07.11.2005

DEBATTEDer radikale Verlierer

I. DER VEREINZELTE
Es ist schwer, vom Verlierer zu reden, und dumm, von ihm zu schweigen. Dumm, weil es den endgültigen Gewinner nicht geben kann und weil jedem von uns, dem größenwahnsinnigen Bonaparte ebenso wie dem letzten Bettler auf den Straßen Kalkuttas, das gleiche Ende beschieden ist. Schwer, weil es sich zu leicht macht, wer sich mit dieser metaphysischen Banalität zufrieden gibt. Denn damit wird die eigentlich brisante, die politische Dimension des Problems verfehlt.
Statt in den tausend Gesichtern des Verlierers zu lesen, halten sich die Soziologen an ihre Statistiken: Mittelwert, Standardabweichung, Normalverteilung. Selten kommen sie auf die Idee, dass sie selber zu den Verlierern gehören könnten. Ihre Definitionen gleichen dem Kratzen an einer Wunde: Hinterher juckt und schmerzt es, wie Samuel Butler sagt, mehr als zuvor. Fest steht nur, dass so, wie die Menschheit sich eingerichtet hat - "Kapitalismus", "Konkurrenz", "Imperium", "Globalisierung" -, nicht nur die Zahl der Verlierer mit jedem Tag zunimmt; wie in jeder großen Menge kommt es bald zur Fraktionierung; in einem chaotischen, undurchsichtigen Prozess trennen sich die Kohorten der Unterlegenen, der Besiegten, der Opfer voneinander. Der Versager mag sich mit seinem Los abfinden und resignieren, das Opfer Genugtuung fordern, der Besiegte sich auf die nächste Runde vorbereiten. Der radikale Verlierer aber sondert sich ab, wird unsichtbar, hütet sein Phantasma, sammelt seine Energie und wartet auf seine Stunde.
Wer sich mit den objektiven, den materiellen Kriterien, den Indizes der Ökonomen und den niederschmetternden Befunden der Empiriker begnügt, wird vom eigentlichen Drama des radikalen Verlierers nichts verstehen. Was die anderen von ihm halten, seien sie Konkurrenten oder Stammesbrüder, Experten oder Nachbarn, Mitschüler, Chefs, Feinde oder Freunde - das genügt nicht, um ihn zu motivieren. Der radikale Verlierer selbst muss sein Teil dazu beitragen; er muss sich sagen: Ich bin ein Verlierer und sonst nichts. Solange er davon nicht überzeugt ist, mag es ihm schlecht gehen; er mag arm sein, machtlos; er mag die Misere und die Niederlage kennen; zum radikalen Verlierer aber hat er es erst gebracht, wenn er sich das Votum der anderen, die sich Gewinner dünken, zu Eigen gemacht hat.
Niemand interessiert sich freiwillig für den radikalen Verlierer. Das beruht auf Gegenseitigkeit. Der nämlich schlägt, solange er allein ist, und er ist sehr allein, nicht um sich; er wirkt unauffällig, stumm: ein Schläfer. Wenn er sich dennoch einmal bemerkbar macht und aktenkundig wird, löst er eine Irritation aus, die dem Erschrecken nahe kommt; denn seine bloße Existenz erinnert die anderen daran, wie wenig es bräuchte, und es erginge ihnen so wie ihm. Vielleicht würde man dem Verlierer sogar beistehen, wenn er nur endlich aufgäbe. Aber er denkt nicht daran, und es sieht nicht danach aus, dass er sich gern helfen ließe.
Zahlreichen Berufen dient der Verlierer als Studienobjekt und Existenzgrundlage. Sozialpsychologen, Sozialarbeiter, Sozialpolitiker, Kriminologen, Therapeuten und andere, die sich nicht zu den Verlierern zählen, wären ohne ihn brotlos. Aber auch beim besten Willen bleibt der Klient in ihren Augen opak; ihre Empathie stößt auf gutgesicherte professionelle Grenzen. Immerhin wissen sie, dass der radikale Verlierer schwer zugänglich und letzten Endes unberechenbar ist. Unter den Hunderten, die in ihren Amtsstuben und Praxen vorsprechen, den einen zu identifizieren,
der zur letzten Konsequenz bereit ist - damit sind sie überfordert. Vielleicht spüren sie, dass es sich nicht um einen bloßen Sozialfall handelt, der sich auf dem Verwaltungswege reparieren ließe. Denn der Verlierer denkt sich sein Teil. Das ist das Schlimme. Er schweigt und wartet. Man sieht es ihm nicht an. Gerade deshalb wird er gefürchtet. Diese Angst ist historisch sehr alt, doch heute ist sie begründeter denn je. Jeder, der über einen Zipfel sozialer Macht verfügt, ahnt bisweilen etwas von der enormen destruktiven Energie, die im radikalen Verlierer steckt und die durch keine Maßnahme, mag sie noch so gut, vielleicht sogar ernst gemeint sein, stillgelegt werden kann.
Jeden Moment kann er explodieren. Darin besteht die einzige Lösung seines Problems, die er sich vorstellen kann: die Steigerung des Übels, unter dem er leidet. Jede Woche steht er in der Zeitung, der Familienvater, der zuerst seine Frau, dann die zwei kleinen Kinder und am Ende sich selber umbringt. Unbegreiflich! Im Lokalteil steht: eine Familientragödie. Oder ein anderer verbarrikadiert sich plötzlich in seiner Wohnung; den Vermieter, der Geld sehen wollte, hat er als Geisel genommen. Wenn die Polizei endlich da ist, schießt er um sich. Amok, heißt es dann - ein Fremdwort aus dem Malaiischen. Er tötet noch einen Beamten, bevor er selbst im Kugelhagel zusammenbricht. Was die Explosion auslöst, bleibt unklar. Ein Nörgeln der Ehefrau vielleicht, die zu laute Musik nebenan, ein Wirtshausstreit, oder die Bank hat den Kredit gekündigt. Die abfällige Bemerkung eines Vorgesetzten genügt, und der Mann steigt auf einen Turm und zielt auf alles, was sich vor dem Supermarkt bewegt, nicht obwohl, sondern weil das Massaker sein eigenes Ende beschleunigen wird. Woher er nur die Maschinenpistole hat? Endlich einmal ist der radikale Verlierer, vielleicht ist er erst 15 und leidet an seinen Pickeln, Herr über Leben und Tod. Dann, so nennt es der Nachrichtensprecher, "richtet er sich selbst", und die Ermittler gehen an die Arbeit. Sie stellen ein paar Videos sicher, ein paar wirre Tagebuchaufzeichnungen. Die Eltern, Nachbarn, Lehrer haben nichts bemerkt. Gewiss, ein paar schlechte Zeugnisnoten, eine gewisse Zurückgezogenheit; der Junge hat nicht viel geredet. Aber das ist doch kein Grund, ein Dutzend seiner Mitschüler zu erschießen. Die Gutachter geben ihre Einschätzungen ab. Die Kulturkritik kramt ihre Argumente hervor. Das Wort Wertediskussion darf nicht fehlen. Die Ursachenforschung verläuft im Sand. Politiker äußern ihre Betroffenheit. Man kommt zu der Überzeugung, dass es sich um einen Einzelfall handelt.
Das ist richtig; denn es handelt sich bei all diesen Tätern um isolierte Personen, die keinen Zugang zu einem Kollektiv gefunden haben. Es ist falsch; denn offenbar gibt es immer mehr solche Einzelfälle. Dass sie sich häufen, lässt den Schluss zu, dass es immer mehr radikale Verlierer gibt. Das liegt an den sogenannten Verhältnissen. Damit kann der Weltmarkt ebenso gemeint sein wie eine Prüfungsordnung oder eine Versicherung, die nicht zahlen will.
Aber vielleicht sollte, wer den radikalen Verlierer verstehen will, etwas weiter ausholen. Der Fortschritt hat das menschliche Elend nicht beseitigt, doch er hat es stark verändert. In den letzten zweihundert Jahren haben sich die erfolgreicheren Gesellschaften neue Rechte, neue Erwartungen und neue Ansprüche erstritten; sie haben mit der Vorstellung eines unabwendbaren Schicksals aufgeräumt; sie haben Begriffe wie Menschenwürde und Menschenrechte auf die Tagesordnung gesetzt; sie haben den Kampf um Anerkennung demokratisiert und Gleichheitserwartungen geweckt, die sie nicht erfüllen können; und zugleich haben sie dafür gesorgt, dass die Ungleichheit allen Bewohnern des Planeten 24 Stunden täglich auf allen Fernsehkanälen demonstriert wird. Deshalb hat die Enttäuschbarkeit der Menschen mit jedem Fortschritt zugenommen.
"Wo Kulturfortschritte wirklich erfolgreich sind und Übel wirklich ausschalten, wecken sie selten Begeisterung", bemerkt der Philosoph. "Sie werden vielmehr selbstverständlich, und die Aufmerksamkeit konzentriert sich dann auf jene Übel, die übrig bleiben. Dabei wirkt das Gesetz der zunehmenden Penetranz: der Reste. Je mehr Negatives aus der Wirklichkeit verschwindet, desto
ärgerlicher wird - gerade weil es sich vermindert - das Negative, das übrig bleibt."
Odo Marquard untertreibt; denn hier geht es nicht um Ärger, sondern um mörderische Wut. Was den Verlierer obsessiv beschäftigt, ist ein Vergleich, der in jedem Augenblick zu seinen Ungunsten ausfällt. Da der Wunsch nach Anerkennung prinzipiell keine Grenzen kennt, sinkt unvermeidlich die Schmerzgrenze, und die Zumutungen werden immer unerträglicher. Die Reizbarkeit des Verlierers nimmt mit jeder Verbesserung zu, die er bei anderen bemerkt. Den Maßstab liefern niemals jene, denen es schlechter geht als ihm. Nicht sie sind es in seinen Augen, die fortwährend gekränkt, gedemütigt und erniedrigt werden, sondern immer nur er, der radikale Verlierer.
Die Frage, warum das so ist, trägt zu seinen Qualen bei. Denn es kann keinesfalls an ihm selber liegen. Das ist undenkbar. Deshalb muss er Schuldige finden, die für sein Los verantwortlich sind.
Aber wer sind diese übermächtigen, namenlosen Angreifer? Mit der Antwort auf diese bohrende Frage ist der ganz auf sich gestellte Vereinzelte überfordert. Wenn ihm kein ideologisches Programm zu Hilfe kommt, findet die Projektion kein gesellschaftliches Ziel; sie sucht und findet es in der näheren Umgebung: den ungerechten Vorgesetzten, die widerspenstige Ehefrau, den bösen Nachbarn, den intriganten Kollegen, die sture Behörde, den Arzt, der ihm das Attest verweigert.
Aber womöglich könnte es sich auch um die Machenschaften eines unsichtbaren, anonymen Feindes handeln? Dann bräuchte der Verlierer sich nicht auf seine eigene Erfahrung zu verlassen; er könnte zurückgreifen auf das, was er irgendwo gehört hat. Den wenigsten ist es gegeben, ein für ihre Zwecke brauchbares Phantasma selbst zu erfinden. Deshalb hält sich der Verlierer meist an das Material, das in der Gesellschaft frei flottiert. Die bedrohlichen Mächte, die es auf ihn abgesehen haben, sind nicht schwer zu orten. Gewöhnlich handelt es sich um Ausländer, Geheimdienste, Kommunisten, Amerikaner, Großkonzerne, Politiker, Ungläubige. Fast immer sind es auch die Juden.
Eine derartige Projektion kann dem Verlierer für eine Weile Erleichterung verschaffen, aber wirklich beruhigen kann sie ihn nicht. Denn auf die Dauer fällt es schwer, sich einer feindseligen Welt gegenüber zu behaupten, und nie lässt sich der Verdacht ganz und gar ausräumen, dass es eine einfachere Erklärung geben könnte; nämlich, dass es an ihm liegt, dass der Gedemütigte selber schuld ist an seiner Demütigung, dass er die Wertschätzung, die er vermisst, gar nicht verdient und dass sein eigenes Leben nichts wert ist. Psychologen nennen diese Heimsuchung die Identifikation mit dem Aggressor. Doch wer kann mit solchen Fremdwörtern etwas anfangen? Dem Verlierer sagen sie nichts. Wenn aber sein Leben keinen Wert mehr hat, wie sollte ihn das Leben anderer kümmern?
"Es liegt an mir." - "Die anderen sind schuld." Diese beiden Momente schließen sich nicht aus. Im Gegenteil, sie steigern einander nach dem Modell des Circulus vitiosus. Aus diesem Teufelskreis kann der radikale Verlierer sich durch keine Reflexion befreien; aus ihm zieht er seine unvorstellbare Kraft.
Der einzige Ausweg aus dem Dilemma ist die Fusion von Zerstörung und Selbstzerstörung, Aggression und Autoaggression. Einerseits erlebt der Verlierer im Moment seiner Explosion eine einmalige Machtfülle. Seine Tat ermöglicht es ihm, über andere zu triumphieren, indem er sie vernichtet. Andererseits trägt er der Kehrseite dieses Machtgefühls, dem Verdacht, dass sein Dasein wertlos sein könnte, dadurch Rechnung, dass er ihm ein Ende macht.
Ein zusätzlicher Bonus ist die Tatsache, dass die Außenwelt, die nie zuvor etwas von ihm wissen wollte, von dem Augenblick an, in dem er zur Waffe greift, von ihm Notiz nimmt. Die Medien sorgen dafür, dass ihm - und sei es nur für 24 Stunden - eine unerhörte Publizität zuteil wird. Das Fernsehen macht sich zum Propagandisten seiner Tat und ermuntert dadurch potentielle Nachahmer. Wie sich besonders in den Vereinigten Staaten von Amerika gezeigt hat, stellt das für Minderjährige eine Versuchung dar, der schwer zu widerstehen ist.
Dem Common Sense ist die Logik des radikalen Verlierers unbegreiflich. Er beruft sich auf den Selbsterhaltungstrieb, als wäre der eine selbstverständliche, unhinterfragbare Naturtatsache. Dabei handelt es sich aber um eine fragile, historisch eher junge Vorstellung. Zwar ist von Selbsterhaltung schon bei den Griechen, bei Hobbes und Spinoza die Rede, aber sie wird nicht als reiner Naturtrieb betrachtet. Vielmehr oder viel weniger gilt Immanuel Kant zufolge: "Die ... erste Pflicht des Menschen gegen sich selbst in der Qualität seiner Thierheit ist die Selbsterhaltung in seiner animalischen Natur." Erst im 19. Jahrhundert wurde aus der Pflicht eine unbezweifelbare naturwissenschaftliche Tatsache. Die wenigsten sahen das anders: Die Physiologen sollten sich hüten, "den Selbsterhaltungstrieb als kardinalen Trieb eines organischen Wesens anzusetzen". Doch der Einspruch Nietzsches ist bei denen, die lieber überleben wollen, immer auf taube Ohren gestoßen.
Jenseits der Begriffsgeschichte scheint die Menschheit nie damit gerechnet zu haben, dass das eigene Leben als der Güter höchstes zu gelten hätte. Alle frühen Religionen wussten das Menschenopfer zu schätzen; später standen die Märtyrer hoch im Kurs. (Blaise Pascals fataler Maxime zufolge soll man "nur Zeugen glauben, die sich töten lassen".) In den meisten Kulturen erwarben sich Heroen durch ihre Todesverachtung Ruhm und Ehre. Bis zu den Materialschlachten des Ersten Weltkriegs mussten Gymnasiasten den berüchtigten Vers des Horaz auswendig lernen, dem zufolge es süß und ehrenvoll war, für das Vaterland zu sterben. Andere behaupteten, Schifffahrt zu treiben sei notwendig, zu leben nicht, und noch im Kalten Krieg gab es Leute, die riefen: "Lieber tot als rot." Und was ist, unter ganz zivilen Bedingungen, von Hochseilartisten, Extremsportlern, Rennfahrern, Polarforschern und anderen Selbstmordkandidaten zu halten?
Offenbar ist es nicht so weit her mit dem Selbsterhaltungstrieb. Dafür spricht allein schon die bemerkenswerte, kultur- und epochenübergreifende Vorliebe der Spezies für den Selbstmord. Kein Tabu und keine Strafandrohung haben die Menschen davon abhalten können, sich das Leben zu nehmen. Ein quantitatives Maß für diese Neigung gibt es nicht; jeder Versuch, sie statistisch zu erfassen, scheitert an der enormen Dunkelziffer.
Sigmund Freud hat versucht, dem Problem theoretisch beizukommen, indem er, auf schwankender empirischer Basis, das Konzept
des Todestriebs entwickelte. Deutlicher drückt sich Freuds Hypothese in der altvertrauten Erkenntnis aus, dass es Situationen geben kann, in denen der Mensch ein Ende mit Schrecken einem - realen oder imaginierten - Schrecken ohne Ende vorzieht.
II. DAS KOLLEKTIV
Was aber geschieht, wenn der radikale Verlierer seine Isolation überwindet, wenn er sich vergesellschaftet, eine Verlierer-Heimat findet, von der er sich nicht nur Verständnis, sondern Anerkennung erwartet, ein Kollektiv von seinesgleichen, das ihn willkommen heißt, das ihn braucht?
Dann potenziert sich die destruktive Energie, die ihn ihm steckt, seine Skrupellosigkeit, sein Amalgam von Todeswunsch und Größenwahn, und aus seiner Ohnmacht erlöst ihn ein katastrophales Allmachtsgefühl.
Dazu wird allerdings eine Art ideologischer Zünder benötigt, der den radikalen Verlierer zur Explosion bringt. Wie die Geschichte zeigt, hat es an solchen Angeboten nie gefehlt. Auf den Inhalt kommt es dabei zuallerletzt an. Gleichgültig, ob es sich um religiöse oder politische Doktrinen handelt, um nationalistische, kommunistische, rassistische Dogmen - jede noch so bornierte Art von Sektierertum ist in der Lage, die latente Energie des radikalen Verlierers zu mobilisieren.
Das gilt nicht nur für das Fußvolk, sondern auch für den jeweiligen Drahtzieher, dessen Anziehungskraft darauf beruht, dass er sich selbst als obsessiver Verlierer definiert. Es sind gerade seine wahnhaften Züge, in denen sich seine Anhänger wiedererkennen. Zu Recht unterstellt man ihm ein zynisches Kalkül; denn selbstverständlich verachtet er seine Gefolgschaft, da er sie nur allzu gut versteht: Er weiß, dass es sich um Verlierer handelt, die er infolgedessen letztlich für wertlos hält. Deshalb genießt er, wie Elias Canetti schon vor einem halben Jahrhundert wusste, die Vorstellung, dass vor ihm möglichst alle anderen, einschließlich seiner Anhänger, zu Tode gebracht werden, bevor er selber gehängt wird oder in seinem Bunker verbrennt.
An diesem Punkt drängt sich, neben vielen anderen Beispielen aus der Geschichte, die Erinnerung an das nationalsozialistische Projekt in Deutschland auf. Am Ende der Weimarer Republik sahen sich weite Teile der Bevölkerung als Verlierer. Die objektiven Daten sprechen eine deutliche Sprache; doch hätten Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit vermutlich nicht genügt, um Hitler an die Macht zu bringen. Dazu bedurfte es einer Propaganda, die auf den subjektiven Faktor zielte: die narzisstische Kränkung durch die Niederlage von 1918 und durch den Vertrag von Versailles. Die Schuld suchten die meisten Deutschen an den anderen. Die Sieger von damals, die "kapitalistisch-bolschewistische Weltverschwörung" und vor allem natürlich der ewige Sündenbock, das Judentum, mussten als Ziele der Projektion herhalten. Das quälende Gefühl, als Verlierer dazustehen, konnte nur kompensiert werden durch die Flucht nach vorn, in den Größenwahn. Von Anfang an spukte in den Köpfen der Nationalsozialisten das Phantasma der Weltherrschaft. Insofern waren ihre Ziele grenzenlos und nicht verhandelbar; sie waren in diesem Sinn nicht nur irreal, sondern unpolitisch. Kein Blick auf die Weltkarte konnte Hitler und seine Anhänger davon überzeugen, dass der Kampf eines kleinen mitteleuropäischen Landes gegen den Rest der Welt chancenlos war. Im Gegenteil. Der radikale Verlierer kennt keine Konfliktlösung, keinen Kompromiss, der ihn in ein normales Interessengeflecht verwickeln und seine destruktive Energie entschärfen könnte. Je aussichtsloser sein Projekt, desto fanatischer hält er an ihm fest. Die Vermutung liegt nahe, dass es Hitler und seiner Gefolgschaft nicht darum ging zu siegen, sondern den eigenen Verliererstatus zu radikalisieren und zu verewigen. Zwar entlud sich die angestaute Wut in einem beispiellosen Vernichtungskrieg gegen alle anderen, die sie für ihre eigenen Niederlagen haftbar machten. Zuerst galt es, die Juden und die Gegner von 1919 zu vernichten, aber es lag ihnen völlig fern, die Deutschen zu verschonen. Ihr eigentliches Ziel war nicht der Sieg, sondern die Ausrottung, der Untergang, der kollektive Selbstmord, das Ende mit Schrecken. Eine andere Erklärung dafür, dass die Deutschen im Zweiten Weltkrieg bis zum letzten Berliner Trümmerhaufen gekämpft haben, gibt es nicht. Hitler selbst hat diese Diagnose bestätigt, indem er sagte, das deutsche Volk habe nicht verdient zu überleben. Unter ungeheuren Opfern hat er erreicht, was er wollte: Er hat verloren. Die Juden, die Polen, die Russen, die Deutschen und alle anderen aber gibt es immer noch.
Doch auch der radikale Verlierer ist nicht verschwunden. Er ist nach wie vor unter uns. Das ist unvermeidlich. Auf allen Kontinenten stehen Führungskräfte bereit, die ihn willkommen heißen, nur dass es sich heute in den seltensten Fällen um staatliche Akteure handelt. Auch auf diesem Gebiet ist die Privatisierung weit fortgeschritten. Obwohl es immer noch die Regierungen sind, die über das höchste Ausrottungspotential verfügen, ist die herkömmliche Staatskriminalität auf allen Kontinenten in die Defensive geraten.
Im Weltmaßstab sind bisher die wenigsten Verlierer-Kollektive tätig, auch wenn sie auf internationale Geldströme und Waffenlieferanten zählen können. Dafür wimmelt es vor lokalen Haufen, deren Chefs als Warlords oder Guerillaführer bezeichnet werden. Ihre selbst- ernannten Milizen und paramilitärischen Banden schmücken sich gern mit dem Titel einer Befreiungsorganisation oder mit anderen revolutionären Attributen. Es gibt Medien, die sie als Rebellen bezeichnen, ein Euphemismus, der ihnen schmeicheln dürfte. "Leuchtender Pfad", MLC, RCD, SPLA, ELA, LTTE, LRA, FNL, IRA, LIT, KACH, DHKP, FSLN, UVF, JKLF, ELN, FARC, PLF, GSPC, MILF, NPA, PKK, MODEL, JI, NPA, AUC, CPNML, UDA, GIA, RUF, LVF, SNM, ETA, NLA, PFLP, SPM, LET, ONLF, SSDF, PIJ, JEM, SLA, ANO, SPLMA, RAF, AUM, PGA, ADF, IBDA, ULFA, PLFM, ULFBV, ISYF, LURD, KLO, UPDS, NLFT, ATTF ... - "links" oder "rechts", Jacke wie Hose. Jeder dieser bewaffneten Haufen bezeichnet sich als Armee, brüstet sich mit Brigaden und Kommandos, sucht sich mit bürokratischen Kommuniqués und großspurigen Bekennerschreiben wichtig zu machen und geriert sich als Stellvertreter irgendwelcher Massen. Da sie als radikale Verlierer von der Wertlosigkeit ihres eigenen Lebens überzeugt sind, ist ihnen auch das aller anderen gleichgültig; jede Rücksicht auf das Überleben ist ihnen fremd. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um ihre Gegner, ihre Anhänger oder um Unbeteiligte handelt. Sie entführen und töten mit Vorliebe Leute, die versuchen, das Elend der Region, die sie terrorisieren, zu lindern, erschießen Helfer und Ärzte und brennen
die letzte Klinik nieder, die dort, wo sie hausen, noch über ein Bett und ein Skalpell verfügt; denn es fällt ihnen schwer, zwischen Verstümmelung und Selbstverstümmelung zu unterscheiden.
Keine dieser Meuten hat jedoch mit der Globalisierung Schritt halten können. Das liegt, sofern es sich um die ideologische Ausbeutung nationaler oder ethnischer Konflikte handelt, in der Natur der Sache. Doch seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion haben auch Gruppierungen, die sich auf die Tradition des Internationalismus berufen, die propagandistische und logistische Unterstützung durch eine Supermacht eingebüßt. Sie haben unter dem Druck des weltweit operierenden Kapitals ihre Welteroberungsphantasien aufgegeben und nehmen bloß noch für sich in Anspruch, die Interessen ihrer lokalen Klientel zu verteidigen.
Seitdem existiert nur noch eine einzige gewaltbereite Bewegung, die in der Lage ist, global vorzugehen. Das ist der Islamismus. Er unternimmt den großangelegten Versuch, die religiöse Energie einer Weltreligion abzuschöpfen, die mit etwa 1,3 Milliarden Gläubigen nicht nur nach wie vor höchst lebendig ist, sondern auch, schon aus demografischen Gründen, auf allen Kontinenten expandiert. Obwohl diese Umma in sich vielfach gespalten und durch nationale und soziale Konflikte zerrüttet ist, stellt die Ideologie des Islamismus ein ideales Mittel zur Mobilisierung radikaler Verlierer dar, weil es ihr gelingt, religiöse, politische und soziale Beweggründe zu amalgamieren.
Erfolgversprechend ist auch das Organisationsmodell dieser Bewegung. Sie hat vom strikten Zentralismus früherer Banden Abschied genommen und das allwissende und allmächtige Zentralkomitee durch ein flexibles Netzwerk ersetzt: eine höchst originelle Innovation, die ganz auf der Höhe der Zeit ist.
Ansonsten bedient sie sich jedoch gern aus dem Arsenal ihrer Vorgänger. Oft wird übersehen, dass der moderne Terrorismus eine europäische Erfindung aus dem 19. Jahrhundert ist. Seine wichtigsten Ahnen stammen aus dem zaristischen Russland, doch auch in Westeuropa kann er auf eine lange Tradition zurückblicken. Inspirierend hat in neuerer Zeit besonders der linksradikale Terror aus den siebziger Jahren gewirkt. Die Islamisten haben ihm zahlreiche Symbole und Techniken zu verdanken. Der Stil ihrer Verlautbarungen, der Gebrauch von Videoaufzeichnungen, die emblematische Bedeutung der Kalaschnikow, sogar Mimik, Körpersprache und Kostüm, das alles zeigt, wie viel sie von diesen westlichen Vorbildern gelernt haben. Unverkennbar sind auch andere Ähnlichkeiten, wie die Fixierung auf schriftliche Autoritäten. Der Koran tritt an die Stelle von Marx und Lenin, und statt auf Gramsci beruft man sich auf Sajjid Kutb. Als revolutionäres Subjekt dient nicht mehr das Weltproletariat, sondern die Umma, als Avantgarde und selbsternannter Stellvertreter der Massen nicht die Partei, sondern das weitverzweigte konspirative Netzwerk der islamistischen Krieger. Die Bewegung kann zwar an ältere rhetorische Formen anknüpfen, die Außenstehenden als hochtrabend oder großmäulig erscheinen mögen; viele ihrer fixen Ideen verdankt sie jedoch dem kommunistischen Feind: Die Geschichte folgt eisernen Gesetzen, der Sieg ist unvermeidlich, überall gilt es, Abweichler und Verräter zu entlarven, die in gut leninistischer Tradition mit rituellen Beschimpfungen überhäuft werden.
Auch die Liste der bevorzugten Gegner bietet keine Überraschungen: Amerika, der dekadente Westen, das internationale Kapital, der Zionismus. Sie wird ergänzt durch die Ungläubigen, das heißt, durch die restlichen 5,2 Milliarden Menschen auf der Erde. Hinzu kommen die abtrünnigen Muslime, die wahlweise unter Schiiten, Ibaditen, Aleviten, Seiditen, Ahmadija, Wahhabiten, Drusen, Sufis, Charidschiten, Ismailiten und anderen Glaubensrichtungen zu finden sind.
III. DAS SPEKTAKEL
In einer Hinsicht aber sind die Islamisten zweifellos Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts. In ihrem Medienverständnis sind sie ihren Vorgängern weit voraus. Zwar haben sich schon frühere Jünger des Terrors auf die "Propaganda durch die Tat" verlassen, doch die weltweite Aufmerksamkeit, die eine nebulöse Gruppierung wie al-Qaida heute erzielt, war ihnen nicht vergönnt. Geschult durch Fernsehen, Computertechnik, Internet und Reklame, erreicht der islamistische Terror höhere Einschaltquoten als jede Fußballweltmeisterschaft. Die Massaker, auf die es ihm ankommt, inszeniert er als gelehriger Schüler Hollywoods, nach dem Vorbild des Katastrophenfilms, des Splatter-Movies und des Science-Fiction-Thrillers. Auch darin zeigt sich seine Abhängigkeit vom verhassten Westen. Die Société du spectacle, wie sie einst die Situationisten beschrieben haben, kommt in seinen medialen Produktionen zu sich selbst.
Noch folgenreicher ist jedoch der strategische Einsatz des Selbstmordattentats, einer unschlagbaren Waffe, die von keinem Aufklärungssatelliten erfasst und praktisch überall eingesetzt werden kann. Sie ist außerdem äußerst kostengünstig. Nicht genug mit diesen Vorzügen, übt diese Form des Terrors auf den radikalen Verlierer eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Sie beschert ihm die Fusion von Zerstörung und Selbstzerstörung und erlaubt es ihm, seine Größenphantasien ebenso auszuagieren wie seinen Selbsthass. Feigheit ist das Letzte, was ihm vorgeworfen werden kann. Der Mut, der ihn auszeichnet, ist der Mut der Verzweiflung. Sein Triumph besteht darin, dass man ihn weder bekämpfen noch bestrafen kann, denn das besorgt er selbst.
Dass die destruktive Energie der islamistischen Aktionen sich, anders als der Westen zu glauben scheint, überwiegend gegen die Muslime richtet, ist kein taktischer Fehler und kein "Kollateralschaden". Allein in Algerien hat ihr Terror mindestens 50 000 einheimischen Mitbürgern das Leben gekostet; andere Quellen sprechen von bis zu 150 000 Morden, an denen allerdings auch das Militär und die Geheimdienste beteiligt waren. Auch im Irak und in Afghanistan übersteigt die Zahl der muslimischen Opfer die der Fremden bei weitem. Darüber hinaus hat der Terror nicht nur das Ansehen des Islam, sondern auch die Lebensbedingungen seiner Anhänger in aller Welt schwer beschädigt. Das stört die Islamisten ebenso wenig wie die Nationalsozialisten der Untergang Deutschlands. Als Avantgardisten des Todes liegt es ihnen fern, auf das Leben ihrer Glaubensbrüder Rücksicht zu nehmen. Dass die meisten Muslime keine Lust haben, sich und andere in die Luft zu sprengen, zeigt in den Augen der Islamisten nur, dass sie nichts Besseres verdient haben, als selber liquidiert zu werden. Das Ziel des radikalen Verlierers besteht ja gerade darin, möglichst viele andere zu Verlierern zu machen. Dass die Islamisten in der Minderheit sind, kann in ihren Augen nur daran liegen, dass sie Auserwählte sind.
Die Frage, wie es kommt, dass die islamistische Bewegung mit ihren Verheißungen so viele Täter rekrutieren und alle säkularen Konkurrenten aus dem Feld schlagen konnte, beschäftigt nicht nur Experten aus aller Welt. Eine eindeutige Antwort ist nicht in Sicht. Klar ist nur, dass es dafür Gründe in der Geschichte der arabischen Zivilisation geben muss, aus der die Weltregion des Islam hervorgegangen ist. Ihre höchste Blüte hat sie zur Zeit des Kalifats erreicht. Damals war sie Europa militärisch, ökonomisch und kulturell weit überlegen. Diese Epoche, die achthundert Jahre zurückliegt, wird in der arabischen Welt verklärt; sie spielt in ihrem Bewusstsein heute noch eine zentrale Rolle. Seitdem ist ihre Macht, ihr Prestige, ihr kulturelles und ökonomisches Gewicht kontinuierlich gesunken. Ein so beispielloser Absturz stellt ein Rätsel dar und löst bis heute einen empfindlichen Phantomschmerz aus. Der aus Indien stammende muslimische Dichter Hussein Hali (1837 bis 1914) hat ihm in seinem Versepos "Ebbe und Flut des Islam" Ausdruck verliehen:
"Die Historiker, die heute Forschung treiben
und deren wissenschaftliche Methoden großartig sind,
die die Archive der Welt ausloten
und die Oberfläche der Erde ergründen -
die Araber haben ihr Herz angefeuert,
von den Arabern haben sie die rasche Gangart gelernt."
Von diesem Hochplateau aus schildert Hali den Abstieg durch die Zeiten, in mehreren Strophen, von denen die letzte lautet:
"Wir sind weder vertrauenswürdige Regierungsbeamte
noch stolz gegenüber Hofleuten,
weder verdienen wir Achtung in den Wissenschaften,
noch sind wir in Handwerk und Industrie ausgezeichnet."
Es ist nicht ganz leicht, sich in die Lage eines Kollektivs zu versetzen, das einen derartigen, sich über Jahrhunderte hinziehenden Niedergang erlebt hat. Kein Wunder, dass dafür eine feindselige Außenwelt in Gestalt der Spanier, der Kreuzzügler, der Mongolen, der Osmanen, der europäischen Kolonialmächte und des amerikanischen Imperiums verantwortlich gemacht wird. Doch haben andere Gesellschaften wie die indische, die chinesische oder die koreanische nicht weniger unter der Herrschaft von Invasoren und unter den Übergriffen und Beutezügen fremder Mächte gelitten. Dennoch haben sie sich den Herausforderungen der Moderne erfolgreich gestellt und sind zu wichtigen Akteuren im planetarischen Maßstab aufgestiegen. Unabweisbar stellt sich somit die Frage nach den endogenen Ursachen des arabischen Niedergangs. Solange sie nicht beantwortet ist, bleibt der enorme wissenschaftliche, technische und industrielle Rückstand der arabischen Welt unerklärt und unerklärlich.
Als schwere narzisstische Kränkung wird nicht nur die militärische Unterlegenheit gegenüber dem Westen empfunden. Viel schlimmer wirkt sich die intellektuelle und materielle Abhängigkeit aus. In den letzten vierhundert Jahren haben die Araber keine nennenswerte Erfindung hervorgebracht. Rudolph Chimelli zitiert einen irakischen Autor mit dem Satz: "Hätte ein Araber im 18. Jahrhundert die Dampfmaschine erfunden, sie wäre nie gebaut worden." Kein Historiker wird ihm widersprechen. Alles, worauf das tägliche Leben im Maghreb und im Nahen Osten angewiesen ist, jeder Kühlschrank, jedes Telefon, jede Steckdose, jeder Schraubenzieher, von Erzeugnissen der Hochtechnologie ganz zu schweigen, stellt daher für jeden Araber, der einen Gedanken fassen kann, eine stumme Demütigung dar. Selbst die parasitären Ölstaaten, die von ihrer Grundrente zehren, müssen ihre Technik aus dem Ausland beziehen; ohne westliche Geologen, Bohr- und Verfahrenstechniker, Tankerflotten und Raffinerien wären sie nicht einmal in der Lage, ihre eigenen Ressourcen auszubeuten. Insofern ist selbst ihr Reichtum ein Fluch, der sie ständig an ihre Abhängigkeit erinnert. Ohne die Einnahmen aus dem Rohöl fällt die ökonomische Leistung der gesamten arabischen Welt heute weniger ins Gewicht als die eines einzigen finnischen Telefonkonzerns.
Ebenso unproduktiv hat sich die arabische Welt gezeigt, was ihre politischen Institutionen betrifft. Die importierten Formen des Nationalismus und des Sozialismus sind überall gescheitert, und demokratische Regungen werden gewöhnlich schon im Keim erstickt. Selbstverständlich können solche pauschalen Feststellungen nur auf die Verfassung des Ganzen zielen. Sie sagen nichts über die individuellen Fähigkeiten aus, die überall auf der Welt der genetischen Normalverteilung unterliegen. Wer jedoch selbständige Gedanken äußert, bringt sich in vielen arabischen Ländern in Lebensgefahr. Deshalb leben viele der besten Wissenschaftler, Techniker, Schriftsteller und politischen Denker im Exil, ein Brain Drain, der mit der Vertreibung jüdischer Eliten aus Deutschland in den dreißiger Jahren durchaus vergleichbar ist und ähnlich weitreichende Folgen haben dürfte.
Die Methoden der Unterdrückung, die in den arabischen Staaten üblich sind, können zwar auf die Traditionen der orientalischen Despotie zurückgreifen, doch auch in dieser Beziehung haben sich die Ungläubigen als unentbehrliche Lehrmeister erwiesen. Sie haben von der Maschinenpistole bis zum Giftgas sämtliche Waffen erfunden und exportiert, die in der arabisch-islamischen Welt zur Anwendung kamen. Auch die Methoden der GPU und der Gestapo haben die Machthaber studiert und übernommen. Natürlich kommt auch der islamistische Terror nicht ohne diese Anleihen aus. Alle seine technischen Mittel, vom Sprengstoff bis zum Satellitentelefon, vom Flugzeug bis zur Fernsehkamera, stammen aus dem verhassten Westen.
Dass eine derartig umfassende Abhängigkeit als schwer erträglich empfunden wird, leuchtet ein. Besonders bei den entwurzelten Migranten führt die Konfrontation mit der westlichen Zivilisation, unabhängig von ihrer ökonomischen Lage, zu einem dauerhaften Kulturschock. Der scheinbare Überfluss an Waren, Meinungen, ökonomischen und sexuellen Optionen führt zum Double Bind von Attraktion und Abstoßung, und die fortwährende Erinnerung an den Rückstand der eigenen Zivilisation wird unerträglich. Die Folgen für das eigene Selbstwertgefühl liegen ebenso auf der Hand wie der Drang, sie durch Verschwörungstheorien und Racheakte zu kompensieren. In dieser Lage stellt das Angebot der Islamisten, andere für das eigene Versagen zu bestrafen, für viele Menschen eine unwiderstehliche Versuchung dar.
An Lösungen für das Dilemma der arabischen Welt ist der Islamismus nicht interessiert; er erschöpft sich in der Negation. Es handelt sich um eine im strengen Sinn unpolitische Bewegung, da sie keinerlei verhandelbare Forderungen erhebt. Im Klartext wünscht sie, dass die Mehrheit der Bewohner des Planeten, die aus Ungläubigen und Abtrünnigen besteht, kapitulieren oder umgebracht werden soll.
Dieser brennende Wunsch ist unerfüllbar. Gewiss reicht die destruktive Energie der radikalen Verlierer aus, um Tausende, vielleicht Zehntausende von Unbeteiligten umzubringen und die Zivilisation, der sie den Kampf angesagt haben, nachhaltig zu beschädigen. Ein Indiz für die Wirkung, die ein paar Dutzend lebender Bomben erzielen können, sind die alltäglichen Kontrollen, an die sich die Welt gewöhnt hat.
Das ist allerdings der geringste der Zivilisationsverluste, die der Terror zur Folge hat. Er kann ein allgemeines Klima der Angst erzeugen und panische Gegenreaktionen auslösen. Er steigert Macht und Einfluss der politischen Polizei, der Geheimdienste, der Rüstungsindustrie und der privaten Sicherheitsanbieter, fördert die Verabschiedung immer repressiverer Gesetze und führt zum Verlust historisch erkämpfter Freiheitsrechte. Es bedarf keiner Verschwörungstheorien, um einzusehen, dass es Leute gibt, denen diese Folgen des Terrors durchaus willkommen sind. Es geht nichts über einen Außenfeind, auf dessen Existenz die Apparate der Überwachung und der Repression sich berufen können. Am Beispiel der russischen Innenpolitik zeigt sich, wohin das führt.
Dies alles kann der Islamismus als Erfolg verbuchen. Es ändert jedoch nichts an den tatsächlichen Machtverhältnissen. Selbst der spektakuläre Angriff auf das World Trade Center konnte die Vormachtstellung der Vereinigten Staaten nicht erschüttern; die New Yorker Börse hat ihre Arbeit bereits am Montag nach dem Angriff wieder aufgenommen; die langfristigen Auswirkungen auf das internationale Finanzsystem und auf den Welthandel waren minimal.
Dagegen sind die Konsequenzen für die arabischen Gesellschaften fatal. Denn die langfristig verheerendsten Folgen wird nicht der Westen zu tragen haben, sondern jene Weltregion, in deren Namen der Islamismus agiert. Nicht nur Flüchtlinge, Asylsuchende und Migranten werden darunter zu leiden haben. Ganze Völker werden durch die Aktionen ihrer selbsternannten Stellvertreter, jenseits aller Gerechtigkeit, einen immensen Preis bezahlen müssen. Die Vorstellung, dass der Terror ihre Zukunftsaussichten, die ohnehin schlecht genug sind, verbessern könnte, ist absurd. Die Geschichte kennt kein Beispiel dafür, dass regredierende Gesellschaften, die ihr eigenes produktives Potential abwürgen, auf die Dauer überlebensfähig sein könnten.
Das Projekt der radikalen Verlierer besteht darin, wie derzeit im Irak und in Afghanistan, den Selbstmord einer ganzen Zivilisation zu organisieren. Dass es ihnen gelingen könnte, ihren Todeskult grenzenlos zu verallgemeinern, ist allerdings nicht wahrscheinlich. Ihre Anschläge stellen ein permanentes Hintergrundrisiko dar, wie der alltägliche Unfalltod auf den Straßen, an den wir uns gewöhnt haben.
Damit wird eine Weltgesellschaft, die fortwährend neue Verlierer produziert, leben müssen.
Hans Magnus Enzensberger
ist der Inbegriff literarischer Zeitgenossenschaft. Es gibt kaum einen wirkungsmächtigeren und beweglicheren Schriftsteller in der deutschen Nachkriegsgeschichte als Enzensberger, 75, der bereits 1957 mit seinem Lyrik-Debüt "verteidigung der wölfe" Furore machte und 1963 mit dem Büchner-Preis geehrt wurde. Er schrieb Romane, Film-Drehbücher, Dramen, er lieferte Libretti, Hörspiele, Kinderbücher und immer wieder Gedichte, die sich, luzide oder polemisch, als Kommentare auf die Zeit lesen ließen. Auch mit den von ihm gegründeten und geleiteten Periodika "Kursbuch" und "Transatlantik" bestimmte er oft genug den intellektuellen Pulsschlag der Republik. Seine Bücherreihe "Die Andere Bibliothek" hat dem Publikum Entlegenes, Verkanntes und Vergangenes neu zugänglich gemacht, wie im letzten Jahr Alexander von Humboldts "Kosmos" (SPIEGEL 38/2004).
Immer wieder hat sich der in München lebende Autor mit großen Essays in die Debatten der Zeit eingemischt. Dabei hat er es stets vermieden, sich für bestimmte Gruppen oder Richtungen auf Dauer reklamieren zu lassen, auch in den unruhigen sechziger Jahren nicht. Eine seiner berühmtesten Gedichtzeilen lautet: "ich bin keiner von uns!"
Über die letzten Jahrzehnte hinweg ist Enzensberger der große, nonkonformistische Denker geblieben, zu dessen Methoden es stets gehörte, immer wieder ganz neu anzusetzen und selbst den abgegriffensten Gegenständen überraschende Einsichten abzugewinnen.
In dem nachstehend abgedruckten Essay für den SPIEGEL nimmt sich Enzensberger eines Phänomens an, das wohl zu den erklärungslosesten und bedrückendsten Phänomenen des neuen Millenniums gehört - dem Selbstmordattentäter, der in den Metropolen des Westens genauso Terror und Angst verbreitet wie im Nahen Osten, in Russland oder in Südostasien.
Nicht erst seit den Anschlägen auf die Türme des World Trade Center suchen Politologen, Soziologen oder Psychologen vergebens nach Grundmustern. Weder Armut noch die Erfahrung politischer Unterdrückung allein scheint hinreichende Erklärungen dafür zu liefern, warum junge Menschen im grandiosen blutigen Finale den Tod suchen und darauf aus sind, dabei so viele Menschen wie möglich mit sich zu reißen. Gibt es einen Phänotyp, der durch die Geschichte und alle Klassen und Kulturen hindurch die gleichen Merkmale aufweist?
Von Hans Magnus Enzensberger

DER SPIEGEL 45/2005
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