07.02.1972

Nordirland: Dieses ganze Land ist verrückt

Jahrhundertealter Haß zwischen Briten und Iren, verelendeten nordirischen Katholiken und privilegierten nordirischen Protestanten führte am Rande Europas zu einem Bürgerkrieg, den Guerillas in der dritten Generation ausschießen, in dem bisher 235 Menschen starben. Die britische Armee, als Schutzmacht gerufen, wurde Bürgerkriegspartei, in den Slums der nordirischen Städte kämpft sie gegen den Terror -- und terrorisiert selbst.

Wer als erster geschossen -- oder geworfen oder gesprengt -- hat, ist unaufgeklärt. aber wohl auch unerheblich: Selbst wenn die Zeugen des Massakers übertrieben haben, sind ihre Phantasien noch Beweis für die unkontrollierbar gewordene Flut von Rage und Angst, die 13 Menschen tötete -- nicht in Biafra oder Bengalen, sondern in Westeuropa: Londonderry, Nordirland, am 30. Januar 1972.

Der irische Journalist Nell McCafferty behauptet, anrückende britische Soldaten hätten ihn und einen Kollegen mit den Worten begrüßt: "Guten Morgen, Jungs, das ist ein schöner Tag zum Killen."

Der italienische Journalist Fulvio Grimaldi behauptet: "Sie sprangen von ihren Wagen und schossen mit unglaublicher Mordlust in die Menge."

Der katholische Priester Edward Daly behauptet: "Ich habe keinen Zivilisten schießen sehen. Geschossen hat nur die Armee. Was mich am meisten entsetzte, war die Kaltblütigkeit der Fallschirmjäger. Sie lachten und machten makabre Witze, als die Menschen zu Boden gingen,"

Die schottische Studentin Carol Anne Turner behauptet: "An der Straßensperre in der Rossville Street wurde ein kleiner Junge angeschossen. Er lag da und schrie. Ein Mann, der hinter einer Ecke des Apartmenthauses Schutz suchte, schwenkte sein Taschentuch und ging zu dem Jungen. Wir sahen, wie dieser Mann erschossen wurde."

"Ich sah", so wieder Grimaldi, "wie sich ein junger Mann, der verwundet worden war, gegen eine Mauer kauerte. Er schrie: "Nicht schießen, nicht schießen!" Ein Fallschirmjäger ging auf ihn zu und feuerte aus einem Meter Entfernung. Ich sah, wie ein 15jähriger Junge sich schützend vor seine Freundin stellte und versuchte, sie in Sicherheit zu bringen: Er schwenkte sein Taschentuch, hielt seine andere Hand an die Mütze. Ein Fallschirmjäger ging auf ihn zu, schoß ihm aus einem Meter Entfernung in den Bauch.

Irische Leidensbereitschaft, erprobt in 800 Jahren Fremdherrschaft, der längsten eines europäischen Volkes, verklärte den 30. Januar zum "Blutsonntag". Und Irland, bislang ein Name im geographischen und historischen Schatten Englands, blieb nicht länger nur das grüne Paradies der Lachsfischer. Pferdefreunde und Golfer.

"Irland, die Insel für alle Jahreszeiten", pries das irische Fremdenverkehrsbüro letzte Woche in einer vierseitigen Anzeige in Englands "Times" -- als bereits ein klein wenig von der englisch-irischen Gewalt über die Grenzen schwappte.

In Berlin zerriß ein Sprengkörper den 66jährigen Erwin Beelitz, im australischen Melbourne, am anderen Ende der Welt, ließen Docker das Passagierschiff "Canberra" nicht anlegen; die Passagiere mußten in Rettungsbooten an Land gerudert werden.

Beelitz starb wahrscheinlich nur, weil er sein Geld im britischen Jachtklub verdiente. Die "Cankerra"-Passagiere büßten dafür, daß ihr Dampfer unter britischer Flagge fährt.

In Bonn rückten Polizeiverstärkungen an, um die Briten-Botschaft zu bewachen. Britanniens Premier Edward Heath muß sich in seiner eigenen Hauptstadt scharf bewachen lassen -- weil eine abgelegene Provinz des Vereinigten Königreichs, Nordirland, auch Ulster genannt, ins Kolonialkriegs-Zeitalter zurückzukehren schien.

Mehr als zwölfhundert Bürgerkriege oder zumindest bürgerkriegsartige bewaffnete Auseinandersetzungen hat die Welt seit 1945 erlebt, schrieb das Londoner "Institute for Strategic Studies" in einer Studie. Die Mehrheit dieser Gewaltkonflikte hat mehr Opfer gekostet als jener Bürgerkrieg, der seit über zwei Jahren an der Nordostspitze der irischen Insel tobt.

Doch nur wenige dieser Metzeleien scheinen so unverständlich und gespenstisch. so voller Haß und fast schon mystischem Wahn, so primitiv und so ausweglos wie der Heckenschützenkrieg in den

trostlosen Slumstraßen von Londonderry und Belfast, in denen bis Mitte voriger Woche 235 Menschen starben, davon 173 im letzten Jahr.

Unverständlich: Nur zwei Flugstunden von den Zentren Mitteleuropas entfernt blüht eine Guerilla, deren Merkmale schwer zu erfassen sind, wird ein Klassenkampf ausgeschossen. der zugleich Religionskrieg und Nationalitätenstreit ist.

Gespenstisch: Ein europäischer Außenminister -- Irlands Patrick Hillery -- fordert den Einsatz von Uno-Bataillonen in Städten, die in Europa liegen -- ein Vorschlag, den Englands auflagen stärkste Tageszeitung, das 4,3-Millionen-Blatt "Daily Mirror", sogleich aufgreift. Hillery erklärt die Regierung Englands -- mit dem zusammen Irland vor zwei Wochen ins Europa der EWG eingetreten ist -- für "verrückt" und verlangt von der Welt -- da "Gott es nicht mehr kann" -, sie solle diese Wahnsinns-Regierung wieder zur Vernunft bringen.

Primitiv: Englands Botschaft in Dublin wird von einer rasenden Menge bis auf die Grundmauern niedergebrannt, die Polizei hält sich zurück, die Feuerwehr kann nicht helfen, weil sich die Menschen vor den Löschfahrzeugen auf die Straße werfen.

Englands Innenminister Maudling, 183 Zentimeter groß, 200 Pfund schwer, wird im eigenen ehrwürdigen Parlament von der nordirischen Abgeordneten Bernadette Devlin, 151 Zentimeter groß, 82 Pfund schwer, an den Haaren gezerrt, gekratzt und geohrfeigt. Schockierend unbritisch: Statt sich zu entschuldigen, bedauert die Attentäterin, wie leid es ihr tue, daß sie den Minister nicht an der Gurgel erwischt habe.

Britische Bataillone, die einst auf fünf Kontinenten die "Pax Britannica" garantierten. vermögen in den Straßen heimischer Städte nicht einmal den Bürgerfrieden zu bewahren, obschon sie die eigenen Landsleute zusammenschießen. Untertanen Ihrer Majestät werden in Internierungslagern gequält -~ ohne Haftbefehl, im Heimatland der Habeas-Corpus-Akte (siehe Kasten Seite 94).

Auf britischem Boden in Nordirland werden Frauen geteert und gefedert. werfen Kinder Sprengkörper und werden Kinder erschossen, streichen Hausfrauen die Außenwände der Häuser weiß, damit britische Soldaten sich als deutliche Ziele abheben, und jauchzen über jeden in den Rücken geschossenen Uniformierten.

Priester zweier christlicher Konfessionen segnen Mordwaffen ein, eifernde Brüder in Christo beten allsonntäglich von den Kanzeln gegen "Papisten" (so die Protestanten) und gegen "Gottlose" (so die Katholiken).

Was Wunder, daß afrikanische Putschisten arrogante europäische Kritiker genüßlich auf Nordirland hinweisen, wenn diese ihnen Tribalismus vorhalten, daß Pakistans Bhutto englische Belehrungen höhnisch abschmettert: "Die Briten sollen erst mal ihre Wunden in Irland lecken, bevor sie sich bei uns einmischen."

Die Briten, auf ihrer Insel nicht nur nach eigenem Urteil meist vernünftig, kühl, fair, wirken in Nordirland wie ein Hohn auf den britischen way of life: Briten in Nordirland scheinen fanatisch, borniert, roh zu sein.

Viele Engländer verdrängten diese bestürzende Erkenntnis. Sie "verachten ihre Landsleute in Nordirland, wie Londons "Economist" beobachtete. Sie reden kaum vom Bürgerkrieg im irischen Nebenzimmer. in dem ihre Brüder und Söhne mitschießen. "Ein Mann aus Ulster ist an Gewalt gewöhnt."

"Ulster ist ein sehr nahes Land, über das wir nichts wissen", urteilte der Publizist Peregrine Worsthorne. Und Harold Wilson, der einstige Labourpremier, der sich als Profi auf allen Gebieten dünkt, empfahl einmal, ein Politiker, der sich freiwillig in Nordirlands Politik einmischen wolle, "sollte sich auf seinen Geisteszustand untersuchen lassen".

Patriotischen Briten sind Fernsehfilme zuwider, in denen Brutalitäten britischer Tommies gezeigt oder irische Rebellen interviewt werden. "Anstößig", urteilte Londons Postminister Chataway über solch Beitrag der BBC. Der kommerzielle Sender ITA strich einen Film über Partisanen der Irischen Republikanischen Armee (IRA), weil "der Film den Feind begünstigt", so Lord Aylestone von ITA.

Der Feind freilich ist in Ulster so leicht nicht auszumachen, denn zumindest vier Streitkräfte stehen in den Gettos der Provinz einander gegenüber. die kleiner ist als Schleswig-Holstein und weniger Einwohner zählt als Hamburg: 600 000 irische Katholiken, keltischen Ursprungs, gut ein Drittel des Ulster-Volks. kämpft gegen Unterdrückung und Ausbeutung durch eine Million meist angelsächsischer Protestanten. Stoßtrupp der Katholiken sind die terroristischen Guerillas "der IRA.

Auf seiten der Protestanten stehen die 5000, zu 90 Prozent protestantischen Polizeibeamten, die in jüngster Zeit wieder bewaffnet wurden, sowie illegale, radikale Miliztruppen der sogenannten "Orangemen", die heute noch singen: "Oh, bis zum Knie im Katholenblut, oh, bis zum Knie ein Schlachtefest!"

An der Front stehen ferner 15 000 britische Soldaten, ursprünglich um die verfeindeten Bürgerkriegsparteien zu trennen und die Katholiken zu schützen, heute längst selbst Kriegspartei -- auf seiten des protestantischen Establishments gegen die rebellische katholische Minderheit. Gegen diese "Besatzerarmee", wie sie jetzt von der Minderheit angesehen wird, stehen den bedrängten Katholiken die Volks- und Glaubensbrüder aus Eire bei, der souveränen Republik Irland.

In Ulster sind Haß und Terror, Ungerechtigkeit und Ausbeutung so alt wie die Provinz selbst. In Ulster fechten Guerillas in der dritten Generation gegen Zustände, die sich gleichwohl kaum geändert haben.

"Ein Mann aus Ulster ist an Gewalt gewöhnt. Er hat Steine geworfen und ist von Steinen getroffen worden; er hat seinen politischen Gegner mit Faust und Stock geschlagen und ist in der gleichen Weise geschlagen worden" -- so der Ire Bernard Shaw über seine Landsleute in Ulster.

Protestant sein bedeutet in diesen sechs Grafschaften von Ulster, zu den Privilegierten zu zählen. Wer hingegen katholisch getauft wurde, bleibt zumeist arm und unterdrückt. Die Lage der Katholiken wurde oft mit jener der Neger in Südafrika oder in den Südstaaten der USA verglichen, so daß beispielsweise das südafrikanische Außenministerium 1968 die Haftgesetze der Kaprepublik in einem Kommentar mit dem Ulster-Gesetz über Sonderbefugnisse von 1922 verglich: Es erlaubt der Ulster-Regierung und den Briten, politische Häftlinge unbeschränkt in Lagern zu internieren.

In der Regierung von Ulster sitzt ein einziger Katholik, als Alibi sozusagen, und er kam erst im Oktober 1971 ins Kabinett. Bis zu den letzten Wahlen zum Stormont wurde in Nordirland nach Klassenwahlrecht gewählt: Wer mehr Steuern zahlte, hatte auch mehr Stimmen -- bis zu sechs. Bei Kommunalwahlen durfte nur stimmen, wer Hausbesitzer oder Hauptmieter einer Wohnung war -- sowie dessen Ehefrau. Ergebnis: Von knapp einer Million Bürgern im stimmfähigen Alter waren nur 700 000 wahlberechtigt -- selbstredend hauptsächlich Protestanten.

Wo das noch nicht reichte, half das sogenannte "Gerrymandering" weiter, die willkürliche Festsetzung von Wahlkreisgrenzen zum Nachteil katholischer Mehrheiten. So wurde die überwiegend katholische Stadt Londonderry, Schauplatz des Blutsonntags, in drei Wahlbezirke aufgesplittert: einen für Katholiken, zwei für die viel kleinere Protestantengemeinde.

Obwohl von insgesamt 30 000 Stimmen über 20 000 auf katholische Kandidaten entfielen, saßen als Ergebnis dieser Wahlkreisgeometrie zum Schluß nur acht Katholiken, aber zwölf Protestanten im Stadtrat.

Das Wahlunrecht erzeugte Wohnungsunrecht: Da nur wahlberechtigt war, wer eine Wohnung hatte, hütete sich die protestantische Bürokratie, Wohnungen an Katholiken zu vergeben.

Im Städtchen Coneywarren etwa (in der vorwiegend katholischen Grafschaft Tyrone) baute der Staat 1950 die ersten 40 Wohnhäuser nach dem Zweiten Weltkrieg. Die katholischen Mitglieder des Wohnungsausschusses reichten eine Liste mit Namen von 22 katholischen Familien ein, die in verfallenen Häusern lebten. Die protestantischen Beamten lehnten in Einzelabstimmungen alle 22 "Papisten" ab und vergaben die Wohnungen allesamt an Protestanten, obgleich von den Kandidaten einige nicht verheiratet waren, andere keine Kinder hatten und einzelne gar nicht einziehen wollten, weil sie schon schöne Wohnungen hatten.

Der Stadtrat handelte damit getreu der Erkenntnis. die der prominenteste Teufelsaustreiber der Protestanten. Ian Paisley, wieder und wieder verkündete: wonach "die Katholiken sich selbst in Schweineställen wohl fühlen, wenn diese nur an einer Kirche lehnen".

So verelendete die Minderheit in Slumgettos wie Bogside in Londonderry und Falls Road in Belfast ohne Aussicht nicht nur auf eine menschenwürdige Behausung, ohne Hoffnung auch

* Nach ihrem Angriff auf Innenminister Maudling.

auf Ausbildung, Arbeit, Bezahlung, wie sie für das protestantische Herrenvolk selbstverständlich ist.

Denn diskriminiert wird nicht allein per Wahlen. Im Städtchen Omagh bekennen sich fast zwei Drittel der Einwohner zum katholischen Glauben -- verwaltet aber werden sie von einer 205 köpfigen Beamtenschaft, der ganze acht Glaubensbrüder angehören.

"Paßt auf die Katholiken auf, paßt auf!"

Und Omagh ist im ganzen Land: 52 von insgesamt 53 hohen Beamten der Ulster-Regierung waren noch Ende 1969 Protestanten. Unter den sieben höchsten Richtern des Landes urteilt nur ein Katholik. Der Unrechtsproporz setzt sich fort bis hin zur Feuerwehr: Von 332 leitenden Beamten bei regierungsabhängigen Behörden wie Wohlfahrt, Jugendarbeit, Feuerwehr beten nur 49 katholisch.

Selbst in der Privatwirtschaft reicht das Zeugnis einer katholischen Schule, um auch einen gesuchten Fachmann ungeeignet erscheinen zu lassen; mehr Chancen hat jeder Dilettant mit dem richtigen -- protestantischen -- Taufschein. Die größte nordirische Werft (zugleich eine der größten in Großbritannien), Harland & Wolff in Belfast, beschäftigt an die zehntausend Leute -- aber nur 300 Katholiken.

Verheerende Folge: In den drei katholischen Grafschaften ist die Arbeitslosigkeit dreimal so hoch wie in den protestantischen, in einigen Katholiken-Slums ist die Hälfte der männlichen Bevölkerung ständig ohne Arbeit.

Die Subventionen, die London für Ulster ausgibt, verschlimmern die Ungerechtigkeit noch -- denn sie fließen vornehmlich in Protestantenhände. Bis 1968 wurden mit Regierungshilfe 74 Fabriken gebaut -- 59 in Protestantengebieten, nur 15 in Katholikensiedlungen. Eine Fabrik aus der DDR entstand in der Protestantengemeinde Bangor, wo es genau 245 Arbeitslose gab -- im nicht weniger günstig gelegenen Londonderry gab es zur selben Zeit Tausende, freilich katholische Arbeitslose.

Die Zahl der Arbeitslosen, der Elenden wächst. Denn die Geburtenrate der Katholiken ist doppelt so hoch wie jene der Protestanten. Obwohl sie nur ein Drittel der Bevölkerung stellen, belegen Katholiken 52 Prozent der Plätze in den Volksschulen Nordirlands.

Das System der Unterdrückung scheint perfekt. Schon der erste Ulsterpremier, Sir James Craig, der von 1921 bis 1940 regierte, hatte formuliert: "Paßt auf die Katholiken auf, paßt auf! Die vermehren sich wie die verdammten Kaninchen."

Die Protestanten passen auf. Die Vermehrung nützt der Minderheit nichts. Die Katholiken, die in ihren schlecht entwickelten Gegenden keine Arbeit finden, bekommen in den protestantischen Industriezentren keine Wohnung -- und dann auch keinen Job.

Die Aussichtslosigkeit hat Folgen: "Aus der Tatsache, daß in katholischen Familien der Vater meist arbeitslos ist". schrieb der "Guardian", "hat sich eine Art matriarchalisches Gesellschaftsmodell entwickelt. Die ursprüngliche natürliche Bedeutung des Familienvaters wurde ausgehöhlt. Er trinkt, geht auf die Straße, wird gewalttätig."

Oder, wenn er jünger ist, wandert er aus -- womit die protestantische Mehrheit ihr Ziel erreicht: Zwischen 1951 und 1961 schrumpfte der katholische Bevölkerungsanteil in der Altersstufe bis zu 40 um fast 18 Prozent -- trotz der doppelten katholischen Geburtenrate.

In dieser Gesellschaft wird "religiöser Fanatismus erbarmungslos wie eine Erbkrankheit weitergegeben", stellte der nordirische Schriftsteller Andrew Boyd fest. "Ich würde die Zustände für die Katholiken so madig machen, daß sie alle abhauen", schrieb der protestantische Schüler Derrick, 15, in einem Aufsatz mit dem Thema "Was ich tun würde, wenn ich Premier von Nordirland wäre".

Gebete gegen "Herrn Rotsocke".

Schüler John, 12, katholisch, ließ sich dazu einfallen: "Ich würde die britischen Soldaten nach Vietnam schicken. damit sie dort zeigen, wie tapfer sie sind, und damit sie von den Kommunisten umgebracht würden. Und lan Paisley würde ich erschießen."

Nicht anders denken die Erwachsenen: "Dies ist nicht irgendein Krieg, sondern ein Kreuzzug gegen Heiden und Leute ohne menschliche Würde". eifert der katholische Priester Michael Connolly. Die IRA verschickte letzthin Weihnachtskarten mit einem stilisierten Krieger und -- zum Fest des Friedens -- der Parole: "Kein Friede im unfreien Irland."

Und die Gebete des Protestanten-Reverends Paisley gegen "Herrn Rotsocke" (den Papst), die "babylonische Hure" (Rom) sowie die "verfluchten Papisten" sind bereits Legende -- notfalls schlägt der stiernackige Gottesmann mit seiner Bibel nicht nur aufs Pult, sondern auch auf Andersgläubige oder vermeintliche Verräter in den eigenen Reihen ein.

"Dieses ganze Land ist verrückt. Statt ihre Perlen am Rosenkranz zählen sie Patronen; ihr Ave Maria und ihr Vaterunser sind berstende Bomben und das Geknatter von Maschinengewehren; ihr Weihwasser ist Benzin, und ein Haus in Flammen ist ihre Messe", so charakterisierte der irische Dichter Sean O'Casey seine Landsleute -- nicht heute, er schrieb dies vor einem halben Jahrhundert. und er meinte nicht Ulster, sondern seine Heimat Irland.

Ulster ist untrennbarer Teil des "Labyrinths der irischen Geschichte" (so Londons "Sunday Telegraph"); Teil eines Landes, das einst weite Teile Europas christianisierte" in dem es gleichwohl aber "zuviel Religion und zuwenig Christen gibt" (so Amerikas "Time"); Teil einer Insel, auf der einst Druiden und Barden, später Märtyrer und Dichter von Tod und Todessehnsüchten kündigten, deren Geschichte ein ewiger, ununterbrochener Wechsel von Gewalt und Gegengewalt ist.

Im zwölften Jahrhundert fielen die Engländer in Irland ein. König Heinrich II. verteilte irischen Boden an seine landhungrigen Edelcute. Der Krieg, der bis heute andauert, begann, als Heinrich VIII. auch Irland in seinen Abfall von Rom einbeziehen wollte.

Die Iren wollten katholisch bleiben -- und rebellierten, immer wieder. Die Unterdrückten wurden offiziell zu Feinden erklärt, mit denen es keine Gemeinsamkeit geben sollte. Engländern war es verboten, "Sitten, Gebräuche und Sprache der irischen Feinde" anzunehmen oder sich gar mit den Insulanern zu vermischen.

Neues Land wurde beschlagnahmt und unter britische Barone verteilt. Im Nordosten begründeten schottische Presbyterianer die "Ulster Plantation" -- eine protestantische Ansiedlung, aus der sich das heutige Nordirland entwickelte.

Eine zehnjährige Rebellion im 17. Jahrhundert beendete der Puritaner oliver Cromwell mit einem Massaker in der ostirischen Hafenstadt Drogheda, wo die gesamte Bevölkerung gemetzelt wurde. Seither sehen die irischen Katholiken im englischen Puritanismus Teufelswerk. "Es hat Gott gefallen", schrieb dagegen der fromme Oliver, "unsere Bemühungen in Drogheda zu segnen." Überlebende Zivilisten wurden als Sklaven auf die Westindischen Inseln und nach Virginia verschifft. Dieser Krieg halbierte -- durch Tod. Flucht, Deportation -- die Bevölkerung der irischen Insel, damals anderthalb Millionen stark.

Die Übriggebliebenen wurden -- und blieben -- Sklaven im eigenen Land. Jonathan Swift drückte die Stimmung seiner Landsleute aus, als er in einer bitteren Satire vorschlug, irische Kinder zu mästen und sie auf den Tafeln der Engländer zu servieren.

Aufstand folgte auf Aufstand, erfolglos blieben sie alle. Mitte des vorigen Jahrhunderts schien der Widerstand der Iren fast zu brechen -- eine Hungersnot, von mehrjähriger Kartoffelfäule ausgelöst, kostete Hunderttausende Menschen das Leben, eine weitere Million wanderte aus, vornehmlich in die USA. Während die Iren in Massen verhungerten, exportierten die britischen Gutsherren weiterhin Fleisch und Getreide.

Einen Schwerverwundeten zur Exekution geschleppt.

In der Neuen Welt erstand eine Bewegung, die den Kern der irischen Freiheitskämpfer stellte -- der "Bund der Fenier", dem später in Irland die nationalistische Partei "Sinn Fein" ("Wir selbst") folgte.

Sinn -- Fein -- Abgeordnete fanden schließlich selbst in England Befürworter eines "Home Rule", einer Selbstverwaltung der Iren. Erbitterte Feinde hingegen erwuchsen ihnen in den Protestanten von Ulster, die auf keinen Fall von den Katholiken in Dublin regiert werden wollten und für den Fall von "Home Rule Milizen bewaffneten.

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, traten die Ulster-Freiwilligen geschlossen in die britische Armee ein -- das dankbare Parlament versprach, dafür den Beginn von "Home Rule" hinauszuschieben. Daraufhin schlugen, Ostern 1916, die irischen Nationalisten zu. Die IRA, eine neu aufgestellte Freiwilligenmiliz der Sinn Fein, besetzte das Postamt von Dublin und rief dort eine provisorische Regierung aus.

Binnen einer Woche schlugen die Briten den schlecht organisierten Aufstand der noch dazu untereinander zerstrittenen Rebellen nieder. Der Freiheitskampf schien, wieder einmal, gescheitert. Doch dann heizten ihn die Engländer selbst von neuem an. Sie verurteilten 15 Führer des Widerstands zum Tode und schleppten selbst den schwerverwundeten Rebellen James Conolly auf der Bahre zur Exekution.

"Meine Herren, die Truppen rücken in Belfast ein."

Nun stand ganz Irland auf; es begannen "Unruhen". bei denen IRA-Partisanen und britische Söldnereinheiten einander an Grausamkeiten übertrafen. Die Briten brandschatzten und plünderten ganze Städte. Ein IRA-Kommando in der Grafschaft Clare grub einen englischen Richter bei Ebbe am Strand bis zum Hals in den Sand ein. Die aufkommende Flut sollte ihn langsam ersäufen. Doch am anderen Tag lebte der Todeskandidat noch. Die Peiniger gruben ihn aus und näher am Wasser wieder ein -- diesmal ertrank der Richter.

Terence MacSwiney, der Bürgermeister von Cork, starb nach 74tägigem Hungerstreik in einem Britengefängnis. Nicht zuletzt sein Opfertod änderte die Stimmung in England -- und vor allem in Amerika. 1921 entließ England Irland in die Unabhängigkeit -- aber sechs Grafschaften im protestantischen Nordosten blieben britische Provinz.

"Sinn Fein" und IRA zerfielen darüber in Fraktionen; in den folgenden Jahren brachten die Iren einander um. Radikale Nationalisten und IRA-Kader erklärten den Freiheitskampf für unvollendet, solange Ulster britisch und protestantisch, die irischen Katholiken im Norden unterdrückt blieben.

Mitte der sechziger Jahre begannen die Ulster-Katholiken selbst, sich gegen die protestantische Repression aufzulehnen. Eine, zunächst friedliche, Bürgerrechtsbewegung wollte gegen das Elend der Minderheit ankämpfen.

Die Protestanten reagierten mit noch mehr Druck, noch mehr Erniedrigung. 1968 kam es zu ersten Gewalttaten. Mitte August 1969 verlor die Polizei von Belfast und Londonderry die Kontrolle über ihre Bürger. Protestanten marschierten gegen ihre katholischen Nachbarn. James Chichester-Clark, damals Premier Nordirlands, alarmierte London. Polizeipanzerwagen mit Maschinengewehren rollten in die bedrängten Katholikenviertel. Die Polizisten, in der Mehrheit Protestanten, "machten von ihren Schußwaffen derart freien Gebrauch", beobachtete ein Reporter, "daß man sie kaum noch Polizei nennen konnte".

Neun Zivilisten starben, darunter ein neun Jahre alter katholischer Junge. dem eine Polizistenkugel den Kopf zerschmetterte. Die Protestanten steckten 400 Häuser, meist Wohnungen von Katholiken, in Brand.

In London erklärte der damalige Labour-Innenminister James Callaghan: "Meine Herren, die Truppen rücken in Belfast ein." Für England begann, was die "Sunday Times" das "bedeutendste militärische Engagement einer Generation" nannte, was sich nun aber, nach den Schüssen von Derry, zu einem britischen Debakel entwickelt.

Da Englands Soldaten die Katholiken gegen die Protestanten schützen sollten, hielten sie anfangs sogar Kontakt zur IRA, die damals noch friedlichere Ziele verfolgte. "Als ·die Engländer einrückten, haben wir ihnen nachts Tee gekocht", erinnert sich die Sozialfürsorgerin Doreen Butler.

Die Tee-Freundschaft währte nicht einmal ein Jahr -- bis zu jenem 3. Juli 1970 um 16.30 Uhr, als ein Polizeiwagen und ein halbes Dutzend Militär-Lkws vor dem Haus 24 in der Balkan Street zu Belfast vorfuhren.

75 Minuten lang durchsuchten die Soldaten das Haus nach IRA-Waffen. Ihre Beute: 15 Pistolen, eine Maschinenpistole, Munition. Als die Soldaten abrücken wollten, flogen Steine; der Befehlshaber ließ absitzen. Auf Tränengas der Militärs reagierten die Bewohner mit Molotow-Cocktails und Nagelbomben. Die Armee eskalierte und schoß scharf -- drei Zivilisten starben.

Um 22.30 Uhr verhängte General Ian Freeland Ausgangssperre über das Viertel und ließ die Häuser durchsuchen. Dabei, so behaupten die Bewohner, hätten Soldaten Türen eingetreten, Kruzifixe von der Wand gerissen, Schränke und Kammern durchwühlt.

Priester Patrick Murphy stellte in seiner Gemeinde einen plötzlichen Stimmungswandel fest: "Dieselben Frauen, die den Soldaten Tee gegeben hatten, dieselben Frauen riefen jetzt in den Straßen: "Haut ab, geht nach Hause, ihr Strolche!"" Von da an, so die "Sunday Times", "ging es nur noch, fast nur noch, bergab".

Ein Gesetz der Protestanten-Regierung von Belfast, nach dem "aufsässiges Verhalten", "ungebührliches Benehmen" oder "Benehmen, durch das eine Friedensstörung bewirkt werden kannte", mit mindestens sechs Monaten Gefängnis zu bestrafen seien, schädigte das Image der Armee. Sie rückte -- zunächst in den Augen der Katholiken, dann wirklich -- von der vorgesehenen Aufgabe einer neutralen Ordnungsmacht ab und übernahm Polizeifunktionen für die Regierung in Belfast,

Zumindest eine Ähnlichkeit zwischen dem Einsatz der britischen Armee in Nordirland und dem Vietnamkrieg entdeckte nun der Londoner "Spectator": Auch die Briten haben die falschen Verbündeten. Sie wurden Handlanger einer Regierung, der in Belfast, die den Widerstand durch ein brutales Mittel zu brechen suchte: durch Internierung.

Stacheldraht. Scheinwerfer, Hunde, Wachttürme, britische Militärposten im Internierungslager Long Kesh dokumentieren für die Katholiken die Schwäche des Regimes in Belfast wie die Erfolglosigkeit der Briten: Long Kesh erst trieb viele Iren in die Reihen der IRA.

"Ein deutscher Lagerkommandant wäre verurteilt worden."

Über 2300 Iren, fast ausschließlich Katholiken, wurden seit Anwendung des Notstandsgesetzes (Special Powers Act) im August letzten Jahres festgenommen. 584 Männer sind derzeit interniert. Fraglos sind einige der Gefangenen so schuldig und unschuldig wie Hunderttausende anderer Bürger, deren Loyalität bezweifelt wird, nur weil sie in katholischen Gettos leben.

Keiner der Inhaftierten wurde bisher angeklagt. Die Behörden müssen dem Gefangenen nicht einmal mitteilen, warum sie ihn gefangen halten. "Wenn ein Mann in Belfast lebt", schreibt Dublins Zeitschrift "Hibernia", "kann er ohne Prozeß ins Konzentrationslager gesperrt werden, wenn die Regierung es wünscht, für den Rest seines Lebens."

Kein Protestant wurde bisher unter Qualen verhört. "Ich kann dazu nur sagen", schrieb ein Kolumnist des "New Statesman" über die Verhörmethoden im Camp, "daß ein deutscher Lagerkommandant, der vor 1945 unsere Gefangenen so behandelt hätte, als Kriegsverbrecher verurteilt worden wäre."

Dafür fanden die Katholiken im Süden der Insel neue Beschützer. Über den irischen Rundfunk erklärte Dublin-Premier John ("Jack") Lynch: "Ihr, die Verzweiflung und Demütigungen im Norden erleiden mußtet, seid nicht länger ungeschützte Opfer."

Erst Monate nach dem Einsatz der Briten wurde die IRA aktiv: "Unser Volk hat ein Recht auf Verteidigung", so IRA-Führer Jo Cahill, "diese Verteidigung hat die IRA übernommen."

Wie die US-Generale in Vietnam erbauten sich Englands Offiziere in Nordirland an der Erwartung, nun habe man die IRA bald besiegt. "Für mich gibt es keinen Zweifel", so General Robert Ford, "daß wir die IRA bezwingen werden."

Wohl qualifizierte General Anthony Farrar-Hockley, ehemals Befehlshaber der britischen Landstreitkräfte in Nordirland, die IRA als "einen traurigen Haufen, den schlechtesten, gegen den wir jemals zu kämpfen hatten". Doch die britische Armee mußte erkennen, daß sie eine Guerillatruppe in ihrer Heimat so wenig bezwingen kann wie auf Zypern oder in Aden.

Fast jeder Katholik. so glaubt der "New Statesman", würde heute einem IRA-Mann auf der Flucht weiterhelfen oder die Verfolger ablenken: "Die briti-

* Durch Trommeln auf Mülleimerdeckeln warnen Hausfrauen vor anrückenden britischen Soldaten.

sche Armee drängt Volk und Terroristen zusammen."

Kinder spucken den Soldaten auf die Stiefel, Frauen begleiten britische Militärpatrouillen oft stundenlang, mit Kochtopfdeckeln und Trillerpfeifen lärmend: Guerillas sollen gewarnt werden. Oft wissen die Bewohner, daß die IRA einen Hinterhalt vorbereitet hat. Katholiken zahlen keine Miete mehr.

Angesichts solcher Belastungen erhielt jeder britische Soldat eine "Gelbe Karte" mit Verhaltensvorschriften "für Feuereröffnung in Nordirland". Sie legt unter anderem fest:

* "Wende stets nur das Minimum an Gewalt an, das nötig ist, deine Pflicht zu erfüllen.

* "Versuche immer. die Situation zuerst durch andere Mittel als Feuereröffnung zu meistern."

"Kein Soldat. nicht einmal britische Soldaten", schrieb allerdings General Ford in einem vertraulichen Brief an einen Bürgerrechtsführer" hätten die Beleidigungen und Verletzungen ertragen können, "ohne das Gesetz in ihre eigenen Hände zu nehmen, wenn nicht schärfste Befehle ausgegeben worden wären, gegenüber Provokationen standhaft zu bleiben".

Im Getto von Londonderry patrouillierten in den letzten zwei Jahren keine Polizisten mehr, nur noch Soldaten. Drei Panzerwagen der Armee und 24 Infanteristen begleiteten einen Polizisten in Belfast, der zehn Katholiken richterliche Vorladungen zu überbringen hatte; sieben von ihnen verweigerten die Annahme.

Aus Furcht vor Racheakten der Terroristen und aus Mißtrauen gegenüber den Richtern. die meist Protestanten sind, sagen Katholiken vor Gerichten kaum noch aus. Trotz eines Regierungsverbots marschierten die Glaubensgruppen des Nordens seit August letzten Jahres achtmal in illegalen Demonstrationszügen -- in Derry starben dabei die 13 Menschen.

Aus Protest gegen die Regierung zahlen derzeit 32 000 Haushalte, rund 100 000 Katholiken. die Mieten für ihre Sozialwohnungen nicht, begleichen sie weder Gas- noch Elektrizitätsrechnungen.

Protestant Faulkner macht seinen katholischen Kollegen in Dublin, Jack Lynch" für den passiven Widerstand wie für die Gewaltakte der IRA mitverantwortlich. Es sei "höchste Zeit" klagte Faulkner" daß sich der Süden seiner "moralischen Verantwortung" bewußt werde und gegen diese "Mörder" einschreite.

"Es wäre nicht das erste Mal, daß eine Stadt geteilt wird."

In Wahrheit toleriert die Republik Irland die IRA wie einst Tunesien die aufständischen Algerier auf der Flucht vor den Franzosen; allein in den letzten sechs Monaten registrierte der Norden 150 Grenzzwischenfälle.

Die Verfassung der Republik Irland verpflichtet die Politiker in Dublin sogar. die Einheit der Nation wiederherzustellen -- für die auch die IRA kämpft. Im Süden gelten die IRA-Guerillas als Beschützer der bedrängten katholischen Minderheit des Nordens.

Zugleich" aber möchte Lynch seine Beziehungen zu London nicht durch allzu große Toleranz gegenüber der IRA übermäßig belasten, zumal, da England dem Norden 1,2 Milliarden Mark Entwicklungshilfe pro Jahr gibt und dem Süden zwei Drittel seiner Exporte abnimmt.

In den letzten Wochen fühlte sich Lynch innenpolitisch stark genug, gegen an der Grenze operierende IRA-Guerillas vorzugehen. Er ließ sieben IRA-Aktivisten festsetzen -- da erschossen die britischen Soldaten in Derry die 13 Katholiken. Ihr Tod dürfte es Lynch vorerst unmöglich machen, weiterhin gegen die IRA Front zu machen.

Ein anderer Ausweg scheint seither gleichfalls verbaut: die Übernahme der direkten Regierungsgewalt über die Provinz durch London.

Eine Entmachtung der Regierung in Belfast würde heute aber auch die Katholiken Nordirlands kaum noch befriedigen. Der -- nordirische -- Abgeordnete Gerard Fitt: "Die politische Lösung, die vorletzten Samstag annehmbar gewesen wäre, ist heute nicht mehr annehmbar."

Die Mehrheit der Katholiken will jetzt -- wie die IRA -- die Wiedervereinigung beider Teile Irlands -- was aber wiederum für London nicht akzeptabel ist: Der Abzug der britischen Truppen könnte, so warnte Harold Wilson, "zu einem Bürgerkrieg und einem Massaker führen, im Vergleich zu dem die Bartholomäusnacht eine Lappalie war

Voraussetzung für London wäre in jedem Fall die Zustimmung der Protestantenmehrheit im Norden. "Die große Mehrheit des nordirischen Volkes aber", so verkündete der militante Protestantenpastor Ian Paisley am Dienstag letzter Woche im Unterhaus, "will das vereinte Irland nicht."

Nordirlands Protestanten wollen sich sogar "jeder aufgezwungenen Wiedervereinigung mit Gewalt widersetzen" -- so der frühere Innenminister Craig.

Das, so warnte Faulkner, würde ein "gewaltiges Gemetzel" in Nordirland auslösen. "so wie wir es bis heute nicht gesehen haben". London müßte eine Unabhängigkeitserklärung nach rhodesischem Rebellenbeispiel einkalkulieren und möglicherweise seine Truppen außer auf Katholiken auch noch auf Protestanten schießen lassen.

Die Ulster-Radikalen könnten dann auf Unterstützung alter Landsleute rechnen: Hunderte von Schotten seien bereit, zu den Waffen zu eilen "und notfalls ihr Leben einzusetzen", versicherte die "Loyal Orange Institution of Scotland" in Glasgow.

Craig schlägt als eigenes Rezept vor, die katholischen Viertel von Londonderry, die "Bogside" und "Creggan Estates", abzutrennen und der Republik Eire zuzuschlagen. "Es wäre nicht das erste Mal, daß eine Stadt geteilt wird." Es wäre auch nicht das erste Mal, daß eine Teilung keinen Frieden bringt.

Ob Wiedervereinigung durch Gewalt, wie die IRA sie will, oder Teilung -- nirgendwo ist eine Lösung sichtbar, die beiden Parteien gerecht werden könnte.

"Wo wird Nordirland enden?" fragte der Londoner "Guardian" -- und gab selbst die Antwort: Wenn nicht ein Wunder geschehe, "wird Nordirland im offenen Bürgerkrieg enden. Wie in einer griechischen Tragödie treiben die Ereignisse zwangsläufig darauf zu".

"Die Augen der Welt", predigte der katholische Bischof von Derry, Right Reverend Neil Farren, letzten Mittwoch bei dem Requiem für die 13 Opfer des "Blutsonntags", "ruhen jetzt auf unserer Stadt."

Trauergäste und selbst IRA-Aktivisten benahmen sich brav -- denn die IRA wünschte sich, so einer ihrer Funktionäre, "good reports" der Hundertschaft von überall her angereister Journalisten.

Gleichzeitig aber bahnte sich schon ein nächstes Desaster an: ein -- verbotener -- Bürgerrechtsmarsch nach Derry-Muster in der Stadt Newry am 6. Februar.

"Wir wollen der größten Schlächterei, die dieser Staat je erlebt hat", versprach ein Bürgerrechtler namens Sean Hollywood, "mit dem größten Protest begegnen, den dieser Staat je erlebt hat."


DER SPIEGEL 7/1972
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Nordirland: Dieses ganze Land ist verrückt