06.03.1972

AFFÄRENKleiner Piesepampel

Karl Schiller hat seinen Schwager zum Präsidenten einer Bundesbehörde gemacht. Fachleute halten das für Nepotismus.
Verwandtschaft mit Karl August Schiller zahlt sich aus. Als die Ministerrunde am vergangenen Mittwoch -- das Streitgespräch über die Steuerreform war gerade beendet -- zum Tagesordnungspunkt Verschiedenes kam, passierte eine unauffällige Vorlage aus dem Hause Schiller das Kabinett.
Ohne Aussprache akzeptierten die Kollagen einen Schiller-Vorschlag, der einem engeren Verwandten des Wirtschaftsministers Amt und Ansehen versprach: Eberhard Machens, dessen Frau Hilke mit der Schiller-Frau Etta verschwistert ist, sollte Präsident der Bundesanstalt für Bodenforschung in Hannover werden. Nicht einmal die Minister-Kollegen ahnten, daß der von ihnen genehmigte Spitzenbesamte zur Familie Schüler zählt.
Arbeitsminister Walter Arendt, wenige Stunden nach dem Kabinettsbeschluß: "Von dieser Beziehung habe ich nichts gewußt."
Auch die zuständigen Beamten in Schillers Ministerium wußten nichts von den Machens-Schaften ihres Dienstherrn. Bekannt dagegen war den Experten des Wirtschaftsministeriums seit Monaten, daß Präsident Gerhard Richter-Bernburg zum 29. Februar 1972 aus Altersgründen in Pension gehen würde.
Gewissenhaft sichteten die Beamten denn auch alle möglichen Kandidaten für den hannoverschen Spitzen-Job und legten Ende November ihrem Vorgesetzten, Ministerialdirektor Ulf Lantzke, die Liste ihrer Wahl vor.
Die Anforderungen waren hoch. Denn die Bodenforscher explorieren in Westdeutschland und im Ausland. sie beraten die deutsche Wirtschaft bei geowissenschaftlichen Projekten und planen durch Prognosen und Expertisen die Versorgung der Bundesrepublik mit seltenen Rohstoffen wie Titan und Bauxit, Mangan und Chrom. Auf den Präsidentenstuhl sollte nach Meinung der Bonner Beamten nur ein erfahrener Geologe gesetzt werden, der zugleich Manager-Qualitäten nachweisen kann.
Drei Kandidaten fanden sie schließlich berufenswert: den Kieler Professor Eugen Seibold vom Geologisch-Paläontologischen Institut, den Godesberger Geowissenschaftler Franz Goerlich von der Deutschen Forschungsgemeinschaft sowie den derzeitigen Vize-Präsidenten der Bundesanstalt, Gerhard Lüttig.
Entgegen Bonner Brauch hörten die Beamten drei Monate lang nichts von ihrer Vorlage. Auch als Richter-Bernburg am 4. Februar zur Rücksprache bei Wirtschaftsstaatssekretär Johann Baptist Schöllhorn vorsprach, war über den Nachfolger auf dem hannoverschen Präsidentenstuhl noch nicht entschieden. Der Präsident erfuhr lediglich, daß auf Weisung Schillers der fachlich zuständige Staatssekretär Detlef Karsten Rohwedder -- dessen Frau seit langem mit Ministergattin Etta verzankt ist -- die Akten an den Kollagen Schöllhorn hatte abtreten müssen.
Im übrigen, so informierte der Schiller-Vertreter den beunruhigten Geologen, sei über seinen Nachfolger noch nicht befunden worden. Die endgültige Vorschlagsliste verzeichne vier Namen. Zusätzlich zu den drei Kandidaten sei Friedrich Bender, ein Wissenschaftler aus der Anstalt, in die engere Wahl gezogen worden.
Von Machens sprach zu jener Zeit noch niemand. Der Schiller-Verwandte schien auch deshalb ungeeignet, weil er sich schon einmal vergebens um einen Job bei der Bodenforschungsanstalt bemüht hatte. Als 1970 der Posten des Vize-Präsidenten vakant wurde, bewarben sich zwölf Geologen, darunter Sozialdemokrat Machens.
Der in der Fachwelt noch nicht sanderlich hervorgetretene Wissenschaftler, der sich damals noch nicht der Schiller-Schwagerschaft rühmen durfte, empfahl sich durch afrikanische Forschungs-Projekte.
In den letzten Jahren hatte Machens als Privatdozent und schließlich als außerplanmäßiger Professor an der Universität Mainz gelesen.
Doch diese Tätigkeiten Machens" reichten nach Ansicht der Experten nicht aus. Der Kandidat wurde abgewiesen. Statt dessen beriefen die Dienstherrn den Anstalts-Abteilungsleiter Gerhard Lüttig, der sich um die Eiszeit-Forschung verdient und sich als Erfinder des sogenannten Bläh-Tons (Ausgangsmaterial für Ziegeleien) einen Namen gemacht hafte.
Weder der Bläh-Ton noch die im Herbst vergangenen Jahres erworbene Mitgliedschaft in der SPD halfen Lüttig, als er versuchte, vom Vize zum Präsadenten aufzusteigen. Am 21. Februar unterschrieb Karl Schiller jene Kabinettsvorlage, die Schwager Machens zum höchsten Bundes-Bodenbeamten machen sollte.
Erst am vergangenen Donnerstag, einen Tag nachdem das Kabinett den Schiller-Vorschlag abgesegnet hatte, erfuhr Präsident a. D. Richter-Bernburg, wer ihn künftig ersetzen soll. Als er das Büro Schöllhorn anrief, um den Termin seiner feierlichen Verabschiedung zu besprechen, wurde Ihm mitgeteilt, daß zugleich mit seiner Entlassung der neue Präsident Machens eingeführt werden sollte. Der Gelehrte entrüstete sich: "Dann komme ich am dreiundzwanzigsten nicht. Dann interessiert mich das alles nicht mehr.
Anders als Schillers Kollegen, wußte der Pensionär freilich von den delikaten verwandtschaftlichen Beziehungen seines Nachfolgers. Richter-.Bernburg zum SPIEGEL "Eine wissenschaftliche Institution, die In der ganzen Welt so außerordentlich geschätzt wird, mit einem so kleinen Piesepampel zu besetzen, nur weil's ein Schwager ist, das sollte doch einfach nicht möglich sein. Und der Präsident der Deutschen Geologischen Gesellschaft, Professor Klaus Schmidt, assistierte, der Chef in Hannover müsse "ganz andere Voraussetzungen" haben, als sie Machens erfüllen könne.
Noch am Donnerstag schickte Richter-Bernburg an Bundespräsident Heinemann ein Fernschreiben, in dem er sich gegen Schillers Familien-Politik verwahrte. Mitarbeiter und Personal-Vertretung der Bundesanstalt -- so das Telex -- protestierten: "Die gesamte Fachwelt ist entsetzt." Förmlich bat er den Präsidenten, "die diesem Staat schlecht anstehende Vetternwirtschaft zu verhindern",
Der Bundespräsident schien dem Rat zu folgen. In einem Gespräch unter vier Augen empfahl er dem Wirtschaftsminister am vergangenen Donnerstagnachmittag, den Schwager Eberhard zu vergessen. Zwar habe er keine rechtliche Handhabe, seine Unterschrift unter die Ernennungs-Urkunde zu verweigern, doch stelle er anheim, die Angelegenheit im Familienkreis noch einmal zu überdenken.
Am Freitag unterzeichnete Gustav Heinemann.

DER SPIEGEL 11/1972
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