17.01.1972

Wohnen zwischen Schaumstoffdünen

„Daß man baut, ohne ans Wohnen zu denken“, haben Kritiker wie Alexander Mitscherlich oft beklagt. Eingekastelt in die Grundrisse ihrer Zweieinhalb- oder Vier-Zimmer-Wohnung, mußten sich westdeutsche Familien bislang mit dem Schema unverrückbarer Schrank-, Sitz- und Liegemöbel einrichten. Jetzt bieten die Möbelindustrie und Innenarchitekten -- in der Hoffnung, daß die Bauherren nachziehen -- größere Freiheit: flexibles Wohnen.
Die bullige Sitzgarnitur mit Couchtisch und die tonnenschweren "Stilmöbel" sind noch vertreten, desgleichen die Stereotruhe, "altdeutsch" und "barock".
Aber es gibt noch anderes zu sehen auf der diesjährigen Internationalen Möbelmesse in Köln, die von Dienstag dieser Woche an 1192 Hersteller aus 32 Ländern in 14 Ausstellungshallen vereint.
Zum erstenmal seit dem Sieg der Kunststoff-Küche, der Skandinavienmöbel und der Anbauschrankwände wird in der serienmäßigen Innenarchitektur ein neuer Trend deutlich: der Abschied von der guten Stube.
Unter Stichworten wie "Flexibilität", "Mobilität" und "Variabilität" sollen sich künftig auch die Konsumenten, die ihre Wohnungsausstattung von Fließbändern beziehen, vom überkommenen Wohnzimmer, Eßzimmer oder gar Herrenzimmer trennen -- und sich statt dessen eigenschöpferisch "mobile Wohnlandschaften" zusammenstellen.
Am Ende dieser Entwicklung stünde ein Wohnstil, bei dem keine festgemauerten Zwischenwände mehr die Behausung unterteilen, sondern gleichsam das Prinzip des Großraumbüros auf die private Sphäre übertragen würde: Zwischen versetzbaren Wohnwänden, Regalen und Schrankelementen, die einzelne Wohnbezirke voneinander trennen, könnten sich Menschen, ihren wachsenden Bedürfnissen entsprechend, freizügig einrichten.
Erste Modelle stellen nun die bundesdeutsche Möbelbranche -- Jahresumsatz 1971: knapp 9,5 Milliarden Mark -, aber auch ausländische Hersteller auf dem Kölner Möbel-Markt zur Schau.
32 Quadratmeter, also die gesamte Fläche eines herkömmlichen Wohnraums, überspannt die Dünen-Knautschlandschaft "Siesta"" die von der Firma Rolf Benz präsentiert wird: ein einziges überdimensionales, weich gefülltes Kunststoffkissen. 60 Millionen Kunststoffkügelchen füllen die Supermatratze (Spitzname: "Kugellager") unter einem Überzug aus Softvelours.
Die Möbelfabrik "Interlübke" zeigt ein "Sitzrefugium", das an der Technischen Hochschule in Zürich zwei Jahre lang getestet wurde: 121 Zentimeter hohe "Sitzelemente" können beliebig zu Reihen und Ecken, zu körpergerechten Wohnnischen zusammengefügt werden. Andere Designer entwarfen Wohn- und Liegelandschaften mit veränderlichen Sitz- und Schlummerhöhen -- wie etwa beim Matratzenprogramm "Dana" der schwäbischen Firma Femira.
Dazu werden vielfach sogenannte Wohntürme propagiert, in denen Phono- und Fernsehgeräte installiert sind und die, Pfeilern gleich, etwa den Eß- vom Schlafbereich isolieren. Die Elemente sind beliebig stapelbar.
Die Kölner Messe, so verkündete Dr. Manfred Thome, Vorsitzender des Verbandes der Deutschen Möbelindustrie" werde "die Veränderungen unserer Lebensgewohnheiten widerspiegeln". Aber vor allem die Bauherren und Architekten müßten nun "endlich von dem mittelalterlichen Kammersystem wegkommen", wenn sich mobiles. leicht veränderbares Wohnen durchsetzen soll.
Daß überkommene Wohnformen mit vorgegebenem, meist zu knapp bemessenem Grundriß "schöpferische Freizeitbeschäftigung" unterbinden und zur "dauernden Reduktion von Bewegungsdrang" zwingen, haben Wohn-Soziologen wie der Hamburger Norbert Schmidt-Relenberg schon seit Jahren beklagt.
Grundrisse und Ausstattung einer durchschnittlichen Mietwohnung, so der (Göttinger Soziologe Hans Paul Bahrdt, ermöglichten "gar nichts anderes als passiven Konsum". Nicht selten diktieren Architekten den Bewohnern schon die Art der Einrichtung, indem sie bereits In die Bauskizzen von Neubauwohnungen Schrankwände" Eßecke und Doppelbett einzeichnen.
"Nutzung und Möblierung werden erzwungen", konstatierte Schmidt-Relenberg" statt die Anpassung der Wohnung an sich ändernde Bedürfnisse vorzusehen, werde mit der "größten Selbstverständlichkeit die Anpassung der Nachfrager an die angebotene Form verlangt".
Aber die geforderte "Variabilität der Binnenstruktur" (so die West-Berliner Wohnforscherin Grete Meyer-Ehlers), bei der die klassischen Wohnungstypen abgeschafft und nur noch die Gesamtwohnfläche von Interesse wären, wurde nicht von den Planern etwa der großen neuen Stadtrandsiedlungen entwickelt. Vielmehr war es die absatz- und zukunftsorientierte Industrie, die jetzt den neuen Trend einleitete.
Schon seit etwa drei Jahren versprechen sich die Chemiekonzerne von der Innenausstattung einen neuen Absatzmarkt für ihre Kunststoffe. Folgerichtig beauftragten Finnen wie Bayer-Leverkusen und BASF international bekannte Designer, Wohnideen für die Zukunft zu entwickeln.
Bayer finanzierte ein Programm "Visiona", für das der italienische Designer Joe Colombo eine "Wohnmaschine". der Däne Verner Panton eine "Wohnlandschaft" und im letzten Jahr der Franzose Olivier Morgue ein "variables Wohnen im Rastersystem" entwarfen.
Die BASF beauftragte zwei deutsche Teams unter Führung der Designer Arno Votteler und Herbert Hirche, "Prognosen über das Wohnverhalten 1980" zu liefern. Die Designer kamen zu dem gleichen Schluß: Gemauerte Zwischenwände müßten durch variable Trenn-Elemente ersetzt werden.
"Zimmerwände sind überflüssig". so Votteler, "da Wohngeräte deren Funktion übernehmen." Dennoch, so meint Hirche, werde jede Person neben dem "multifunktional" zu nutzenden Gemeinschaftsbereich auch einen eigenen privaten Wohnbereich haben wollen.
Der 32jährige Franzose Morgue plante darüber hinaus noch einen Zwischenraum von 70 Zentimetern zwischen den Stockwerken, in dem alle Energie- und Versorgungsleitungen Platz fänden. Zudem können auf diese Weise Kuhlen in den Boden eingelassen und beispielsweise auch Badewannen oder Eßtische versenkt werden. All das aber, empfand Max Lanuzzi, Marketing-Experte im Votteler-Büro, könnte an der Quadratmeternot im deutschen Wohnungsbau scheitern.
Zur Vorbereitung einer "Revolution in kleinen Schritten" (so Ministerialdirigent Erhard Weiß) hat sich das Bonner Wohnungsbaumisterium immerhin bereit gefunden. Mitte dieser Woche sitzt ein prominentes Preiskomitee über Einsendungen von 52 Bau-Teams zu Gericht, die sich an einem Wettbewerb für "flexible Wohngrundrisse" beteiligt haben. Erklärtes Ziel des Preisausschreibens war, "die Starrheit im sozialen Wohnungsbau aufzuheben" und "die derzeitigen Möglichkeiten in der Praxis zu demonstrieren".
Die Teilnehmer der Ausschreibung sollten ein Projekt mit 30 bis 40 Wohnungen planen, jede mit einer Grundfläche zwischen 85 und 95 Quadratmetern" für Haushalte mit vier bis fünf Personen. Gefordert war, daß die Finanzierung sich im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus bewege und daß 1972 mit dem. Bau begonnen werden könne.
Fünf preisgekrönte Projekte aus diesem Wettbewerb sollen als Versuchsbauvorhaben des Bundes und der Länder finanziell gefördert werden -- erste Chance für Wohnlandschaften zu erschwinglichen Mieten.
Vielleicht, so befürchten manche Kritiker, sind durchschnittliche Mietbürger schon so sehr an ihr Doppelbett mit Nachtschränken, an Klubsessel und Wohnzimmerschrank gewöhnt. daß sie sich gar nicht davon trennen mögen.
Aber wenn erst die Geschmacksmedien wie "Schöner Wohnen" und "zuhause" das bewegliche Wohnen propagieren, könnten doch genug Bundesbürger -- so hoffen wenigstens die Chemiekonzerne -- das Wohnen in der Schaumstofflandschaft so schick finden wie einst Nierentische, String-Regale und Schweden-Teak.

DER SPIEGEL 4/1972
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