14.02.1972

TV-SPIEGEL

Warten auf Loriot

Von Ortlepp, Gunar

Gunar Ortlepp, 42, ist Kulturredakteur beim SPIEGEL.

Was Witz ist und was Aberwitz, darüber ist schlecht streiten. Denn wo beim einen das Lachen anfängt, da hat sich's beim anderen längst ausgelacht.

Nehmen Sie Marty Feldman: Als dieser englische Troll, dem die Natur und einige Widrigkeiten des Lebens zu solch unverwechselbarem Image verhalfen, 1970 zum erstenmal tückisch feixend ins deutsche Heim schielte, schrieb Leo K. aus Hamburg: "Der Mann tut mir ja leid, daß er so aussieht, aber das mildert mein Mißfallen nicht."

Poor old Marty! Dabei hat doch gerade er, nachgeborener Bruder der Marx Brothers, in manch wildem, absurdem, alpträumerischem Sketch drastisch vorgeführt, was Humor in seiner ganzen arglistigen, anarchischen, realitätzernagenden Bedenklichkeit sein kann.

Ob als Gartenzwerg oder Amokläufer, als fußgängermordender Taxifahrer oder als Wahnsinn verbreitender Tattergreis, ob als Londoner Untermieter, der Papst werden will, oder als College-Professor, der schamlos Eltern erpreßt -- Marty, das krötenäugige Ungeheuer, verband die grelle Satire mit jener gar nicht geheuren Kunst des Nonsense, die ein paar Sonderlinge der englischen Literatur, wie der geniale Stotterer Charles Lamb (1775 bis 1834), durch Jahrhunderte weitergereicht haben.

Aber so ein Marty ist eben einmalig und unersetzlich -- die Riesen-Welle von Crazy Humour, die neuerdings durch deutsche Fernseh-Kanäle schwappt, beweist das zur Genüge. Oder finden Sie nicht auch, Herr Leo K., daß die televisionären Schelme in der Nachfolge Martys fahrlässig genug gegen die erste Pflicht des Entertainers verstoßen. die da heißt: "Make 'em laugh?"

Da sind etwa die fünf BBC-Briten von "Monty Python's Flying Circus", denen ein Verdienst gewiß nicht geschmälert werden soll: Sie haben in einer ihrer elektronisch aufgegagten Revue-Mischungen das "Ministerium für komische Gangarten" erfunden. Doch welche Schande brachten sie der ganzen Narrenzunft, als sie gleich zu Jahresbeginn zum "Blödeln für Deutschland" antraten und dabei offensichtlich "Nonsense" mit "Schwachsinn" übersetzten.

Da ist ferner, zum Entzücken des fortgeschrittenen Lachers, der an der unfreiwilligen Komik des Humors seinen Spaß hat, das österreichische Team von "Lodynski's Flohmarkt Company", dem der Ruhm zukommt, in einer "satirischen Show" den Rülpser als irrsinnig komischen Pausengag kreiert zu haben.

Und da sind außerdem all die deutschen Humoristen und Satiriker und Komiker und Ironiker und Sarkastiker, die das Fernsehvolk mit Jux und Blödelei laben. Denn Blödeln, so meldete unlängst auch der Evangelische Pressedienst, "Blödeln ist das Wort der Stunde".

Also blödeln sie lustig vor sich hin, durchaus nach der Definition der Brockhaus-Enzyklopädie, die den "Blödsinn" als "verminderte Verstandesleistung" ausweist.

Wohlgemerkt: Nicht von Millowitsch ist hier die Rede, sondern beispielsweise vom "satirischen" ZDF-Magazin "Express" und von Michael Pfleghars "Perlico-Perlaco" (Untertitel: "Hier wird geblödelt", ZDF, 17. Dezember); von der "Blödelei" mit dem Obertitel "Plonk!!!", die Dieter Hildebrandt samt restlicher Lach- und Schießgesellschaft vorletzten Samstag im SDR zum besten gab; und von der "Tu es selbst"-Klamotte. mit der letzten Montag der Bayerische Rundfunk aufwartete: In dieser "Gagsendung" machte Jürgen Feindt, das bekannte Unikum, das wohl nur aus Versehen im komischen Fach gelandet ist, vollends klar, was Otto Julius Bierbaum gemeint haben muß, als er schrieb: "Humor ist, wenn man trotzdem lacht."

Spaß beiseite. Humor, jedenfalls, gedeiht den deutschen Humoristen meist zum jämmerlichen Trauerspiel. Denn während sich das schönste Material für Satire und Nonsense in ungenutzten Halden aus der politischen Landschaft erhebt, brüten blöde im mittelhochdeutschen Sinn des Wortes unsere Komiker über Kalauern und Klamauk.

So bleibt uns, zur Rettung des deutschen Witzes, nur eine letzte Hoffnung: Wir hoffen auf Loriot und dessen sanfte Hintertriebenheit.


DER SPIEGEL 8/1972
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