11.04.1956

SPIRITUOSENMampe gegen Mampe

Immer wenn abends noch jemand klingelt und Walter Aleith, Direktor der Spirituosenfabrik Carl Mampe AG Berlin, bei einem Blick durch den Türspalt einen unbekannten Mann an der Gartenpforte seiner Villa stehen sieht, durchzuckt ihn der Gedanke: Das ist der Detektiv von Mampe Hamburg.
Dieser Argwohn ist in Walter Aleith fest verwurzelt, seit einmal ein mysteriöser Unbekannter in der Abenddämmerung versuchte, aus ihm in einem Gespräch an der Gartenpforte abfällige Bemerkungen über seinen schärfsten Konkurrenten, den Kaufmann Benno Neumann, herauszulocken. Benno Neumann ist Inhaber der Spirituosenfabrik F. J. Mampe Hamburg. Aleith glaubt, daß Benno Neumann ihm damals einen Detektiv zugeschickt habe, um ihn mit Hilfe dieses Zeugen später wegen Beleidigung belangen zu können.
Diese seltsamen Gedankengänge des Berliner Schnapsfabrikanten Aleith werden angesichts des abgrundtiefen Mißtrauens verständlich, mit dem beide Firmen - Mampe Berlin und Mampe Hamburg - einander gegenüberstehen. Deutlicher Ausdruck dieses erbitterten Haders sind rund zwei Dutzend Streitverfahren, die seit Kriegsende zwischen beiden Firmen vor westdeutschen Gerichten ausgefochten wurden. Ein Teil dieser Verfahren lief sogar durch mehrere Instanzen. An Prozeß-, Anwalts- und Nebenkosten wurden in Sachen Mampe gegen Mampe schätzungsweise schon 100 000 Mark ausgegeben.
Dabei sind diese Nachkriegsprozesse lediglich die Fortsetzung einer Fehde, die bereits vor der Jahrhundertwende begann und seitdem zu gerichtlichen Verfahren führte, deren Zahl die Juristen beider Firmen heute nicht mehr genau feststellen können. Es handelt sich jedenfalls um etwa hundert.
Anlaß zum Zweikampf der Mampe-Firmen war eine unbestreitbar gute Sache. Als im Jahre 1831 die Cholera in Deutschland grassierte, braute der praktische Arzt und Königlich Preußische Geheime Sanitätsrat Dr. med. Carl Mampe im pommerschen Stargard aus Alkohol und heilsamen Kräutern seinen Magenschnaps "Bittere Tropfen" zusammen. Mampes Tropfen wurden bald als Cholera-Mittel in allen Apotheken geführt. Auch gegen die Folgen reichlichen Kommißbrot-Verzehrs bewährte sich das Destillat des Sanitätsrats. Im ersten Weltkrieg wurde es vom Roten Kreuz auf mehreren Kriegsschauplätzen den deutschen Soldaten regelmäßig verabfolgt.
Die feindlichen Mampe-Firmen, die außer ihren Likören "Halb und Halb" noch heute nach dem Originalrezept des Geheimen Sanitätsrats "Bittere Tropfen" herstellen, wissen gar wunderliche Dinge über die Wirksamkeit des Mittels zu berichten. So soll der Großtierfänger Christoph Schulz, der in Zentralafrika den Totentanz der Baila-Neger filmte, dem deutschen Magenschnaps sogar sein Leben verdanken. Die vom Filmen wenig begeisterten Neger hatten dem Tierfänger Pflanzengift in seinen Tee gemischt, worauf er die Sprache verlor, in einem Muskelkrampf erstarrte und wie tot dalag. Erst die "Bitteren Tropfen", von seiner Frau liebevoll eingeflößt, riefen ihn ins Diesseits zurück.
Trotz so überzeugender Qualitätsbeweise dachte Dr. Carl Mampe nicht daran, seine Erfindung geschäftlich auszunutzen. Vielmehr vermachte er noch zu Lebzeiten das Originalrezept für "Bittere Tropfen" seinen zwei Stiefbrüdern Ferdinand Johann und Carl Mampe.
Nun wollte es das Unglück, daß nicht beide Stiefbrüder gemeinsam, sondern jeder für sich eine Fabrik für "Bittere Tropfen" errichteten: Ferdinand Johann Mampe 1835 in Stargard (Pommern) und Carl Mampe 17 Jahre später in Köslin, von wo aus er schließlich nach Berlin übersiedelte. Während die Carl Mampe AG mit Direktor Walter Aleith an der Spitze auch heute noch ihren Sitz in Berlin hat, mußte Benno Neumann, der Urenkel von Ferdinand Johann Mampe, mit seinem Betrieb nach Hamburg ausweichen, als 1945 die Russen in Stargard einrückten.
So kam es denn, daß beide Mampe-Firmen mit ihren Erzeugnissen "Bittere Tropfen" und "Halb und Halb" auf dem engen Markt in der Bundesrepublik hart zusammenprallten.
Im Übereifer des Absatzkampfes durchbrachen beide Parteien gelegentlich die Grenzen eines fairen Wettbewerbes. In den zwischen beiden Häusern gerichtlich abgeschlossenen Vergleichen, die bereits in zweiter Auflage gedruckt vorliegen, ist beispielsweise nachzulesen, daß sich die Firmen verpflichteten, die Echtheit ihrer Marken gegenseitig nicht anzuzweifeln. Trotzdem konnte es geschehen, daß der für Mampe Berlin tätige Vertreter Leinveber das Hamburger Konkurrenzprodukt bei einer Konditorei in Füssen mit den Worten aus dem Geschäft drängte: "Nur die Firma Mampe Berlin liefert den echten Mampe." Flaschen von Mampe Hamburg, aus denen bis dahin in dem Café ausgeschenkt worden war, schob Leinveber mit verächtlichem Lächeln beiseite und belehrte den erschrockenen Konditor, der zum erstenmal von der Existenz zweier Mampe-Firmen hörte: "Die stellen Sie man in die Ecke. Das Zeug können Sie keinem Kunden anbieten."
Was nun allerdings bei derartigen Entgleisungen eines Vertreters zu geschehen hat, ist schon seit dem 22. März 1930 zwischen beiden Firmen unzweideutig festgelegt. Damals waren sie sich vor der Zivilkammer des Berliner Landgerichts darüber einig geworden, daß in solchen Fällen der Vertreter streng zu verwarnen und in Wiederholungsfällen zu entlassen sei.
Obwohl es nun den Hamburger Mampe-Leuten gelang, dem Vertreter Dietrich Leinveber acht ähnliche Verstöße nachzuweisen, bezeichnet Direktor Aleith ihn noch heute als seinen besten Mann. Statt den Vertreter zu entlassen, zahlte Aleith lieber gerichtlich festgesetzte Vertragsstrafen und Gebühren von fast 7000 Mark.
Für derartige Gehässigkeiten revanchierte sich Benno Neumann so oft er konnte. Seinem Berliner Konkurrenten schoß manchmal die Zornesröte ins Gesicht, zum Beispiel als er las, daß eine gastronomische Fachzeitschrift auf Grund eines Interviews mit Neumann behauptete, daß der Negus Negesti Haile Selassi I. seine hochprozentigen Getränke von der Firma Mampe Hamburg beziehe. Direktor Aleith ließ sich daraufhin sofort vom Kaiserlichen Palast in Addis Abeba bestätigen, daß nur seine Berliner Getränke am Hofe bekannt seien und daß jenes Interview eine Falschinformation gewesen sei.
Die Justitiare beider Firmen waren auch in den letzten Wochen wieder ausschließlich damit beschäftigt, neue Schliche der Konkurrenz zu erkunden und juristische Abwehrmunition herzustellen. Vergeblich rieten die Richter den beiden streitbaren Parteien, ihre Firmen aus Gründen der wirtschaftlichen Vernunft zusammenzulegen, wie es übrigens 1930 schon einmal geplant war. Aber dazu wollen sich weder Aleith noch Neumann verstehen. Sie fürchten allerdings, daß die Kunden eines Tages sagen werden: "Wegen der hohen Prozeßkosten ist der Mampe-Likör so teuer."
Hamburger Mampe-Fabrikant Neumann
Hundert Prozesse mit der Konkurrenz
Berliner Mampe-Fabrikant Aleith
"Der Negus ist mein Kunde"

DER SPIEGEL 15/1956
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