08.05.1972

ZEITGESCHICHTEHerr der Geschichte

Rolf Hochhuth konnte seine These vom Tod des Polen-Generals Sikorski nicht beweisen. Jetzt zugängliche Akten widerlegen ihn sogar.
Für Lessing war der "Dichter Herr der Geschichte", schreibt Erfolgsautor Rolf Hochhuth und unterscheidet: "Ich habe mich stets als ihr Diener betrachtet."
Vorige Woche verurteilte ein englisches Gericht den deutschen Diener der Geschichte zu 420 000 Mark Schadenersatz, weil er mit der historischen Wahrheit zu selbstherrlich umgegangen sei.
in dem auch in England aufgeführten Hochhuth-Drama "Soldaten" läßt Kriegspremier Winston Churchill den polnischen Exil-Premier Wladyslaw Sikorski bei einem manipulierten Flugunfall bei Gibraltar tödlich verunglücken: Anti-Kommunist Sikorski hatte das Verhältnis zum Waffenbruder Sowjet-Union belastet.
Diese seit langem umstrittene Version vom Tod des Polen-Generals ist praktisch widerlegt, seit Englands Regierung -- vorzeitig ihre Archive aus dem Zweiten Weltkrieg öffnete. Die nun zur Einsicht freien Dokumente beweisen, daß die Briten den zuweilen lästigen polnischen Verbündeten beeinflussen und unter Druck setzen, niemals aber beseitigen wollten.
Sikorski hatte nach Polens Zusammenbruch 1939 ein mögliches englischsowjetisches Waffenbündnis als "Katastrophe" bezeichnet. Der Pole haßte die Russen, weil sie -- im Einverständnis mit Hitler -- die Osthälfte seines Landes besetzt hatten. Später, in England, akzeptierte der General die Politik seiner Gastgeber, und 1941 schloß er selbst ein Abkommen mit den nun gegen Hitler kämpfenden Sowjets.
Im April 1943 freilich provozierte Sikorski eine Krise zwischen Russen und Engländern. Ohne auch nur seine westlichen Waffenbrüder zu informieren, hatte er vom Internationalen Roten Kreuz eine Untersuchung der Vorgänge im Walde von Katyn gefordert, wo 1940 über 4500 Polen-Offiziere erschossen worden waren: von den Nazis (so die Russen). von den Russen (so die Deutschen).
Sikorski verdächtigte auch die Russen. Stalin schimpfte ihn deshalb "Handlanger Hitlers" und brach die Beziehungen zu Sikorskis Exilregierung ab. Englands Außenminister Eden drängte den General zur Mäßigung, denn er fürchtete, daß die Sowjets eine
* Mit Winston Churchill Junior. dem Enkel des Kriegs-Premiers.
zweite polnische Exilregierung einsetzen würden. Churchill, der selbst kaum an der russischen Schuld am Massenmord zweifelte, riet Sikorski, Katyn als deutschen Propagandatrick zu betrachten.
Sikorski aber wollte das nicht. Als er am 4. Juli 1943 mit dem Flugzeug ins Meer stürzte, beschuldigte die deutsche Propaganda den englischen Premier, er habe einen Anschlag ausführen lassen.
In Wirklichkeit hatte sich Churchill bei den geheimen Kabinettsitzungen in London und auch bei Stalin für den General eingesetzt. Und die Russen wollten eine Umbildung von Sikorskis Exilregierung, nicht aber den Tod des Polen. Churchill am 10. Mai 1943 an Stalin: "Ich glaube wie Sie, daß Sikorski ... bleiben sollte."
Nach Sikorskis Tod waren die Londoner Exil-Polen gegen die Bekanntgabe der Unfallursache. Die Absturzaufklärung "Verklemmung des Höhensteuers", so fürchteten sie, könnte Spekulationen herausfordern. Englands Luftfahrtministerium aber beharrte auf der Veröffentlichung des Berichts. Es nährte damit die Legende, die auch Hochhuth pflegte und die den Deutschen vor Gericht brachte.
Die 420 000 Mark soll Hochhuth an den einzigen Überlebenden der Flugzeugkatastrophe zahlen, den Exil-Tschechen Edvard Prchal, 61, der die Unglücksmaschine geflogen hatte: Er war von Hochhuth als Beteiligter des Komplotts verdächtigt worden.
Prchal, der jetzt in Amerika lebt, zum Urteil: "Englands Justiz ist wunderbar" Hochhuth: "Auch wenn ich das Geld hätte, würde ich nicht zahlen."
Der in Basel lebende Autor ist auch nicht zur Zahlung zu zwingen, denn die Schweiz hat das internationale Abkommen über die Vollstreckung ausländischer Urteile nicht unterzeichnet. So hofft denn Bruchpilot Prchal auf Hochhuths englische Tantiemen.

DER SPIEGEL 20/1972
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