08.05.1972

Mumie fürs Museum

Die erste deutsch-sprachige Coubertin-Biographie kehrt kaum bekannte Züge hervor: Der Olympia-Erneuerer vertrat sozialistische Ziele und kämpfte gegen Kolonialismus.
Das Komitee besteht nicht mehr", frohlockte der französische Verbands-Funktionär Georges Prade. "Monsieur de Coubertin, der sich selbst ernannt hat, ist nur noch historische Reminiszenz."
Der Untergang des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), den Prade 1907 vermeldet hatte, fand indes nicht statt. Der Olympismus des französischen Barons Pierre de Coubertin (1863 bis 1937) bewegt das TV-Volk der ganzen Welt und Milliarden-Summen.
Mit einem Trick hatte Taktiker Coubertin 1894 im Festsaal der Pariser Sorbonne die Teilnehmer des angekündigten Kongresses zum Studium der Amateurfrage überrumpelt. Er fügte der Tagesordnung unauffällig die Erneuerung der Olympischen Spiele hinzu. Der Kongreß, von Preis- und Zulassungsfragen ermüdet, dann durch ein hymnisches Musikprogramm wieder hochgestimmt, gab Coubertin freie Hand.
Dennoch weckte der französische Pädagoge in den westlichen Ländern vorwiegend abschätzige Assoziationen: vom Muff des 19. Jahrhunderts und Amateur-Heuchelei, von pseudoreligiösem Brimborium. Doch der Außenseiter der Pariser Gesellschaft, ein katholischer Adliger, der eine zwei Jahre ältere, protestantische und bürgerliche Elsässerin heiratete, hatte weniger Freunde als
* Oben; In Olympia, Beisetzung durch den griechischen Kronprinzen Paul. Unten: Bei den Olympischen Spielen 1900.
** Marie-ThCrise Eyquem: "Pierre de Coubertin". Schropp-verlag, Dortmund; 271 Seiten; 19,80 Mark.
Feinde. Sie klebten ihm das Etikett des unverbesserlichen Olympia -Opas an.
In Wirklichkeit hat Coubertin immer wieder durch Forderungen verschreckt, die seine Gegner als sozialistisch fürchteten. Das belegt die erste Biographie, die kürzlich über ihn in deutscher Sprache erschien**.
Enttäuscht von der französischen Niederlage gegen die Deutschen 1870/ 71, setzte er sich das Ziel, Frankreichs Ruhm aufzupolieren ("rebronzer la France") -- aber unblutig ohne Krieg, innerhalb eines "von allen akzeptierten Regelwerks" zu "friedlicher Rivalität".
Als Lösung und Möglichkeit zur Aggressionsentladung empfahl er den internationalen Wettkampf. Daß "Völker einander lieben", hielt er für kindisch, aber "gegenseitige Achtung bedeutet keine Utopie; aber um sich zu achten, muß man sich zunächst kennen". So forderte er, "Ruderer, Läufer und Fechter ins Ausland zu exportieren", und glaubte an Aussichten zu einer "stetigen Verringerung der Chancen für einen Krieg". Doch 1900 während des ersten Olympias in Frankreich nahmen die Pariser Organisatoren Coubertin nicht einmal in das dickleibige Programm auf.
Nach dem Kriegsausbruch 1914 meldete sich Coubertin, 51, freiwillig. "Warten Sie", wies ihn ein Unteroffizier ab, "bis die Jungen alle tot sind." Aber der Franzose verlegte zugleich den Sitz des IOC nach Lausanne in die neutrale Schweiz und lehnte den Antrag des britischen IOC-Mitgliedes Sir Theodore Cook ab, die Deutschen auszuschließen. Cook trat zurück. Coubertins Schwägerin starb durch eine Granate, seine Neffen Bernard und Guy fielen. Der Name Coubertin erlosch.
Seine Standesgenossen verprellte er durch soziale Forderungen "nach Brot, nach Würde, nach Wissen" für die "Enterbten und Versklavten". Verständnis für das Proletariat wollte er durch polytechnischen Schulunterricht und zeitweilige Pflichtarbeit für alle Männer auf Baustellen oder in Fabriken wecken. Bessere Aufstiegschancen sollte den Unterprivilegierten eine Arbeiter-Universität verschaffen.
"Die kapitalistische Gesellschaft ruht heute nur noch auf Heucheleien", urteilte er. "Ich setze große Erwartungen in die Arbeiterklasse"; sie erscheint ihm "zu großen Taten fähig". Dann verlangt der Baron: "Eine Gewinnbeteiligung müßte eigentlich auch obligatorisch werden."
1923 greift er die Kolonialmächte an und fordert auf, die Afrikaner "gleichrangig, als freie Menschen, als Bürger der ganzen Welt" anzuerkennen. Dazu propagiert er Afrikanische Spiele unter IOC-Patronat. Der Plan scheiterte im "Kampf einer kolonialistischen Gesinnung gegen das Emanzipationsstreben der Eingeborenen".
Sein 100 konstruierte der engagierte Demokrat Coubertin bewußt undemokratisch: Er stellte das Gründungs-Komitee zusammen; seither wählte das 100 neue Mitglieder ausschließlich selbst. So blieb das 100. anders als der Völkerbund und inzwischen die Uno. manövrierfähig. Würde das 100, wie der Ostblock fordert, demokratisiert und seine Mitglieder von ihren Staaten ernannt, verlöre es in politischen Fragen Spielraum zu Entscheidungen.
Coubertins autoritäres Komitee setzte für die Spiele 1908 in London metrische Maße bei den Briten durch. Aber das IOC erkannte auch die noch nicht unabhängigen Länder Ungarn, die spätere Tschechoslowakei und Finnland an. Als der russische Zar -- gleichzeitig Großherzog von Finnland -- dagegen protestierte, hielt er ihn durch einen Notenwechsel mit historischen Erörterungen hin: "Am Ende ließ uns Petersburg in Ruhe."
Später traten von 1956 bis 1964 sechsmal gesamtdeutsche Olympia-Mannschaften auf. "Es gibt eine Geographie des Sports", erklärte Coubertin, "die sehr wohl in Unterschied zur Geographie der Politik stehen kann."
Als Coubertin 1920 Paavo Nurmi in der Kabine zu seinem 10 000-Meter-Olympiasieg -- vor einem Franzosen -- gratulieren wollte, sprangen die Finnen auf und sangen für Coubertin die olympische Hymne. Später disqualifizierte der internationale Leichtathletik-Verband Nurmi, weil er zuviel Spesen kassiert hatte.
In der Amateurfrage, "dieser Mumie für das Museum", scheiterte Coubertin. "Ich wollte dieses Statut überhaupt nicht", beteuerte er. "Die Verbände haben es uns aufgedrängt." Mit dem Olympischen Eid "fordere ich nur eins: sportliche Loyalität".
Zwar unterschied er Gewinn und Entschädigung für Sportler. Aber er hat auch um Nachsicht "für kleine Sünder" und ließ Kämpfe zwischen Amateuren und Profis zu. Auch setzte er sich für ein unabhängiges Schiedsgericht ein, das disqualifizierten Athleten ihre Amateurrechte zurückgeben könne.
Amateur Coubertin, der 1912 unter Pseudonym eine Goldmedaille im Kunstwettbewerb Lyrik für seine "Ode an den Sport" erhalten hatte, büßte über dem Olympia-Werk sein Vermögen ein. 1935 mußte Coubertin, 72, nach einer bezahlten Stellung suchen. Schließlich setzte ihm Hitler eine Rente aus, obwohl der Franzose nicht zum Olympia in Berlin anreiste, sondern wissen ließ: "Für uns Anthropologen gibt es keine arische Rasse."
Im Alter von 62 Jahren trat Coubertin von seinem IOC-Amt zurück. Er mahnte, olympische Prinzipien nicht in Dogmen zu verkehren, sondern "den Forderungen des Tages" anzupassen.
Für den fiktiven Fall einer Rückkehr "in hundert Jahren" schloß er nicht aus, "mein eigenes Werk, das ich jetzt aufgebaut habe, zu zertrümmern". Eine Urne mit seinem Herzen setzte der damalige Kronprinz Paul von Griechenland in Olympia bei.

DER SPIEGEL 20/1972
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