DER SPIEGEL



KINDER

Gehorsam und Prügel

Die Deutschen sind ein kinderfeindliches Volk. Belege für diese These hat jetzt der Münchner Publizist Hans Peter Bleuel in einem Buch gesammelt, das er den "Report eines Skandals" nennt.

In einer süddeutschen Kleinstadt wurde ein Kind achtmal ins Krankenhaus eingeliefert: blutunterlaufen, verwahrlost, scheu. Ärzte und Schwestern hatten getreu ihrer Schweigepflicht zu niemandem darüber gesprochen und den Jungen gesundgepflegt. Beim neuntenmal war nur noch der Totenschein auszustellen. Todesursache in diesem Fall, den die Bayrische Ärztekammer ohne Ortsangabe publizierte: Gehirnbluten infolge heftiger Schläge auf den Kopf.

In Dortmund wurde per Zeitungsanzeige eine Vierzimmerwohnung mit zwei Südbalkonen offeriert. Mietpreis: ohne Kind 295 Mark, mit Kind 320 Mark.

In Frankfurt wurde in einem Prozeß zwei Eheleuten Geldstrafe in unbegrenzter Höhe oder Gefängnis bis zu sechs Monaten angedroht, falls sie ihren drei Kindern weiterhin gestatteten, auf dem Rasen der Siedlung "Neue Heimat Südwest" zu spielen.

Mit diesen und ähnlichen Beispielen füllt der Münchner Publizist Hans Peter Bleuel. 35, ein Buch über die Kinderfeindlichkeit in der Bundesrepublik*.

Ein Jahr lang hat der Historiker und Soziologe untersucht, was es bedeutet, in Deutschland Kind zu sein. Der Vater einer vierjährigen Tochter über das Leben der rund 14 Millionen Jungen und Mädchen unter 14 Jahren: "Kinder in der Bundesrepublik sind überaus beschissen dran."

Daß sie zum Teil sogar schlimmer dran sind als in anderen Ländern, versucht Bleuel anhand vergleichender Statistiken nachzuweisen. Danach leben Kinder in der Bundesrepublik nicht nur gefährlicher, sie finden auch seltener einen Platz im Kindergarten und haben

* Hans Peter Bleuel: "Kinder in Deutschland". Hanser Verlag. München; 164 Seiten; 14,80 Mark.

-- vor allem als Arbeiterkinder -- die geringsten Bildungschancen:

* Rund 300 000 Kinder verunglücken jährlich -- weit mehr als in anderen europäischen Ländern. Denn in der Bundesrepublik sind 38 Prozent der Opfer tödlicher Unfälle Kinder, in Großbritannien sind es nur 25, in Frankreich 19 und in Italien lediglich zwölf Prozent.

* Es findet nur etwa jedes dritte Kind Aufnahme in einem Kindergarten. In Italien stehen Kindergartenplätze für die Hälfte aller Kinder, in Frankreich für 70 Prozent, in Holland für 82 und in Belgien für 90 Prozent aller Kinder zur Verfügung.

* Noch immer sind Arbeiterkinder auf dem langen Weg von der Grundschule bis in den Beruf benachteiligt. Eine der Folgen: Nur jeder 16. Student (5,9 Prozent) stammt aus einer Arbeiterfamilie. In Frankreich hingegen beträgt der Anteil der Arbeiterkinder an den Universitäten neun Prozent, in Schweden 14 und in England 25 Prozent.

"Es ist eine Probe auf die Menschlichkeit einer Gesellschaftsordnung", so hatte der Deutsche Ausschuß für das Erziehungs- und Bildungswesen 1957 postuliert, "ob in ihr diejenigen zu ihrem Recht kommen, die es selber noch nicht fordern können." Die bundesrepublikanische Wohlstandsgesellschaft, so scheint es, hat diese Probe bislang nicht bestanden. Bleuel: "Die Gleichgültigkeit dieser Erwachsenengesellschaft gegenüber ihren Kindern wird nur von ihrer Bequemlichkeit übertroffen."

Zwar fehlt es nicht an Kinderfreundlichkeit, wo am Kind verdient werden kann: Für Kinder-Nahrung, Kinder-

* Valentin Faselt. 11, wurde von seinem Stiefvater mit Benzin übergossen und angezündet.

Moden, Kinder-Spielzeug, Kinder-Zeitschriften und Fachblätter für Eltern werden die Reklametrommeln gerührt. Zugleich aber bleiben in diesem Land 95 Prozent aller Kindesmißhandlungen unentdeckt oder werden übergangen: Weitaus die meisten werden von der Umwelt zwar bemerkt, aber in höchstens zwei von zehn Fällen werden Polizei oder Jugendamt benachrichtigt.

Die Aufhellung der Dunkelziffer wird allerdings auch durch den Gesetzgeber erschwert. Wer Anzeige erstattet, geht ein Risiko ein. Wird der Beschuldigte aus Mangel an Beweisen freigesprochen -- und das geschieht bei vier von zehn verhandelten Fällen -, so kann sich der Anzeigende damit selbst eine Anzeige wegen vorsätzlicher oder falscher Anschuldigung einhandeln.

Rund tausend Kinder -- so schätzen Kriminalstatistiker -- sterben jährlich in der Bundesrepublik an Mißhandlungen. Aber nur etwa 90 Fälle werden gerichtsnotorisch. Die Zahl der geprügelten und geschundenen Kinder wird auf 30 000 bis 80 000 geschätzt. 1969 standen jedoch lediglich 4000 Erwachsene wegen Kindesmißhandlungen vor Gericht. Und nur 2500 wurden verurteilt -- zu Strafen zwischen einem Monat und zwölf Monaten. Kein Taschenräuber, der einem Spaziergänger nächtens eins über den Kopf haut, kann vor Gericht mit solcher Milde rechnen.

Nach einer Umfrage des Bonner Instituts für angewandte Sozialwissenschaft halten 77 Prozent der Bundesbürger das Quälen von Tieren für die strafwürdigste von zwölf Verhaltensweisen. Das "Verprügeln von Kindern" wurde erst an fünfter Stelle genannt. Weit mehr Befragte halten "Fahren ohne Führerschein", "Rauschgiftgenuß" und selbst "Prügel für die Ehefrau", die sich im Gegensatz zum Kind körperlich und rechtlich wehren kann, für straf würdiger.

Dem Deuschen Kinderschutzbund gehören denn auch nur 20 000 Erwachsene an, während Deutschlands Tierschutzverbände 500 000 Mitglieder zählen.

Aber nicht nur wegen der Kriminalfälle hält der britische Sozialpädagoge Peter Ward die Deutschen für das kinderfeindlichste, weil prügelfreundlichste Volk, das er kennt. Ward zieht daraus den Schluß: "Viele Deutsche taugen nicht zum Demokraten, weil man von Generation zu Generation den Mut zum Widerspruch aus den Schwächsten, nämlich den Kindern, herausprügelt."

Selbständigkeit, Mut und Durchsetzungsvermögen zählen freilich für die meisten deutschen Eltern auch nicht zu jenen Idealen, nach denen sie ihre Kinder erziehen wollen. Bei einer Umfrage des Bielefelder Emnid-Instituts, "auf welche Eigenschaften die Erziehung der Kinder vor allem hinzielen sollte", entschieden sich fast dreiviertel der Befragten (72 Prozent) für die Prinzipien "Gehorsam und Unterordnung, Ordnungsliebe und Fleiß".

Der von Berlin zur Bremer Universität abgewanderte Pädagogik-Professor Wilfried Gottschalch nennt die Familie denn auch "mehr als früher ein Treibhaus für autoritäre Charaktere, deren Wesenszüge Unsicherheit, Gefühlskälte, Unterwürfigkeit nach oben und Herrschsucht nach unten sind".

Die Erziehung auf solche Normen und Werte hin, die in einer demokratisierten Gesellschaft als längst überholt gelten sollten, beeinträchtigt die Kinder jedoch nicht nur in ihrer seelischen Entwicklung, sie mindert auch ihre intellektuelle Leistungsfähigkeit.

Ein Münchner Psychologen-Team, das 14 328 Schüler getestet hat, kam zu dem Ergebnis: Von den "weniger intelligenten" Kindern waren 81 Prozent streng erzogen worden, von den "intelligenten" Kindern nur 15 Prozent.

Auf Möglichkeiten zur freien Selbstentfaltung müssen noch immer auch viele jener Jungen und Mädchen verzichten, die einen Platz in einem Kindergarten ergattert haben. Teils wegen chronischer Überfüllung. teils wegen veralteter pädagogischer Ansichten vieler Kindergärtnerinnen werden sie oft mehr reglementiert als angeleitet.

Kindergarten-Kinder sind allerdings später bei ihren Lehrern sehr beliebt. Die Dortmunder Pädagogin Elisabeth Krohmann befragte 114 Lehrer von Erstkläßlern nach den Vorzügen von Schülern aus Kindergärten: 39 der Lehrer lobten deren "bessere Disziplin und Gewöhnung an Ordnung".

An Disziplin und Ordnung müssen sich auch jene Kinder gewöhnen, die einen der rund 17 000 meist einfallslos mit Sandkiste, Klettergerüst, Bänken und Sträuchern ausgestatteten Kinderspielplätze in ihrer Nähe haben oder -- weil noch immer 25 000 Plätze fehlen -- rund ums Haus und auf der Straße spielen müssen.

Welche Bedingungen ihnen auferlegt werden, macht die Hausordnung einer Münchner Versicherungsgesellschaft aus dem Jahre 1969 deutlich: "Halten Sie Ihre Kinder an, sich ruhig zu verhalten. An Sonn- und Feiertagen ist die Benützung der Spielplätze nicht gestattet. Die Nichtbeachtung dieser Bestimmungen berechtigt uns ggf. von unserem Kündigungsrecht Gebrauch zu machen. Das Betreten der Rasenflächen ist verboten. Ebenso Ballspielen, Radfahren und Rollschuhlaufen."

Wo Vermieter humaner sein wollen, stoßen sie oft auf den Widerstand von Mietern. Die Münchner "Gemeinnützige Wohnstätten- und Siedlungsgesellschaft", die im Frühjahr 1971 versuchsweise die Rasenflächen in sechs Wohnanlagen zum Spielen freigegeben hatte, handelte sich schon nach acht Tagen den Protest des CSU-Ortsverbandes Hasenbergl ein. Mit Flugblättern alarmierten die Christsozialen die Bewohner: "Schon jetzt sehen Sie die Folgen: Lärmende Kinder, Verunreinigung des Rasens, Belästigungen für die ganze Siedlung."

Bei soviel mangelnder Kinderliebe nicht nur in Bayern, sondern überall in der Bundesrepublik nimmt ein Urteil des Kölner Landgerichts vom Februar vergangenen Jahres kaum noch Wunder. Die 12. Zivilkammer gab dem Ehepaar in einem Zwölffamilienhaus recht, das seine Miete um 50 Mark monatlich gekürzt hatte wegen des Lärms, den vier Kinder in der darüberliegenden Wohnung verursachen. Begründung des Urteils: Ein Mehrfamilienhaus sei zwar kein Sanatorium, aber auch kein Kinderspielplatz.

"Weshalb ist eine Wohnung eigentlich kein Spielplatz?" fragt Kinderforscher Bleuel. "Was sollen Kinder denn sonst machen? Puzzle legen, Zeitung lesen und Deckchen häkeln?"


DER SPIEGEL 7/1972
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