13.03.1972

RAUSCHGIFTIm Schutz des Schahs

Der Schah von Persien, strengster Ahnder von Rauschgift-Vergehen, beharrt auf der diplomatischen Immunität eines persischen Prinzen, der in Genf in eine Opium-Affäre verwickelt ist.
"Das ist eine Geschichte von Verrückten". polterte Perserprinz Huschang Dawalu, 68, per Telephon einen Schweizer Reporter an. "Eure Gerichte sind hoffentlich integer genug, die Wahrheit aufzudecken."
Die Gerichte der Schweiz sind dazu kaum in der Lage, wenn der Prinz, ein enger Vertrauter und Hofbeamter des Pfauenthron-Potentaten Resa Pahlewi, nicht mithilft. Und mithelfen muß Prinz Huschang, Hauptverdächtiger in einer Genfer Opium-Affäre, nicht unbedingt: Er genießt diplomatische Immunität.
In den Opium-Verdacht war der Prinz geraten, als am 21. Februar in Genf ein Landsmann, der persische Geschäftsmann Hassan Goreschi, verhaftet wurde. Goreschi soll 35 Gramm Opium von allerbester Qualität an einen süchtigen Perserprinzen in der Bundesrepublik -- angeblich aus "humanitären Gründen" -- vermittelt haben. Lieferant: Prinz Huschang.
Humanitäre Gründe zählen in Resas Reich nicht. Als der Welt gnadenlosester Verfolger von -- vorwiegend kleinen -- Rauschgifthändlern hat der Schah seit 1969 aufgrund eines neuen Anti-Drogengesetzes weit über 100 Menschen wegen illegalen Besitzes von Narkotika erschießen lassen. Wer in Persien mit mehr als zehn Gramm Heroin oder zwei Kilogramm Opium erwischt wird, ist ein Mann des Todes. Die offizielle Begründung für so viel Härte: "Jedesmal, wenn wir einen dieser Verbrecher hinrichten, retten wir das Leben Dutzender Menschen."
Um so größer ist in der Schweiz das Unbehagen über den Verlauf der Genfer Affäre. Als Mitglied der Equipe des Schahs, der vorletzte Woche seinen Winterurlaub in St. Moritz abbrach, ist auch Prinz Huschang mit allen diplomatischen Kratzfüßen vom schweizerischen Protokollchef Wetterwald in die persische Heimat entlassen worden.
In Genf hatten Richter, einzelne Behördenmitglieder und die Presse vom persischen Kaiser verlangt, die Immunität des in der Schweiz nicht akkreditierten Opium-Prinzen aufzuheben. Statt dessen beschied der Perser-Potentat beim Abflug den Protokollmann Wetterwald, Fragen der Genfer Untersuchungsrichter würden von Teheran aus schriftlich und auf diplomatischem Wege beantwortet.
"Leisetreten vor dem Schah" warf ein Kommentator daraufhin den Schweizer Bundesbehörden vor: Sie hätten den Prinzen zur "Persona non grata" erklären müssen, das hätte den Schah genötigt, "Farbe zu bekennen". Aber den Verantwortlichen schien Milde angebracht.
Immerhin ist Persien für die Schweiz drittwichtigster Handelspartner in Asien, überdies der größte Waffenkäufer -- 1969/70 setzten helvetische Produzenten Kriegsmaterial für über 90 Millionen Franken im Iran ab. Dem prominenten Wintersportler Resa zuliebe darf der prominenteste Anti-Schah-Agitator, Bahman Nirumand, in der Schweiz nicht öffentlich reden, dem
* Titel: "Der Bundestag wirft dem Schah die "Pille zum Fraß von "Schah" und "chat" (Katze) werden im Französischen gleich ausgesprochen.
Schah zuliebe unterstützte der schweizerische Bundesrat im vergangenen Jahr eine der umstrittensten Attacken auf die Pressefreiheit.
Als "Mörder", "Rauschgifthändler" und "Opiumproduzent" hatte Narcisse-Renè Praz, 43, Herausgeber einer kleinen satirischen Zeitschrift mit dem Titel "la pilule" (Die Pille), Schah Resa betitelt. Weil er damit "einen fremden Staat in der Person seines Oberhauptes" beleidigt hatte, wurde der Satiriker im vergangenen Dezember von einem Genfer Geschworenengericht zu 500 Franken Buße verurteilt. Es war das erste Mal, daß ein Journalist in der Schweiz wegen eines solchen Delikts bestraft wurde. Ein "gefährlicher Präzedenzfall", urteilte die Basler "National-Zeitung".
Immerhin wurde in dem "pilule"-Prozeß allerhand Material zum Beweis der doppelten Opium-Moral des persischen Kaisers vorgelegt.
Im selben Jahr, als er seine verschärften Anti-Drogen-Gesetze -- die schärfsten der Welt -- erließ, hob Schah Resa ein aus 1955 datiertes Pflanzverbot für Opium-Mohn wieder auf. Obwohl die Drogenkontroll-Organisation der Uno diese Entscheidung "tragisch" nannte, schwang sich Resa auf den Thron eines Mohnblumen-Kaisers: Der Löwenanteil der 12000 Hektar Mohnkulturen gehört ihm und seiner Familie.
Laut Weltgesundheits-Organisation (WHO) in Genf kann das aus kaiserlichem Mohn gewonnene Heroin und Opium nur zum kleinsten Teil medizinisch verwendet werden. So ist Persien neben Afghanistan und der Türkei Haupttummelplatz für den illegalen Handel.
Uno-Drogenfahnder vermerkten eine weitere persische Spezialität übel. Alle Länder haben die von ihnen im Jahre 1970 beschlagnahmten Drogen vernichtet. Die iranische Rechnung aber geht nicht auf. 18 454 Kilo Drogen wurden beschlagnahmt, 329 Kilo vernichtet, 152 Kilo gingen an den legalen Handel. Rest: 17973 Kilogramm.
Der Verdacht, daß persische Diplomaten für die Devisenkasse ihres Kaisers Heroin und Opiate schmuggeln, ist nicht erst seit der Huschang-Affäre in Genf aufgetaucht. Derselbe Prinz Huschang Dawalu, der angeblich einen nach Opium darbenden Landes-Prinzen aus humanitären Gründen versorgen wollte, war schon vor zwölf Jahren in Paris wegen Besitz und Gebrauch von Drogen angeklagt und inhaftiert.
Nie offiziell bestätigt wurde ein weit brisanterer Fall: 1961, als das Mohnpflanzen im Iran noch verboten war, soll die Zwillingsschwester des Schahs, Prinzessin Aschraf, auf dem Genfer Flughafen Cointrin mit einem randvollen Koffer Heroin ertappt worden sein. Nur ihre diplomatische Immunität, so die "National-Zeitung", habe sie vor Strafverfolgung bewahrt.
Nach der jüngsten Affäre verlangt jetzt "pilule"-Herausgeber Praz eine Revision seines Prozesses. "Der Beweis ist nun geliefert", schrieb der Satiriker an den schweizerischen Bundesanwalt Walder, "daß der Schah von Persien Drogenhändler deckt, die für die kaiserliche Familie tätig sind."

DER SPIEGEL 12/1972
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 12/1972
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

RAUSCHGIFT:
Im Schutz des Schahs

Video 00:38

Skifahrer filmt Lawinenabgang Plötzlich bricht der Schnee weg

  • Video "Unterhaussprecher Bercow: Der Brexit-Star in Zivil" Video 01:30
    Unterhaussprecher Bercow: Der Brexit-Star in Zivil
  • Video "Verendeter Wal: 40 Kilo Plastik im Bauch" Video 01:19
    Verendeter Wal: 40 Kilo Plastik im Bauch
  • Video "Tausende evakuiert: Historische Fluten in den USA" Video 01:00
    Tausende evakuiert: Historische Fluten in den USA
  • Video "Neuseeländischer Bauer gibt Waffe ab: Das ist das Risiko nicht wert" Video 02:11
    Neuseeländischer Bauer gibt Waffe ab: "Das ist das Risiko nicht wert"
  • Video "Virales Video: Elfjähriger dribbelt auf dem Laufband" Video 00:48
    Virales Video: Elfjähriger dribbelt auf dem Laufband
  • Video "Überschwemmte Straße in England: Die einen schaffen's - und die anderen..." Video 01:27
    Überschwemmte Straße in England: Die einen schaffen's - und die anderen...
  • Video "Überwachungsvideo: Trennzaun-Domino" Video 01:17
    Überwachungsvideo: Trennzaun-Domino
  • Video "AKW-Abriss: Mit Flex, Kärcher und Wischlappen" Video 06:44
    AKW-Abriss: Mit Flex, Kärcher und Wischlappen
  • Video "Schüsse in Utrecht: Was über den Attentäter bekannt ist" Video 01:47
    Schüsse in Utrecht: Was über den Attentäter bekannt ist
  • Video "Türkei: Wasserwerfer gegen PKK-Anhänger" Video 01:05
    Türkei: Wasserwerfer gegen PKK-Anhänger
  • Video "Videoanalyse zu 737 Max: Wie Boeing sich selbst kontrolliert" Video 04:28
    Videoanalyse zu 737 Max: Wie Boeing sich selbst kontrolliert
  • Video "Mays Brexit-Deal: Unterhaussprecher verhindert erneute Abstimmung" Video 02:29
    Mays Brexit-Deal: Unterhaussprecher verhindert erneute Abstimmung
  • Video "Grasen first! Stoische Schafherde ignoriert Kampfhubschrauber" Video 00:35
    Grasen first! Stoische Schafherde ignoriert Kampfhubschrauber
  • Video "Dieselskandal: Warum soll ich jetzt dafür geradestehen?" Video 06:20
    Dieselskandal: "Warum soll ich jetzt dafür geradestehen?"
  • Video "Terror in Christchurch: Ein Haka für die Toten" Video 02:27
    Terror in Christchurch: Ein Haka für die Toten
  • Video "Skifahrer filmt Lawinenabgang: Plötzlich bricht der Schnee weg" Video 00:38
    Skifahrer filmt Lawinenabgang: Plötzlich bricht der Schnee weg