13.03.1972

PERSONALIENHerbert Wehner, Willy Brandt, Klaus Steiniger, Angela Davis, Angela Davis, Walter Eugene Wilber, George Wald, Horst Ehmke, Gerhard Löwenthal

Herbert Wehner, 65, SPD-Stabschef mit Hang zur drastischen Formulierung, pflegt neuerdings auch die feinsinnige Art. In baden-württembergischen Wahlkampfreden benennt Wehner den CDU-Anführer nicht mehr schlicht Barzel, sondern Barzell -- Betonung auf der zweiten Silbe. Befragt nach dem Grund solch französisierender Akzentverschiebung, antwortete der SPD-Wortführer: "Das ist die Verkleinerungsform für Barzel."
Willy Brandt, 58, Schah-Besucher, ließ sich auf ein Tauschgeschäft ein. Um den Unmut Resa Pahlewis über Aktivitäten iranischer Studenten in der Bundesrepublik abzubauen, versprach er verschärfte Perser-Kontrollen und verbesserten Schutz für Botschaft und Konsulate des Kaiserreichs. Dank des Despoten: Wenn Brandt demnächst öffentlich etwas Positives über Persien sage, "dann vergessen wir das mit den Studenten". Noch auf dem Rückflug nach Bonn kündigte der Kanzler an: "Ich werde ... bald ... unseren Landsleuten ... erklären, was der Iran wirtschaftspolitisch und allgemein politisch bedeutet."
Klaus Steiniger, 39 (r), Sonderkorrespondent des SED-Zentralorgans "Neues Deutschland" (ND) beim Prozeß gegen die farbige US-Bürgerrechtskämpferin Angela Davis, 28, erregte zu Beginn der Verhandlung mehr Aufmerksamkeit als die Geschworenen-Befragung. Grund: Erstmals hatten die US-Behörden einem DDR-Journalisten die Teilnahme an einem inneramerikanischen Politikum gestattet. Der ND-Ressortleiter für "Kapitalistische Länder" wollte "sehr vorsichtig sein, um nicht die Regeln zu verletzen, da mein Fall eine Präzedenz darstellt", hielt sich aber nicht immer zurück: Zum "Internationalen Frauentag" überreichte er vergangenen Dienstag "unserer Genossin Angela" 50 "flammend rote Nelken" (Photo) und gab US-Kollegen bereitwillig Auskunft über seine Ansichten zum Prozeß. Solidarität löste der Mann aus Ost-Berlin auch bei einem Interview mit dem Farmer Roger Mac-Afee aus, der, durch Verpfändung eines Teils seines Hofes, eine Kaution in Höhe von 102 500 Dollar zur Haftentlassung Angela Davis' bereitstellte. Als Steiniger ihn mit "Genosse" ansprach, freute sich MacAfee: "Jetzt habe ich endlich das Gefühl, zur Mehrheit in dieser Welt zu gehören."
Walter Eugene Wilber, 42 (l.), amerikanischer Kriegsgefangener in Nordvietnam, verspricht sich nichts von der China-Offensive seines Präsidenten. In einem Gespräch mit dem Harvard-Professor (und Nobelpreisträger für Medizin und Physiologie) George Wald, 65 (r.), der während Nixons Peking-Visite Hanoi besuchte, zeigte sich Wilber -- 1968 über Nordvietnam abgeschossen -- pessimistisch: "Ganz klar, eine Präsidenten-Reise ... wirkt wie ein spektakulärer Schritt, um sein Prestige beim amerikanischen Volk zu vergrößern -- für die Präsidentenwahlen." Der Offizier auf die Frage, ob er von Nixons jüngsten Friedensvorschlägen gehört habe: "Mir scheint es, als ob sie am Wesentlichen vorbeigehen, vom Ende des Krieges steht da nichts drin." Wald: "Das kann Jahre dauern." Wilber: "Das ist es, was uns Gefangene deprimiert."
Horst Ehmke, 45, Amts-Vorsteher, fand die Wirkung der Schröder-Rede während der Ostdebatte des Bundestags in einem "Handbuch für angehende Autoren, Lektoren und Verleger" erklärt. Der Beitrag "Taktik des Theaters" erwähne ein dramaturgisches Rezept, wonach sich die "Masse" durch die "krasse, überraschende Abwechslung, die niemand erwartet hat, oder mit einem Wort: den Kontrast" mitreißen lasse. Ehmke: "Einige Seiten später habe ich allerdings auch den Satz gefunden: "Kontraste verstärken jedes Stück, sind aber nicht fähig, es zu tragen!""
Gerhard Löwenthal, 49, ZDF-Rechtsausleger. nimmt es mit der Genauigkeit nur ungern genau. Mitte Februar funktionierte der TV-Moderator in seiner mittwöchentlichen Besinnungsstunde beiläufig das sogenannte "Sozialistische Patientenkollektiv" in Heidelberg zum "Sozialdemokratischen Patientenkollektiv" um. Verärgert über den falschen Zungen-Schlag, bat SPD-Sprecher Lothar Schwarz bei ZDF-Chefredakteur Rudolf Woller um Berichtigung. Löwenthal korrigierte vierzehn Tage später: "Übrigens, zur Engstirnigkeit gehört auch das bewußte Mißverstehen von Versprechern." Daraufhin veranlaßte Intendant Holzamer seinen Magazin-Mann" sich während einer Sitzung des "Ausschusses für Politik und Zeitgeschehen" offiziell zu entschuldigen.

DER SPIEGEL 12/1972
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