06.03.1972

HAITIBälle und Büstenhalter

Seit dem Tode des Diktators François ("Papa Doc") Duvalier fließen wieder amerikanische Dollar auf die Antillen-Insel.
Vor einem schäbigen Geschäftshaus in der Rue des Remparts, mitten im Hafenviertel der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince, staut sich eine lange Schlange barfüßiger, ausgemergelter Gestalten -- an jedem Tag der Woche außer sonntags, von morgens um halb sieben bis abends um zehn Uhr.
Im Innern des Gebäudes arbeiten vier Ärzte und zwölf Krankenschwestern in Wechselschicht:
Sie zapfen den Wartenden Blut ab und lassen von Laborantinnen das Blutplasma herausziehen, das die wesentlichen Proteine, Mineralsalze und Abwehrfermente enthält. Dann Spritzen sie das nun wertlose Blut sorgsam wieder dort ein, wo sie es entnommen haben. Für einen Liter Blut erhalten die Spender drei Dollar (zehn Mark). -- viel Geld in einem Land. in dem der Mindestarbeitslohn nur knapp einen Dollar pro Tag beträgt.
Täglich kommen denn auch rund 300 Haitianer zum Aderlaß. Und so kann das Zapf-Unternehmen -- eine nordamerikanische Privatfirma mit Namen "Hemo Caribbean" -- allmonatlich rund 5000 Liter tiefgefrorenes Plasma nach USA verschiffen. Dort wird es an US-Krankenhäuser verkauft. "Unsere Gewinnspanne", findet der österreichische Biochemiker und technische Direktor der Hemo, Werner A. Thill, "ist nicht extrem hoch: vielleicht vier bis fünf Dollar pro Liter."
Das makabre Blut-Business der Hemo Caribbean kennzeichnet einen Boom amerikanischer Geschäftsinteressen auf der Antilleninsel, wie es ihn seit Jahren nicht gegeben hat. "Das Land wird parzelliert", so der Londoner "Guardian", "und für ein Ei und ein Butterbrot an ausländische Gesellschaften, Spekulanten und Geschäftemacher vergeben."
Doch das Geschäft blüht erst seit einigen Monaten -- seit der ausgeblutete Inselstaat nicht mehr von dem halbirren Despoten François ("Papa Doc") Duvalier regiert wird.
Papa Docs Regime war derart blutrünstig, daß sich US-Präsident John F. Kennedy 1963 veranlaßt sah, die staatliche Hilfe der USA für die älteste Negerrepublik der Welt fast völlig einzustellen. Auch private Investitionen sanken auf einen Tiefpunkt.
Schon zwei Tage nach Papa Docs Begräbnis im vergangenen April jedoch kündigte der (schwarze) US-Botschafter in Haiti, Clinton Knox, vor ausländischen Journalisten an, die Vereinigten Staaten würden Haiti ein Landwirtschaftsdarlehen von 750 000 Dollar zukommen lassen. Erstmals seit 1963 reiste wieder ein Vertreter der US-"Agentur für internationale Entwicklung" (AID) nach Haiti. Die Interamerikanische Entwicklungsbank stellte für 1971 rund 1,8 Millionen Dollar an Krediten zur Verfügung.
Diktator Duvaliers Nachfolger, Sohn Jean-Claude Duvalier. 20, zeigte sich für das erwiesene Vertrauen mit ein paar schönen Gesten erkenntlich: Er versprach eine Amnestie, die allerdings nicht für "Kommunisten und Unruhestifter" gelten sollte. Und er schaffte Vaters berüchtigte Totschlägertruppe" die "Tonton Macoutes", ab -- freilich nicht, ohne selbst eine Leibgarde, die "Leoparden", aufzustellen, in der sich viele alten Tontons wiederfinden.
Schon schien die Insel den amerikanischen Nachbarn viel attraktiver: US-Kreuzfahrten-Reeder ließen im vergangenen Jahr ihre Schiffe erstmals wieder regelmäßig Cap Haitien anlaufen. Die Pan American World Airways propagierten die Insel als preisgünstiges Winterferiengebiet im karibischen Raum. Rund 90 000 Touristen verbrachten im vergangenen Jahr schöne Tage auf der "Perle der Antillen" -- soviel wie zuletzt im Jahre 1955, bevor Papa Docs finsteres Regime die Gäste vertrieb.
Das texanische Konsortium Dupont Caribbean begann auf der zu Haiti gehörenden Insel Tortuga mit dem Bau eines riesigen Touristenzentrums, das Hotels, Spielkasinos und zollfreie Laden umfassen soll. Der auf 99 Jahre laufende Vertrag räumt dem US-Konsortium das Recht ein, darüber zu entscheiden, welche anderen ausländischen Firmen sich auf Tortuga ansiedeln dürfen -- Firmen aus kommunistisch kontrollierten Ländern sind nicht zugelassen. Völlige Steuer- und Zollfreiheit soll zusätzlich Investoren nach Tortuga locken.
Minimale Steuern, uneingeschränkte Transfer-Möglichkeiten für Gewinne und niedrigste Löhne zogen zudem Dutzende von zumeist nordamerikanischen und kanadischen Fertigungsbetrieben nach Haiti. Aus zollfrei eingeführten Rohstoffen werden dort von Einheimischen Basebälle, Männerhemden und Büstenhalter (Marken Formflex, Melody und Lady Marlene) zusammengestichelt und dann in den USA auf den Markt gebracht.
Auch Haitis Bodenschätze sind fest in US-amerikanischer Hand: Im vergangenen Januar vergab Haitis mächtiger Innen- und Verteidigungsminister Luckner Cambronne die Erdöl-Konzession auf dem gesamten nationalen Territorium für 35 Jahre der US-Firma Wendell Phillips.
Luckner Cambronne, einst Chef der Tonton Macoutes, kurbelte auch andere Geschäfte an: Er sorgte dafür, daß Haiti neben der Dominikanischen Republik die Lizenz für Schnell-Scheidungen ergatterte, die das mexikanische Scheidungsparadies Ciudad Juárez im vergangenen Jahr aufgab. Die Agentur, die Ehemüde gegen Entgelt dem Scheidungsrichter zuführt, gehört Cambronne.
Dem Verteidigungsminister mag auch zu verdanken sein, daß die USA, wenn auch nur inoffiziell, seit einigen Monaten wieder Waffen und Instrukteure für die haitianische Armee liefern. Als Jung-Präsident Duvalier ("Baby Doc") im vergangenen November am Tag der Armee erstmals eine Parade seiner "Leoparden" abnahm, trug er, wie seine Leibgarde, amerikanische Tarnuniform. Mit von der Partie bei der Parade war auch der "Leoparden"-Instrukteur, ein amerikanischer Marineveteran.
Derart abgesichert, scheint Haitis Entwicklung in ein Eldorado für Privilegierte nicht mehr aufzuhalten zu sein. Für viele der fünf Millionen Haitianer jedoch wird weiterhin der Verkauf ihres Bluts die einzige Einnahmequelle bleiben -- eine Quelle, die möglicherweise schon bald wieder versiegen kann:
46 US-Kongreßmitglieder beanstandeten kürzlich den Blut-Handel der Hemo Caribbean. Die Plasma-Konserven, so sorgten sie sich, könnten die amerikanischen Empfänger mit haitianischen Krankheiten verseuchen.

DER SPIEGEL 11/1972
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