17.01.1972

KRIMINALITÄTMao im Paß

Ein roter Alfa Romeo und Fingerabdrücke eines Studenten sind Indizien, die auf Zusammenhänge zwischen einem Bankraub mit Polizistenmord in Kaiserslautern und der Baader-Meinhof-Gruppe deuten.
Heinz Schwarz, 43, seit acht Monaten Innenminister von Rheinland-Pfalz, weiß es genau: Den Bankraub von Kaiserslautern am 22. Dezember. bei dem vier Täter einen Polizisten erschossen und 133 986,82 Mark erbeuteten, "hat mit größter Wahrscheinlichkeit die Baader-Meinhof-Bande begangen".
Erwin Denger, 57, der ermittelnde Oberstaatsanwalt in Kaiserslautern, weiß nur dies: "Man kann sich, wenn man eine lebhafte Phantasie hat, etwas zusammenbasteln -- aber das ist nicht mein Gewerbe,"
Weder Denger ("Wir können nicht mit Vermutungen arbeiten -- ich bin es gewohnt, mit Tatsachen umzugehen") noch die Sicherungsgruppe des Bundeskriminalamts ("Was Herr Schwarz sagt, ist uns zu gewagt"). weder die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe ("Kein konkreter Anhaltspunkt") noch der Chef des rheinland-pfälzischen Landeskriminalamtes, Karl Büttner ("Ich hin noch nicht so sicher"), wollen recht glauben, was der Mainzer Minister in Sachen Baader-Meinhof und Banküberfall zu wissen vorgibt: "Ich habe das zu gegebener Zeit zu belegen, nicht heute."
Was immer der Minister wissen mag, den Kriminalisten waren bis zur letzten Woche offenbar keine Belege dafür zugänglich, daß "die" Baader-Meinhof-Gruppe am Werk war -- unter anderem schon deshalb, weil es unter Strafverfolgern keine einheitliche Auffassung darüber gibt, was als Baader-Meinhof-Gruppe zu definieren wäre. Hingegen verfügten die Kriminalisten über Indizien sowie "bisher nicht gesicherte Erkenntnisse" (Schwarz), die auf Zusammenhänge zwischen Polizisten-Erschießung in Kaiserslautern und dem roten Kader um Ulrike Meinhof schließen lassen.
Kriminalistisch gesichert war bis Ende letzter Woche dies: Am 18. Dezember hatte sich bei dem Kaiserslauterer Architekten Folker Fiebiger, Almenweg 7, ein "Michael Schütz aus Düsseldorf, Hansastraße 82" gemeldet und eine "komf. Appartement-Leerwohnung, Atelierstil, in bester Wohnlage Kaiserslauterns ab sofort" gemietet -- das Reihenhaus Almenweg 7 E.
* Im Almenweg.
Am 22. Dezember, kurz nach 8 Uhr, parkten Unbekannte einen grauen VW 1300 (gestohlenes Kennzeichen; HOM -- A 197) und einen roten Alfa Romeo 1750 Berlina (gestohlenes Kennzeichen: ZW -- D 596) vor den beiden Einfahrten zum Gendarmeriegebäude in der Lauterstraße 8 zu Kaiserslautern, um das Ausrücken von Funkstreifenwagen zu verzögern.
Um 8.05 Uhr fuhr in der Fackelstraße ein weinroter Volkswagenbus (gestohlenes Kennzeichen: NK -- N 728) in Höhe der Bayerischen Hypotheken- und Wechsel-Bank trotz eines Halteverbotsschildes mit den rechten Rädern auf den Gehweg und stoppte. Zwei Männer und eine Frau, 20 bis 28 Jahre alt, bekleidet mit olivgrünen Parkers und dunkelblauen Pudelmützen, stürmten die Bank: "Überfall -- alles an die Wand -- Hände über den Kopf."
Zur gleichen Zeit fiel dem Polizeiobermeister Herbert Schoner, 32, der einen Angestellten der pfälzischen Regierungskasse zu Fuß bei einem Geldtransport begleitete, in der Fackelstraße der falsch parkende VW-Bus auf. Als er auf den Wagen zuging, setzte der Bus plötzlich zurück und riß ein Halteverbotsschild um, fuhr dann ein Stück nach vorne und wieder retour. Als Schoner zur Wagentür trat, feuerte der Fahrer mehrere Schüsse durchs rechte Seitenfenster auf ihn ab.
Der Beamte lief in die Bank, um Hilfe zu holen. Noch unter der Eingangstür wurde er von zwei Schüssen der Bankräuber tödlich getroffen. Sie rafften Geldscheine in fünf verschiedenen Währungen zusammen und flüchteten in dem VW-Bus, den zwei Männer und eine Frau um 8.15 Uhr in der Eierstraße, der Fahrer in der Mozartstraße verließen. Dort verlor sich die Spur der Täter.
Ein erster Hinweis darauf, daß die Baader-Meinhof-Gruppe beteiligt gewesen sein könnte, war durch ·den Alfa Romeo gegeben, den die Gendarmeriebeamten um 8.15 Uhr vor ihrer Ausfahrt entdeckt hatten. Denn noch am selben Tag stellte die Polizei fest, daß dieses Auto, das eine Versicherungsgesellschaft wegen Zahlungsunfähigkeit des Käufers beim Kilometerstand 800 übernommen hatte, im Februar 1971 aus der Sophiengarage in Stuttgart gestohlen worden war.
Nach dem Wagen wurde gefahndet, seit die Polizei in Notizen von Baader-Meinhof-Mitglied Astrid Proll die Konstanzer Original-Kfz-Nummer (KN -- CV 101) gefunden hatte. Außerdem waren von der Berliner Polizei Waffenpakete mit gefälschten Kraftfahrzeugbriefen für dieses Auto (Fahrgestell-Nummer: AR 1766786) abgefangen worden -- bestimmt für die Baader-Meinhof-Gruppe.
Heißer noch wurden die Spuren nach Weihnachten, als Architekt Fiebiger mit seinem neuen Mieter "Schütz" den Mietvertrag machen wollte: Am 28. Dezember erzählte der Hausvermieter der Kripo, er habe den Bungalow am Vortag "offen und verlassen vorgefunden".
Die Kaiserslauterer Sonderkommission, die bereits in dem verlassenen Flucht-VW eine Pudelmütze und einen sogenannten Krähenfuß gefunden hatte. entdeckte im Almenweg 7 E eine gleiche Mütze und "Material zur Herstellung von Krähenfüßen" (Denger), mit denen die Reifen von Verfolger-Autos zerstört werden sollen. In der Diele der leeren Wohnung standen acht Plastikbeutel mit Abfällen; im Obergeschoß fand die Kripo drei provisorische Schlafgelegenheiten. "Zweifelsfreie Erkenntnis" der Schwarz-Fahnder auf Grund von Fingerabdrücken: "In dem Bungalow hat sich nach dem 18. 12. mit anderen der Student Klaus Jünschke. geb. 6.9.47 in Mannheim. aufgehalten." Gegen ihn wurde Haftbefehl erlassen.
Mit Jünschke hatten die Fahnder -- neben dem roten Alfa -- einen zweiten Hinweis auf mögliche Verbindungen zur Baader-Meinhof-Gruppe. Der Psychologie-Student im 7. Semester war Mitglied des Heidelberger "Sozialistischen Patienten-Kollektivs" (SPK) gewesen, das sich im letzten Sommer, nach einer Polizei-Aktion gegen seine führenden Mitglieder, selbst aufgelöst hatte (SPIEGEL 33/1971).
Daß zwischen dem "inneren Kreis" des SPK um den Arzt Dr. Wolfgang Huber und der Baader-Meinhof-Gruppe Verbindungen bestanden, ist nach Ansicht des leitenden SPK-Fahnders Günter Textor "erwiesen". So waren bei einem SPK-Mitglied gefälschte Personalausweise gefunden worden, die aus einem vermuteten Baader-Meinhof-Einbruch stammen. Bei einem anderen SPKler hatten die Fahnder eine "Firebird"-Pistole entdeckt, die beim Banküberfall der Baader-Meinhof-Gruppe in Kassel benutzt worden war.
Auch Personen. die sich nach Polizeiansicht im engeren Umkreis der Baader-Meinhof-Kerntruppe (Ulrike Meinhof, Andreas Baader, Gudrun Ensslin. Holger Meins, Manfred Grashof, Jan-Carl Raspe) bewegen, tauchten in Heidelberg auf. So sind die drei Extremisten Alfred Mähländer (verhaftet), Ralf Reinders und Bernhard Braun (beide flüchtig) dringend verdächtig, am 24. Juni bei einer Pkw-Kontrolle in Wiesenbach nahe Heidelberg einen Polizisten angeschossen zu haben. Einer von ihnen entkam im Wagen des SPK-Führers Huber. in dessen Haus Materialien zur Fälschung des von Reinders am Tatort zurückgelassenen Führerscheins gefunden wurden.
Alle drei aber waren alte Kampfgenossen des kürzlich in Berlin erschossenen Georg von Rauch. Braun, Reinders und Rauch wiederum hatten schon früher gute Kontakte zu Holger Meins, der zum sechsköpfigen Baader-Meinhof-Kern gehört. Die Fingerabdrücke von Meins, Reinders und Braun wurden denn auch im November in den von der Berliner Kripo abgefangenen Waffenpaketen gefunden, deren Adressen nach Polizei-Ansicht Ulrike Meinhof selber schrieb.
Zu Holger Meins führt schließlich die Spur des ehemaligen SPK-Mitglieds Margrit Schiller, die bei der Fahndung nach einem Polizisten-Mord in Hamburg verhaftet wurde und von der Photos existieren, die sie in Heidelberg zusammen mit SPK-Jünschke zeigen.
Solch diffizile Querverbindungen stärken den Verdacht, daß auch Klaus Jünschke der Baader-Meinhof-Gruppe nahe sein könnte. Während freilich der Arzt Huber und zehn seiner Jünger in U-Haft längst auf ihren Prozeß vor dem Staatsschutzsenat beim OLG Karlsruhe warteten, reichte das gegen Jünschke vorliegende Material "zu einem Haftbefehl" zunächst nicht aus. (Textor). Immerhin war Jünschke wenige Tage vor der Huber-Verhaftung "erkennungsdienstlich behandelt" worden -- nachdem er mit einem orangefarbenen SPK-Kübelwagen in eine Verkehrskontrolle geraten war und seinen Paß vorgezeigt hatte, in dem ein Mao-Bild klebte.
Als die Südwest-Fahnder den Psychologie-Studenten im September -- nach Schüssen an der Freiburger Autobahn -- überprüfen wollten, war er verschwunden. Am 22. Oktober meldeten Jünschkes Mannheimer Eltern ihren Sohn als vermißt und erklärten, er habe "seinen Bart abgenommen und seine Haare verändert".
Erst in Kaiserslautern tauchte Jünschke -- gesicherte Erkenntnis -- wieder auf. "Bisher noch ungesicherte Erkenntnisse" des Mainzer Innenministeriums "lassen des weiteren auf die Anwesenheit von der Baader-Meinhof-Bande angehörenden Personen in Kaiserslautern zum Zeitpunkt der Tat schließen". So wollen Handwerker Ulrike Meinhof im Haus Almenweg 7 E gesehen haben.
Die Behauptung des Innenministers Schwarz, Jünschke werde "vom Bundeskriminalamt der Baader-Meinhof-Bande zugerechnet" weisen andere Eingeweihte zurück. Roland Becker. Sprecher der BKA-Sicherungsgruppe: "Das haben wir nie gesagt und hätten wir auch niemals sagen können."
Es gibt zwar laut Bundesanwaltschaft "Hinweise dafür, daß der Kaiserslauterer Banküberfall von Anarchisten ausgeführt worden ist, die Verbindungen zu Mitgliedern der von der Bundesanwaltschaft verfolgten Baader-Meinhof-Kerngruppe haben". Konkrete Anhaltspunkte dafür seien "jedoch bisher nicht gegeben".
Der Karlsruher Oberstaatsanwalt Manfred Bruns lieferte letzte Woche eine neue Version: "Vielleicht trat in Kaiserslautern eine ganz neue Gruppe auf." Bruns, der "nicht einmal sicher" ist, ob es "überhaupt noch eine Baader-Meinhof-Gruppe gibt": "Möglicherweise machen ehemalige Kernleute mit Versprengten von anderen anarchistischen Gruppen getrennt voneinander weiter."

DER SPIEGEL 4/1972
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