24.01.1972

PROTOKOLLTreffen hei Theodat

Bonn will seine Staatsbesucher künftig in der Wasserburg eines adligen Großgrundbesitzers unterbringen.
Unter flackernden Kerzen und vor prasselndem Kaminfeuer drängte sich eine illustre Gesellschaft. Anlaß: die verspätete Staats-Fête zum 70. Geburtstag des früheren EWG-Papstes Walter Hallstein.
Eigentlicher Grund der Gratulationscour am vergangenen Montag: Außenminister Walter Scheel wollte das Schloß Gymnich -- 30 Kilometer nordwestlich von Bonn -- auf Staatsempfang-Tauglichkeit testen.
Gastgeber Scheel schwärmte: "Dieses Schloß habe ich entdeckt." Und kunstverständig denunzierte er den berühmtesten Baumeister des deutschen Spätbarock Balthasar Neumann: "Das hier ist alles von ihm. Während er nebenan Schloß Brühl baute, hat er dies in Schwärzarbeit gemacht."
Bei der Suche nach einem repräsentativen Gebäude. in dem die Bundesrepublik Deutschland ihre Gäste empfängt, scheint das Bonner Protokoll nach zwei Jahren fündig geworden zu sein. Nachdem sich das AA für die kalte Pracht des Hotel Petersberg nicht mehr erwärmen konnte und für die moderne Sachlichkeit des Kanzlerbungalows noch immer nicht begeistern kann, steht nun Scheels Traumschloß Gymnich zur Wahl. Vorläufiges Test-Ergebnis: etwas klein, aber fein.
Gymnich-Besitzer Jörg Freiherr Holzschuher von Harrlach, 37, hat es sich bisher eine Million Mark kosten lassen, die seit Jahrzehnten unbewohnte Wasserburg bewohnbar zu machen. Weitere vier Millionen will er investieren, falls der Bund mit ihm ins Geschäft kommt.
Der ehemalige Geschäftsführer in der amerikanischen Werbeagentur Doyle, Dane, Bernbach erbte die Rattenbude 1968. Seine Großmutter, Vilma Reichsgräfin Wolff-Metternich, hatte sie ihm -- neben anderen Latifundien -- ohne sein Wissen vermacht.
Vorerst bietet das rote Backsteinschloß Platz für 500 Party-Gäste. In den Obergeschossen sollen 15 Suiten eingerichtet werden. Eine ist bislang fertiggestellt. In ihr hat im November letzten Jahres bereits jemand zur Generalprobe geruht -- Indiens Ministerpräsidentin Indira Gandhi. Per Hubschrauber war sie nach Gymnich geflogen, um sich für vier Stunden von den Strapazen des Staatsbesuches zu erholen.
Schloßherr Holzschuher über seine staatstragenden Investitionen: "Gymnich soll wieder das werden, was es einmal war -- politischer Treffpunkt."
Die Bundesregierung hat den Treffpunkt schon auf Sicherheit prüfen lassen: Letzte Woche inspizierten 20 Mann von der Sicherungsgruppe Bonn das Schloß, um Pläne für Schutzvorkehrungen auszuarbeiten.
Noch freilich sieht Gymnich-Entdecker Scheel den Bundesadler nicht über Gymnich flattern: "Kaufen können wir es sicher nicht. Für den Preis kann man das schon auf 100 Jahre mieten."

DER SPIEGEL 5/1972
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