Heinz Gölnitz, Satelliten-Experte in der Münchner Rüstungs- und Raumfahrtschmiede Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB) war zufrieden: "Es sieht sehr, sehr gut aus."
47 Minuten nach dem Start, um 19.07 Uhr am Montagabend letzter Woche, war der fünfte europäische Forschungssatellit -- Montage: Messerschmitt-Bölkow-Blohm -- in die vorausberechnete Umlaufbahn eingeschwenkt: der 117 Kilogramm schwere Sonnenwind- und Magnetfeld-Erkunder "Heos-A 2".
Die Trägerrakete vom Typ DSV-3L Delta stammte wieder aus den USA. Als Kaufpreis und für die Starthilfe der Nasa kassierten die Amerikaner umgerechnet 21 Millionen Mark. Immerhin: Während der europäische Trägerraketen-Klub "Eldo" bislang nur Fehlschläge hatte melden können (SPIEGEL 46/ 1971), durfte die für Forschungs-Satelliten zuständige Europa-Organisation "Esro" damit ihren fünften Erfolg buchen.
Zugleich konnten die Europäer bei dieser Gelegenheit zum erstenmal ihre Raumfahrtkommando-Zentrale in Aktion vorführen, die unter dem Namen "Esoc" für etwa 14 Millionen Mark in der Nähe von Darmstadt errichtet worden ist. "Klein-Houston am Rhein" nannte die "Zeit" stolz die drei Reihen von Monitoren und Kontroll-Pulten, bedient von nahezu 100 Technikern und einer beachtlichen Computer-Batterie: "Das neue Hirn der heimlichen Raummacht Europa."
"Esoc" wird nun über Wochen und Monate hinweg die Raum-Bahnen von "Heos-A 2" verfolgen. Rund ein Jahr lang soll der Satellit. den die MBB-Techniker in dreijähriger Entwicklungszeit fertigten (Bau- und Entwicklungskosten: 21 Millionen Mark), Meßdaten aus dem All funken.
"Heos-A 2" soll damit ein Forschungsprogramm fortsetzen, das Anfang Dezember 1968 begonnen hatte. Damals war der erste Satellit der Heos-Serie, "Heos-A 1", von Cape Kennedy aus gestartet worden.
Die Meßergebnisse gaben den Physikern schon Aufschluß über Einzelheiten des irdischen Magnetfeldes, das der Satellit auf seiner äquatorialen Umlaufbahn durchmißt. Die Magnetosphäre wirkt gleichsam als natürlicher Schutzschild für die Erde: Durch die magnetischen Felder werden die von der Sonne her einfallenden Protonen und Elektronen abgebremst.
Andererseits ist dieser sogenannte Sonnenwind so stark, daß er das irdische Magnetfeld stark verformt. Es wird, wie auch die "Heos-A 1"-Meßdaten bestätigten, zu einem kaulquappenähnlichen Gebilde verzerrt. An ihrer der Sonne zugewandten Seite ist die Magnethülle relativ dicht an die Erde angedrückt, während sie sich auf der Schattenseite nach Art eines Kometenschweifs ins All verdünnt.
Weiteren Aufschluß über Beschaffenheit und Verlauf der magnetischen Feldlinien erhoffen sich die Physiker vom "Heos-A 2"-Satelliten, dessen Flugbahn nun sehr viel weiter ins All hinausragt, und zwar diesmal in einer Pol-Ebene, etwa parallel zur Erdachse. Erdfernster Punkt der Bahn-Ellipse: 224 000 Kilometer, erdnächster Punkt: 400 Kilometer.
Physiker von sieben europäischen Instituten und Universitäten, so beispielsweise an den Max-Planck-Instituten (MPI) in Garching und Heidelberg, haben die insgesamt 30,5 Kilogramm schweren Meßgeräte entwickelt, die an Bord des Satelliten verstaut sind.
Besonders intensiv erkunden sollen die Heos-Meßgeräte vor allem zwei Regionen an den Grenzen der irdischen Magnethülle: Der sogenannte nördliche neutrale Punkt, wo sich die magnetischen Feldlinien auseinanderfächern und teils zur Sonnenseite der Erde gelenkt werden, teils in leichtem Bogen über die Polkappen zum langen Magnetfeldschweif auf der Nachtseite verlaufen, ist das erste Heos-Ziel: Während der ersten 20 Umrundungen kreuzt die Umlaufbahn des Satelliten den nördlichen. Nullpunkt (siehe Graphik).
Nach dieser Zeitspanne von 100 Tagen soll die Bahn dann durch das zweite Zielgebiet führen: die sogenannte magnetische Schockfront -- dort trifft der Sonnenwind auf die vorgeschobenen Ausläufer der Magnethülle. Von den hochempfindlichen Meßfühlern, die noch einzelne Atomkerne des solaren Windes erfassen können, erhoffen sich die Forscher Aufschluß über die physikalischen Abläufe an der Magnetfront.
Die Heos-Sensoren bleiben aber auch außerhalb des irdischen Magnetfeldes eingeschaltet. In dieser Flugphase soll dann auch das Experiment S 215 ablaufen, das die Physiker am MPI in Heidelberg ausgearbeitet haben. Auf der wenige Millimeter dünnen Goldplatte eines Mikrometeoriten-Detektors zerstieben kosmische Staubteilchen zu winzigen Plasmawolken. Die dabei meßbaren Stromimpulse sollen Rückschlüsse auf Masse und Geschwindigkeit der Mikrometeoriten möglich machen.
Insgesamt vier Empfangsstationen, je eine in Belgien, Alaska, Spitzbergen und auf den Falkland-Inseln, fangen die Daten auf, die Heos zur Erde funkt. Freilich: Nur die Meßdaten aus Belgien gelangen auf direktem Leitungsweg in das Kontroll- und Auswertungs-Zentrum Darmstadt. Die übrigen kommen mit konventionellen Verkehrsmitteln: per Flugzeug oder Schiff.
Überhaupt kann die Heos-Premiere des Darmstädter Zentrums noch nicht recht (wie die "Zeit" gemeint hatte) als "Startschuß in eine neue europäische Raumfahrt-Epoche" gewürdigt werden. Zu groß ist noch die Diskrepanz zwischen der technischen Ausrüstung des Überwachungszentrums und dem, was es zu überwachen gibt.
Derzeit kontrollieren die annähernd 100 Fachleute in Darmstadt Meßdaten und Bahnverlauf von insgesamt drei Europa-Satelliten.
DER SPIEGEL 7/1972
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