24.01.1972

In die Bank und durchgeladen

Zum erstenmal beschäftigt sich ein westdeutsches Gericht mit Aktionen der Baader-Meinhof-Gruppe. Das Geständnis von Karl-Heinz Ruhland belastet den ehemaligen Apo-Anwalt Horst Mahler (Untersuchungshaft) ebenso wie Ulrike Meinhof (flüchtig) und gibt Einblick in die Frühphase der Aktionen: Banküberfälle, Autodiebstahl. Mahler schreibt dem SPIEGEL aus dem Gefängnis: "Revolutionäre Politik ist notwendig kriminell."

Der Häftling Horst Mahler in der West-Berliner U-Haftanstalt Moabit fühlt sich "korrekt behandelt". In allen Rängen der Gefängnis-Hierarchie, sagt er, "herrscht Faszination vor der Prominenz". Er darf alles lesen, und er liest hauptsächlich, was je über Theorie und Praxis des Guerilla-Kampfes geschrieben wurde.

So erzählt der einstige Rechtsanwalt dem SPIEGEL, Leo Trotzki habe in seiner Stalin-Biographie "durchaus verständnisvoll" über Stalins Raub-Aktionen im Kaukasus berichtet. Er vermerkt, daß auch in Jack Londons Eiserner Ferse" Guerilla-Parallelen auszumachen seien -- er beschäftigt sich mit der Frage, wann und unter welchen Umständen welche Form des Guerilla-Kampfes richtig und notwendig sei.

Mahler, 36, ist seit Oktober 1970 in Untersuchungshaft. Er steht unter Verdacht, Bankraub begangen und einer kriminellen Vereinigung angehört zu haben. Die Verhandlung gegen ihn soll im Herbst dieses Jahres stattfinden, doch der Prozeß wird ihm quasi schon seit letzter Woche gemacht: seit vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf das Verfahren gegen den einstigen Mahler-Genossen Karl-Heinz Ruhland*. 33, läuft.

Nicht im Saal. aber schon im juristischen Visier der Anklage sind auch die anderen Mahler-Gefährten -- diejenigen, die gefaßt sind wie Astrid Proll, 24. oder Hans Jürgen Bäcker. 32, und auch diejenigen, die ihren aberwitzigen "Krieg gegen die Gesellschaft" (Heinrich Böll) noch fortsetzen wie Ulrike Meinhof, 37. und Andreas Baader, 28.

Es fallen Namen unbescholtener Bürger, die den Gejagten Unterschlupf und Hilfe gewährt haben sollen. Ruhland, der Kronzeuge, "sitzt nur optisch allein auf der Anklagebank", notierte der Reporter der "Welt". "Es ist ein Schlüssel-Verfahren", sagt Ruhlands Verteidiger Rolf Becher.

Ein Schlüssel-Prozeß gewiß in juristischer Hinsicht, denn der Ausgang des Ruhland-Verfahrens -- 84 Zeugen, elf Sachverständige, 44 Beweisstücke -- ist rechtlich von erheblicher Bedeutung für die Nachfolge-Prozesse gegen Anführer und Anhänger der bundesdeutschen Wunsch-Guerrilleros. Ein Schlüssel-Prozeß vielleicht aber auch für die psychologisch-politische Einschätzung jenes

* Titelbild: Paßphoto aus einem Ruhland-Ausweis 1968.

Phänomens "Mahler-Baader-Meinhof". das seit fast zwei Jahren durch die westdeutsche Gegenwart irrlichtert.

Was und wer das ist, die Gruppe Baader-Meinhof (BM) -- darüber gehen die Meinungen nuancenreich aus einander. Heinrich Böll schrieb im SPIEGEL von "verzweifelten Theoretikern", deren Theorien "weitaus gewalttätiger als ihre Praxis" seien -- was der Jurist und SPD-Politiker Diether Posser für eine "gefährliche Verharmlosung" hält (siehe Posser-Beitrag Seite 40). Kanzleramts-Minister Horst Ehmke sprach von den "gefährlichsten Gangstern, die es gibt". Günther Nollau, der Leiter der Abteilung "Öffentliche Sicherheit" im Bundesinnenministerium. von einer "Gruppe von Desperados". An ein "historisches Überbleibsel der abschlaffenden Protestbewegung" denkt der Philosoph Alfred Schmidt, die außenpolitische DDR-Wochenschrift "Horizont" tippt auf "enttäuschte Kleinbürger". In Botschaften aus dem Untergrund nennt sich die Gruppe selber "Rote Armee Fraktion" (RAF).

Während der Mainzer Kriminologe Professor Armand Mergen die flüchtige Ulrike Meinhof und ihre Genossen mit "gehetztem Wild" vergleicht, spricht die "FAZ" von "verzweifelten Revolutionären", die "Zeit" von "militanten Anarchisten". schreibt "Welt am Sonntag"-Autor Hans Habe von "Terroristen" und ""Bullen"-Mördern" und die rechtsradikale "National-Zeitung" von "kommunistischen Verbrechern" und "Gangstern der Pornopolitgruppe".

Die Bundesanwaltschaft, die im Prozeß-Saal in Düsseldorf die Anklage gegen Ruhland vertritt, spricht, wenn nicht von einer "kriminellen Vereinigung" (nach Paragraph 129 StGB). schlicht von einer "Gruppe". obschon. so Bundesanwalt Felix Kaul, "man natürlich vom Sprachlichen und von der Wertigkeit her "Bande" sagen könnte".

Der Prozeß, in dem zum erstenmal BM-Aktivitäten vor Gericht verhandelt werden, beleuchtet die Frühphase der Gruppe. das letzte Drittel 1970. Mitte August des Jahres lernte Ruhland in Berlin den -- damals schon untergetauchten -- Anwalt Mahler kennen, am 21. Dezember wurde er in Oberhausen festgenommen.

Für diese Zeitspanne rechnet die Bundesanwaltschaft Ruhland als Mitglied einer Vereinigung. die sie so qualifiziert: "Ziel dieser Gruppe ist es, das "System der Klassenherrschaft und der Unterdrückung in der Bundesrepublik Deutschland" mit allen Mitteln. auch unter bewußter Verletzung der Rechtsordnung zu beseitigen. Vorbild für ihre Aktionen sind die Methoden der südamerikanischen Stadtguerillas."

Das markiert den Anspruch der Gruppe, nicht ihre Realität -- denn ihr Weg führte "von scheinrevolutionären Phrasen über einen blinden Aktionismus in die -- mühsam, aber vergeblich politisch frisierte -- Kriminalität" (Posser). Die Bundesanwaltschaft: "Die Tätigkeit der Gruppe erschöpfte sich daher schon bald in der bloßen Verübung von Straftaten, ohne daß überhaupt noch der Versuch gemacht wurde, den revolutionären Sinn dieser Straftaten "den Massen politisch zu vermitteln."

Was blieb, waren Banküberfälle, Einbruchdiebstähle, Paßfälschungen -- im Falle Ruhland ergibt das laut Anklage diese Straftaten-Liste:

Am 29. September 1970 überfiel die Baader-Meinhof-Gruppe in Berlin die Depositenkasse 4 der Berliner Bank AG, Rheinstraße 1, sowie die Berliner Sparkassen Altoncer Straße 5 und Südwestkorso 38 und erbeutete insgesamt 217 469,50 DM. Der angeschuldigte Ruhland nahm an der Beraubung der Bank in der Rheinstraße teil.

Zusammen mit dem Gruppenmitglied Grusdat besetzte er verabredungsgemäß mit einem durchgeladenen und entsicherten Gewehr im Anschlag den Ausgang der Bankhalle, während Mahler die Kunden und Bankangestellten in der Mitte des Schalterraumes mit vorgehaltener geladener Pistole bedrohte; die Gruppenmitglieder Baader und Goergens, die ebenfalls mit schußbereiten Pistolen bewaffnet waren, übersprangen den Banktresen, rafften 154182,75 DM zusammen und steckten das Geld in mitgebrachte Taschen. Im November 1970 entwendete der Angeschuldigte Ruhland zusammen mit Ulrike Meinhof und Heinrich Jansen, einem weiteren Mitglied der Gruppe, aus dem Rathaus in Neustadt am Rübenberge nach Aufbrechen einer Tür und mehrerer Schreibtische 31 Stempel sowie 15 Reisepässe und einen Personalausweis. Mit den gleichen Tatgenossen stahl er am 20.21. November 1970 aus dem Bürgermeisteramt in Lang-Göns, in das man nach Aufbrechen mehrerer Türen eingedrungen war, 166 Blankopersonalausweise, mehrere Dienatsiegel, eine Ösenzange mit dazugehörenden Nieten sowie eine Flasche Weinbrand und Bargeld in Höhe von etwa 480,- DM.

Für den 21. Dezember 1970 verabredete der Angeschuldigte mit den Gruppenmitgliedern Baader, Meinhof, Ensslin, Proll, Jansen, Raspe, Meins, Sturm, Stachowiak und Herzog vier Raubüberfälle mit Waffengewalt auf Banken in Oberhausen, Gladbeck und Nürnberg. Er kundschaftete zusammen mit Raspe die zu überfallende Bank in Gladbeck aus und bereitete den Diebstahl eines für die Oberfälle benötigten Kraftfahrzeuges vor.

"Ulrike war immer froh, wenn es ohne Schießerei abging."

Das alles gibt Ruhland zu. Düsseldorfer Juristen können sich an nur wenige Geständnisse erinnern, die so umfassend, so detailliert, so präzise waren wie es die Bekundungen des BM-Mannes sind, der -- unpolitisch, schlichten Gemütes, immer arm dran im Leben -- den Bundesanwälten nur als Randfigur gilt: aber eine, so ein Beamter der Sicherungsgruppe Bonn des Bundeskriminalamtes. die "Kenntnis vom Kern der Gruppe hat".

Ruhland sitzt denn auch hinter einer schußsicheren Angeklagtenkanzel aus Panzerglas (brustaufwärts) und Metall (brustabwärts). Hin und wieder mit den Fingern trommelnd, gibt er den Prozeß-Chronisten Anlaß, ihren Synonym-Vorrat für "gestehen" aufzubrauchen: Er "singt", "gibt zu", "verpfeift", "offenbart", "packt aus", "enthüllt", "legt bloß". Er tut es, klein, untersetzt, rotes Haar, roter Schnurrbart, flinke Augen, nach Art eines Berliner Kellerkindes: "So war det."

Was Ruhland herunterberlinert, belastet die Genossen von einst auf das schwerste: den Bergmann Hans-Jürgen Bäcker ebenso wie den Juristen Horst Mahler, zu dem er einst aufsah ("Mit ihm kann ja wohl nichts schiefgehen"), Irene Goergens ebenso wie Ulrike Meinhof, die aus Tarngründen zuweilen als seine Frau logierte ("Manchmal rauchten wir etwas Haschisch").

Wie die Gruppe Banküberfälle plante, vorbereitete und ausführte; wer die Kasse verwaltete (Gudrun Ensslin) und wer die Pässe fälschte (Manfred Grashof); wie Autos gestohlen, umfrisiert und umgespritzt wurden -- all das berichtet Ruhland mit der Bestimmtheit eines Dabeigewesenen, der auch seine Anmerkungen zu den Personen macht. Über Heinrich Jansen: "Der war immer besoffen." Über Ulrike Meinhof: "Die war immer froh, wenn es ohne Schießerei abging."

Ruhland erzählt, wo -- nach der Verhaftung Mahlers -- Gruppenmitglieder in Westdeutschland Unterkunft oder Hilfe gefunden hätten: beim katholischen Anstalts-Geistlichen Kurt Kaiser, 52, etwa, in Neuenkirchen! Oldenburg, wo Ulrike Meinhof und "Kalle" Ruhland Anfang Dezember 1970 ein Paket abholten (Inhalt: Geldscheine aus der Berliner Bankraub-Beute). Kaiser zum SPIEGEL: "Ich habe kein Geld gesehen. aber es ist auch kein Geheimnis, daß ich Frau Meinhof duze."

Oder es ist die Rede vom hannoverschen Psychologie-Professor Peter Brückner. 49, der laut Ruhland Gruppenmitglieder mehrfach beherbergt haben soll und der sibyllinisch zum SPIEGEL sagte: "Nur wirklich guten Bekannten würde ich meinen Wohnungsschlüssel geben"; der Professor wurde letzte Woche durch den niedersächsischen Kultusminister vom Amt suspendiert.

Ruhland weiß Banales ("Dann ham wa 'n janzen Tag jepennt") wie Abenteuerliches mitzuteilen: daß die Gruppe den verhafteten Horst Mahler mit einem Hubschrauber Marke Eigenbau aus dem Gefängnis habe holen und den Bundeskanzler in die Eifel habe entführen wollen. Und Ruhlands Verteidiger rühmt das "präzise Erinnerungsvermögen" ebenso wie die Anklage und der Gerichtsvorsitzende. der sich gelegentlich sogar wundert, "was Sie doch alles im Kopf haben".

"Was war denn das Schlimmste?" -- "Die Kniescheibe."

Der Vorsitzende: "Da haben Sie doch früher mal gesagt" -- Ruhland bestätigt. Der Verteidiger: "War es nicht so ..." -- Ruhland erzählt. Der Ankläger: "Irren Sie sich da nicht?" Ruhland korrigiert sich. Wenn sich der Angeklagte, der alles schon ein paarmal gestanden hat -- erst der Sicherungsgruppe, dann dem Ermittlungsrichter beim Bundesgerichtshof -- mit einem abkürzenden "und so weiter" begnügt, hilft man ihm auf die Sprünge.

Leicht verschreckt reagieren die Richter denn auch, als sie von Ruhland eine Neuigkeit erfahren: daß er nach einem schweren Autounfall mit erheblichen Verletzungen (Schädel, Schulter, Kniescheibe) lange im Krankenhaus gelegen habe -- es steht, ausnahmsweise, nicht in den Akten. Besorgt wegen einer eventuell erforderlichen Prozeßunterbrechung erkundigen sie sich, ob denn "noch was nachgeblieben" sei. Kopfschmerzen etwa -- was Ruhland verneint. Vorsitzender: "Was war denn das Schlimmste?" Angeklagter: "Die Kniescheibe." Erleichterung.

Denn Ruhland "ist ein dankbarer Kronzeuge" ("Frankfurter Rundschau"), der zwar unsicher und hilflos wird, wenn sich ein Prozeßteilnehmer nach Politisch-Ideologischem erkundigt, aber konkret und sicher antwortet. wenn es um die Geschehnisse geht -- und die hat vor ihm niemand aus eigenem Wissen geschildert. Nichts hätte den Anklägern unpassender sein können, als wenn Ruhland wahrgemacht hätte, was er unter dem Datum des 30. Dezember 1971 an seine Frau Ingrid in Berlin schrieb:

"Nach Lage der Dinge sehe ich nicht mehr ein, warum ich Dich und mich durch meine Aussagen noch weiteren Gefahren aussetzen soll. Auf meiner Verhandlung werde ich weitere Aussagen nicht mehr machen, und bereits Gesagtes ziehe ich zurück."

Doch er hat ausgesagt -- in einem erkennbar beschleunigten Pauschalgeständnis. Die seltene Prozedur hat ihren Vorteil: Den Richtern liegt nun ein prozessual verwertbares Geständnis auf dem Tisch -- ganz gleich, ob Ruhland künftig schweigt oder widerruft. Seine Aussage mag Basis sein für künftige Prozesse gegen andere -- vielleicht auch für ein mildes Urteil in eigener Sache (Strafrahmen: fünf bis 15 Jahre Freiheitsentzug).

Geht für ihn die Rechnung auf. stimmt sie vielleicht auch für die Justiz: Dann verzichten Anklage und Verteidigung voraussichtlich auf Rechtsmittel. Folge: Der bislang zur uneingeschränkten Aussage beim anstehenden Mahler-Prozeß bereite Ruhland muß dann auch wirklich aussagen -- ob er noch will oder nicht, denn mit Rechtskraft seines eigenen Urteils verliert er sein Recht auf Zeugnisverweigerung.

"Und selten", sagt Ruhland-Anwalt Rolf Becher, "ist das Geständnis des Angeklagten durch derart umfassende und präzise Ermittlungen ergänzt und bestätigt worden wie hier." Denn nach den Monate währenden Vernehmungen. die für die Kriminalisten der Sicherungsgruppe so aufschlußreich waren, daß sie zunächst mißtrauisch wurden. ergab sich, beim Check aller nur überprüfbaren Einzelheiten, Erstaunliches: Krähenfuße aus dem Teltow-Kanal gefischt.

Das Resultat stimmte mit den Angaben nahezu hundertprozentig überein und wich allenfalls dort von Ruhlands Aussagen ab, wo der Geständige selbst schon einschränkend zugegeben hatte, seine Erinnerung könne ihn möglicherweise trügen. Wochenlang fuhren die Fahnder gemeinsam mit Ruhland durch die Bundesrepublik und West-Berlin -- zu Tatorten und Unterschlupfstellen.

Nun, im Prozeß, sind die Richter in Düsseldorf schon nicht mehr allein auf Ruhlands Geständnis angewiesen. Zahlreiche andere Beweismittel haben die Kriminalisten inzwischen gesammelt: Spuren gesichert, Beweisstücke verwahrt, Indizien erhärtet.

* Angeklagte Baader, Gudrun Ensslin.

So finden sich an den Fluchtfahrzeugen, die bei den Berliner Banküberfällen benutzt wurden, Fingerabdruck-Spuren von Gudrun Ensslin und Ingrid Schubert. Aus dem Teltow-Kanal im Berliner Stadtteil Britz fischten die Kriminalisten mit Magneten 13 Krähenfüße heraus, 15 lagen im Fluchtauto B -- ML751, zwei weitere fanden sie später in der Knesebeckstraße 89, als dieser Unterschlupf aufflog -- allesamt von Ruhland und Grusdat zusammengebastelt, um die Reifen der Verfolger-Autos zu zerstören.

In der Gitschiner Straße 91/92, im Kontor der Handelsbedarfsfirma Inha, finden sich die Rechnungsbelege für zwei Seitenschneider, die Ruhland gemeinsam mit Grusdat gekauft hatte und von denen er weiß, daß sie Horst Mahler dazu benutzte, vor dem Banküberfall in der Rheinstraße einen Maschendrahtzaun zu zerschneiden -- um den Fluchtweg zu verkürzen.

Ex-Anwalt Mahler sagt zwar in einem Gespräch mit dem SPIEGEL, daß Ruhland "ein Waterloo" erleben würde, wenn er, Mahler, ihm in Düsseldorf gegenübertreten könnte -- aber vorerst muß er sich damit begnügen, sein politisches Kredo zu verkünden, das er für den SPIEGEL in der Zelle schrieb: "Wir werden siegen" (Seite 30).

Mahler, der den Unterschied zwischen lateinamerikanischen und bundesrepublikanischen Zuständen nicht sieht, wohl nicht sehen kann, verwahrt sich dagegen, daß der "Stadtguerilla der politische Anspruch bestritten wird". In der Tat: Die BM-Mitglieder haben kein Hochverratsverfahren zu gewärtigen. Das Vorverfahren ließen die Karlsruher Strafverfolger unter dem unauffälligen Rubrum laufen: "Ermittlungsverfahren gegen Horst Mahler und andere wegen des Verdachts eines Vergehens nach Paragraph 129 StGB und anderer Straftaten."

Immerhin, der Rekurs auf die selten praktizierte Strafvorschrift des Paragraphen 129 StGB, die auf "kriminelle Vereinigung" Bezug nimmt, bedeutet, daß das höchste Ermittlungsorgan der Bundesrepublik, eben die Bundesanwaltschaft, den Fall selber übernehmen und dann -- wie bei Ruhland -- vor einem Oberlandesgericht anklagen kann.

Erst ein "Freundeskreis", dann eine "Gruppe".

Nur Mitglieder einer Organisation, "zu der sich eine Mehrheit natürliche, oder juristischer Personen für längere Zeit zu einem gemeinsamen Zweck frei willig zusammengeschlossen und eine; organisierten Willensbildung unterworfen hat" (Vereinsgesetz Paragraph 2) und "deren Zwecke oder deren Tätigkeit darauf gerichtet sind, strafbare Handlungen zu begehen" ·(Paragraph 129 StGB). kann die Bundesanwaltschaft bei "besonderer Bedeutung des Falles" (Paragraph 74 a Gerichtsverfassungsgesetz) von sich aus strafrechtlich verfolgen.

Die Bundesanwälte haben denn auch prüfen müssen, wann und wo der Rechtsanwalt Horst Mahler, der Journalist Andreas Baader und die Polit-Kolumnistin Ulrike Meinhof samt Anhang zu einer solchen "Vereinigung" gerieten. Fazit: Nicht im Mai 1970, als der wegen Kaufhausbrandstiftung in Frankfurt zu drei Jahren Zuchthaus verurteilte Baader in Berlin von Freunden gewaltsam aus der Haft befreit wurde, und auch nicht im Juni 1970, als sich ein knappes Dutzend Linke, darunter Horst Mahler. vorübergehend nach Jordanien absetzten, war die Geburtsstunde der Organisation.

"Interessiert mich nicht, die reden doch bloß Schwachsinn."

Für die Bundesanwaltschaft existiert sie vielmehr erst "seit Spätsommer 1970, als die Leute aus Nahost zurück waren Bis dahin, so Bundesanwalt Kaul, war sie "nur so etwas wie ein Freundeskreis, der sich nach einem vielleicht zufälligen Zusammenfinden -- artikuliert in der Baader-Befreiung -" erst in der zweiten Jahreshälfte 1970 "zu einer Gruppe mit gleichgearteten politischen Zielen verfestigt hat".

Der Paragraph 129 beschreibt ein Organisationsdelikt, und Organisation wie Zugehörigkeit eines Mitglieds im Einzelfall nachzuweisen ist mitunter schwierig. Das auch ist der Grund dafür, wenn sich -- auf den ersten Blick verwirrend -- in Sachen Baader-Meinhof zuweilen Bundesanwaltschaft und Sicherungsgruppe, zuweilen auch nur die Landeskriminalämter und örtlichen Staatsanwaltschaften für zuständig erklären.

Abgesehen von Inhaftierten wie beispielsweise Mahler und Ruhland hält die Bundesanwaltschaft diesen Organisationszusammenhalt unter den noch Flüchtigen vor allem bei dem Führungskern der Baader-Meinhof-Gruppe (Baader, Meinhof, Ensslin, Meins, Grashof und Raspe) für erwiesen und erklärt sich für zuständig. weil sie diesen Fällen besondere Bedeutung beimißt. Bei wechselnden, sich der Gruppe nur lose und zeitweilig anschließenden Randgruppenmitgliedern hingegen gehen die Karlsruher Strafverfolger einstweilen nicht davon aus und überlassen die Ermittlungen deshalb den Landeskriminalämtern.

Juristisch eingrenzen läßt sich die Baader-Meinhof-Gruppierung mithin allenfalls unter dem Blickwinkel des Paragraphen 129. Sprechen die Strafverfolger darüber hinaus von "Gruppe". so handelt es sich in der Regel nur um die fahndungstechnische Umschreibung eines möglicherweise auch nur lockeren Sach- und Personenzusammenhangs.

In diesem unjuristischen" nur zuordnenden und damit zwangsläufig weiteren Rahmen bleiben zur Zeit 23 Personen übrig, die als vorübergehende oder als Stamm-Mitglieder der Baader-Meinhof-Gruppe zugerechnet werden -- jedenfalls von Bundesanwaltschaft und ihrem Hilfsorgan" der Sicherungsgruppe des Bundeskriminalamtes in Bonn (siehe Kasten Seite 32).

Nach dieser Zählart sind noch sechs flüchtig, ein Gruppenmitglied (Petra Schelm) wurde erschossen, fünf Mitglieder wurden nach ihrer Festnahme wieder auf freien Fuß gesetzt. Elf sitzen in U-Haft, und die meisten schweigen, wie Astrid Proll. beharrlich.

Ruhland, der spricht, war ein "Aktivist der Gruppe, aber", so schreibt Karl-Heinz Krumm in der "Frankfurter Rundschau", "er war zugleich auch ihr Opfer, so wie er ein Leben lang irgendwie Opfer war, nützliches Werkzeug, ein Stück Treibholz im Strom, dessen Richtung stets andere bestimmten".

Neun Kinder im Elternhaus, der Vater Tbc-krank, Heimarbeit, zweimal sitzengeblieben in der Volksschule, als Laufjunge mußte er die Familie miternähren -- "Ich möchte sagen, daß ich eine schwere Jugend gehabt habe". Laufjunge, Landarbeiter, Binnenschiffer, Rangierarbeiter. Nachttankwart. Schnapsfabrikarbeiter, Ofenabreißer -- "Ich wollte so gern in einen praktisch technischen Beruf".

Er gehört zu denen, die irgendwann straffällig werden -- weil sie beispielsweise keinen Verteidiger haben, der die Bestrafung wegen "Fahrens eines überladenen Fahrrades mit Hilfsmotor" abbiegt. Dann war da "Diebstahl von "ne Wasserpumpe", dann die Käufe auf Raten, die er nicht erbringen kann. Die erste Ehe (zwei Kinder) zerbricht, dann heiratet er eine 13 Jahre ältere Frau, Ingrid, die an Leukämie erkrankt ist.

Daß ihm nach der Scheidung unter seltsam anmutenden Umständen das Sorgerecht für einen Jungen entzogen wurde, sagt Ingrid Ruhland, "das hat er nie verwunden". Er blieb häufig weg, "immer bei anderen Frauen, aber immer solchen mit Kindern. Er brauchte immer Kinder um sich, immer Leben". Rache an der Gesellschaft? -- Irgendwie, meint seine Frau, müsse es in Karl-Heinz Ruhland gebohrt haben: "Wenn man uns den Jungen gelassen hätte, wäre alles anders gekommen."

Ideologie? Da war der russische Offizier, Freund seiner Schwester, den er nach dem Krieg "drüben" immer besucht hat, eine Art Ratgeber und Lebenshelfer offenbar, der ihm auch sagte, "daß für die Arbeiter in der DDR mehr getan wird". Von Marx, Engels hat er "mal was" gelesen, ist auch "einigermaßen links eingestellt" -- um, wenn nachgefragt wird, zu bekunden, daß er "eigentlich kein Interesse an Politik" habe.

Und dann lernte er den Kfz-Meister Eric Grusdat kennen. Grusdats Vater unterhielt ein Fahrradgeschäft, in dem Ruhland dann und wann "mal aushalf", und als sein Gebrauchtwagen reparaturbedürftig war, geriet er an Grusdat junior, der eine Werkstatt in Berlin-Rudow hatte, Kapaunenstraße 16.

Rote Studenten gingen bei Eric Grusdat ein und aus, nicht nur wegen ihrer Vehikel. die sie dort reparieren ließen. sondern weil man es mit einem Genossen zu tun hatte. Es wurde diskutiert und diskutiert, und Ingrid Ruhland hörte damals, 1969, ihren Mann, der bald bei Grusdat arbeitete, "immer wieder sagen, das interessiert mich nicht. die reden doch bloß Schwachsinn". "Die Großen müssen geschröpft werden."

Gleichwohl geriet der Kfz-Meister, zugleich Arbeitgeber, Genosse und Kumpel, offenbar zu einer Art festem Drehpunkt für den eher unpolitischen Linksdrall Ruhlands. Und als dieser einen Wagen Grusdats kaputtfuhr und nach langem Krankenhausaufenthalt wieder in der Werkstatt auftauchte, kam auch noch Schuldbewußtsein oder Dankbarkeit hinzu.

Warum er noch im Sommer 1969 die Diskussionen bei Grusdat seiner Frau gegenüber als "schwachsinnig" bezeichnete. ein Jahr später aber seine Meinung gründlich änderte, erklärte sich Ingrid Ruhland so: "Der Karl-Heinz wollte immer was lernen, und zuerst waren bei Grusdat nur unbedeutende Leute, harmlose Studenten. die haben ihn nicht interessiert" Aber später waren da "die studierten Leute, Juristen und so, da hat er gedacht, er hätte ganz besondere Freunde gefunden".

Irgendwann, und dann wohl immer wieder, hörte Ruhland von Grusdat und Grusdat-Besuchern, daß die Verhältnisse mit Gewalt geändert werden müßten, daß die Gesellschaft zu verunsichern sei -- mit Brandsätzen und Sprengkörpern. Und einer der Besucher, nach Ruhlands Angaben war es der Genosse Hans-Jürgen Bäcker, brachte Mitte August 1970 zwei Gleichgesinnte mit: Horst Mahler und Andreas Baader.

Es gab Kaffee und Kuchen. doch dann. "als et uff's Politische ging", setzte sich Ruhland, der diese Szene im Prozeß schildert, in die Werkstatt ab, um an einem Wagen zu arbeiten. Ob an diesem Tage die Besucher den Kfz-Meister Grusdat gegen gute Bezahlung um technische Hilfe beim Frisieren und Umspritzen von Autos ersucht haben, wie sich Ruhland erinnert, oder zu einem anderen Zeitpunkt -- Ruhland machte mit. Im Prozeß: "Ich habe denen jesagt: Is jut, aus, fertig."

Die Motive vermag das Gericht nur unzulänglich zu ergründen -- "hauptsächlich wegen meiner Schulden". sagt er; weil er Grusdat einen Freundschaftsdienst habe erweisen wollen und weil er glaubte, das sei alles "für die Veränderung der Gesellschaft", ist eine Version, die er ebenfalls bestätigt.

Wie auch immer: Die Ermittler erfuhren von ihm, daß aus einem roten Opel Admiral ein dunkelgrüner gemacht wurde und aus einem blauen Mercedes ein weißer. Ein uni-weißer Mercedes 220 erhielt ein rehbraunes Dach, eine neue Fahrgestellnummer und ein anderes Kennzeichen: B -- PN 240.

Immer häufiger tauchten nun Genossen aus dem Untergrund in Grusdats Werkstatt auf. Oft kamen vier oder fünf, manchmal auch Mädchen, Astrid Proll beispielsweise oder Irene Goergens. und Ruhland wußte, was es mit ihnen "auf sich hatte"; er spricht im Prozeß von der "Gruppe".

Wenn diskutiert wurde. war er nur mitunter dabei, und er berichtete den Ermittlern später von Mahler-Sprüchen wie: "Die Großen müssen geschröpft werden." Von Anfang September 1970 an konnte er sich als Mitglied der Gruppe betrachten -- unter den Decknamen "Iwan" und "Kalle". Er hatte bereits herausgefunden, daß Mahler und Genossen "keine Kommunisten. sondern extrem Linke" waren, und nun las er auch -- auf Empfehlung Mahlers -- im "Minihandbuch des Stadtguerilla" von Garlos Marighela. das vom revolutionären Handeln in Südamerika kündet und den bewaffneten Kampf predigt (Seite 44).

Ein paar Tage später erfuhr Ruhland Genaueres über die Großen, die geschröpft werden sollten. Mahler, laut Ruhland "immer der Wortführer", sagte es ihm angeblich bei einem Werkstatt-Besuch: Demnächst seien "kapitalistische Banken dran". Mahler. der zuvor schon Eric Grusdat gewonnen hatte. forderte ihn auf mitzumachen und stellte eine "finanzielle Entschädigung" in Aussicht. so daß er seine Schulden bezahlen könne.

Deshalb. auch weil er seinem Freund Grusdat "nicht in den Rücken" fallen wollte, stimmte Ruhland zu" obwohl ihm -- wie er später der Polizei erzählte -- "die ganze Sache" nicht geheuer gewesen sei, Drei Überfälle in zehn Minuten.

Mitte September 1970, bei einem Gruppen-Treff in Bäckers Dreieinhalbzimmer-Wohnung in der Keithstraße Nr. 15 (vorn, zwei Treppen), begründete Mahler den geplanten Handstreich laut Ruhland so: Die Gruppe habe kein Geld mehr und könne es sich durch geregelte Arbeit nicht beschaffen; sie brauche Geld für den Lebensunterhalt, aber auch. um Genossen zu befreien, wenn sie von der Polizei gefaßt würden -- womit täglich zu rechnen sei.

Von nun an waren Banküberfälle, für den südamerikanischen Revolutionär Marighela "eine Art Vorexamen, in dem die Technik des revolutionären Krieges erlernt werden kann", offenbar auch in der Gruppe wichtigstes Gesprächsthema. Als Objekte wurden ins Auge gefaßt:

* die Depositenkasse 4 der Berliner Bank, Berlin 41, Rheinstraße 1;

* die Zweigstelle 92 der Sparkasse der Stadt Berlin West, Berlin 33, Südwestkorso 38;

* die Zweigstelle 22 der Sparkasse Berlin West, Berlin 21. Altonaer Straße 5;

* die Zweigstelle 83 der Sparkasse Berlin West, Berlin 13, Siemensdamm.

Die Überfälle sollten, so Ruhland im Prozeß, gleichzeitig stattfinden, um die Fahndung zu erschweren. Er selber wurde zusammen mit Gudrun Ensslin, Ingrid Schubert, Hilmar Buddee und Heinrich Jansen für den Siemensdamm-Überfall eingeteilt.

Zu letzten Besprechungen trafen sich gemäß Ruhlands Bekundung die Kassen-Guerilleros im West-Berliner Tiergarten, an der Uferböschung des Landwehrkanals, in abgelegenen Parks. Sie verglichen Skizzen vom Bank-Inneren, die jeder angefertigt hatte, besprachen Einsatz-Details, legten Fluchtwege fest.

Horst Mahler soll. um den Fluchtweg besorgt. auf dem Nachbargrundstück der "Berliner Bank"-Niederlassung an der Friedenauer Rheinstraße mit einem Seitenschneider Maschendraht zerschnitten haben, der hinderlich werden konnte. Jeder Genosse prägte sich die Telephonnummer einer Privatklinik ein, mit der ein Arrangement getroffen worden war. Gruppenmitglieder aufzunehmen, die beim Überfall auf der Flucht verletzt wurden.

Gudrun Ensslin. Einsatzleiterin für das Tatobjekt Siemensdamm" stoppte noch einmal die Zeit für den Fluchtweg -- "Die Führer der Überfall-Gruppen hatten Spezialuhren" (Ruhland).

Doch am Vorabend der Banküberfälle gab es Krach unter den Genossen. Der jüngste von ihnen. Hilmar Buddee, gerade 16 geworden, wollte nicht mittun und stritt sich deshalb mit "Grete" Ensslin. Ingrid Schubert sprang mit für ihn ein, und Hilmar Buddee ließ sich fortan nicht mehr blicken.

Der späte Rücktritt blieb nicht die einzige Panne. Morgens um 8, am Tattag. war das Quartett zwar komplett zur Stelle -- Ruhland ließ seinen VW-Bus in Banknähe auf einem Parkplatz stehen. Doch als die vier den Kassenraum noch einmal inspizierten. waren dort die Maurer am Werk, ein Baugerüst stand mitten in der Schalterhalle.

Gudrun Ensslin und ihre Mannschaft stoppten die Aktion, traten vorerst den Rückzug an und fuhren zur Wohnung Bäckers, Keithstraße 15, wo sie sich der dort schon versammelten Einsatzgruppe für das Überfall-Objekt Rheinstraße anschlossen.

In der Wohnung traf Ruhland außer Bäcker die Genossen Mahler ("James"). Baader ("Hans") und Grusdat ("Atze"). der an diesem Tag einen dunkelblauen Anzug mit Nadelstreifen, ein helles Hemd, eine dunkle Krawatte und, als einziger, eine Perücke trug, sowie Gudrun Ensslin ("Grete"), Irene Goergens ("Peggy"), Astrid Proll ("Rosi) und Ingrid Schubert ("Nina").

Grusdat hatte nach den polizeilichen Ermittlungen eine Schrotflinte dabei, deren Lauf abgesägt worden war. Ruhland ein Landmann-Preetz-Kleinkaliber-Schnellfeuergewehr, die anderen waren mit Pistolen ausgerüstet. Ruhland im Prozeß: "Die trugen immer Waffen."

Laut Ruhland galt die Regel. wahrend des Überfalls nur "im äußersten Notfall" zu schießen. Geschossen werden sollte "nicht, um an das Geld heranzukommen", sondern nur dann, wenn die Flucht behindert würde. Im Prozeß auf die Frage, ob Töten von Zivilisten wie Polizisten unter diesen Umständen einkalkuliert gewesen sei: "Ja."

Ermittlungsstand der Strafverfolger für diesen Morgen: Als die Genossen am Tatort -- Berliner Bank. Depositenkasse 4, Berlin 41. Rheinstraße 1 ankamen, war "James schon da: er hatte sich in der Zeit geirrt. Zehn Minuten lang ging er. ein Toupet unter der dunkelblauen Pudelmütze, vor dem Geldinstitut auf und ab. Baader parkte den von ihm benutzten diamantblauen Volkswagen auf dem Rathausplatz.

Um 9.58 Uhr gab Mahler "das Zeichen zum Aufbruch". dann. so Ruhland später im Prozeß bündig: "In die Bank und durchgeladen." Die Täter hatten Strickmützen mit Seh-Schlitzen über die Gesichter gezogen -- vornweg Baader und Irene Goergens, dann Mahler.

Übersah "Anna" den Karton mit 95 000 Mark?

Ruhland und Grusdat, durchgeladene Gewehre im Anschlag, sicherten den Eingang. Mahler. den Revolver in der Hand, rannte in die Mitte des Schalterraumes, rief: "Überfall! Hände hoch, ruhig verhalten. Es geschieht nichts, es ist nicht Ihr Geld."

Andreas Baader und Irene Goergens, schwarze Hose. schwarze Knautschlederjacke. sprangen über den Banktresen und verstauten 154 182,75 Mark in zwei Aktentaschen -- dies alles eine Version des Tathergangs, wie sie Ruhland letzte Woche vor Gericht bestätigte.

Zur gleichen Zeit, binnen zehn Minuten, von 9.48 bis 9.58 Uhr. überfielen danach andere Trupps die Sparkasse am Südwestkorso 38 (Beute: 55 152 Mark) und -- angeblich unter Führung von Ulrike ("Anna") Meinhof und Heinrich ("Ali") Jansen die Sparkasse in der Altonaer Straße (Beute: 8135 Mark); einen Karton mit 95 000 Mark übersahen die Täter dabei. Genossen machten sich später über Ulrike lustig: "Die paar Mark hätt'ste dir auch mit schmutzigerer Arbeit verdienen können -- bei "Konkret"."

Der Überfall in der Rheinstraße hatte nur drei Minuten gedauert. Mahler beim Rückzug: "Läsen Sie keinen Alarm aus, sonst schmeißen wir eine Bombe." Er und Grusdat zündeten im Bankeingang dann einen Nebeltopf. um Verfolgern die Sicht zu nehmen. Derweil entfloh der Trupp über das Nachbargrundstück in die Lauterstraße, wo Fluchtautos bereitstanden.

Die Sparkassen-Tupamaros warfen ihre Pudelmützen weg, Grusdat auch noch ein kleines Damenfeuerzeug (das die Polizei später wiederfand) und Baader seine Jacke inklusive Autoschlüssel, so daß der diamantblaue Volkswagen später abgeschleppt werden mußte. "Harp" Bäcker, der bei der Baader-Befreiung mitgewirkt haben soll, suchte von seinem Wagen aus mit einem präparierten Sender den West-Berliner Polizeifunk zu stören.

Mahler, Baader und Irene Goergens entkamen -- so die Polizei-Recherchen -- mit einem von Astrid Proll gelenkten Mercedes. Sie fuhren zum Bahnhof Wilmersdorf und stiegen in das Fahrzeug um, das Gudrun Ensslin chauffierte, den frisierten Mercedes mit dem rehbraunen Dach (Kennzeichen B -- PN 240). Eigentlich wollte die Gruppe mit dem BMW weiterfahren, den Astrid Proll am Bahnhof bereitstellen sollte -- doch auf dem Wege dorthin hatte die Genossin einen Unfall gebaut.

Grusdat, Ruhland und Ingrid Schubert -- so die Ermittlungen -- fuhren zum Schöneberger Volkspark, von da mit einem anderen Auto zum Wittenbergplatz. Die letzte Strecke zu ihrer Fluchtwohnung, Keithstraße 15, legten sie zu Fuß zurück. Mahler warnte:

Vorsicht bei Geldausgaben.

Über Radio, Fernsehen und Polizeifunk verfolgten sie die Fahndung der Polizei. Als durchgegeben wurde, daß Beamte an der Ecke Ceciliengärten/Traegerstraße ein Fluchtauto sichergestellt hätten -- Kennzeichen: B-PN 240 -, war ihnen klar, daß der Mahler-Trupp das Fahrzeug tatsächlich unweit seiner Fluchtwohnung (Berlin 41, Traegerstraße 1) abgestellt hatte. Ingrid Schubert machte sich sofort auf und warnte die Genossen.

Später sollen sich Baader und Ulrike Meinhof über die Polizisten amüsiert haben, die nach ihnen suchten. Baader erzählte Gruppen-Mitgliedern, auf dem Weg zum Tatort in der Rheinstraße sei ihm ein Streifenwagen mit Blaulicht und Tatütata entgegengekommen -- offensichtlich unterwegs zur Altonaer Straße, wo derweil Ulrike Meinhof mit ihrer Mannschaft tätig gewesen sein soll.

Ulrike Meinhof erzählte ihrerseits, sie habe beobachtet, wie eben dieser Streifenwagen kehrt gemacht habe -- wohl, um in die Rheinstraße zu kutschieren, wo mittlerweile Baader über den Tresen gejumpt war. Baader gab gelegentlich auch zum besten, daß er beim Eindringen in die Bank die Sehschlitze

Polizist mit Mahler-Toupet.

seiner Pudelmütze nicht mit den Augen übereinbekommen und sekundenlang im Dunkeln gestanden habe.

Nach den Banküberfällen verzichteten die Genossen für ein paar Tage auf die üblichen Treffs. Aber schon am 1. Oktober wurde Ruhland von Astrid Proll benachrichtigt, er möge sich am 6. Oktober in der Kurfürstenstraße 161, 2. Etage, einfinden -- der Wohnung von Jan-Carl Raspe ("Fred") und Freundin Marianne Herzog. Astrid Proll hatte auch Ruhlands Beuteanteil mitgebracht: eintausend Mark.

Auf das verabredete Zeichen (zweimal klingeln) wurde am 6. Oktober die Tür in der Hinterhaus-Wohnung (zwei Zimmer) geöffnet. Bei diesem Treff lernte Ruhland zwei neue Genossen kennen: Petra ("Prinz") Schelm und Manfred ("Carlos") Grashoff, später laut Polizei-Ermittlungen Spezialist der Gruppe für das Fälschen von Ausweisen und Kfz-Papieren.

Bei solchen Zusammenkünften waren Mahler und Baader nach Darstellung Ruhlands die Wortführer. Obgleich die Banküberfälle glimpflich verlaufen waren, fanden sie Anlaß zur Kritik: Derartige Aktionen müßten noch besser geplant und vorbereitet werden, die Flucht müsse besser ablaufen.

"James" Mahler soll dabei ideologische Erläuterungen gegeben haben wie: "Es handelt sich um das Geld von Kapitalisten. Der kleine Mann wird davon nicht betroffen." Sodann wurden Forderungen laut, die Gruppe stärker zu machen: Jeder sollte sich "In seinem Kreis" bemühen, neue Mitarbeiter zu gewinnen. Im übrigen: Vorsicht bei Geldausgaben.

Zwei Genossen waren schon wieder im Einsatz.

Die Genossen Bäcker und Jansen waren an diesem Abend nicht dabei. Sie waren -- ·so der Ermittlungsstand -- schon wieder im Einsatz. Vorn Bundesbahn-Hotel in Hannover aus unternahmen sie in einem angemieteten Auto Erkundungsfahrten ins nahe Munsterlager, wo die Bundeswehr Rekruten ausbildet. Die beiden wollten in eine Waffenkammer einbrechen, um die Gruppe weiter aufzurüsten.

Am 8. Oktober flog Ulrike Meinhof hinterdrein. zur Verstärkung -- und zur rechten Zeit; denn an eben diesem Tage bezogen, auf einen anonymen Wink hin, Beamte der West-Berliner Politischen Polizei Posten vor den Mietshäusern Hauptstraße 19 und Knesebeckstraße 89.

Die Wohnung in Schöneberg (Warmmiete: 590 Mark) gehörte der Genossin Monika Berberich -- alias Architektin Birgit Wend (Monatsgehalt: 2300 Mark), die Wohnung in Charlottenburg (Warmmiete: 410 Mark) der Genossin Ingrid Schubert -- alias Innenarchitektin Renate Hübner (Monatseinkommen: 2000 bis 2500 Mark).

Um 17.40 Uhr drangen Polizisten in die Hübner-Wohnung ein. Sie entdeckten: die seit der Baader-Befreiung gesuchte Ingrid Schubert, eine spanische Pistole Llama Especial 9 mm, Sprengkapseln, Chemikalien und zwei Krähenfüße ("Reifentöter") des Typs, der in den Bankräuber-Autos gefunden worden war, entwendete Kfz-Schilder, Aufzeichnungen über die am 29. September überfallenen Berliner Banken und handschriftliche Abrechnungen über insgesamt 58 230 Mark mit Decknamen von Mitgliedern der Gruppe. Auf einem Tischchen lagen Mahler-Akten und das "Minihandbuch des Stadtguerilla" von Carlos Marighela.

Um 18 Uhr klingelte es. Draußen stand ein hochgewachsener Mann mit Bart und wuscheligem Haar, drinnen zwölf Polizisten mit gezogener Pistole. Vom Plattenteller tönte Popmusik. Ingrid Schubert öffnete auf Geheiß der Polizisten.

Der Besucher versuchte es noch mit einer List. Er wies einen Ausweis vor, der auf den Namen "Günter Uhlig" lautete. Da griff einer der Beamten dem Mann ins Haar und hatte eine Perücke in der Hand: "Glauben Sie noch immer", sagte er, "daß wir Sie nicht erkennen, Herr Mahler?" Darauf der Mann aus dem Untergrund, der in der Gesäßtasche eine geladene Pistole und in den Jackentaschen 35 Schuß Munition trug: "Kompliment. meine Herren."

Wenig später gingen noch drei Mädchen der Gruppe in die Polizei-Falle: die Studentin Brigitte Asdonk, die nach Ermittlungen der Beamten Ulrike Meinhof gerade zum Flugplatz gefahren hatte, sowie -- beide mit Pistolen bewaffnet -- die Assessorin und frühere Mitarbeiterin in Mahlers Anwaltsbüro Monika Berberich und Irene Goergens, die ebenfalls bei der Baader-Befreiung geholfen hat.

Noch am selben Abend öffneten Polizisten die Berberich-Wohnung in der Schöneberger Hauptstraße. Sie trafen niemanden an, stellten aber Meßtischblätter West-Berlins. ein Verkehrsschild (weißblauer Richtungspfeil). Papiere, Akten und Ulrike Meinhofs Reiseschreibmaschine vom Typ "Olympia-Monica" sicher. Außerdem identifizierten sie einen Fingerabdruck am Rück-

* In der Berliner Wohnung Knesebeckstraße 89.

spiegel eines der Bankräuber-Autos als den von Ingrid Schubert.

Zwei Tage danach versammelten sich Gruppen-Angehörige wieder in Raspes Wohnung. Alle waren sich darüber einig, sagte Ruhland später den Ermittlern, daß mit Horst Mahler der führende Kopf der Gruppe "verlorengegangen" sei. Ruhland selber hatte dabei auch noch sein "Vorbild" verloren: "ich habe ihn bewundert,"

Die Runde in Raspes Wohnung rätselte, ob jemand, und wenn ja, wer die Genossen verraten haben könnte. Sie kamen, so Ruhland im Prozeß, auf "Harp" Bäcker, der von dem Treffen gewußt hatte, nicht .erschienen war und später behauptete, er sei magenkrank gewesen. Genossen hatten ihn jedoch unterwegs gesehen "sehr nervös und irgendwie verändert", wie ihnen aufgefallen war.

Auffällig erschien ihnen im nachhinein zudem Bäckers Verhalten bei der Vorbereitung des Oberfalls auf das Bundeswehr-Depot Munsterlager. Ein von ihm besprochenes Tonband mit Angaben über Entfernungen, Straßennamen. Zeiten der Wachablösungen war plötzlich verschwunden, eine Bundeswehr-Uniformjacke ebenso unversehens in Bäckers Händen, ohne daß der Genosse dies plausibel erklären konnte: Den einen erzählte er, er habe sie in einer Sauna abgestaubt, anderen, er habe sie in einer Gaststätte, dann wieder bei einem Schneider mitgehen lassen.

Gruppen- Mitglieder machten sich darauf den Reim, Bäcker habe das Tonband der Polizei zugespielt und sei zu Köderzwecken mit einer Uniform ausgestattet worden -- womöglich Verrat. Und gerade als dieser Verdacht erörtert wurde, erschien der mutmaßliche Verräter in Raspes Wohnung. Er bestritt, Mahler und Genossinnen bei der Polizei verpfiffen zu haben, ging nach Ruhlands Erinnerung "wütend" fort -- und setzte sich alsbald auch von der Gruppe ab.

Wie die Kripo herausfand, suchten die Genossen sich zu dieser Zeit neue Wohnungen, einige änderten ihre Decknamen und beschafften sich neue Ausweise. Dem abtrünnigen Bäcker schworen sie offenbar Rache. Erst redeten sie davon, ihn auffliegen zu lassen, dann gar davon, ihn "umzulegen". Astrid Proll soll später in Ruhlands Gegenwart erzählt haben, sie habe auf Bäcker geschossen. "aus einem Auto heraus", "auf offener Straße".

Sie hat vorbeigeschossen -- wenn sie überhaupt geschossen hat. Astrid ("Rosi") Proll gehörte zu den Gruppenmitgliedern. die zwei Tage nach der Polizei-Aktion gegen Mahler und Genossinnen auch das Thema Genossen-Befreiung anschnitten, doch konnte zu diesem Zeitpunkt keiner einen Plan entwickeln. Erst zwei Wochen danach hatte Grusdat einen Einfall, der freilich dem Vorsitzenden des Düsseldorfer Gerichts letzte Woche vorkam wie eine "phantastische Angelegenheit".

Grusdats Idee war es nämlich, einen Kleinst-Hubschrauber zu bauen, wie er ihn während eines England-Urlaubs im Londoner Luftfahrt-Museum gesehen hatte. Konstruktionspläne zum Bau eines Mini-Fluggeräts, das mit einem umgebauten VW-1500-Motor angetrieben werden sollte, lagen dem Kfz-Meister vor -- die Polizei stellte sie später sicher.

Gefangenen-Befreiung

mit selbstgebautem Hubschrauber?

Die technischen Daten besorgte er sich in Ost-Berlin: aus einer dort publizierten Schrift über Hubschraubertechnik. In der Bundesrepublik spähte er nach Helikoptern. um Gelenke und Wellen auszubauen, in seiner Werkstatt fingen er und Ruhland mit dem Eigenbau an. Ein Rotorblatt war bald fertig.

Nun redeten sie in der Gruppe davon. wie Brigitte Asdonk. Ingrid Schubert und Monika Berberich aus dem Moabiter Frauengefängnis. Lehrter Straße, auf dem Luftwege befreit werden könnten. Zwei mit Maschinenpistolen bewaffnete Genossen sollten, so die Plänemacher. während der Freistunde im Gefängnishof landen, die Aufseherinnen als Geiseln nehmen und so die Herausgabe der Genossinnen erzwingen.

Irene Goergens, die in der Frauenhaftanstalt Kantstraße einsaß. sollte auf dem Landweg befreit werden; durch die -- wie erkundet worden war -- unzulänglich gesicherte Eisentür in der Gefängnismauer. Diese Tür. die auf den Freihof führt, war von innen nicht verriegelt und hatte nur ein einfaches Sicherheitsschloß. Unbekannt war lediglich. ob die Schlüsselführung links- oder rechtsherum funktionierte -- was die Befreier veranlaßte, zwei Borstendietriche anzufertigen. Mahler schließlich sollte unterirdisch entkommen durch die Kanalisation. Ablichtungen kursierten in der Gruppe.

Es waren bereits Zeitpläne für die Befreiung im Gespräch -- zu Weihnachten 1970 Irene Goergens, dann die anderen Mädchen. im Januar 1971 Horst Mahler. Aber es blieb beim Plänemachen: Die Tür. durch die Ingrid Goergens herausgeholt werden sollte. "ist nach meiner Aussage von der Polizei inzwischen zugemauert" -- so Ruhland jetzt vor Gericht. Und der Weg durch die Kanalisation, den Mahler nehmen sollte. "ist inzwischen auch zugemauert".

Im nächsten Heft

Wo die Baader-Meinhofs unterschlupften -- Hauptquartier im Sanatorium -- Waffen von der El-Fatah -- Pässe aus dem Landratsamt


DER SPIEGEL 5/1972
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