07.11.2005

ENERGIESpion unter Strom

Mit einer neuen Geschäftsidee torpediert ein Wirtschafts-wissenschaftler die bislang legalen Insider-Geschäfte der großen Energiekonzerne.
Der Mann steigt aus seinem Auto und wandert einige hundert Meter über die Ländereien des Fürsten von Urach bei Landshut, immer in Richtung der beiden weißen Halbkugeln. Knapp 200 Meter vor dem Gelände der Kernkraftwerke Isar I und II blickt er sich um, verlässt den Weg und steuert durch den Matsch zu einem Hochspannungsmast.
Dort angekommen, nimmt er die Autobatterie aus seiner Tasche und verschwindet im Gestrüpp. Vorsichtig überprüft er darin einen Plastikkasten, etwa so groß wie ein Schuhkarton, tauscht die Batterien aus und macht sich wieder auf den Nachhauseweg. Alle zwei Wochen wiederholt er das merkwürdige Procedere.
Das technische Ensemble misst die elektromagnetische Strahlung in der Umgebung des Masts. Das ist zwar keineswegs verboten - für den Stromkonzern EnBW ist der 37-Jährige dennoch eine Art Industriespion. Denn sein Kistchen kann "sekündlich ermitteln, mit wie viel Leistung die nahe gelegenen Kraftwerke Strom ins Netz liefern", so Christian Kunze stolz.
Der Wirtschaftswissenschaftler hat dabei nicht nur die beiden bayerischen Atommeiler im Visier. Quer durch die Republik sind seine Stationen an insgesamt 25 Groß-Kraftwerken postiert. Jede Messstelle funkt ihre Informationen an den Zentralcomputer von Kunzes Firma Energy Trading Services, kurz Entras. Die will sie mittels zweier Internet-Informationsdienste ab Ende November ins Netz stellen.
Bislang interessieren sich über 50 Stromhändler für den Zugang zu dem Portal, auf dem die Leistungsdaten aller Kraftwerke in Echtzeit abrufbar sind - obwohl der Service jährlich mehr als 20 000 Euro kosten wird. Grund der Neugier: Fällt beispielsweise ein Kernkraftwerk aus, schnellt der Preis für die Megawattstunde bisweilen sieben oder acht Prozent in die Höhe. Wer rechtzeitig Bescheid weiß, kann vorher noch günstig Stromreserven aufkaufen.
Die Juristen von EnBW - immerhin Deutschlands viertgrößter Stromproduzent - finden das gar nicht lustig. Das Bekanntwerden der momentanen Leistung drohe "die Wettbewerbsposition der EnBW am Markt erheblich zu schwächen", schrieben sie kürzlich - und forderten, die Veröffentlichung der Daten zu unterlassen.
Tatsächlich schlagen die Energieunternehmen aus der Geheimniskrämerei um die Verfügbarkeit ihres Stroms klammheimlich selbst Kapital: Solange niemand weiß, mit welcher Leistung die einzelnen Kraftwerke gerade laufen, haben vor allem die Energieriesen enorme Vorteile. Ihre Ingenieure wissen, wann ihre eigenen Anlagen gewartet werden müssen und wann einem ihrer Kraftwerke ein Ausfall droht.
Darüber informieren sie die Stromhändler des Unternehmens, erklärt der Branchenexperte und Chefredakteur der Zeitschrift "Energie & Management", Helmut Sendner. Die versuchen dann, "unauffällig den benötigten Bedarf zu decken". Oft kaufen sie sogar mehr, versichert auch Stromanalyst Tobias Federico, denn wenn die Unterkapazität die Marktpreise nach oben treibt, können sie die überschüssige Energie mit Gewinn losschlagen. Ganz legale Insider-Geschäfte also?
Im Aktienhandel wäre die Nutzung interner Informationen verboten und sogar strafbar, an der Energiebörse sind sie erlaubt - zumindest in Deutschland.
Strom-Schnüffler Kunze, früher selbst bei E.on, plädiert deshalb dafür, die Produzenten zu verpflichten, alle Börsenteilnehmer über Kraftwerksausfälle sofort zu informieren - ähnlich wie an der Aktienbörse, wo kursrelevante Informationen per Ad-hoc-Mitteilung bekannt gegeben werden müssen. Derartige Regelungen gibt es bereits in skandinavischen Ländern, wo die Stromproduzenten zudem ihre Wartungszeiten viele Wochen vorab veröffentlichen müssen.
Kunzes Geschäft würde damit, so glaubt er, nicht überflüssig werden. Sein System könnten auch die Aufsichtsbehörden nutzen. Sie wären damit in der Lage, problemlos und kostengünstig zu kontrollieren, ob die Stromproduzenten ihrer Informationspflicht nachkommen.
Nationale Alleingänge aber lehnt EnBW ab. "Der Strommarkt", so EnBW-Sprecher Dirk Ommeln, "ist europäisch. Wenn wir in Deutschland alle unsere Kraftwerksdaten offen legen, profitieren die Erzeuger in anderen, weniger stringenten Ländern."
Für EnBW ist die Veröffentlichung der Kraftwerksleistung ein Verrat von Betriebsgeheimnissen. Kunze hält dagegen, dass Betriebsgeheimnisse aktiv geschützt werden müssen, EnBW aber keine Vorkehrungen treffe, um die Strahlung in der Umgebung ihrer Kraftwerke abzuschirmen.
Vor allem wundert er sich darüber, dass die Stromhändler von EnBW bereits Interesse an seinem System angemeldet haben - und damit ja auch an den Daten ihrer Konkurrenten. CERSTIN GAMMELIN,
WOLFGANG REUTER
Von Cerstin Gammelin und Wolfgang Reuter

DER SPIEGEL 45/2005
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