07.11.2005

UNTERNEHMERAufhören mit Geldzählen

Ein Hamburger Multimillionär macht sich in seinen Kreisen unbeliebt - weil er höhere Steuern für Multimillionäre fordert.
Es ist eine Binsenweisheit: Das ärmliche Leben macht nur Spaß, wenn man Geld hat. Nur, im Vertrauen, er lebe gar nicht ärmlich, sagt der Reeder Peter Krämer aus Hamburg, bescheiden ja, aber nicht ärmlich.
Jedoch, es ist schwer, eine Vierzimmermietwohnung in kleinbürgerlicher Umgebung und einen 19 Jahre alten Mercedes als angemessenes Ambiente für einen Reeder zu verstehen, der 34 Flüssiggastanker auf den Weltmeeren kreuzen lässt.
Die Reederei Marine Service an der Hamburger Mattentwiete hat Peter Krämer von seinem Vater geerbt. Deshalb ist er kein richtiger Selfmademan. Aber er hat aus dem ererbten Wohlstand noch viel mehr Wohlstand gemacht. So viel, dass er sagt, nun sei es wirklich genug.
Krämer hat alles, was er braucht. Und was man sonst für Geld noch kaufen kann, das braucht er nicht.
Ja, doch, manchmal gönnt er seiner Frau und sich ein ordentliches Dinner in einem ordentlichen Restaurant am Hafen. Aber das ist kein Luxus, das können sich seine Buchhalter und Steuermänner auch leisten.
Den Mercedes will Krämer noch zehn Jahre fahren. Und die Mietwohnung will er auch behalten. Man wohne zur Miete ja viel wirtschaftlicher als in eigenen vier Wänden. Er hat sein Credo von Robert Pferdmenges, dem Leibbankier des deutschen Gründungskanzlers Konrad Adenauer: Geld hat man nicht vom Geldausgeben, sondern vom Geldbehalten.
Das Credo hat sich überholt. Krämer sagt, er wolle nun endlich aufhören mit Geldzählen. Nachdem er ein Vierteljahrhundert lang mit Hilfe seiner Tanker unablässig Gewinne maximiert hat, will er mit seinem Vermögen jetzt nur noch Gutes anrichten. Er glaubt daran, dass Geld glücklich macht, in Maßen und vorzugsweise diejenigen, die nicht zu viel davon haben.
Peter Krämer will in Zusammenarbeit mit der Unicef 10 000 Schulen in sechs afrikanischen Ländern bauen. Die ersten stehen schon. Im Juli hat er eine davon in Angola besichtigt. Sein schwärmerisches Resümee: "Es ist so wunderbar mit anzusehen, wie bildungshungrig diese Kinder sind."
Krämer kalkuliert 10 000 Euro für eine Schule inklusive Trinkwasserversorgung. Das Geld soll durch Spendenaktionen zusammenkommen. Für jeden geschenkten Euro will er einen aus eigener Tasche drauflegen. Bis zur Gesamtsumme von drei Millionen Euro.
Die Überweisung von 2000 Euro aus Bornhöved bei Neumünster war ihm die liebste. Das Geld ist durch den Verkauf von belegten Brötchen in der Bornhöveder Realschule zusammengekommen.
Von den rund 750 000 deutschen Vermögensmillionären hat dagegen kein einziger an Krämers Benefizkorso teilgenommen. So gehe das nicht weiter, findet er, dass die kleinen Leute in die Tasche packten und die Pfeffersäcke auf ihren Vermögen hockten. Vergangene Woche ließ er bei der "Frankfurter Allgemeinen" und der "Bild"-Zeitung ganzseitige Anzeigen in Satz geben, in denen er die künftige Bundesregierung auffordert: "Belasten Sie die Superreichen, statt den Arbeitnehmern und Rentnern weitere Opfer abzuverlangen."
Die von der SPD favorisierte Anhebung des Spitzensteuersatzes sei lächerlich, die geplante Mehrwertsteuererhöhung unsozial, schreiben Krämer und seine 20 Mitsignataren, zu denen außer ein paar anderen Reichen auch Dichter und Denker wie Günter Grass, Peter Rühmkorf und Johano Strasser gehören. Sie haben ausrechnen lassen, dass eine Erhöhung der vermögensabhängigen Steuern auf das britische Niveau 38 Milliarden Euro in die öffentlichen Kassen spülen würde.
Einige der Unterzeichneten, so heißt es in dem Inserat, müssten dann höhere Steuern zahlen, aber das sei ihnen gleichgültig. Krämer gehört dazu. Er hält auch die Steuerfreiheit für die Vermarktung seiner Schiffe, der er einen Teil seines Reichtums verdankt, für einen Skandal.
Am besten null Prozent Einkommensteuer und hundert Prozent Erbschaftsteuer, wie radikale Ökonomen es fordern. In eine reiche Familie hineingeboren zu werden, wäre dann nicht mehr die zuverlässigste Methode, zu Geld zu kommen. Dann wäre es vorbei mit dem Reichtum nach dem Zufallsprinzip. Außerdem wäre es ein prima Wettbewerbsmotor. Krämer sagt nicht, dass er das richtig fände. Er sagt nur, man müsse über alles nachdenken.
Dass die Hamburger Society Krämer nicht mag, liegt nahe. Er gilt als eine Art Klassenverräter. Doch mit dem Abscheu, den seine Thesen produzieren, kokettiert er wie ein Punk mit dem bürgerlichen Ekel vorm Irokesenschnitt. Peter Krämer ist ein bisschen eitel, das ist nicht zu bestreiten. Nur, einer, der Gutes tut, soll auch darüber reden dürfen. Selbst Samariter wollen motiviert sein. Er weiß aus Erfahrung, dass man mit einer guten Tat mehr Balsam fürs Ego abschöpfen kann als mit einer Rennyacht, die fünfmal so viel kostet.
Die Reaktion auf den Bettelbrief, den er in Sachen "Schulen für Afrika" an seine Reederkollegen schickte, wertet Krämer als Bestätigung für seine Annahme, dass das Großkapital mehr Druck braucht, um seine gesellschaftlichen Pflichten zu erfüllen. Der Brief brachte null Resultate. "Hören Sie: null." ERICH WIEDEMANN
Von Erich Wiedemann

DER SPIEGEL 45/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 45/2005
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

UNTERNEHMER:
Aufhören mit Geldzählen

Video 02:58

Theresa Mays erbitterter Gegner Charmant, höflich, ganz schön rechts

  • Video "Schiffskollision vor Borkum: Frachter verkeilen sich - und werden getrennt" Video 01:04
    Schiffskollision vor Borkum: Frachter verkeilen sich - und werden getrennt
  • Video "Kommunikation zwischen Koalas: So laut wie ein Elefant (Bitte Ton anschalten!)" Video 00:42
    Kommunikation zwischen Koalas: So laut wie ein Elefant (Bitte Ton anschalten!)
  • Video "Flucht durch Amerika: Volles Risiko mit La Bestia" Video 12:04
    Flucht durch Amerika: Volles Risiko mit "La Bestia"
  • Video "Chaos in Sri Lankas Parlament: Sie warfen mit Stühlen und Chilipaste" Video 00:45
    Chaos in Sri Lankas Parlament: Sie warfen mit Stühlen und Chilipaste
  • Video "Rätselhaftes Unterwasser-Wesen: Feuerwalze vor Neuseeland gefilmt" Video 01:33
    Rätselhaftes Unterwasser-Wesen: "Feuerwalze" vor Neuseeland gefilmt
  • Video "Lindnern, Lauch, Verbuggt: Sprechen Sie Jugend?" Video 01:29
    "Lindnern", "Lauch", "Verbuggt": Sprechen Sie Jugend?
  • Video "Amateurvideos aus New York: Verkehrschaos durch Schneesturm" Video 01:29
    Amateurvideos aus New York: Verkehrschaos durch Schneesturm
  • Video "Überwachungsvideo: Zug kreuzt Straße" Video 00:38
    Überwachungsvideo: Zug kreuzt Straße
  • Video "Kampf um CDU-Vorsitz: Mir hat Herr Spahn gefallen - erstaunlicherweise" Video 04:57
    Kampf um CDU-Vorsitz: "Mir hat Herr Spahn gefallen - erstaunlicherweise"
  • Video "Panoramavideo aus Kalifornien: Was vom Feuer übrig blieb" Video 01:02
    Panoramavideo aus Kalifornien: Was vom Feuer übrig blieb
  • Video "Kontrollierte Detonationen: Südkorea sprengt Grenzposten" Video 01:13
    Kontrollierte Detonationen: Südkorea sprengt Grenzposten
  • Video "Revolution in der Medizin: Die Mensch-Maschinen" Video 12:36
    Revolution in der Medizin: Die Mensch-Maschinen
  • Video "Phantasy-Epos Phantastische Tierwesen 2: Wer stoppt Grindelwald?" Video 01:47
    Phantasy-Epos "Phantastische Tierwesen 2": Wer stoppt Grindelwald?
  • Video "Seltenes Lichtphänomen: Amateurfilmerin sichtet mehrere Halos" Video 00:43
    Seltenes Lichtphänomen: Amateurfilmerin sichtet mehrere "Halos"
  • Video "Nach Kritik der First Lady: Trumps Vize-Sicherheitsberaterin abgesetzt" Video 00:54
    Nach Kritik der First Lady: Trumps Vize-Sicherheitsberaterin abgesetzt
  • Video "Theresa Mays erbitterter Gegner: Charmant, höflich, ganz schön rechts" Video 02:58
    Theresa Mays erbitterter Gegner: Charmant, höflich, ganz schön rechts