13.03.1972

PROZESSEOhne Gnade

Der Lehrer Artur Sahm wurde in Hildesheim wegen übler Nachrede zu 2000 Mark Geldstrafe verurteilt -- aber ins Zwielicht geriet der Nebenkläger Otto von Fircks, CDU-MdB.
Otto Freiherr von Fircks, CDU-Mitglied des Bundestages und Vertriebenen-Politiker, war schon sachverständig für Vertreibungsfragen, als die Deutschen noch in Polen waren. Der ehemalige SS-Obersturmführer (SS-Nummer 357 261), von Himmler persönlich für die SS geworben, hat 1940 als Leiter eines SS-Arbeitsstabes im Kreis Gnesen bei Posen aktiv mitgewirkt, polnische und jüdische Bauern von ihren Höfen zu vertreiben, um Platz zu schaffen für volksdeutsche Ansiedler. Das ist gerichtsnotorisch.
Aber der Volksschullehrer Artur Sahm, der dem Freiherrn eben dieses vorgeworfen hatte, wurde am Dienstag vorletzter Woche vom Landgericht Hildesheim in zweiter Instanz wegen "politischer übler Nachrede" zu 2000 Mark Geldstrafe verurteilt. Er hat Fircks nach Meinung der Richter zuviel des Bösen angelastet: neben der Polen-Vertreibung auch deren schlimme Folgen.
prozeß-Anlaß war ein Flugblatt des linken Volksschullehrers (ehemals DFU-Landesvorsitzender), in dem es über von Fircks (ehemals baltischer Baron) heißt: "Er hat sich beteiligt an den nazistischen Untaten während der Besetzung Polens." In "versteckter Form zwischen den Zeilen" dieses vierseitigen Flugblattes entdeckten die Hildesheimer Landrichter Sahm-Behauptungen" die den Vorwurf ausmachen, der ehemalige SS-Mann, bis zum vorletzten Wochenende Vorsitzender des CDU-Kreisverbandes Burgdorf bei Hannover, sei "auch an Greueltaten beteiligt gewesen".
Nun hat sich Sahm in der Tat nicht darauf beschränkt, Fircks' Wirken zu beschreiben. Er notierte Greuelschilderungen, um den historischen Hintergrund zu skizzieren -- und zwar Aussagen von Zeitgenossen. "Fast in allen größeren Orten", so der General Walter Petzel, Wehrkreisbefehlshaber im Warthegau, "fanden durch die erwähnten Organisationen (SS und Polizei) öffentliche Erschießungen statt." Admiral Canaris, ebenfalls von Sahm zitiert: "Für diese Methoden wird einmal die Welt auch die Wehrmacht, unter deren Augen diese Dinge stattfanden" verantwortlich machen." Diese Dinge, so folgerte Sahm, fanden "auch statt unter den Augen des CDU-Barons".
Ob, wenn schon nicht "diese Dinge", so doch ähnliches möglicherweise unter den Augen von Fircks' stattgefunden hat, mochte das Gericht nicht klären. Heinrich Hannover, Sahms Verteidiger, stellte vergeblich den Beweisantrag, einen polnischen Juden, heute Professor in Deutschland, zu hören, der im März 1940 in Lódz lebte, als die SS Tausende von Juden in ein Getto trieb -- zu einer Zeit, als SS-Fircks, ehe er nach Gnesen kommandiert wurde, selbst dort lebte.
Wie auch immer: Für Sahm war schon Untat genug, was auch vor Gericht erwiesen wurde. Damals in Polen hatten Kräfte des Polizeibataillons 44, von der SS beauftragt, das Dorf nachts umstellt. "Im Laufe der Nacht", so formulierte die Strafkammer, "wurden die polnischen Bauern mit einer kurzen Frist aus ihrem Besitz gesetzt."
Die Polen durften einen Koffer packen -- 25 Kilogramm "mit den dringendst notwendigen Kleidungs- und Ausrüstungsgegenständen (Decken)" -,in einem Beutel "eine einfache Verpflegung" verstauen und 150 Zloty einstecken. "Bei Juden", so ein "Erlaß des Führers und Reichskanzlers zur Festigung deutschen Volkstums", "ist das Mitnehmen aller Gegenstände erheblich einzuschränken."
Die Verschleppung der Polen und die Hof-Besetzung durch Deutsche, so stellte das Hildesheimer Gericht fest, "geschahen aus technischen Gründen Zug um Zug, damit die Bewirtschaftung des Hofes, insbesondere die Versorgung des Viehs reibungslos ineinander überging". Dabei wurde peinlich darauf geachtet, daß die nachrückenden Deutschen die vertriebenen Polen nicht zu Gesicht bekamen. Das sei, so damals der SS-Gruppenführer und Fircks-Vorgesetzte Wilhelm Koppe, "für die Psyche der Wolhynien- und Galizien-Deutschen nicht unbeachtlich".
"Nur die rassisch Wertvollen", schrieb Heinrich Himmler an den "Höheren SS- und Polizeiführer Warthe", "die tatsächlich blutlich, ohne Schaden anzurichten ... von unserem Volkskörper aufgenommen werden können", sollten "ins Altreich verpflanzt" werden. Die anderen seien "ohne jede Ausnahme und Gnade ins Generalgouvernement, als Sammelbecken der für Deutschland rassisch nicht Brauchbaren", abzuschieben.
Himmlers Dienstmann in Gnesen, Otto von Fircks, sorgte dort als Chef des SS-Arbeitsstabes für arische Verhältnisse nach den Vorstellungen des Reichsführers SS. "Durchgeführt", so Landgerichtsdirektor Günter Weber, 45, wurden die Aussiedlungen "im wesentlichen" vom Polizeibataillon, "aber die technische Oberleitung lag in den Händen des Arbeitsstabs".
Vor Gericht wurde unter anderem der Aktenvermerk eines SS-Untersturmführers" freilich nur die Durchschrift und deshalb ohne Unterschrift, verlesen. Der SS-Kamerad über den Arbeitsstab-Leiter: "Er erklärte mir, er habe die Absicht, die Ansiedlung der etwa 900 für den Kreis Gnesen bestimmten Cholmer Familien in zweimaliger Anordnung durchzuführen, um die Fluchtmöglichkeit der ... Polen auf ein Minimum herabzudrücken."
Davon will Fircks heute nichts mehr wissen. Man kenne das ja, sagt er, daß jemand Aktenvermerke anfertige, "um die eigenen Vorstellungen einem anderen" unterzuschieben.
Die Fircks-Vorstellungen wiederum machte der Zeuge Eberhard Jagemann deutlich, der 1940 als Student drei Monate lang Dolmetscher des Arbeitsstabes war und nun Fircks' Funktionen bestätigte: Eine polnische Küchenhilfe war ohnmächtig geworden, die Jüngeren am Tisch wollten helfen. Jagemann: "Das sei nicht ihre Sache, und es lohne sich nicht, sagte Herr von Fircks. In dem Zusammenhang gebrauchte er den Vergleich, daß Polen ohnehin mit Wanzen zu vergleichen sind."
Das Gericht sah die Verantwortlichkeit des Fircks-Stabes für die Polenvertreibung als erwiesen an. Gleichwohl soll Sahm, dem trotz Antrag des Staatsanwalts auf Freispruch die Geldstrafe von 2000 Mark auferlegt wurde, den Urteils-Tenor in drei Publikationen ("Burgdorfer Kreisblatt", "Zeit" und SPIEGEL) auf eigene Kosten veröffentlichen lassen.
Daß freilich Fircks, der als Nebenkläger auftrat, noch heute darauf beharrt, immer nur angesiedelt und niemanden ausgesiedelt zu haben, war auch für die Hildesheimer Richter, die Sahm im Gegensatz zum Freispruch in erster Instanz verurteilten, nur Schutzbehauptung -- erklärlich durch das "eigene Interesse des Nebenklägers" und zweifelhaft durch "innere Wahrscheinlichkeit".

DER SPIEGEL 12/1972
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