08.05.1972

STÄDTEBAUKoloß vorm Fenster

Über 5000 Menschen sollen nach einem Plan des Bauunternehmers Heinz Mosch in West-Berlin über der Autobahn wohnen. Sein „Berlinopolis“ ist ebenso zukunftsweisend wie umstritten.
Jahrelang pflegte Taxifahrer Paul Schulze* sein Raucherbein auf einer Parzelle der Kleingartenkolonie "Rheingau" in Berlin-Wilmersdorf. In seiner 360 Quadratmeter großen Freizeit-Oase erntete er die "dicksten Pflaumen" und zog die "schönsten Rosen" -- an 28 Bäumen und 36 Edelsträuchern.
Nunmehr, im Rentenalter von 65, irrt Schulze Tag für Tag zwischen eingerissenen Zäunen, abgeholztem Baumwerk, zertretenen Gemüse- und Kräuter-Rabatten umher. Auch der einstmals freie Blick über das Grüngelände ist dem ehemaligen Laubenpieper verwehrt: Wo einst Petersilie und Stiefmütterchen gediehen, wälzt sich ein gewaltiger Sandwall, zwölf Meter hoch, 500 Meter lang -- gleich einer Wanderdüne.
Schulze und mit "ihm 239 andere Freizeitgärtner mußten ihre Schreber-Idylle der West-Berliner Stadtplanung opfern. Die Sandberge markieren den künftigen Verlauf einer Stadtautobahn-Trasse; wer sonst noch Herr im Garten ist, zeigen klotzig hingestellte Hinweistafeln: "Heinz Mosch".
"Einer der größten deutschen privaten Bauunternehmer" ("FAZ) -- dessen Bauschilder mittlerweile zum West-Berliner Stadtbild gehören wie Bushaltestellen -- gedenkt auf den Kulturen der Schulzes Deutschlands größtes, teuerstes, kühnstes privates Bauvorhaben zu errichten.
* Name von der Redaktion geändert.
Hier nämlich will Heinz Mosch auf einer Länge von einem halben Kilometer und bis zu "einer Höhe von 45 Metern die Stadtautobahn mit einem "Wohnpark" überbauen. Seine Pläne sehen ein gigantisches Babylon vor: mehr als 2000 Wohnungen für etwa 5500 Menschen in 14 Etagen -- und darunter, im Souterrain, Rennbahnen für 40 000 Autos täglich. Veranschlagte Gesamtkosten: 300 Millionen Mark.
"Einen solchen Versuch", so West-Berlins Bausenator Rolf Schwedler, "gibt es in der ganzen Welt noch nicht. Ich hoffe, daß dieses Projekt hier in Berlin zustande kommt."
Mit Schwedler hoffen selbst Gazetten in entlegenen Gauen. Die "Fränkischen Nachrichten" lobten ein "neues Wohngefühl". Und ein Blatt in Husum begeisterte sich: "Einmalig und richtungsweisend."
Doch die Wilmersdorfer Anrainer. näher dran, sehen nicht nur die städtebaulichen Vorteile. Das "Superbauvorhaben, das alle herkömmlichen Vorstellungen in den Schatten stellt" (Mosch-Werbung), würde ihnen -- so argwöhnen sie -- die Sonne nehmen, das Fernsehbild stören und die Zubringerstraßen verstopfen.
Während Mosch auf kostspieligem Karton für die "Förderung menschlichen Zusammenlebens" und um Kapitalgabe durch Kommanditisten wirbt' sucht eine "Bürgerinitiative Autobahn-Überbauung" mit Flugblättern aus billigem Saugpostpapier Mitstreiter gegen den "Koloß vorm Fenster". der aus einer ehemals grünen Lunge ein "Klein-Manhattan" zu machen drohe.
Ob Mosch sein kühnes Vorhaben wird verwirklichen können -- darüber befinden letztlich weder die Beamten in Schwedlers Baubehörde noch die Mitglieder der Aktionsgruppe "Bürgerinitiative": die Entscheidung obliegt allein der Bezirksverordnetenversammlung Wilmersdorf. Bevor der Bau begonnen werden kann, müssen 22 CDU-, 18 SPD- und fünf FDP-Abgeordnete sich zu "einer einfachen Mehrheit zusammenraufen und dem Plan -- weil er die bisherige Baukonzeption in dem beschaulichen Wilmersdorf sprengt -- ihr Plazet geben.
Die Bezirksparlamentarier sind sich einig,, daß eine Überbauung von Verkehrsanlagen besonders in West-Berlin -- wo Bauland, mangels dörflicher Gemeinden im Umland, rar ist wie in keinem anderen Ballungsgebiet -- grundsätzlich zu befürworten sei.
Die Christdemokraten billigen die Initiative des Unternehmers und melden lediglich zusätzliche Forderungen "an -- nach Begleiteinrichtungen wie Kindertagesstätten und Schulen.
Vielen SPD-Genossen hingegen graut insgeheim vor der Vorstellung, daß es ausgerechnet einem Kapitalisten vorbehalten sein soll, die Infrastruktur eines gesamten Stadtteils zu bestimmen, und daß, so ein Wilmersdorfer Juso' "der Hauptprofit einem Steuer-Spekulanten" zufallen werde, der in großflächigen Annoncen verrät, daß Begüterte auch ohne Lockermachen von Eigenmitteln Vermögen anhäufen können: "Sie finanzieren Ihre Kapitalanlage überwiegend oder voll aus Steuerersparnissen."
Der Wiesbadener Selfmademan Mosch, 48, ein in Polen geborener Schwabe, der sich gern mit politischer Prominenz umgibt, Tennis spielt und Gemälde sammelt, hat die Umsätze seiner Firma in sieben Jahren verzehnfacht und während der letzten zwölf Jahre in nahezu vierzig westdeutschen Städten Bauvorhaben für 2,4 Milliarden Mark betrieben.
Allein in West-Berlin -- wo er sich mit kleinen Gaben als Mäzen von Radfahrern und Reitern hervortut und gelegentlich auch für Kindergärten Baukastensysteme spendet, damit der Nachwuchs "großen Vorbildern nacheifern kann" -, brachte er es mit seinen 4500 Kommanditisten im letzten Jahrzehnt auf eine Bausumme von 730 Millionen Mark.
Sein "Husarenstück" (so die Unternehmerpostille "Handeisblatt"), mit dem er die Milliarde vollmachen will, leitete er zu Beginn des vergangenen Jahres mit dem Erwerb des Restgeländes der Wilmersdorfer Kleingarten-Scholle "Rheingau" ein (Richtpreis: 10,3 Millionen Mark).
Die Mosch-Leute planten auf dem einstigen Radieschen-Paradies unmittelbar am Autobahn-Rand zunächst den Bau von 500 Wohnungen, stießen aber auf Schwierigkeiten: Das Projekt hätte besonderer Schallschutzmaßnahmen und einer Novellierung des Bundesfernstraßengesetzes bedurft, das für Wohnbauten vierzig Meter Mindestabstand von einer Autobahn verlangt.
Im Frühsommer vergangenen Jahres jedoch half eine Erklärung des West-Berliner Bausenators Rolf Schwedler dem Mosch-Plan weiter: Schwedler -- ein Bauingenieur, der seine geliebte, durch Anlieger-Unmut mittlerweile in Verruf geratene Stadtautobahn plötzlich wieder aufgewertet sah -- befand, daß Straßenlandüberbauungen unentgeltlich zugelassen werden könnten.
Der Bauherr, so Schwedler, müsse zwar die Kosten für die teure Konstruktion tragen (Überbrückung, Schalldämmung, Entlüftung) -- dafür entfalle jedoch der Grundstückskauf; das Gelände könne für 99 Jahre in Erbpacht vergeben werden.
Stadterneuerer Mosch ergriff die Chance. Von den West-Berliner Architekten Gerhard Krebs und Georg Heinrichs, einem Miterbauer des umstrittenen Wohntrabanten Märkisches Viertel, ließ er ein Modell entwerfen, in dem die ursprünglich geplante Wohnzeile entlang der Autobahn verbunden wurde mit einem Wohnhügel über der Autobahn.
Um freilich die vorausberechneten Tunnelkosten von 37 Millionen Mark herauswirtschaften zu können, mußten die Architekten hoch stapeln: Sie türmten die mietträchtigen Wohnkuben, die dank ihrer Masse nun allen Mosch-Einlegern reiche Rendite versprechen, zu einer Gesamthöhe von 45 Metern.
"Von diesem Tag an", so Dr. Hans-Hermann Stober, Mosch-Statthalter in West-Berlin, "lief das Projekt ohne Rückschlag nach oben."
Um das soziale Gewissen der Sozialdemokraten zu beruhigen, wurden 30 bis 40 Prozent Sozialwohnungen mit eingeplant; der Rest an freifinanzierten Mietwohnungen konnte nach Berlin-Usus steuerbegünstigt zu einem Quadratmeter-Preis von sechs Mark einkalkuliert werden.
Die langfristige "Wirtschaftlichkeitsberechnung" (Mosch-Akte) verhieß bei 35 Prozent Eigenkapital über einen Mosch-eigenen Immobilienfonds (Mindeststückelung 5000 Mark) bereits für das Jahr nach der Fertigstellung (1976) einen Gewinn von 4,7 Millionen Mark. Bausenator Schwedler: "Ich bewundere den Mut des Herrn Mosch."
Mut zeigte Rechenkünstler Mosch freilich auch bei der Planung der technischen Details seiner Berlinopolis. Doppelschalige Grundfesten sollen die Anmieter vor dem Lärm des Autobahnverkehrs schützen. Ihre eigenen Pkw können die Bewohner auf 1700 Plätzen einer zweistöckigen Tiefgarage unterhalb der Autobahn abstellen; ihre Appartements (1150 Wohnlöcher von 20 bis 41 Quadratmeter, 854 Zwei- bis Dreieinhalb-Zimmer-Wohnungen) sollen sie über ein Liftsystem erreichen.
Um den "Knalleffekt" (Mosch-Studie) zu verhindern, den die Autobahn-Raser beim Verlassen des Tunnels verursachen, ließ Mosch sogenannte Adaptionsraster, jeweils fünfzig Meter lange gitterähnliche Gebilde, als Schallfresser an den Tunnelenden einplanen. Zur Frage der Tunnel-Entlüftung vertraute Mosch einer artfremden Branche: Vom Institut für Schiffbau der Universität Hamburg ließ er sich bestätigen, daß die "Kolbenwirkung" der Fahrzeuge für eine "natürliche Lüftung der Tunnelröhre" sorgt.
So natürlich wie dem Bauherrn und den Begutachtern erscheinen die Mosch-Maschine und ihre Auswirkungen auf die Umwelt den Wilmersdorfer Anwohnern freilich nicht, "Bei der offenen Autobahn', so faßte beispielsweise Anrainer Lange in einem Brief an Mosch die sich bietenden Alternativen zusammen. "werden wir durch Lärm und Auspuffgase unerträglich belästigt ... Aber Ihre Hochhäuser werden uns Licht und Sonne wegnehmen."
Mehr Sonne soll nun auch Moschs Projekt den Anwohnern angenehm machen: Die Planer ließen das an ein Gebirgsmassiv erinnernde Modell an beiden Enden abflachen. Zudem machten sie auch den kommunalpolitischen Widersachern Zugeständnisse: "Zum Freundschaftspreis" von elf Mark pro Quadratmeter (Stober) zweigte Mosch 1000 Quadratmeter von der sonst mit 30 Mark eingestuften Gewerbefläche (20 000 Quadratmeter) für den Bau einer Kindertagesstätte und eines Seniorenklubs ab.
"Zu verkraften" schien dem Baulöwen auch ein Novum: Für sieben bis neun Millionen Mark will Kinderfreund Mosch nun gar eine dreizügige Grundschule (die zu zwei Dritteln von Kindern der Mosch-Mieter frequentiert würde) erstellen und, wie Motorboote und Farbfernseher, im Leasing-Verfahren dem West-Berliner Senat als Schulträger offerieren.
Ob die politischen Gremien sich bei ihrer nun fälligen Entscheidung von Moschs Sozial-Offerten zu einer Zustimmung verleiten lassen, steht einstweilen freilich dahin. Denn nach der von Senator Schwedler vorläufig verordneten "Denkpause" (Stober) muß auch noch jene "ideologische Axt" ("Welt") entschärft werden, mit der einige Wilmersdorfer SPD-Genossen "Kleinholz zu machen" gedenken.
Jene Sozis, die meinen, Bauvorhaben solcher Größenordnung dürften ausschließlich von gemeinnützigen Gesellschaften (und damit unter Rechnungshof-Kontrolle) realisiert werden, will Privatkapitalist Mosch durch den Hinweis auf eine andere Kontrollinstanz beschwichtigen. "Die Kontrolle durch die (staatliche) Berliner Wohnungsbau-Kreditanstalt" (die alle öffentlich geförderten Bauvorhaben überwacht), so Mosch-Direktor Stober, "ist für uns viel bindender als die Kontrolle durch Parteien oder andere Gremien."
"Rheingau" -- Rentner Schulze, der für seine 4000-Mark-Parzelle von Mosch das Sechsfache bekam, sieht das Problem indes eher aus der Tomaten-Perspektive. Der Mann, der auf dem zerstörten Areal seines ehemaligen Schrebergartens Abend für Abend aus alter Gewohnheit Papierreste aufsammelt, muß seinen Grünbedarf nunmehr in einem Supermarkt an der Ecke decken.
Mit Moschs Highway-City aber will er nichts weiter zu tun haben. "Wohnen", sagt Schulze, der "um die Ecke' in seiner alten Behausung bleiben möchte, "wohnen tun werde ich in dem Ding bestimmt nicht."

DER SPIEGEL 20/1972
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 20/1972
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

STÄDTEBAU:
Koloß vorm Fenster

Video 01:23

Extremsport am Abgrund Grat nochmal gut gegangen

  • Video "Extremsport am Abgrund: Grat nochmal gut gegangen" Video 01:23
    Extremsport am Abgrund: Grat nochmal gut gegangen
  • Video "Begegnung mit einem Elch: Ganz in Weiß" Video 01:18
    Begegnung mit einem Elch: Ganz in Weiß
  • Video "Gewalt in Charlottesville: Donald Trump verteidigt Rechtsextremisten" Video 02:23
    Gewalt in Charlottesville: Donald Trump verteidigt Rechtsextremisten
  • Video "Mont Blanc: Auf dem Weg nach oben - Folge 3" Video 03:20
    Mont Blanc: Auf dem Weg nach oben - Folge 3
  • Video "Küstenwache gegen Hilfsorganisationen: Die Retter sollen nicht mehr retten" Video 02:32
    Küstenwache gegen Hilfsorganisationen: Die Retter sollen nicht mehr retten
  • Video "Elche in Brandenburg: Von Weitem denkt man erst mal: Da steht ein Pferd" Video 02:20
    Elche in Brandenburg: "Von Weitem denkt man erst mal: Da steht ein Pferd"
  • Video "Choleraepidemie im Jemen: Dramatischer als alles, was ich je gesehen habe" Video 03:03
    Choleraepidemie im Jemen: "Dramatischer als alles, was ich je gesehen habe"
  • Video "Rechtsextreme in den USA: Was ist die Alt-Right-Bewegung?" Video 03:52
    Rechtsextreme in den USA: Was ist die Alt-Right-Bewegung?
  • Video "Wegen Charlottesville: Demonstranten stürzen Konföderierten-Denkmal" Video 00:38
    Wegen Charlottesville: Demonstranten stürzen Konföderierten-Denkmal
  • Video "Indonesien: Tanz der Rekorde" Video 01:26
    Indonesien: Tanz der Rekorde
  • Video "Erdrutsch und Überschwemmungen: Mehr als 350 Tote in Sierra Leone" Video 02:00
    Erdrutsch und Überschwemmungen: Mehr als 350 Tote in Sierra Leone
  • Video "Duell des Tages: Raubfisch gegen Kanu" Video 01:11
    Duell des Tages: Raubfisch gegen Kanu
  • Video "Privat-U-Boot geborgen: Schwedische Journalistin weiterhin vermisst" Video 00:55
    Privat-U-Boot geborgen: Schwedische Journalistin weiterhin vermisst
  • Video "Energiesparen auf Japanisch: Fünf Jahre keine Stromrechnung mehr bezahlt" Video 01:21
    Energiesparen auf Japanisch: Fünf Jahre keine Stromrechnung mehr bezahlt
  • Video "Jaafars Videoblog #23: Schwul sein und Imam? Das geht nicht!" Video 03:15
    Jaafars Videoblog #23: "Schwul sein und Imam? Das geht nicht!"