Karl Gutsche aus Halle "stieg die Zornesröte ins Gesicht".
Rudolf Erfurth aus Erfurt-Gispersleben fühlte sich "von Anfang bis Ende stark beeindruckt".
Matthias Koch aus Ost-Berlin war "so richtig mit dabei, daß es am ganzen Körper kribbelte".
Was die drei DDR-Bürger physisch und psychisch so heftig anrührte, hatten sie sich, jeder an seinem Heimatort, mit einer Kinokarte zugefügt. Denn seit drei Wochen beweist der staatliche Filmproduzent Defa in fast allen Lichtspielhäusern der Republik "wieder einmal", so der Ost-Berliner Filmfreund Lothar Schulz in der FDJ-Zeitung "Junge Welt", daß "mit Mitteln der Kunst Geschichte nachempfindbar gemacht werden kann".
Diesmal dürfen historisch interessierte Kinogänger zwischen Zingst und Zittau für knapp zwei schöne Stunden den Spuren des KPD-Gründers Karl Liebknecht folgen: In "Orwocolor" und "Totalvision" brachte die Defa das Monumental-Werk "Trotz alledem!" auf die sozialistische Leinwand -- gerade noch rechtzeitig zur SED-"Kampfdemonstration anläßlich des 53. Jahrestages der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg" Mitte Januar.
"Trotz alledem!" berichtet breit über die letzten drei Monate im Leben des Sozialisten Liebknecht -- von seiner Entlassung aus dem Zuchthaus Luckau am 23. Oktober 1918 nach 905 Tagen Haft bis zu seiner und Rosa Luxemburgs Ermordung durch Berliner Freikorps-Faschisten am 15. Januar 1919. Dazwischen läuft unter roten Fahnen ein bißchen deutsche November-Revolution, belebt mit Lenin sowie dem Spartakisten (und ersten DDR-Präsidenten) Wilhelm Pieck. mit Reichswehr-Minister Gustav Noske und seinem Parteifreund Friedrich Ebert. dem ersten SPD-Reichspräsidenten.
Trotz alledem liegt der SED jedoch weniger an der Aufarbeitung kommunistischen Nachlasses; vielmehr soll die politische Gegenwart in der DDR bewältigt werden: Dieser Film biete "Gelegenheit", so rühmte der stellvertretende Kulturminister Günter Klein bereits vor der Premiere im Hauptstadt-Kino "International", sich "mit dem Sozialdemokratismus als antirevolutionäre Haltung auseinanderzusetzen".
Die auf Abgrenzung gegenüber dem kapitalistischen National-Zwilling BRD bedachten Einheitssozialisten möchten mit dem Film gern den internen Beweis liefern, daß die Sozialdemokratie von heute keinen Pfifferling mehr wert ist als die Ebert-SPD von 1919. Und die Parteikampagne um die Defa-Liebknechtiade, mit der DDR-Blätter wie "Neues Deutschland". "Volksarmee" und "Berliner Zeitung" ihre Spalten füllen, erscheint den DDR-Propagandisten insbesondere deshalb notwendig, weil dem DDR-Bürger die auf Ausgleich mit dem Osten bedachte SPD-Regierung des Friedensnobelpreisträgers Willy Brandt schwerlich als kriegslüstern und revanchistisch darzubieten ist.
So will "Trotz alledem!"-Autor Michael Tschesno-Hell sein Werk vor allem als "revolutionäres Vorbild" verstanden wissen -- für eine DDR-"Generation, die in das Morgen schreitet". Und Defa-Regisseur Günter Reisch, der bereits 1965 nach einem Szenarium von Tschesno-Hell einen Liebknecht-Film drehte ("Solange Leben in mir ist"), sah in seiner neuen "Zwiesprache mit Karl und Rosa" ("Neues Deutschland") eine unmißverständliche Aufforderung ans Publikum, "auch auf militärischem Gebiet die sozialistischen Errungenschaften zu schützen".
Die im Foyer haben verstanden: Korvettenkapitän Jürgen Radecky von der Stralsunder Offizierhochschule "Karl Liebknecht" gelobte, von nun an "jede Sekunde den Klassengegner -im Auge zu behalten". Franz Kayser aus Zepernick bekannte, jetzt könne er endlich "leichter erkennen, wer unser Feind und wer unser Freund ist". Und der Dresdner Abiturient Jochen Quasdorf begriff, als der Vorhang fiel, "die ganze Tragweite des Verrats der rechten sozialdemokratischen Führer".
Damit es noch möglichst viele begreifen, wurden bislang mehr als 40 000 Ost -Berliner, darunter 700 Volkspolizeigenossen, durch das kolorierte Revolutions-Lichtspiel geschleust. Die "Schauburg" in Dresden wirbt mit faksimilierten Erstausgaben der KPD-Zeitung "Rote Fahne", das "Capitol" in Leipzig arrangiert Sieben-Uhr-Vorstellungen für Schichtarbeiter, in Karl-Marx-Stadt wird jedem tausendsten Besucher von einem Parteiveteranen das Buch zum Film überreicht.
Um Nachschub für ihr historisches Repertoire indessen brauchen sich die Objektleiter der volkseigenen Kinos nicht selbst zu kümmern. Schon wird bei der Defa die Rosa-Luxemburg-Vita abgelichtet, und das Kulturblatt "Sonntag". sonst eher um "das Heitere in der Kunst" besorgt, diente den DDR-Filmern Hinweise an: Sie sollten, mahnte "Sonntag", "auch an den Lebensweg Wilhelm Piecks denken".
DER SPIEGEL 7/1972
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