14.02.1972

BIATHLONFür den Krieg

Auch ein Militärspiel gehört zur Olympiade, ein Wettkampf von Soldaten mit Soldaten für Soldaten.
Strammen Schrittes spurte der finnische Skiläufer Yrjö Salpakari durch den Schnee im Forst von Makomanai. Da sichtete er einen Hirsch. Der Finne stoppte, riß das Armee-Gewehr vom Rücken und lud durch. Zwei Schüsse peitschten, der Hirsch brach in die Knie.
Der Wildfrevel im Training zum olympischen Biathlon (Langlauf und Scheibenschießen) hätte Salpakari fast die Teilnahme gekostet. Erst als er sich entschuldigt hatte, durfte er auf der 4,5-Millionen-Mark-Anlage starten. Er wurde Fünfter. Zwei Fahrkarten beim Scheibenschießen vermasselten ihm ein reguläres Halali.
"Man muß im Biathlon rhythmisch schießen, lehrte Hans-Jörg Knauthe aus Zinnwald. " Rhythmisch ist das wichtigste" Der DDR-Kämpfer verzeichnete nur einen Fehlschuß neben 19 Treffern und gewann die Silbermedaille.
Zum viertenmal seit 1960 hatten die Olympiaplaner das meist von Soldaten, Zöllnern und Polizisten betriebene Medaillen-Manöver veranstaltet. Zuvor begnügten sie sich mit Patrouillen-Läufen zur Demonstration.
So "sind wir überzeugt, daß das Biathlon ... auch für den Kriegsfall hervorragende und mit vielen sonst unbekannten Problemen vertraute Gebirgskämpfer schafft", schrieb die "Neue Zürcher Zeitung". Auf sie wäre das Land "in einem Winterkrieg in hohem Maße angewiesen".
Den Geruch von Pulver und Krieg wurden die Bi-Athleten nie recht los. Der schwedische Weltverbands-Präsident Sven Thofelt ist Oberst. Neuerdings versuchen sie den Winterkrieg als jagdliches Brauchtum auszulegen. Denn beim 20-Kilometer-Lauf mit vier Stopps an Schießständen siegt nur, wer gut trifft.
Das erkannte auch der dreimalige Olympiasieger im Langlauf, Veikko Hakulinen aus Finnland. Als 38jähriger war er hinter der Langlauf-Elite zurückgeblieben. doch der Schützengilde im Biathlon hoffte er noch weglaufen zu können. Tatsächlich erreichte er 1964 den vierten Schießstand mit fast einer Minute Vorsprung.
Hastig feuerte er seine fünf Schuß ab. Später rechnete die Jury dem siegessicheren Finnen vor: insgesamt zwölf Fehlschüsse und zwölf Minuten Zeitabzug. Hakulinen landete auf Platz 15.
Noch schmählicher erging es 1964 dem Russen Walentin Pschenitzin. Mit an der Spitze liegend, erreichte er den letzten Schießstand, legte an, schoß dreimal und traf. Als er wieder durchladen wollte, erschrak er -- die Munition war ausgegangen.
Nervös klopfte er alle Taschen ab, scharrte mit den Skibrettern im Schnee -- nichts. Der Munitions-Mangel warf den Russen auf Platz sieben zurück.
Die sechs Sowjetschützen in Sapporo sind Soldaten, so auch der Staffel-Olympiasieger von 1968, Alexander Tichonow. Fahrkarten brachten ihn um die Bronzemedaille, in der Staffel erkämpfte er Gold.
Die fünf DDR-Teilnehmer gehören der Volkspolizei an. Italiens Olympiaanwärter waren ein Soldat, ein Zöllner, ein Karabiniere und drei Polizisten.
Großbritannien entsandte sechs, Finnland vier Soldaten zum olympischen Schützenfest. Für Norwegen schossen zwei Soldaten. Die USA setzten drei Angehörige von Garnisonen in Alaska in Marsch.
Dennoch streiten Trainer und Athleten das Kriegerische ihres Kampfes ab. "Dees is a Kees", murrte auch Bundestrainer Hans Hilpert, Polizist aus Garmisch-Partenkirchen, dessen Schützlinge nur Nato-Patronen, Kaliber 7,62, verfeuern. Munitionslieferant: das Bundesverteidigungsministerium.
Hilpert verdrießt es mehr, daß in der Bundesrepublik nicht die Elite abkommandiert wird. "Wir bekommen von der Sporthilfe genug Geld und haben ausreichend Gewehre, doch dritt- und viertklassige Leute." Ein Wettkampfgeeigneter Karabiner 98 kostet bis 3000 Mark, eine Patrone 1,80 Mark. Etwa 25 Schuß täglich sind Übungs-Soll, pro Saison 6000.
In der UdSSR gibt es etwa 10 000 Biathlonkämpfer, in der DDR einige hundert, in der Bundesrepublik nur 25. Pro Saison verfeuern die Scharf schützen Munition für etwa 10 000 Mark. "Das ist nur bei der Bundeswehr möglich", erklärte Hilpert, "unsere Besten aber sind Zollbeamte." Und die schießen wenig.
Zöllner Theo Merkel hatte obendrein Pech. Am letzten Dienstag lag er bei dichtem Schneetreiben an zweiter Stelle. "Ich habe in Richtung Scheibe hingehalten und getroffen", berichtete er. Doch dann brachen die Organisatoren den Wettkampf wegen schlechter Sicht ab und setzten ihn neu an. Merkel schoß elf Fahrkarten und fiel an das Ende der Schützenliste zurück.
Die Schlumpschützen der Biathlon-Staffel erwartete eine besondere Strafe: pro Fehlschuß eine zusätzliche 200-Meter-Runde auf Ski.

DER SPIEGEL 8/1972
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