14.02.1972

DICHTERJa, Wunderbar

T. S. Eliots letzter Verfügung zum Trotz ist jetzt in London eine erste Eliot-Biographie erschienen. Sie wird als weithin „erdichtet“ umstritten.
Im Februar 1933 verwirklichte der englische Lyriker und Dramatiker Thomas Stearns Eliot (1888 bis 1965) einen "abscheulichen Traum": Auf Vortragstour in den USA beschloß er, sich von Vivienne, seiner ersten Frau, nach siebzehnjähriger Ehe zu trennen, ließ es der Ahnungslosen durch seinen Anwalt mitteilen, verweigerte beharrlich jegliche Aussprache, es sei denn in Gegenwart eines Notars, und wähnte doch, mit solcher Härte nur Gottes Willen zu folgen:
Geistliche Ratgeber hatten den frommen, sechs Jahre zuvor zum anglikanischen Glauben konvertierten Autor von "Mord im Dom" beschieden, so sei es seine Pflicht gegenüber seiner Karriere und seinem "geistlichen Leben"; Fortsetzung der Ehe mit der seelisch gestörten Vivienne (die sich über seine "mönchische" Konversion mokiert hatte) drohe sein Wirken für die Kirche zu verderben.
In dieser Enthüllung gipfelt ein Eliot"Erinnerungsbuch" des 1969 gestorbenen britischen Literaturwissenschaftlers Robert Sencourt, das erstmals Einblicke ins Privatleben des Dichters verheißt und jetzt postum beim Verlag Garnstone in London erschienen ist: "T. S. Eliot. A Memoir" (192 Seiten; 2,80 Pfund).
"Ich wünsche, daß meine Testamentsvollstrecker keinerlei Aufzeichnungen meiner Lebensgeschichte erleichtern oder begünstigen", so war es freilich T. S. Eliots letzter Wille gewesen, und daran hält sich Valerie, des Literatur-Nobelpreisträgers (1948) zweite, 1957 geheiratete Frau und Erbin bis heute. Biograph Sencourt hat von ihr Intimeres nicht erfahren können.
Über des Dichters Religions- und Eheprobleme zu berichten, war Sencourt gleichwohl qualifiziert wie nicht leicht ein anderer -- wenn wahr ist, was er schreibt. Denn er selbst, Sencourt, war es laut Buch, der den Dichter schon nach kurzer Bekanntschaft während einer gemeinsamen Kur mit den Eliots im Nervensanatorium Divonne-les-Bains (nahe Genf) zur Konversion ermutigte. Und daraus erwuchs, so abermals Sencourt, "eine tiefe Freundschaft für den Rest unseres Lebens".
Sencourts Beweisbehauptung: Der schamhafte "Tom" -- der Biograph besteht darauf, den Schriftsteller nur so, beim besitzanzeigenden Vornamen zu nennen -- habe ihn "so ziemlich als einzigen von allen Freunden" noch 1930, als Frau Viviennes Geisteskrankheit schon das Personal verscheuchte, zu Gast in die Londoner Wohnung geladen: "Vermutlich, weil ich Viviennes Leiden am tiefsten geteilt hatte."
Lady Eliot habe an Schlaflosigkeit gekrankt, sei zunehmend von Launen und Depressionen befallen worden und habe schließlich an allem, an sich selbst, an ihrer Umgebung und hauptsächlich an Eliots Kircheneifer Anstoß genommen -- das ist indes auch schon fast alles, was Sencourt aus eigenem Erleben über Eliots häusliche Wirren mitzuteilen weiß: für einen Augenzeugenbericht, wie Englands auf eine "Bresche" in Eliots Schweigemauern erpichte Kritiker konstatierten, etwas wenig.
Doch selbst dies wenige wird mittlerweile angezweifelt. Der Dichter und "Observer"-Mitarbeiter Stephen Spender befragte noch lebende "sichere" Eliot-"Vertraute". Resultat: Sie erklärten Sencourts Freundschaft zum Dichter "entschieden" für Schwindel. Und auch weitere Schlüsselbehauptungen des Biographen kollidieren, wie Spender herausfand, mit längst geläufigen Fakten der Eliot-Vita:
Sencourt könne etwa mit Eliots Übertritt zum Anglikanismus nichts zu tun gehabt haben; des Schriftstellers Konversion vom Unitarier zum Verehrer fernöstlicher Religionsweisheit und schließlich zum englischen Katholiken war ein jahrelanger Prozeß. Autor Sencourt traf seinen Helden nach eigenem Bekunden aber erst zwei Wochen vor dessen offizieller Aufnahme in Britanniens Staatskirche.
Wahr ist allerdings: Unermüdlich hat sich Sencourt um Eliots Bekanntschaft gemüht; nur, der Schriftsteller ging dem Lästigen ebenso unermüdlich aus dem Weg; so auch, wie Spender in Erfahrung brachte, in Marokko, wo Eliot seinem künftigen Biographen in einem "köstlichen Palais, wo ich Staatsgast war", aufgewartet haben soll.
Um so mehr verblüfft allerdings, im Vorspann des Buches, eine seitenlange Aufzählung stattlicher Informanten -- unter ihnen der Erzbischof von York, Sencourt zufolge einer der geistlichen Ratgeber Eliots. Der Bischof aber, berichtete nun Spender, "erschauderte" schon bei dem Gedanken, unter Sencourts Kronzeugen zu figurieren. Und die Prinzessin de Rachewiltz erinnerte sich "mit Entsetzen" des Gesprächs, das ihr Sencourt durch "Verfolgungsjagd per Post und Telephon" abgetrotzt hatte: "Als hätte mich ein Käfer interviewt."
Immerhin, eine von Sencourts Indiskretionen ist gewiß nicht erdichtet: Vivienne Eliots Geistesleiden. Als eine "Invalide, die immerfort Zusammenbrüche hat", so hatte schon Ezra Pound, Eliots furioser Mentor, sie geschildert.
Es mag sich darum auch eine anschauliche Vivienne-Szene des Buches wirklich so abgespielt haben, wie sie ein anonymer Zeuge miterlebt haben soll: Außer sich über des Dichters Beschluß. ohne sie nach Amerika zu reisen, habe Frau Eliot ihre Halskette zerrissen, die Perlen auf den Boden geschleudert und behauptet, es seien Tiere, die Ehemann Eliot in den Stall zurücktreiben müsse.
Vor allem: Selbstzeugnisse von Viviennes Nervenqualen finden sich zumindest spurenweise auch in einem literarhistorisch unschätzbaren Eliot-Dokument, das als verschollen galt und im vergangenen Herbst erst von Valerie Eliot (in luxuriösem Faksimile) publiziert wurde: das Urmanuskript von "The Waste Land", dem berühmten. weil einflußmächtigsten modernen Gedichtzyklus, in dem der Kulturpessimist Eliot 1922, während seines ersten Aufenthalts in einem Nervensanatorium, die "Verödung" der europäischen Kultur dargestellt hatte: in assoziativ gereihten Bild-, Dialog- und Zitatfetzen etwa aus Wagner, Baudelaire und Dante.
Eliot hatte das Manuskript, um ein Zubrot zu verdienen, für 140 Dollar an den New Yorker Künstleragenten John Quinn verkauft. Ohne Eliot zu informieren, hatte es dann eine Quinn-Nichte weiterveräußert an New Yorks "Public Library". Und die wiederum hatte es erst 1965 zur Veröffentlichung hergegeben.
Den Hauptreiz des Dokuments hilden zwar die handschriftlichen, vom Dichter samt und sonders akzeptierten Abwandlungs- und Kürzungsvorschläge Ezra Pounds. Von ursprünglich an die tausend Eliot-Versen hatte er nur 433 gelten lassen. Ausgekämmt hatte er vor allem, was ihm erotisch zu weit ("over the mark") ging -- alle Eliot-Zeilen etwa, in denen "gespuckt", "uriniert" oder gar "auf dem Stuhl der Notdurft Erleichterung" gesucht wird.
Aber auch Ehefrau Vivienne, das zeigt nun der Faksimile-Druck, half ihres Gatten Verse zu glätten und erfand sogar eigene wie: "Wozu Ehe, wenn du keine Kinder willst." Bezaubert las sie jedoch die Zeile über ihre Krankheit: "Schlimm treiben's meine Nerven heute nacht." Auf dem Rand steht von ihrer Hand: "Ja", und in Großbuchstaben: "WUNDERBAR".

DER SPIEGEL 8/1972
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