24.01.1972

TV-SPIEGELOhne Maske und Tarnkappe

Günter Rohrbach, 43, Leiter der Abteilung „Spiel und Unterhaltung“ im WDR Köln, hat Praunheims Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ ins Erste Programm bringen wollen. Die ARD-Programmkonferenz hat ihn abgesetzt; er läuft jetzt im WDR III.
Ohne Zweifel, dies ist eine schwere Prüfung: 65 Minuten lang keine Frau, kein, wie üblich, aufs andere Geschlecht fixierter Mann, nur Schwule, zu Hause, im Café, in der Bar, am Strand, im Park, im Pissoir. Und das in einem Medium, das sich gemeinhin gegenüber Homosexuellen so verhält, als gäbe es sie nicht.
Die Absetzung des Praunheim-Films vom Programm der ARD ist ein Ausdruck des schlechten Gewissens. Weil das Fernsehen bisher vor den Homosexuellen versagt hat, glauben seine Verantwortlichen, sich jetzt ihnen gegenüber eine Schutzfunktion anmaßen zu müssen. Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt: Unter dem Vorwand, gerade die Homosexuellen selbst vor Schaden bewahren zu wollen, wird der engagierteste, mutigste und konsequenteste Film, der bisher für ihre Befreiung gedreht wurde, einer großen Öffentlichkeit vorenthalten. Er beschreibt nur die Absurdität der Gefechtslage, wenn die Spekulation erlaubt ist, daß sich die Entscheidung der Programmdirektoren vermutlich in Übereinstimmung mit dem Arrangement befindet, das die Gesellschaft mit ihrer homosexuellen Minderheit getroffen hat.
Test-Vorführungen in Köln und Berlin (bei den Filmfestspielen) haben gezeigt: Zweieinhalb Jahre nach der Liberalisierung des Paragraphen 175 ist die Mehrheit der Homosexuellen noch nicht entschlossen, von denen die volle Freiheit zu fordern. die gerade erst bereit waren, sie widerwillig aus dem Bannkreis der Kriminalität zu entlassen.
Rosa von Praunheims Film ist entstanden aus der Wut der Ohnmacht. Er ist aggressiv und polemisch, er ist beides, vor allem gegen die Homosexuellen selbst. Das macht ihn für sie so schmerzlich, das macht ihn aber auch für die Heterosexuellen so problematisch. Beiden Gruppen wäre wahrscheinlich in ihrer Mehrheit ein Film lieber gewesen, der auch das direktoriale Verdikt am wenigsten zu fürchten gehabt hätte: ein angepaßter, für das Phänomen der Homosexualität um Toleranz werbender Film. (Auch das sind schließlich Menschen!)
Kann man es dem Homosexuellen Rosa von Praunheim verargen, daß er gerade das nicht wollte? Würde es der Befreiung der Neger nützen, wenn man einen Film machte, in dem sie alle weiß geschminkt wären? Wenn sich unser Verhältnis zu den Homosexuellen verändern soll, müssen wir lernen, sie so zu akzeptieren, wie sie sind. Können wir das, solange wir zugleich fordern, daß sie sich uns gegenüber verstellen?
in Praunheims Film findet diese Verstellung nicht statt. Dafür freilich eine andere, die das Ergebnis einer Flucht aus der Öffentlichkeit in das Getto der Subkultur ist. Praunheim zeigt den verlogenen Glanz und das wirkliche Elend der Welt, in die sich viele Homosexuelle in ihrer Freizeit zurückziehen und in der sie glauben, ohne Tarnung leben zu können. Tatsächlich spielen sie aber auch hier nur die Rolle, die die Gesellschaft ihnen, den Schwulen, aufgezwungen hat. Gebunden in den Fesseln der Diskriminierung, erfüllen sie das Klischee. das ihnen die Illusion einer Freiheit außerhalb der bürgerlichen Ordnung gewährt. Die Existenzbedingung des Homosexuellen ist die Lüge. Die Chance aber ist für Praunheim die Wahrheit, die Herausforderung der Gesellschaft, die offene Feldschlacht ohne Maske und Tarnkappe.
Dieser Film erzwingt sie. Mag sein, daß er die Spießer erschrecken würde; aber kann man Vorurteile verstärken, wo der Nebel so dicht ist. daß kaum noch jemand hindurchsieht? Die Homosexuellen würden danach vielleicht nicht weniger Feinde haben, dafür aber mehr Freunde. Die Lauen vor allem, sie müßten sich bekennen, für oder gegen. Es gäbe vielleicht weniger Toleranz als bisher, dafür aber mehr Solidarität. Freilich müssen auch die Homosexuellen wissen, wofür sie sich entscheiden wollen. Darum ist dieser Film in erster Linie für sie gemacht. Daß er dennoch im Fernsehen, also vor einem großen Publikum, laufen sollte, entspricht den Bedürfnissen der Gesellschaft wie der Ideologie seiner Macher: Die Diskussion über die Situation der Homosexuellen sollte öffentlich und damit ehrlich werden.
Von Günter Rohrbach

DER SPIEGEL 5/1972
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