politbüros.

Auf der Suche nach Mustern für China reiste Tschou in das Land von Marx und Engels. In Göttingen studierte er Geschichte und Geologie und verliebte sich in Kunigunde Staufenbiel, Hausmädchen bei den Vermietern seines Zimmers am Düsteren Eichenweg 18 (ein unehelicher Sohn Kuno fiel als Hitlers Landser am 4. Februar 1945 in Ostpreußen).

Nach China zurückgekehrt, diente Tschou nur noch der Revolution. Die führte der Offizier Tschiang Kai-schek an, ausgebildet in Rußland und beraten von Russen. Die Russen richteten in Whampoa eine Militärakademie ein, deren militärischer Direktor Tschiang Kai-schek, deren politischer Direktor Tschou wurde -- die Kommunisten arbeiteten mit Tschiangs "Kuomintang"-Partei eng zusammen.

"Er tanzte sehr kontrolliert, mit leichter Grazie."

Im Auftrag von Tschiang Kai-schek brachte Tschou die 600 000 Proletarier von Schanghai zum Aufstand und übergab Tschiang die Stadt. Doch der fürchtete eine Machtübernahme der Roten und ließ rund 30 000 Kommunisten erschießen -- was Malraux in seinem Buch "La condition humaine" beschrieb. Tschou konnte kurz vor der Hinrichtung flüchten. Tschiang setzte auf ihn eine Kopfprämie von 80 000 China-Dollar aus. Die Koalition zwischen Kuomintang und KP zerbrach.

Tschou machte den Rückzug der geschlagenen Roten in die unzugängliche Bergfestung Jenan mit, den legendären "Langen Marsch" über 10 000 Kilometer nach Nordchina, bei ständigen Gefechten mit den Verfolgern. In Jenan wurde er Maos Sprecher gegenüber der Außenwelt -- und Diplomat.

Er lieferte sein Gesellenstück: Es gelang ihm, 1936 in Sian zwei Kuomintang-Generale zum Frontwechsel zu überreden. Die Generale verhafteten Tschiang, doch gegen das Versprechen einer neuen Koalition -- zum gemeinsamen Krieg gegen die Japaner -- bewahrte Tschou den gefangenen Tschiang vor der Hinrichtung. In Jenan waren Tschou Amerikaner begegnet: Der Journalist Edgar Snow besuchte die roten Guerillas in ihrer abenteuerlichen Burg und machte die wilden Gestalten erstmals weltbekannt. (Snow starb vorige Woche in der Schweiz an Krebs. Zuvor noch hatte die chinesische Regierung eine Ärzte-Delegation aus Peking zu ihm geschickt.)

Snow beschrieb Tschou als einen eindrucksvollen Partisanenhäuptling mit schwarzem Bart; er ritt auf einem mongolischen Pony. In der Brusttasche seiner grauen Kluft steckten zwei Füllfederhalter. Er besaß einen schwarzen, knöchellangen Kommissars-Ledermantel, der heute neben Maos ausgestopftem Pferd im Museum von Jenan wie eine Reliquie aufbewahrt wird.

Die Amerikaner, die Tschou (dessen Name sich wie "Joe" ausspricht) begegneten, zeigten sich von seinem Charme entzückt. Die Schriftstellerin Freda Utley versicherte: "Man kann Tschou kaum widerstehen -- geistreich, charmant, taktvoll." US-General Wedemeyer nannte ihn eine "charming individuality". Anna Louise Strong erlebte Tschou als den besten Tänzer der Jenan-Einsiedler: "Er tanzte sehr kontrolliert. mit leichter Grazie."

US-General Marshall befand 1946, es gäbe "unter den Kommunisten eine liberale Gruppe, die über die unbarmherzigen Maßregeln der kommunistischen Ideologie die Interessen des chinesischen Volkes setzt". Marshall hatte den Auftrag erhalten, mit den Kommunisten zu verhandeln. Er verhandelte mit Tschou. Für ihn empfand er bald "Gefühle der Freundschaft und Achtung".

Er empfahl seiner Regierung. einer Koalition zwischen Tschiang und den Kommunisten eine so umfassende Wirtschaftshilfe zu leisten wie später für Europa -- einen "Marshallplan".

Voraussetzung war eine Einigung der beiden chinesischen Parteien. Ein Jahr lang verhandelte Tschou mit Marshall und Tschiang in Nanking -- ohne Erfolg. Amerika trat auf die Seite Tschiang Kai-scheks. Aber zwei Jahre später hatten die Kommunisten ohne fremde Hilfe China erobert. Tschou "wurde Ministerpräsident. und anfangs Außenminister dazu.

Tschiang Kai-schek flüchtete auf die Insel Formosa (Taiwan), kassierte allein Amerikas Wirtschafts- und Waffenhilfe -- und blockierte Amerikas Politik gegenüber dem Festland. China leistet dreimal mehr Entwicklungshilfe als die UdSSR.

Dort wurde unter Maos und Tschous Führung ein neuer Staat aufgebaut -- "wozu Mao nur Rußlands Hilfe erhielt. Dabei konnte die Sowjet-Union Mao nur wenig helfen.

Zusammen mit Mao handelte Tschou 1950 in Moskau einen Freundschafts-Vertrag für die nächsten 30 Jahre aus. Stalin. der Mao mit keiner Kopeke und keinem Karabiner zur Macht verholfen hatte, versprach Berater und Kredite (300 Millionen Dollar, weniger als für Tschiang Kai-schek, und von den Chinesen inzwischen voll zurückgezahlt).

"Wer ist eigentlich dieser Tschou Enlai?", fragte US-Außenminister Dulles 1954 auf der Berliner Konferenz und lehnte es ab, sich auf der Genfer Indochina-Konferenz im selben Jahr mit ihm an einen Tisch zu setzen. Als Dulles in Genf unversehens in einem Nebengelaß auf Tschou traf und dieser ihm die Hand entgegenstreckte, wandte sich Eier Amerikaner brüsk ab.

Tschou gab die Hoffnung nie auf. sich eines Tages mit dem reichen Amerika (chinesisch: "Mei guo", schönes Land) arrangieren zu können -- während sein Konkurrent, Verteidigungsminister Lin Piao, den "Volkskrieg der Weltdörfer gegen die Weltstädte" proklamierte.

Mit Lin Piaos Gewaltkonzeption kam China nicht voran. Der von Peking aus geschürte Aufstand in Indonesien hatte 1965 die Ausrottung Hunderttausender Kommunisten zur Folge. Die Palästina-Partisanen, die in Peking -- nicht in Moskau -- eine ständige Vertretung unterhalten, erwiesen sich als zu schwach und unzuverlässig. Tschou selbst erlebte 1965 auf einer Afrikareise, wie die neuen Herren der jungen Staaten zusammenzuckten, als er verkündete, der schwarze Erdteil sei "reif für die Revolution".

Und dann erlebte China seine eigene Revolution, den Machtkampf Maos gegen die Partei- und Staatsbürokratie, den Aufstand der Roten Garden unter Führung Lin Piaos. Tschou mußte sein ganzes taktisches Geschick aufwenden, um während der "Großen Proletarischen Kulturrevolution" zwischen widerstreitenden Fraktionen zu verhandeln, meuternde Rotgardisten abzuwiegeln und mit ein paar Fachleuten wenigstens die wichtigsten öffentlichen Dienste in Gang zu halten.

Während Mao sich vornehm zurückhielt, schweigend Rotgardisten-Paraden abnahm und in seinem Pekinger Amtssitz über das Schicksal des Menschengeschlechts meditierte, hastete Tschou durchs Land, redete mit Rebellen und Generälen, Arbeitern und Atomphysikern, diskutierte stundenlang und richtete erschreckte Bürokraten wieder auf.

Auf dem Höhepunkt der Kulturrevolution im Sommer 1967 stürmten Aufständische das Außenministerium, plünderten Archive und machten revolutionäre Außenpolitik: Sie schickten Volkskriegs-Depeschen an Auslandsmissionen, ließen in Hongkong Bomben legen und steckten in Peking das britische Botschaftsgebäude an.

Mao setzte die Armee ein, um die Ordnung wiederherzustellen. Ein Jahr später, im Herbst 1968, verkündete Taktiker Tschou den Sieg und damit das Ende der Kulturrevolution: Rußlands Einmarsch in die sozialistische Tschechoslowakei ließ Tschou eine russische Intervention auch in China befürchten. Gleich daraut, im März 1969, schossen Russen und Chinesen aufeinander am Ussuri.

Um China schnellstens aus der lebensgefährlichen Isolierung herauszuführen, warf sich Tschou wieder auf die Diplomatie. Die ersten Fühler zu den USA wurden über den chinesischen Botschafter in Warschau ausgestreckt. Peking versöhnte sich mit dem Moskau-hörigen Nordkorea und lobte die Idee von Ceylons Frau Banda-

* Mit US-General Stilwell 1943.

ranaike, den Indischen Ozean zur Friedenszone zu erklären.

China baut die Sambia-Bahn, finanziert Entwicklungsprojekte im Sudan, errichtet Wohnhäuser in Algerien und lieh Äthiopiens Kaiser Haue Selassie, der bei Mao seine Aufwartung gemacht hatte, zinslos 280 Millionen Mark. China sagte 1970 erstmals mehr Entwicklungshilfe zu als die Industriemacht UdSSR -- viel mehr: Sowjetischen Zusagen für Wirtschaftshilfe an nichtkommunistische Länder im Wert von 204 Millionen Dollar (1969) stehen chinesische 709 Millionen Dollar gegenüber.

Tschou .ging gegenüber der UdSSR in die diplomatische Offensive und begann, den Ostblock zu zersetzen. Das Terrain war ihm vertraut. Schon einmal, im Revolutionsjahr 1956, hatte er eine Indienreise abgebrochen und war im Januar 1957 nach Budapest und Warschau geeilt. "Dieser Eingriff des chinesischen Ministerpräsidenten im Donauraum", so urteilte Mao-Freund Edgar Snow, "war das erste unmittelbare Eingreifen einer ostasiatischen Macht in Europa seit den Tagen von Dschingis Khan."

Jetzt, 1971, wurde Pekings Aktivität auf dem Balkan so stark, daß die ungarische Parteistimme "Magyar Hirlap" schon eine "antisowjetische Achse ... Tirana-Belgrad-Bukarest" beschwor, die "eine extrem gefährliche Situation hervorrufen könnte".

In Peking, wo die Kulturrevolution den zentralen Verwaltungsapparat auf ein Drittel des früheren Personals hatte zusammenschrumpfen lassen, umgab sich Tschou mit einer Schar erfahrener Westexperten, die in der Lage waren, die Außenwelt zu analysieren: alte Freunde, Berufsdiplomaten, oft aus Tschous Heimatprovinz Kiangsu, die wie er im Ausland studiert hatten.

Tschou, der in Peking ohnehin den Ruf des fleißigsten Mannes genießt, arbeitet von sechs Uhr früh bis nach Mitternacht. Tagsüber konferiert er mit Verwaltungsbeamten und Wirtschaftsfachleuten seines Reiches, er empfängt fast jede ausländische Besuchergruppe -- und sei sie noch so unbedeutend.

Ihm gelang die Aufnahme Chinas in die Uno. Ständiger Vertreter im Sicherheitsrat wurde Huang Hua, Edgar Snows Dolmetscher in Jenan. China, das während der Kulturrevolution 44 von 45 Botschaftern im Ausland abberief, unterhält heute diplomatische Beziehungen zu 68 Staaten.

In Peking wurden die Botschaftsgebäude und Wohnungen für Ausländer knapp. Übersetzer und Haushaltspersonal für die vielen neuen ausländischen Diplomaten fehlen. Im Botschaftsviertel San Li Tun wurden eilig drei vierstöckige und ein siebenstöckiges Gebäude hochgezogen. Botschafterfrauen finden morgens in ihrer Küche außer ihrem Koch plötzlich einen zweiten Chinesen vor -- einen Lehrling in westlichen Eßgewohnheiten.

Für Chinas Kaiser waren alle anderen Herrscher Vasallen.

Das als fremdenfeindlich verschrieene China, dem die Kommunisten den Anschluß an die Ideen und die Zivilisation der Weißen vermitteln, beginnt, sich an Bräuche des Westens anzupassen. Das "Reich der Mitte", wie sich China noch immer in seiner offiziellen Staatsbezeichnung nennt, betreibt zum ersten Mal in seiner vieltausendjährigen Geschichte eine nach Westen gerichtete offensive Außenpolitik.

Die Kaiser hatten aus Arroganz darauf verzichtet: Sie betrachteten alle anderen Herrscher als ihre Vasallen -- und wurden so Opfer der imperialistischen Mächte. Im Opiumkrieg 1840/42 stießen die Briten die Tür nach China auf; nach dem Boxer-Aufstand 1900 zwangen Briten, Franzosen, Italiener, Österreicher. Amerikaner, Japaner, Russen und Deutsche unter des Kaisers "Generalweltmarschall" Waldersee ihre Halbkolonie China in gemeinsamer Strafexpedition zum Gehorsam.

Im Bürgerkrieg der ersten Hälfte des Jahrhunderts gab es keine Zentralgewalt, die aktive Außenpolitik hätte betreiben können. Gebunden an Rußland, existierte für die Volksrepublik China zunächst nur ein außenpolitisches Problem: die Wiedervereinigung mit Taiwan -- bis sich unter der Drohung aus Moskau langsam der Gesichtskreis chinesischer Diplomatie erweiterte: auf Südostasien, den Nahen Osten, Afrika, Europa und schließlich auch Amerika.

Ende 1970 ließ Tschou den alten Gefährten Edgar Snow nach Peking kommen. Im Gespräch mit Mao wurde die neue Konzeption entwickelt, es mit dem Erzfeind zu versuchen. Mao zu Snow: "Ich würde mich freuen, den amerikanischen Präsidenten in Peking begrüßen zu können -- selbst wenn er als Tourist kommt."

Chinesische Unterhändler in Paris, die Kontakte zu Italien suchten, verwirrten ihre Partner mit ungewöhnlichen Reden: Die in China am besten angeschriebene Westmacht sei Amerika, weil es schon in früheren Zeiten China geholfen habe -- "und ein Bauernvolk vergißt nicht". Vermutlich meinten sie amerikanische Wissenschaftler, die zu Beginn des Jahrhunderts Millionen Chinesen das Leben retteten, indem sie eine gefährliche Reiskrankheit bekämpften. Dennoch war die Wandlung eine weltpolitische Sensation. 20 Jahre lang hatten Chinas Schulkinder gelernt, die amerikanischen Imperialisten zu hassen. Die beliebteste Strohpuppe für Bajonettübungen im Kindergarten wie in der Schützenkompanie trug die Züge des jeweiligen US-Präsidenten. Allianz Pekings mit Washington gegen Moskau?

Gegen den Furt mit dem jetzigen US-Präsidenten Nixon leisteten vor allem die auf US-Feindschaft eingeschworene Armee und ihr Chef Lin Piao Widerstand. Deshalb wurde wahrscheinlich Lin im Herbst 1971 entmachtet.

Für Tschou bedeutete das Verschwinden Lin Piaos die Ausschaltung seines letzten Rivalen um die Macht und um die Mao-Nachfolge -- und freie Bahn für sein großes diplomatisches Spiel.

Der sowjetische Propagandasender Frieden und Fortschritt" verbreitete auf Mandarin, in Peking sei eine Broschüre von Tschou-Kritikern eingezogen worden, die seine Politik als "doppelzungig" bezeichnete. "Viele Leute in China mißbilligen Tschous Pro-USA-Politik und sehen in der Einladung Nixons eine Kapitulation vor dem US-Imperialismus", soll darin gestanden haben.

Tschou-Opponenten und Mißtrauische im ganzen Land wurden propagandistisch beschwichtigt -- die antiamerikanische Kampagne lief weiter. Seit Kissingers Visite haben die Pekinger "Volkszeitung" und die Nachrichtenagentur "Hsinhua" die USA durch Schlagzeilen und Leitartikel am laufenden Band mit Verachtung gestraft. Die "ernsten Warnungen" an die USA wegen Oberfliegens des chinesischen Hoheitsgebiets wurden fortgesetzt. 19 waren es 1971, davon vier -- Nummer 494 bis 497 -- noch nach dem ersten Besuch des Nixon-Emissärs Kissinger bei Tschou. Die 500. ernste Warnung könnte fällig sein, während Nixon sich in Peking aufhält.

Das aber ist das Wasser, in dem der diplomatische Partisan Tschou En-lai lebt wie ein Fisch. Unter den möglichen Allianzen im Kabinettsspiel des Dreiecks der Weltmächte -- Rußland und China gegen Amerika., Rußland

und Amerika gegen China. Amerika und China gegen Rußland -- scheint sich die letztere durch die Nixon-Reise anzubahnen, obschon Kissinger angeblich mit Tschou vereinbart hat, nicht über "dritte Länder" zu reden.

Sicher werden sie über Chinas Furcht vor einem Sowjet-Angriff sprechen, die sich seit dem Ostblock-Einfall in die CSSR und den Gefechten am Ussuri zur Hysterie gesteigert hat. China baut Schützengräben und untertunnelt seine Städte, legt Vorratslager "für den Kriegsfall" an und trainiert Millionen Partisanen. Tschou behauptet. eine Million Sowjetsoldaten seien in Mittelasien und der Äußeren Mongolei, an Amur und Ussuri kampfbereit aufmarschiert.

Die Russen schüren die Hysterie -- als Ausfluß ihrer eigenen Besorgnisse. Für Moskau ist China kein sozialistisches Land mehr:

Die chinesische Führung geht ... auf die Eroberung der führenden Stellung in der Welt aus, indem sie eine antisowjetische Politik verfolgt, Wühlarbeit in der sozialistischen Gemeinschaft ... betreibt, die Kontakte mit den imperialistischen Ländern in erster Linie mit den USA, verstärkt entwickelt und versucht, die Länder der "dritten Welt" als Werkzeug für die Erreichung ihrer großmachtchauvinistischen Pläne zu benützen.

So stand es im Januar in dem sowjetischen Fachblatt für Außenpolitik, "Internationales Leben". Das Handbuch für Parteipropaganda zählt Chinas Staatspartei nicht mehr zu den kommunistischen Parteien. Für das breite Publikum ist in den Moskauer Kinos ein -- aus Aufnahmen westlicher Reporter zusammengeschnittener -- Dokumentarfilm über den Alltag im Mao-Reich angelaufen: ein perfekt stalinistisch-totalitär geschurigeltes Leben. Spielfilme und TV-Reports rufen zur Verteidigung des Vaterlandes in Fernost auf.

Während die Sowjetführer heute begriffen haben, daß ihnen in Europa keine Aggression droht, suchen sie China noch mit jener diplomatischen Kunst vergangener Zeiten zu isolieren, die Chinas Ängste nur steigern kann: durch Einkreisung.

China wird eingekreist.

Im Norden und Westen Chinas stehen die Sowjet-Armeen. Auf den Meeren im Osten und Süden Chinas dampft die Sowjetflotte -- deren forcierter Ausbau im Atomzeitalter fast unverständlich scheint, wenn es nicht darum ginge. China einzukreisen.

Einen Monat nach Kissingers erstem Pekingtrip im Juli vorigen Jahres schloß die Sowjet-Union mit Indien, das einst den Neutralismus gepredigt hatte, einen Freundschaftspakt -- und damit eine Lücke im Ring um China im Südwesten. Im Januar schließlich warb Sowjet-Außenminister Gromyko in Japan, im Nordosten Chinas, um einen Pakt. Chinesische Propaganda gegen das russische Staatsvolk.

Was Moskau fürchtet, ist kaum die militärische Macht Chinas. sind vielleicht nicht einmal irrationale Handlungen seiner Führer. von denen sowjetische Diplomaten heute in allen Ländern reden. Schlimmeres hat die Sowjet-Union von der propagandistischen Brisanz der Mao-Ideen zu fürchten -- und vom diplomatischen Geschick Tschou En-lais.

Chinesische Propagandaschriften und Rundfunksendungen wiegeln die nichtrussischen Völker der Sowjet-Union gegen das russische Staatsvolk auf. Linksradikale innerhalb der kommunistischen Parteien des Ostblocks beziehen ihre Argumente gegen "Revisionismus" und Verbürgerlichung im eigenen Lager aus Peking.

Tschou erzählte einem Gast, mongolische Pferde gehorchten nur dem Leithengst; der Hirte müsse ihn deshalb mit dem Lasso gehorsam machen, um die Herde zu bezwingen. Tschou: "Wie diese mongolischen Pferdehüter versucht die Sowjet-Union jetzt verzweifelt, uns Chinesen einen Strick anzulegen, weil sie konsterniert feststellt, daß eine wachsende Zahl von sozialistischen und anderen Ländern sich hinter China schart. Aber diese sowjetischen Bemühungen sind umsonst -- das chinesische Pferd läuft weiter

Das chinesische Pferd läuft um den Erdball -- die Parole gegen die Super-

* Rechts: Verteidigungsminister Lin Piao.

mächte ist nicht nur logisch, sondern auch populär. Das Pferd ist schlau genug, alle Lücken in den brüchigen Zäunen aufzuspüren.

Taktiker Tschou, der Intellektuelle mit dem bronzefarbenen Gesicht, nutzt jede Chance. Offenbar denkt er auch daran, das chinesische Pferd bald mit amerikanischem Futter zu stärken.

Westliche Wirtschaftshilfe -- Ford. General Motors, Krupp -- hatte in den zwanziger Jahren die Industrialisierung Sowjet-Rußlands angekurbelt. US-Wirtschaftshilfe könnte mit der chinesischen Arbeitskraft dem Land zu einem echten Sprung nach vorn verhelfen. Bei dem Peking-Reisenden James Reston von der "New York Times" erkundigte sich Tschou. was der Marshallplan für Europa die USA gekostet habe -- und ob sie ihr Geld zurückbekommen hätten. Nixon-Gast Malraux bestätigte letzte Woche nach seiner Rückkehr aus Washington, daß amerikanische Wirtschaftshilfe ein Gesprächsthema für den Peking-Gipfel sei. Nixon ordnete an. China künftig handelspolitisch nicht mehr zu boykottieren, sondern mit der Sowjet-Union gleichzustellen.

Mit feinem Sinn sucht Tschou Kontakte zu der gerade erst entstehenden Wirtschaftsmacht EWG, zu der Moskau noch kein Verhältnis hat finden können. Schon Mao hatte das Gewicht Europas erkannt, als er noch ein unbekannter Partisan auf dem langen Marsch war. Damals dichtete er:

Wär' mir der Himmel ein Standort Ich zöge mein Schwert

und schlüge in drei Stücke dich: Eins als Geschenk für Europa, Eins für Amerika,

Eins aber behaltend für China, Und Friede würde Beherrschen die Welt.

Jetzt lobte Radio Peking: "Die westeuropäischen kapitalistischen Staaten stärkten aus eigenem Interesse ihre Einheit, um gemeinsam die Marktpolitik des US-Imperialismus zu boykottieren."

Der italienische Außenhandelsminister Zagari berichtete nach einem Pekingtrip. Tschou habe außerordentliches Interesse an der EWG gezeigt; sie könne einer der ersten Gesprächspartner auf weltweiter Ebene sein.

Pekings Missionschef in Bern hat bereits Chinas Wunsch angedeutet. an der "Europäischen Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit" teilzunehmen, die wahrscheinlich 1973 stattfinden wird. Brüchige Begründung: Wenn die EWG dort vertreten sei und das Comecon, zu dem der Fernoststaat Mongolei gehört, müsse auch EWG-Partner China mit von der Partie sein. Etwas besser motivierte ein jugoslawischer Korrespondent den chinesischen Teilnahmewunsch: China sei -- durch Berater in Albanien -- in Europa militärisch präsent. Moskaus Kommentar: "Die chinesischen Führer trachten danach, Minen unter das Gebäude der europäischen Friedenssicherung zu legen.

Moskaus Nervosität beweist, in welchem Maß Tschou En-lais Konzeption sich -- jedenfalls in den Grundzügen -- mit Nixons Vorhaben trifft, eine neue Ära zu beginnen. Das Ende der Teilung der Welt in zwei von den Supermächten beherrschte Einflußsphären zeichnet sich ab, künftig werden sich an der internationalen Politik drei Mächte beteiligen, oder vier, fünf, sechs.

Doch die multipolare Welt ist allenfalls in Konturen sichtbar, ihre Inhalte und Regeln sind noch nicht definiert.

Der China-Reisende Nixon und sein Reisemarschall Kissinger erwarten von dem Dialog in Peking sicherlich einen heilsamen Druck auf die Sowjet-Union, ihren Partner bei Abrüstung und Entspannung. Die Chinesen versprechen sich Bewegungsfreiheit gegenüber der sowjetischen Bedrohung. Beiden Seiten mag das schon viel erscheinen.

Dennoch haftet dem Jahrhundert-Ausflug etwas penetrant Akademisches an, ein wenig Politik-Seminar, das ohne praktische Folgen bleiben, dessen moralischen Anforderungen die Teilnehmer aber gleichwohl nicht gewachsen sein könnten -- Amerikaner so wenig wie Chinesen.

Niemand weiß, wie lange der Rationalist Tschou Chinas Geschäfte noch besorgt. Er ist zäh und gesund, wie er sagt: "Ich bin Orientale und lebe orientalisch." Aber die Männer nach ihm könnten China wieder in die anarchische Vergangenheit stürzen.

Während der Kulturrevolution schlugen sich Rotgardisten mit dem Chef der Atomversuchsprovinz Sinkiang, Wang En-mao, um die nuklearen Produktionsstätten. Niemand kann sagen, ob nicht irgendwann aufsässige Jugendliche oder ein Provinzgeneral über Chinas Atombomben verfügen könnten und sich die Furcht vor Millionen blauer Ameisen, die Sibirien oder Südostasien überfluten, doch noch als berechtigt erweist.

"Die Dinge werden sich in Windungen und Drehungen bewegen, und das wird auch nach Nixons Besuch so sein", grübelte Tschou vor US-Touristen am 31. Januar.

Für eine überschaubare Zeit aber präsentiert sich China als ein Staat, der keine Besatzungstruppen in fremden Ländern unterhält und bei jedem Atomtest versichert, er werde die Waffe niemals als erster einsetzen -- ein Versprechen, das kein anderer Staat bisher abgegeben hat. China hat sich noch keine Intervention außerhalb seiner Reichsgrenzen zuschulden kommen lassen:

* Den Koreakrieg 1950 begannen die Nordkoreaner auf russische, nicht chinesische Anregung hin; die Chinesen griffen erst ein, als die US-Truppen sich Chinas Grenze am Jalu näherten.

* Den Himalaja-Krieg 1962 provozierte Indien; trotz spektakulärer Siege stoppten die Chinesen, als sie die von ihnen beanspruchte alte Reichsgrenze erreicht hatten. > In den Vietnam-Krieg griffen sie nicht ein -- obschon die USA anfangs behaupteten, sie kämpften dort gegen Chinas Expansionsdrang. > Die chinesisch-russischen Gefechte 1969 am Ussuri und im Grenzgebiet Sinkiang/Kasachstan eröffneten laut Sowjetpropaganda chinesische Fischer mit Knüppeln (gegen Sowjetpanzer) -- wer sie wirklich begann, blieb bis heute ungeklärt. > In den indisch-pakistanischen Krieg um Ostbengalen 1971 griffen sie nicht ein -- obschon ihre pakistanischen Verbündeten dringend darum gebeten hatten und China durch seine Passivität an Gesicht verlor. Gewiß ist, daß Chinas Eintritt in die Weltpolitik, mit welchen Folgen auch immer, die psychotische Isolation des Mittelreiches beendet und seine Politik transparenter und damit kontrollierbarer macht.

Realpolitik statt Weltrevolution.

Mit Chinas Auftreten auf der Weltbühne gewinnen schließlich spezifisch chinesische Tugenden wieder Publizität: die Neigung zu friedlicher Harmonie und einem lebensnahen Pragmatismus, zu Arbeitsfleiß und Disziplin aus Einsicht.

Tschous Ehefrau Teng Jing-tschao, Mitglied des ZK, zu einer Besucherin aus dem Westen: "Schicken Sie uns doch Ihre jungen Maoisten, die eher unverantwortliche Anarchisten sind, wir haben Arbeit für sie"

"Dem Volke dienen" -- unter diesem Mao-Wort arbeiten die Chinesen heute für ein besseres Leben. Das Mao-Motto trägt Tschou als Abzeichen am Revers. Für Tschou heißt das: Realpolitik statt Weltrevolution.

In Washington glichen die letzten Tage vor Nixons Abflug nach Peking dem Countdown der letzten Stunden vor dem ersten Mondflug in Kap Kennedy. Dann, am vorigen Donnerstag. gab es eine aufwendige Abschiedsszene auf dem Rasen vor dem Weißen Haus mit Tausenden Fähnchen-schwingender Schulkinder. Derart auf den Empfang in Peking eingestimmt. begann der Präsident sein "diplomatisches Overkill" (so der ehemalige Vize-Außenminister (George Ball).

im Gepäck führte die Reisegesellschaft Nixon & Kissinger Champagner für ein Tschou-Bankett mit. Blutkonserven für sich selbst, elektrische Schreibmaschinen für die Sekretärinnen sowie Nagels "Enzyklopädischen Reiseführer" von 1968, rot eingebunden. Für die TV-übertragung der Bildungsreise wurde eigens ein Satellit in den Weltraum geschossen. Daß Amerikaner bereits auf den Mond geschossen wurden, dürfen allerdings die Bürger der neuen Weltmacht nicht wissen: Maos Massenmedien meldeten es bis heute nicht.

Bevor Nixon, um 15.18 Uhr, startete, wählte er zum Reise-Motto den Text der Plakette, die Amerikas erste Mondfahrer auf dem Erdtrabanten hinterlassen haben: "Wir kamen in Frieden für die ganze Menschheit."

Dem Gehilfen und Metternich-Verehrer Kissinger war feierlich zumute: "Es geschieht nicht oft, daß man sagen kann, man habe daran teilgenommen, eine neue Seite in der Geschichte aufzuschlagen."


DER SPIEGEL 9/1972
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