07.11.2005

KRIMINALITÄTDie Stadt der Cyber-Gangster

Lagos gilt als Weltzentrale der Internet-Betrüger. Von ihren Opfern im Westen ergaunern sie Millionen. Nur Öl und Kakao bringen Nigeria mehr Devisen. Auch die Deutsche Frieda Springer-Beck gehört zu den Betrogenen - seit Jahren kämpft sie in Afrika um ihr Recht und Geld. Von Uwe Buse
Der Mann war einmal ein Millionär. Selbständig ist er gewesen, hat fast zwei Jahrzehnte im Ausland gelebt, nicht im europäischen, sondern im richtigen Ausland, im Jemen zum Beispiel. Der Mann dachte, er kenne die Welt, er würde nie die Kontrolle verlieren, niemand könne ihn betrügen. Nun sitzt er im Büro von Frieda Springer-Beck in Lagos, ringt mit den Tränen, dem Selbstmitleid und sagt: "Das ist alles so peinlich." 600 000 Euro sind ihm gestohlen worden. Er ist kein Millionär mehr.
Springer-Beck sitzt hinter ihrem Schreibtisch, eine schmale Frau Mitte fünfzig, die Bluse weiß, der Blick ermunternd, der Tonfall fränkisch weich. Mit einem Kugelschreiber macht sie sich Notizen und nickt dem Mann zu, er soll weiterreden.
Auf dem Schreibtisch liegt ein Stapel Akten, 71 sind es insgesamt. Eine für jeden Fall, für jedes Opfer, jede Anzeige. Die Opfer kommen alle aus Deutschland, sie alle haben Geld verloren, viel Geld. Mindestens 300 000 Dollar, und Frieda Springer-Beck, früher Hausfrau und Mutter in Bechhofen in Bayern, nun Gangsterjägerin in Lagos, Nigeria, ist ihre letzte Hoffnung. Sie spricht Deutsch, sie kennt sich aus in diesem Irrsinnsland, und vor allem weiß sie, wovon sie redet: Sie ist selbst einmal auf einen Betrüger hereingefallen, hier in Lagos.
Springer-Beck arbeitet in einem heruntergekommenen Flachbau im Zentrum von Lagos. Jeden Morgen müht sie sich in einem verbeulten Golf durch den Dauerstau der Stadt, der Smog brennt in den Augen, offene Abwasserkanäle stinken, Bettler und Händler klopfen an die Scheiben. Ihr Büro liegt im dritten Stock, direkt unter dem Wellblechdach. Auf ihrem Weg muss sie ein paar Wachen passieren und einen Zellentrakt, aus dem die Gebete der Häftlinge zu hören sind.
Das Gebäude gehört der neuen AntiKorruptions-Behörde Nigerias, der "Economic and Financial Crimes Commission" (EFCC). Für sie arbeitet Springer-Beck als Freiberuflerin. Zusammen mit den Fahndern der Behörde versucht sie, die Vermögen wiederzufinden, die ihren Klienten abhanden
gekommen sind, sie versucht, diejenigen aufzuspüren, die das Geld gestohlen haben. Es ist ein großer Kampf, es geht um Millionen von Dollar, um Tausende von Betrügern, um die Reform eines korrupten Staates.
419, four-one-nine, heißt diese Art des Betrugs in Nigeria, nach dem Paragrafen, der die Tat bestraft. 419 ist ein Massendelikt, ein Geldgenerator, es ist so etwas wie die Rache der Globalisierungsverlierer, die als Waffe das benutzen, was die Globalisierung erst ermöglichte: das Internet.
Es ist ein simpler Betrug, das ist das Tückische an ihm. Die Täter verschicken Briefe, E-Mails an Unbekannte, meistens wissen sie nichts über ihre potentiellen Opfer, sie kennen nur ihre Adressen. In den Mails bitten die Täter um Hilfe. Ein Vermögen, Dutzende, manchmal Hunderte Millionen Dollar müssten von Kontinent zu Kontinent bewegt werden, so steht es in den Schreiben, und aufgrund unglücklicher Umstände sei der Eigentümer des Geldes dazu nicht in der Lage. Deshalb wende er sich an den Empfänger. Die Hilfe werde natürlich belohnt, fürstlich belohnt. Ein Teil des Vermögens, in der Regel mehrere Millionen Dollar, sollen auf dem Konto des Empfängers bleiben.
Antwortet ein Opfer, folgen weitere Briefe, immer geht es um neue Schwierigkeiten, um Mitwisser, die bestochen werden müssen, um Banken, die plötzlich Gebühren fordern, um Unterlagen, die erstellt werden müssen, und immer ist es das Opfer, das zahlt. Bis es sich eingesteht, betrogen worden zu sein - oder bis es pleite ist.
Variationen des Betrugs offerieren ein lukratives Geschäft oder Gewinne aus einer angeblichen Investition, die ein verstorbener Verwandter des E-Mail-Empfängers getätigt haben soll. Mal bittet die Witwe Arafats um Hilfe, mal werden rührende Katastrophen-Storys erzählt, und es kursiert ein Brief, in dem der Absender von einem nigerianischen Raumfahrtprogramm berichtet, ein Astronaut des Landes hänge im Orbit fest, um ihn zu befreien, müsse man Millionen von Dollar verschieben.
Fast jeder Besitzer eines E-Mail-Accounts hat schon einmal einen solchen Brief erhalten. Die meisten Empfänger ignorieren diese Mails, sie durchschauen den Trick, aber er funktioniert häufiger, als man ahnt. Die Geldgier des Menschen ist manchmal größer als seine Vernunft.
Die Opfer leben in Kanada, in den USA, in Südamerika, Australien, Neuseeland, Japan, Deutschland, Frankreich, Großbritannien. Im vergangenen Jahr flossen allein aus den USA und Großbritannien 160 Millionen Dollar nach Nigeria. Es gibt Experten, die behaupten, die Einnahmen aus diesen Betrügereien seien, nach Öl und Kakao, die drittgrößte Devisenquelle des Landes.
Populär wurde 419 in Nigeria vor mehr als 20 Jahren, während der Hyperkorruption der "Zweiten Republik" unter Präsident Shehu Shagari. Damals wurden die Briefe noch per Post verschickt, und auch im Jahr 1993 war es ein Brief, der auf dem Tisch von Frieda Springer-Beck in Deutschland, in Bechhofen, lag.
Der Umschlag trug eine fremde Marke, der Absender: Lagos, Nigeria. Verwundert öffnete Springer-Beck den Umschlag, sie hatte keine Freunde, keine Geschäftspartner da unten. Sie begann zu lesen.
Der Brief war an ihren Mann adressiert, der Schreiber erkundigte sich besorgt nach seinem Wohlergehen, fragte nach den Gründen für das lange, unerwartete Schweigen und nach dem Verwendungszweck des Geldes. Was solle geschehen mit dem Gewinn aus der Investition, mit den 24,6 Millionen Dollar? Wohin solle er sie überweisen? Das waren die Fragen, die der Unbekannte stellte, in gutem Englisch.
Der Mann von Springer-Beck war tot, seit Jahren schon, ein Autounfall. Er hatte ihr nie etwas erzählt von einer Investition in ein nigerianisches Elektrizitätswerk.
Nach dem Tod ihres Mannes hatte sie sich an der Geschäftsführung des Familienbetriebs beteiligt. In ihm werden Pinsel hergestellt, Künstlerpinsel. Das Unternehmen produzierte in Deutschland und der Türkei. Frieda Springer-Beck reiste viel, verhandelte mit Lieferanten, mit Käufern. Ihr Leben war auch ohne irgendeinen geheimnisvollen Geschäftspartner ihres verstorbenen Mannes irgendwo in Afrika kompliziert genug. Sie las den Brief ein zweites Mal.
24,6 Millionen Dollar.
Am Ende des Briefes stand eine Telefonnummer.
Ein paar Tage später landete Springer-Beck auf dem Murtala-Mohammed-Flughafen in Lagos, es war Januar, die Luft war tropisch, schwül und heiß, in Springer-Becks Koffer lagen nur Wintersachen. Sie
war im Begriff, den größten Fehler ihres Lebens zu begehen.
Am Flughafen wartete ein weißer Mercedes auf sie. Weiß war auch der Anzug des Fahrers, er nannte sich Assiri Waziria und chauffierte sie durch die Straßen. Springer-Beck sah eine Stadt, die ihr Angst machte. Straßenhändler in Lumpen, Bettler, die ihre Stümpfe an die Scheiben drückten, Kinder, die um Essen flehten. Sie sah jämmerliche Hütten, zusammengenagelt aus Holz und Blech, ganze Siedlungen unter den Pfeilern der Autobahn, die sich durch die Stadt zieht.
Ihr Ziel war das beste Hotel in Lagos. Ein Zimmer mit Blick auf den Atlantik war gebucht, zwei Übernachtungen, die Kosten übernahm der angebliche Geschäftspartner ihres verstorbenen Mannes. Morgen würde sie seinen Anwalt kennen lernen.
Fred Ajuduas Kanzlei lag im Geschäftsbezirk von Lagos, Springer-Beck sah edles Holz, an den Wänden hingen Zertifikate und Diplome. Ajudua, großgewachsen, massig, schwarz, begrüßte seinen Gast aus Deutschland mit ausgebreiteten Armen. Endlich sei sie da. Springer-Beck wollte ihm glauben.
Leider könne er ihr die Geschäftsunterlagen, das Geld noch nicht geben, sagte Ajudua. Beides lagere in einem Tresor der Nationalbank von Nigeria. Morgen werde er sie dorthin begleiten. Das waren seine Worte, sagt Springer-Beck.
Am nächsten Tag stoppte der weiße Mercedes im Parkhaus der Nationalbank, Ajudua und Springer-Beck traten in einen Aufzug, gingen ins Nebengebäude, dort, sagte Ajudua, liege die Rechtsabteilung der Bank.
Ein Mann, er stellte sich als Mitarbeiter der Bank vor, begrüßte sie in seinem Büro. Auf seinem Schreibtisch lag eine Akte. Auf einem Schreiben erkannte Springer-Beck den Briefkopf ihrer Firma.
Um die 24,6 Millionen Dollar zu erhalten, müsse sie vier Prozent Steuern zahlen, erklärte ihr der Bankmitarbeiter. Auf die Restsumme werde eine Anwaltsgebühr von einem Prozent erhoben. Man schob ihr ein DIN-A5-Blatt über den Tisch. Die Steuer betrug 984 000 Dollar, die Anwaltsgebühr 236 160 Dollar. Die Steuer werde von der Ursprungssumme einbehalten, die Anwaltsgebühr jedoch sei an Ajudua direkt zu zahlen. Zurück in der Kanzlei, fragte Ajudua, wie viel Geld Springer-Beck dabeihabe.
2000 Dollar, antwortete sie.
Ajudua forderte sie als Vorschuss, aber Springer-Beck sagte, sie müsse sich erst mit ihrer Familie beraten. Ajudua ließ sie gehen.
Ein paar Tage später, Springer-Beck war wieder in Bechhofen, rief Ajudua an. Er fragte, ob sie zu einer Entscheidung gekommen sei.
Springer-Beck antwortete, dass sie bereit sei, ihm 10 000 Dollar zu zahlen. Ajudua lachte. Für 10 000 Dollar würde er keinen Finger mehr krümmen, das gesamte Geld werde in der kommenden Woche an den nigerianischen Staat fallen.
Wieso das?, fragte Springer-Beck.
Es gebe in Nigeria ein Gesetz, das diese Dinge regele, sagte Ajudua. Wenn ein Ausländer den Gewinn aus einer Investition zehn Jahre lang nicht einfordere, falle das Geld an den Staat. Die zehn Jahre seien in einer Woche um.
Springer-Beck sagte, sie könne die 236 000 Dollar so schnell nicht aufbringen, höchstens 100 000 Dollar. Es wurden 94 000.
Sie packte das Geld in einen Koffer und flog zum zweiten Mal nach Lagos. Für eine Überweisung war die Zeit angeblich zu knapp.
Ajudua gab ihr eine Quittung. Die Millionen erhielt Springer-Beck aber immer noch nicht. Nach vier Tagen reiste sie unverrichteter Dinge wieder ab. Das Hotel musste sie diesmal selbst bezahlen.
Zurück in Deutschland, überwies sie die restlichen 142 000 Dollar auf ein Konto der Citibank in New York, Ajudua wollte es so. Dann wartete Springer-Beck.
Statt die Millionen zu überweisen, forderte Ajudua weitere 120 000 Dollar, für ein "certificate of completion". Die Bank verlange es.
Springer-Beck erkundigte sich. So etwas gab es wirklich in Nigeria.
Was sollte sie tun? Nicht mehr zahlen? Dann würde sie die 236 000 Dollar verlieren, die sie Ajudua bereits gegeben hatte.
Den Anwalt wechseln? Auch der neue Anwalt würde bezahlt werden müssen.
Auf ihre Familie, ihre Freunde hören, die ihr sagten, das Ganze sei ein Betrug? Sie konnte nicht mehr einfach aufhören. Einen Teil der 236 000 Dollar hatte sie der Firmenkasse entnommen.
Sie lieh sich die 120 000 Dollar für das angebliche Bank-Zertifikat von einem Familienmitglied. Von der nigerianischen Nationalbank erhielt sie eine Quittung.
Sie flog nach Lagos, zum dritten Mal.
Ajudua zeigte ihr diesmal Fotos von einem Elektrizitätswerk nahe der Stadt Kaduna, im Norden des Landes. Ein Metallschild an der Wand des Werkes trug den Namen ihres Mannes. Die Akte, das Geld bekam sie immer noch nicht. Springer-Beck protestierte. Ajudua war das egal. Sie stellte ihm ein Ultimatum. Ajudua ließ es verstreichen.
Während des vierten Besuchs schrie Ajudua sie an, beschuldigte sie, seine Arbeit, seine Bemühungen nicht zu würdigen.
Während ihres fünften Besuchs in Lagos bekam Springer-Beck ihren angeblichen Anwalt nicht mehr zu sehen. Sie kampierte, unter dem Protest seiner Sekretärin, in seinem Büro, aber Ajudua ließ sich nicht blicken. Auch der angebliche Mitarbeiter der Nationalbank, den sie während ihres ersten Besuchs getroffen hatte, war verschwunden. In der Nationalbank sagte man ihr, das Nebengebäude, in dem das Treffen stattfand, gehöre nicht zur Bank. Es sei nur durch das Parkhaus mit ihm verbunden.
Springer-Beck musste sich setzen. Später am Tag fuhr sie zu Ajuduas Privathaus,
sie wollte ihn mit seinem Betrug konfrontieren. Sie wollte ihm sagen, dass sie ihn durchschaut habe, dass sie ihr Geld bis auf den letzten Cent zurückfordern werde. Ajuduas Haus war eine Villa, einschüchternd groß.
Springer-Beck klingelte, sie wurde von einem Angestellten eingelassen. Ajudua hatte Gäste, ein Dutzend Männer. Sie starrten Springer-Beck an. Sie fühlte sich wie vor einem Tribunal, Ajudua war ihr Ankläger. Er schrie sie an, beleidigte, verhöhnte sie. Die Männer klatschten Beifall. Sie blieb stumm.
Zurück im Hotel, ging Springer-Beck in ihr Zimmer im 9. Stock, auf den Balkon. Sie blickte nach unten. Über 350 000 Dollar hatte sie verloren, ihr Bruder hatte den Kontakt zu ihr abgebrochen, das deutsche Finanzamt war hinter ihr her. Die Beamten wollten ihr nicht glauben, dass sie das Opfer eines Betrugs war. Springer-Beck war kurz davor, den letzten Schritt zu tun.
Heute, zwölf Jahre später, kämpft Frieda Springer-Beck noch immer um ihr Geld, um ihr Recht - und darum, diese Peinlichkeit aus ihrem Leben zu tilgen.
Längst lebt sie nicht mehr in Bechhofen, sondern in Lagos, in einem Haus, von einer hohen Mauer umgeben. Die Miete für das Haus zahlt die EFCC. Frieda Springer-Beck war bei einem ihrer Gerichtstermine vom Einsatzleiter der Behörde angesprochen worden, sie war Ibrahim Lamorde aufgefallen, ihre Hartnäckigkeit imponierte ihm.
Im Obergeschoss des Hauses bringt die Behörde ihre ausländischen Gäste unter, im Erdgeschoss wohnt Springer-Beck. Ihre Wohnung ist spärlich möbliert, auf dem Fußboden stehen Akten, an den Wänden hängen Fotos ihrer Töchter, regelmäßig fällt der Strom aus.
Frieda Springer-Beck hat in Lagos keine Freunde, nur Mitstreiter und Feinde. Abends geht sie nicht aus, sie gehört nicht zum Zirkel der Auslandsdeutschen, Diplomaten, Geschäftsleute, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, die sich hin und wieder treffen. Stattdessen hockt sie über ihren Akten.
Jenseits der Mauer ihres Hauses liegt, unüberschaubar, täglich wachsend, Lagos, die zweitgrößte Stadt Afrikas, halb christlich, halb muslimisch, Heim und Hölle für mehr als zehn Millionen Menschen, Springer-Beck gehört zu ihnen.
Sie hat Ajudua vor einem Gericht hier in Lagos verklagt. Man nahm ihre Klage entgegen, es schien eine klare Sache zu sein, ein simpler Betrug, Ajudua hatte sich nicht einmal ein Pseudonym zugelegt.
Bis heute ist ihr Prozess 92-mal vertagt worden. Manchmal erschien Ajudua einfach nicht vor Gericht, manchmal war er plötzlich krank. Oder er hatte wieder einmal seinen Anwalt gewechselt. Oder der Richter wurde ausgetauscht. Oder der Staatsanwalt.
Anfangs glaubte Frieda Springer-Beck, das nigerianische Rechtssystem trage die Schuld am schleppenden Fortgang des Prozesses. Dann begriff sie, dass in Wahrheit Ajudua und sein Geld der Grund waren für viele Verzögerungen. Sie verstand, dass sie nicht auf irgendeinen Betrüger hereingefallen war, sondern auf einen König von Lagos.
Springer-Beck erfuhr, dass Ajuduas Mercedes von motorisierten Polizeieskorten begleitet wird, sie hörte, dass er seine Firma, die FCA Finance House, an die Börse gebracht hatte, dass er zum Jet-Set der Stadt gehörte, Geschäfte nicht nur hier in Lagos machte, sondern auch in London. Und sie, sie war nur eine seltsame Weiße, die mit eiligen Schritten, mit ihren Akten, ihren Anliegen durch die Amtszimmer der Gerichte zog, weiterverwiesen, abgewiesen wurde. Es war ein ungleicher Kampf.
Sie suchte Hilfe, gründete einen Verein, die "Internationale Interessengemeinschaft Nigeria", lebte von den spärlichen Beiträgen ihrer Mitglieder. Es war ein anstrengendes, ein deprimierendes Leben, es war ihre Art, Buße zu tun. Es war ihr persönlicher Opfergang. Springer-Beck hat in diesen Jahren gelernt, dass sie keinen einzelnen Ganoven bekämpft, sondern eine Volksbewegung, eine Industrie. Tausende, vielleicht Zehntausende machen mit, Schüler, Polizisten, Anwälte, Autohändler, Rentner.
419 ist ein illegales, ein populäres Geschäft in Nigeria, die Täter fühlen nicht mehr Schuld als ein durchschnittlicher deutscher Steuerbetrüger. Sie sind stolz auf ihre Leistung, sie haben die Standortnachteile Afrikas in ihren persönlichen Vorteil verwandelt.
Die Gauner profitieren von einem schwachen und korrupten Staat, in dem weder Polizei noch Staatsanwaltschaft funktionieren. Sie profitieren von der Vergangenheit Nigerias als britischer Kolonie, weil Englisch, die Amtssprache des Landes, längst auch Weltsprache geworden ist. Und sie profitieren davon, dass Nigeria fernab liegt von Ländern und Einflusssphären, in denen die Strafverfolgungsbehörden miteinander kooperieren. 419 ist auch die Rache der Ausgebeuteten an ihren Ausbeutern.
Es sind internationale Syndikate, die von Lagos aus operieren, aus angemieteten Büros im Schichtbetrieb, damit sie ihre Opfer in den verschiedenen Zeitzonen dieser Welt verlässlich erreichen können. Sie eröffnen Auslandsfilialen in der Nähe internationaler Flughäfen.
Es sind Betrüger, die sich mit ein paar Angestellten und einem kleinen Büro begnügen, die Anschreiben kaufen sie von Zulieferern genauso wie die gefälschten Dokumente.
Es sind junge Burschen, Einzelkämpfer, die sich in den Internet-Cafés der Stadt eingerichtet haben und von dort aus ihre kopierten E-Mails versenden.
Anietie Akram ist einer dieser Gauner. Er ist 21 Jahre alt und arbeitet für eines der internationalen Syndikate in Lagos. Seit zwei Jahren ist er im Geschäft, und er sagt, das Syndikat habe auch Mitarbeiter im Libanon und in den USA. Seine Eltern sind Tagelöhner, er sieht aus wie ein Collegestudent, er hat zwei Kollegen als Aufpasser mitgebracht in ein Restaurant, eine Art McDonald's, nicht weit vom Strand von Lagos.
Rekrutiert wurde Akram, als er eine Computerschule in Lagos besuchte. "Es ist die Gelegenheit, auf die viele hier warten", sagt er, "ich auch." Er zeigt auf seinen
rechten Fuß. Er ist verkrüppelt. Behinderte wie Akram arbeiten in Lagos normalerweise am Straßenrand, als Bettler. Oder sie humpeln als Teil des "Walking Wal-Mart" durch die vollgestopften Straßen der Stadt, in der Hand ein Dutzend Schrubber oder Gardinenstangen oder Brot oder Duftbäume fürs Auto, und versuchen, ihre Ware an die Männer und Frauen in den Autos zu verkaufen. Ein Job als "Boy" für einen Bandenboss in Lagos ist für jemanden wie Akram ein Lottogewinn: "Wir kriegen 30 Prozent des Profits."
Akrams Büro liegt in einem Hinterhof, den Raum hat sein Boss angemietet, in ihm stehen Computer mit Internet-Anschluss. Sein Boss besorgt auch die vorformulierten Briefe, die als E-Mail verschickt werden. Formate werden die Storys genannt, die in den Briefen erzählt werden, und die Autoren erfolgreicher Formate sind bekannt in der Szene und begehrt als Geschäftspartner. In seiner Freizeit versucht sich Akram an eigenen Formaten. Das sei sein nächster Karriereschritt.
Sein Boss besorgt die gefälschten Dokumente, er besticht die Angestellten in den Banken, die Staatsanwälte, die Richter. Er stellt die Infrastruktur, und Boys wie Akram besorgen die Opfer. Das ist der Deal.
Die E-Mail-Adressen findet Akram im Internet, mit Hilfe von Google und einer Software, einem sogenannten E-Mail-Extractor. In das Suchfenster von Google gibt Akram Befehle ein, die ihm Seiten mit möglichst vielen E-Mail-Adressen liefern. Diese Seiten kopiert er in ein Fenster des E-Mail-Extractors. Dann drückt Akram "Enter", und der Extractor löscht alles bis auf die E-Mail-Adressen. Die Adressen kopiert Akram in seine E-Mails, hängt die Briefe an und schickt sie auf ihre Reise.
Akram braucht eine Stunde für 500 Mails. Reagiert jemand auf den ersten Brief, nimmt der Betrug seinen Lauf. Um in den folgenden Mitteilungen keine Fehler zu produzieren, arbeiten die Banden in der Regel nur mit einem Format. Innerhalb dieses Formates spielt Akram zurzeit drei Rollen: "Für jede Rolle, für jede Person benutze ich ein anderes Telefon." Jedes hat eine andere Farbe, damit er nicht durcheinander kommt. Er könnte sich mit einem falschen Pseudonym melden, einem Namen, der nicht zu der Betrugsvariante gehört, mit der das Opfer geködert wurde. Er könnte falsche Orte nennen, falsche Zahlungsmodalitäten, Summen fordern, die bereits gezahlt wurden. Der Job, sagt Akram, sei wirklich stressig.
Und der Stress wird täglich größer, weil Leute wie Akram ihren Ausstoß an E-Mails erhöhen. Innerhalb eines Jahres, von 2003 auf 2004, war die Zahl der gemeldeten Betrugsversuche in den USA von knapp über 60 000 auf mehr als 100 000 gestiegen, etwa jede hundertste Mail soll erfolgreich gewesen sein.
Das FBI schickte Agenten, um die Fahnder der EFCC zu trainieren. Die Behörde war auch auf Drängen der US-Regierung entstanden. Die FBI-Agenten trainierten ihre nigerianischen Kollegen, erklärten ihnen das Internet, zeigten ihnen, was Google ist, wie E-Mail funktioniert. Innerhalb eines Monats wurden 14 Verdächtige festgenommen. Die Zeitungen in Lagos berichteten ausführlich.
Im Mai dieses Jahres folgte die erste Verurteilung eines 419-Betrügers in Nigeria, zehn Jahre Haft lautete das Urteil. Im September dann eine Großrazzia in einem Dutzend Internet-Cafés in Lagos. 173 Verdächtige wurden festgenommen, einen Monat zuvor wurden 1500 Pässe, 50 000 gefälschte Schecks, 500 Druckplatten und ein Schiffscontainer mit Zolldokumenten sichergestellt. Fast täglich gab es neue Verhaftungen, neue Razzien. Die Zahl der Verdächtigen überstieg 500, der Wert der beschlagnahmten Häuser, Autos, Konten 700 Millionen Dollar. Und zurzeit stehen Emmanuel Nwude und Nzeribe Okoli vor Gericht. Ihnen wird vorgeworfen, den bislang größten bekanntgewordenen Betrug ausgeführt zu haben. Ihr Opfer war ein Manager der brasilianischen Banco Noroeste. Er glaubte, mit dem Geld seiner Bank, es waren 242 Millionen Dollar, einen neuen internationalen Flughafen nahe Abuja, der Hauptstadt Nigerias, zu finanzieren.
Auch Ajudua, der Betrüger von Frieda Springer-Beck, spürt den Druck von EFCC und FBI, seine Kanzlei ist aufgelöst worden, ein Dutzend Verfahren sind anhängig, eine Amerikanerin soll er um zwei Millionen Dollar betrogen haben, einen Landsmann von ihr um 2,7 Millionen. Ajudua geht es inzwischen um Schadensbegrenzung.
Springer-Beck hat sich vor kurzem mit seinem Anwalt getroffen, er bot ihr 300 000 Dollar an, als Gegenleistung sollte sie sich vertraglich verpflichten, nicht gegen Ajudua auszusagen.
War das akzeptabel? Keine Zinsen, wahrscheinlich keine Haft für Ajudua? Wäre er am Ende nicht doch der Sieger?
Springer-Beck hat das Angebot angenommen, den Vertrag unterschrieben. Sie ist müde.
Vor ein paar Tagen hat sie Ajudua wieder im Gericht gesehen. Eine halbe Stunde ließ er die Richterin warten, dann erschien er, in einem Krankenwagen, angeblich halbtot, ein Nierenleiden. Sanitäter legten ihn auf eine Trage, rollten ihn in den Saal, sie wurden begleitet von Ajuduas Leibwächtern. Während der Verhandlung lag er apathisch da, den Kopf zum Fenster gedreht.
Springer-Beck sah das alles voller Sorge. Sie hofft auf das Geld, sie braucht den Erfolg. Sie will in Lagos bleiben. Sie will hier arbeiten, als Anwältin deutscher 419-Opfer.
Ihren Lebensunterhalt plant sie mit ihrer Provision zu bestreiten. Zehn Prozent der Schadenssumme erhält sie von ihren Mandanten, wenn sie erfolgreich ist.
Noch hat sie keinen Er- folg vorzuweisen. Noch hat sie nur Ajuduas Unterschrift auf einem Stück Papier. Und sein Wort. Das ist nicht viel.
Von Buse, Uwe

DER SPIEGEL 45/2005
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