07.11.2005

ZEITGESCHICHTEWiderstand aus der Gosse

Sie nannten sich Edelweißpiraten: Jugendliche Nazi-Gegner ohne politisches Programm, die vielfach als Kriminelle diskriminiert wurden. Jetzt erinnert ein Kinofilm an die Rebellen.
Links der Bahndamm, Schutt und Müll. Rechts ein Gebrauchtwagenhandel, ein leerer Bolzplatz, die Kleiderkammer der Caritas. Kein Büdchen, kein Wohnhaus. Die Bartholomäus-Schink-Straße im Kölner Stadtteil Ehrenfeld ist eine Straße ohne wirkliches Leben - und ein Ort des Todes.
Als der Dachdeckerlehrling Bartholomäus ("Barthel") Schink 16 Jahre alt war, hieß die Straße noch Hüttenstraße. Hier standen eines Tages Galgen: Am 10. November 1944 wurde der Junge gehängt, auf Sonderbefehl des SS-Führers Heinrich Himmler, ohne Prozess, ohne Urteil, zur Abschreckung. Wie sein gleichaltriger Freund Günther, der Dreher lernte, der Arbeiter Franz und der angehende Kaufmannsgehilfe Gustav, beide 17, sowie neun weitere Opfer.
Himmlers Geheime Staatspolizei hatte sie als Terroristen und "Gemeinschaftsschädlinge" gejagt, sie wurden gefoltert, schließlich getötet. Die Bürokratie der Nachkriegszeit stempelte sie zu kriminellen Rabauken, weitgehend gestützt auf Akten ebendieser Gestapo - und die Historiografie mag ihnen bis heute nicht so recht zubilligen, dass sie Widerstandskämpfer waren.
Was eigentlich war Widerstand zu Zeiten der Nazis? Der Karlsruher Bundesgerichtshof schrieb 1961 fest, eine Widerstandshandlung könne nur dann als "sinnvoll" und deswegen legitim anerkannt werden, wenn sie "wenigstens eine gewisse Aussicht" biete, "eine wirkliche Wende zum Besseren herbeizuführen".
Das ist eine hohe, zu hohe Norm, die allenfalls wirkliche Verschwörer gegen Diktatoren erfüllen. Aber schon nicht mehr die Studenten der "Weißen Rose", und erst recht nicht jene Jugendlichen, die im öffentlichen Geschichtsbewusstsein bislang kaum einen Platz haben: die sogenannten Edelweißpiraten, zu denen sich Barthel Schink und seine Freunde zählten.
Das wird sich möglicherweise jetzt ändern. Am Donnerstag dieser Woche - dem Jahrestag der Kölner Hinrichtung - läuft in deutschen Kinos der Film "Edelweißpiraten" an (Regie: Niko von Glasow, Buch: Kiki von Glasow), ein manchmal lautes, sprödes, sehr effektreiches Drama vor dem Hintergrund der chaotischen letzten Kriegsmonate.
Mitunter zwar blutig-brutal, gelingt dennoch ein eindringliches Stück über fast Vergessene und oft Missachtete. "Wir waren ja keine Akademiker", sagt der einstige Kölner Edelweißpirat Jean Jülich, 76, "wir kamen ja aus der Gosse." Das heißt: Sie entstammten dem eher linken Arbeitermilieu, und vielleicht deshalb waren sie Oppositionelle ohne festes Programm, Gegner des Regimes ohne klares Ziel.
Und in ihrer Unbekümmertheit, einer anfangs fast fröhlichen Résistance, mögen
sich einige als Vorkämpfer für die Freiheit gefühlt haben.
Im NS-Staat waren längst nicht alle Jugendlichen gleichgeschaltet, Tausende, Zehntausende begehrten auf gegen die Reglementierung und gegen den Drill der Hitlerjugend. Besonders viele Aufsässige gab es überall dort, wo bis 1933 "populäre jugendbewegte Bünde stark vertreten" gewesen seien, schreibt der Soziologe Arno Klönne - vor allem in den Industriezonen an Rhein und Ruhr.
Die "Banden" oder "Cliquen", so hießen sie im Jargon der Nazis, gaben sich abenteuerlich-romantische Namen wie "Leipziger Meuten", "Essener Fahrtenstenzen", "Ringbande" (Wismar), "Goldene Vierzehn" (Hamburg) oder "Stadtbadbrühe" (Chemnitz). Viele Aktivisten gehörten formal auch der HJ an.
Unterm Revers am Sakko oder sonst wie versteckt trugen etliche unangepasste Jugendliche ein Edelweißzeichen - ein geschickter Dreh in der Diktatur. Jeder Andenkenladen verkaufte solche Signets, weil der Alpentourismus boomte, und in den dreißiger Jahren gab es bei Straßensammlungen als Dankeschön ein Edelweiß, die "Lieblingsblume des Führers". Kein Polizist oder Gestapo-Mann konnte jemanden dingfest machen, nur weil der am Körper das Edelweiß trug.
Die Motive, sich den Edelweißpiraten anzuschließen, waren vielfältiger Natur. Viele trieb offenbar der Wunsch, einfach nur unbotmäßig zu sein, nonkonformistisch: mit längeren Haaren, lässiger Kluft, die Klampfe in der Hand. Bei anderen war es der "gekränkte Ehrgeiz", dass sie in der HJ nichts wurden, schreibt der Historiker Bernd-A. Rusinek.
Die Protesthaltung steigerte sich im Krieg zur Wut. Es kam zu Prügeleien mit Hitlerjungen und Ordnungshütern, und je stärker der Nazi-Terror auch für die Jugendlichen spürbar wurde, je mehr sie von der Sinnlosigkeit des Krieges überzeugt waren, desto mehr riskierten sie. Im Schatten der wachsenden Trümmerberge hefteten sich die Edelweißpiraten selbstgebastelte Judensterne an - eine gefährliche Provokation. In Köln halfen sie auch, Juden zu verstecken. Ausgemergelten Zwangsarbeitern, die am Tag 150 Gramm Brot und eine Tasse Ersatzkaffee bekamen, steckten sie Lebensmittel zu, geklaut aus einem gekaperten Zug.
Sie ließen Waggons entgleisen, was als Sabotage mit dem Tode bestraft werden konnte. Ein 17-Jähriger sei, erinnert sich eine Zeitzeugin, 1944 in die Kuppel des Kölner Hauptbahnhofs geklettert und habe regimekritische Flugblätter nach unten regnen lassen - ähnlich wie Sophie Scholl in der Universität München. Durch weitere Quellen belegt ist das allerdings nicht.
An dem rebellischen Treiben hatten selbst die Alliierten nicht nur Freude. Einerseits, so heißt es in einer Expertise des britischen Außenministeriums aus dem Spätherbst 1944, sei "eine echte neuartige oppositionelle Bewegung" entstanden. Andererseits wurden zahlreiche Taten der Edelweißpiraten von den Briten als "sinnlos" und pures "Straßen-Rowdytum" qualifiziert:
Ihre Aktivitäten werden bestimmt durch Liebe zum Abenteuer, einen Hang zur Zerstörung, den Geist der Indianer oder reine Kriminalität. Sie stellen eher eine temperamentvolle Reaktion gegen eine Art von Reglementierung als gegen politische Doktrinen dar.
Tatsächlich, analysiert der Kölner Zeitgeschichtler Martin Rüther, seien die Edelweißpiraten "nicht dezidiert politisch" gewesen. Aber sie waren stets bereit, Konflikte mit dem Regime zu provozieren, viel mehr, "als sich der größte Teil der erwachsenen Bevölkerung jemals traute".
In Köln gab es die wohl größte Gruppe von Edelweißpiraten; es mögen etwa 3500 junge Menschen gewesen sein. Und es blieb nicht aus, dass die in der Illegalität erprobten Burschen auch in Kontakt mit Kriminellen gerieten, Profis, die Waffen trugen und sie auch einsetzten.
Es existierte sogar der Plan, die Kölner Gestapo-Zentrale in die Luft zu jagen, und als im September 1944 einer aus der Ehrenfelder Gruppe den NSDAP-Ortsgruppenleiter erschoss, da wurde für die Gestapo die Lage ganz ernst - und der Kampf gegen solche "Cliquen kriegswichtig".
Schink, seine Kumpel und sieben Erwachsene, der älteste 57 Jahre alt, wurden nach einer Razzia festgenommen und zu Geständnissen geprügelt. Als sie, kahl geschoren, zu den Galgen geführt wurden, blieben sie stumm. Immer noch geht das Gerücht um, die NS-Schergen hätten ihnen Blausäure gespritzt, um die Stimmbänder zu lähmen.
Nach dem Krieg kämpften erst Schinks Mutter und dann seine Schwester beim zuständigen Wiedergutmachungsdezernat des Kölner Regierungspräsidiums um Entschädigung - erfolglos: Der Junge sei kein politisch Verfolgter gewesen.
Andere teilten diese Auffassung nicht. So beschloss die Ehrenfelder Bezirksvertretung 1991 im Alleingang, die Hüttenstraße, wo der Tatort lag, zu Ehren Schinks umzubenennen. Der Staat Israel hatte die Edelweißpiraten, etwa Jean Jülich, bereits als "Gerechte unter den Völkern" ausgezeichnet.
Unter dem Druck dieser Ehrung, der höchsten für Nichtjuden, gab die nordrhein-westfälische Landesregierung 1984 ein his-torisches Gutachten in Auftrag.
Ergebnis: Dass die Hinrichtungen ein Terrorakt gewesen seien, stehe außer Frage. Jedoch hätten sie nicht "aus hoher ethischer Gesinnung" gehandelt oder "aus politischem Verantwortungsbewusstsein", argumentierte der Wissenschaftler Rusinek. Aus Sorge ums nackte Überleben sei "Gewalt gegen Gewalt" gesetzt worden.
Der Streit, der sich daran entzündete und über Jahre ausgetragen wurde, hatte in diesem Sommer ein Ende. Der sozialdemokratische Kölner Regierungspräsident Jürgen Roters, der kurz danach aus dem Amt schied, stellte sich gegen die alten Entscheidungen.
Seit Juni hängt nun in der Galerie des Regierungspräsidenten eine Urkunde, die Schink und seine drei Freunde als Widerstandskämpfer auszeichnet - gewidmet ist sie auch "all jenen Jugendlichen, die in Opposition und Widerstand zum NS-Regime" standen. GEORG BÖNISCH
Von Georg Bönisch

DER SPIEGEL 45/2005
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