21.03.1956

NAHER OSTEN / GLUBBLiebe und Lüge

Grau, übernächtig und verstörten Gesichts saß der kleine, alte Engländer in seinem zerknautschten braunen Tweed -Anzug in der Glasveranda des Hotels von Kyrenia auf der Insel Zypern. Knapp 24 Stunden vorher noch war er der heimliche Herrscher des Königreiches Jordanien und dessen 23 000 Mann starker Armee ("Arabische Legion"), war er eine scheinbar unzerstörbare Säule britischer Weltmacht gewesen. Jetzt war er ein simpler Mister John Bagot Glubb, ein Irgendwer, bestenfalls ein rührendes Sinnbild von Englands Niedergang.
"Wie ich mich fühle?" wiederholte der General die sinnlose Routinefrage eines Reporters und antwortete nach einer Weile: "Ich fühle nichts, gar nichts. Nein, nicht das geringste." Dann versuchte er, seine Gedanken der Zukunft zuzuwenden: "So ist das, wenn man so lange draußen war; wir haben keine Wohnung in England; ich weiß noch nicht, was wir machen werden."
Die wehmütigen Sätze, die aus dem Mund des alten Mannes kamen, sind den Briten seit längerem geläufig. So wie Glubb sprachen vor rund acht Jahren die Beamten und Offiziere, die aus dem damals selbständig werdenden Indien, aus Burma und aus Pakistan zurückkehrten.
So klagten vor drei Jahren die Direktoren, Ingenieure und Angestellten der Anglo -Iranian Oil Company, als sie ihre schmucken Häuser, Golf- und Tennisplätze rings um die Ölraffinerie im persischen Abadan räumen mußten, so sprechen die Offiziere und Experten, die in diesen Wochen als Nachzügler der einstigen britischen Besatzungsmacht in Ägypten die Klubhäuser, Hotels, Waffenmagazine und Offizierssiedlungen am Suezkanal hinter sich lassen*.
Viele werden noch folgen. Der Sudan erklärte sich im vergangenen Jahr zum selbständigen Staat. Die Beamten des Civil Service, die den schwarzen Bauern zwischen dem Blauen und dem Weißen Nil den Baumwollanbau beibrachten, ihnen zeigten, wie man Bücher führt, wie man eine hydraulische Wasserpumpe bedient und einen Motor betreut, sie sind eben jetzt dabei, die Bilder der großen Gründer britischer Kolonialherrschaft von den Wänden ihrer Bungalows zu nehmen - die Bilder von Cecil Rhodes, Lord Kitchener und anderen.
Aber es werden noch mehr nach England kommen: Die Neger-Kolonien des afrikanischen Westens - Goldküste und Nigeria -, die Inseln im Karibischen Meer rings um Jamaica, die Schutzstaaten des Malaiischen Bundes bereiten sich vor, selbständig zu werden. Und selbst auf Zypern, wo der abgesetzte Glubb am Vormittag des 2. März auf seinem Heimflug nach London zwischengelandet war, bebt der Boden des britischen Imperiums. Auf der Insel tobt die blutige Revolte eines Nationalismus, der - so sinnlos er scheinen mag - das Werden einer Weltordnung anzeigt, für die England keine Begriffe, kein Verständnis und keine Machtmittel hat, in der es nicht zu Hause ist.
Was wartet auf die Heimkehrer, die Provinzen regierten, Armeen kommandierten und Millionenwerte verwalteten? Der graue Alltag der britischen Insel, eine kleine Pension, die tägliche Arbeit an den Memoiren und der Essengeruch aus der Küche des Nachbarn. "Wir haben keine Pläne", sagte Mister Glubb in der Glasveranda des Hotels in Kyrenia. "Wir hatten ja keine Zeit. Es kam alles so schrecklich plötzlich."
Dabei war es keineswegs plötzlich oder überraschend gekommen. Sowohl der historische Prozeß der letzten Jahrzehnte als auch die soziale Entwicklung des Orients wie schließlich die politischen Ereignisse der jüngsten Monate und Wochen zielten mit zwingender Logik auf jene Mittagsstunde des 1. März, in der Glubb Pascha, Befehlshaber der Arabischen Legion seit siebzehn Jahren, ratlos in die auf ihn gerichteten Maschinengewehrläufe seiner eigenen Soldaten starrte und von einem Boten des jungen Königs Hussein das Entlassungsschreiben entgegennahm. Es war gegen zwei Uhr mittags gewesen. Zu dieser Stunde versammelte sich wie alltäglich der größte Teil der britischen Offiziere in der Arabischen Legion zum Lunch. Sie betraten das Kasino im Hauptquartier der Legion, das in Zerka gelegen ist, dem nördlichen Stadtteil der jordanischen Hauptstadt Amman. In diesem Augenblick kappten jordanische Offiziere die Telephonleitungen. Legionärseinheiten umringten die Kasinobaracke und isolierten die Briten in einzelnen Büroräumen. Jeglicher Versuch, etwa treue Einheiten der Legion zu Hilfe zu rufen, war damit von vornherein unterbunden. Widerstandslos mußte Glubb Pascha seine Entlassung entgegennehmen.
Binnen zwei Stunden sollte er - so wollte es Husseins Abgesandter - das Büro in dem noch aus türkischen Zeiten stammenden Kommando-Gebäude in Zerka räumen. In der gleichen, höhnisch kurz bemessenen Frist sollte Frau Rosemary in dem benachbarten kleinen Haus, dem Wohnsitz Glubbs, die Sachen packen - die archäologischen Zeitschriften und Bücher, die zahllosen Erinnerungen, Geschenke und Dokumente aus 36 Jahren, die Glubb in Irak und Jordanien verbracht hat.
Dann war noch für die Pferde zu sorgen, die Godfrey, dem 17jährigen Sohn Glubbs, gehörten, und für die weißen Kaninchen, die Spielkameraden von Glubbs arabischer Adoptivtochter Naomi. Der Jordanier hatte schließlich ein Einsehen. Der Abflug der Glubbs wurde auf den nächsten Morgen, 7 Uhr, festgesetzt. Derweil tobte in Amman der Jubel der Araber.
Als sich Emir Abdullah, der Großvater des gegenwärtig regierenden Königs Hussein. 1920 in Amman niederließ, war es ein ödes, in einem Tal gelegenes Wüstennest mit einer Karawanserei, einem ehemals türkischen Fort und einem staubigen Marktplatz. Heute zählt Amman 150 000 Einwohner. An den Berghängen haben sich kubusförmige Villen angesiedelt, aus deren oberen Geschossen vielfach halbfertige Fassaden und Gestänge von Beton-Eisen emporragen - zum Zeichen, daß die Häuser noch im Bau und deshalb von der Haussteuer befreit sind. In der Talmitte ist eine moderne Stadt entstanden mit Kinos und lärmenden Cafes, mit Bankpalästen, großen Geschäftshäusern und Konsulatsgebäuden.
Am Nachmittag des 1. März brüllte ein Lautsprecher die Nachricht von Glubbs Entlassung über den Faisal Square, das zu dieser Tageszeit mit Autos vollgestopfte Verkehrszentrum der Stadt. Er verwandelte die Wüstenmetropole im Nu in einen Hexenkessel. In der Wadi Siir Road und in der Salt Street bildeten sich Demonstrationszüge; sie vereinten sich mit anderen Haufen und zogen vor den königlichen Palast. Wieder andere Demonstranten, Feuerschlucker an der Spitze, strömten auf den Dschebel Amman, einen der sieben Hügel der Stadt, und huldigten dem ägyptischen und dem saudiarabischen Botschafter.
Die Demonstrationszüge rekrutierten sich vorwiegend aus Schülern, Studenten und Flüchtlingen. Rund 500 000 arabische Bauern, Kaufleute, Intellektuelle, Ärzte, Anwälte und Ingenieure sind im Jahre 1948 - dem Jahr der Gründung des Staates Israel - vor dem jüdischen Regime über den Jordan nach Osten geflohen. Der größte Teil von ihnen lebt noch heute in unsagbar ärmlichen, verlausten Baracken am Ostufer des Jordan. In ihnen grassieren Heimweh und Tuberkulose, die Rachsucht gegen Israel und der Haß auf England, der Grimm der Enterbten und eine noch nicht ausgegorene soziale Revolution. Die Masse der entwurzelten Flüchtlinge bildet das wüste menschliche Schotterfeld, über dem die Fata Morgana eines glücklichen, geeinten und erneuerten Arabiens flimmert.
Doch nicht alle Flüchtlinge verkamen in der Lethargie des Flüchtlingsschicksals. Viele von ihnen - Zöglinge englischer, französischer und auch deutscher Schulen in Jerusalem (in Palästina gab es vor dem Kriege eine reiche, bodenständige deutsche Kolonie) - brachten westliches Wissen und westliche Initiative mit.
Sie gründeten Handelshäuser, Filmtheater, Buchverlage, Zeitungen und Betriebe. Sie kauften Land und führten moderne Anbaumethoden ein. Sie verwandelten die soziale Struktur des Beduinen -Staates und gaben ihm eine politische Aufgabe: die Revanche für die Vertreibung aus Westpalästina, den Traum von Großarabien.
Die Drahtzieher saßen in Kairo
Die Flüchtlinge fühlen sich dem Königshaus Jordaniens - den Haschemiten - durch keine Überlieferung zur Treue verpflichtet. Sie wissen sehr wohl, daß Jordanien wegen seiner Armut niemals etwas anderes als ein Kostgängerstaat großer auswärtiger Geldgeber sein kann. Den palästinensischen Flüchtlingen ist deshalb jeder jordanische Patriotismus fremd. Ihr Hoffen und Sehnen, ihr politisches Wollen ist auf etwas Größeres gerichtet, als es Jordanien je zu sein vermag - auf die Einheit aller Araber.
So waren die Demonstrationen, deren Lärm und Trubel am 1., 2. und 3. März durch die Straßen Ammans tosten, weitaus mehr als die Freudenkundgebungen eines seinem jungen König treu ergebenen Volkes. Sie waren Entladungen einer knisternden, die ganze arabische Welt erfüllenden Spannung, für deren Energien es noch keine Schalthebel gibt. Diese noch unartikulierten Kräfte gleichen einem Strom, der sein Bett noch nicht gefunden hat, der aber gleichwohl so mächtig ist, daß kein arabischer Staatsmann es wagen kann, sich ihm entgegenzustemmen.
Am 1. März trieb König Husseins Boot auf diesen unheimlichen Strom hinaus. Er war mehr ein Getriebener denn ein Treibender. Andere hatten ihm die Entlassung des alten englischen Haschemiten-Freundes Glubb aufgezwungen, andere steuerten nach vollzogenem Sturz den Jubel der beunruhigend großen Massen gegen seinen Palast. Immer wieder mußte er heraustreten und die Hände ärmlicher Flüchtlinge schütteln. Vergeblich mahnte er, zu Arbeit und Ordnung zurückzukehren.
Die Drahtzieher des Coups vom 1. März und der bedrohlichen Königs-Huldigungen saßen in Kairo und in Riad. Es waren Ägyptens Staatschef Oberst Nasser und Saudiarabiens König Saud, dessen Vater einst Husseins gleichnamigen Urgroßvater vom Scherifensessel in Mekka vertrieben hatte. Sie hatten die Kräfte des Hussein-Staates so manövriert, daß dem König schließlich keine andere Wahl blieb. Was am 1. März geschah, war in Wirklichkeit eine Revolution gegen England, deren Konzept in Kairo entworfen worden war und die der alte Haschemiten-Feind, das Königshaus des ölreichen Saudiarabiens, finanziert hatte.
König Hussein ist - soviel er auch zwischen Zugeständnissen an die arabischen Drahtzieher einerseits und versöhnenden Gesten an die Adresse Englands andererseits lavieren mag - der Gefangene dieser Revolution. Sein Thron schwankt auf vulkanischem Boden, der heute zwar noch glühende Begeisterung speit, morgen aber Tod und Verderben über den Königspalast ergießen kann.
Die Ursprünge dieser revolutionären Situation reichen weit in die Geschichte zurück: in die Jahre, da England im ersten Weltkrieg das ganz Arabien überdeckende Osmanische Reich des Sultans von Konstantinopel zertrümmerte und an dessen Stelle ein Blendwerk von gleisnerischen Versprechungen, ein Netz von Scheinstaaten und ein System von Verträgen setzte, von denen jeder schon im Augenblick seines Abschlusses den Keim des künftigen Treuebruchs in sich trug.
Das Spiel begann in den ersten Jahren des ersten Weltkrieges. Damals bot der Scherif von Mekka namens Hussein aus dem Geschlecht der Haschemiten, der Urgroßvater des jetzigen Königs Hussein von Jordanien, den Engländern ein politisches Geschäft an:
Mekka und die arabische Halbinsel gehörten zu jener Zeit noch zum Osmanischen Reich, doch war das kaum mehr als ein nomineller Besitztitel, denn der "kranke Mann am Bosporus" hatte schon lange nicht mehr die Kraft, seinem Wort auf der Halbinsel Geltung zu verschaffen. Die wahren Herren Arabiens waren kleine Sultane und Stammeshäuptlinge, zu denen auch der damals noch in der Wüste hausende spätere König Ibn Saud gehörte. Der Scherif von Mekka, Hussein, nahm unter diesen Wüstenkönigen den Rang einer Respektsperson ein.
Zwischen dem 14. Juli 1915 und dem 30. Januar 1916 wechselte Scherif Hussein mit dem britischen Hochkommissar von Ägypten, MacMahon, acht Briefe. Hussein versprach, gegen den mit Deutschland verbündeten "Großherrn" in Konstantinopel zu einem allgemeinen arabischen Aufstand aufzurufen. Dafür erhielt Hussein von MacMahon die Zusicherung, England werde den Arabern bei der Gründung eines Reiches behilflich sein, das von der Südgrenze der heutigen Türkei bis nach Aden an der Südspitze der Arabischen Halbinsel reichen sollte.
Hussein hielt sein Versprechen, und der Aufstand in der Wüste brach los. Der spätere englische Oberst und damalige Secret Service-Agent T. E. Lawrence kam dabei zu militärischem und literarischem Ruhm und England in den Besitz der Ölquellen in Irak und Kuweit, ohne die die Briten heute wahrscheinlich am Hungertuche nagen müßten.
Weniger gut erging es dem anderen Vertragspartner, dem Haschemiten Hussein. Schon kurze Zeit nach dem Briefwechsel mit Hochkommissar MacMahon versprachen die Briten die wertvollsten Teile des gleichen Gebiets, das MacMahon in seinen Briefen an Hussein den
Arabern zugesichert hatte, anderen Interessenten. Bereits 1916, unmittelbar nachdem die letzten Briefe zwischen Hussein und MacMahon gewechselt worden waren, verabredeten die Engländer mit den Franzosen, daß Frankreich Syrien als Einflußzone erhalten solle und England die Landbrücke zwischen dem Persischen Golf und der palästinensischen Mittelmeerküste.
Nicht genug damit: Im Jahre 1917 versprachen die Briten auch noch Dritten - den jüdischen Zionisten - ein Stück des gleichen türkischen Beutegutes, das eigentlich Hussein erhalten sollte. Ihnen wurde Palästina versprochen - freilich nur mit der reichlich flauen Formulierung, man werde ihnen dort eine "nationale Heimstätte" gründen.
Aus dieser britischen Teppichhändler-Praxis ergaben sich mancherlei Scherereien, als deren ärgerlichste sich eines Tages der Konflikt der beiden gleichermaßen formaljuristisch berechtigten Ansprüche der Zionisten und Araber auf Palästina erweisen sollte.
Zunächst aber gab es in Syrien Ärger. Am 11. März 1920 hatte sich ein Sohn Husseins, Emir Faisal, in Damaskus zum König von Syrien ausrufen lassen - gleichsam als Unterkönig seines Vaters, der sich bereits 1916 zum "König aller Araber" gemacht
hatte. Doch schon vier Monate später erschienen in Damaskus die anderen Vertragspartner der Briten, die Franzosen. Sie jagten Faisal zum Land hinaus.
Inzwischen marschierte von Mekka her ein anderer Sohn Husseins nach Norden, um ein Stück des väterlichen Großreiches zu ergattern. Sein Name war Abdullah, und ihm hatten die Briten den noch zu etablierenden Königsthron von Bagdad versprochen. Sein Reich sollte Irak heißen.
Aber auch dabei ergaben sich Komplikationen. Die Engländer hatten, während Abdullahs kleine Schar durch die baumlosen Sandsteingebirge des heutigen Südjordaniens ritt, den aus Damaskus verjagten Faisal kurzerhand zum König von Irak gemacht. Für Abdullah fehlte mithin ein Thron.
Teile und herrsche!
Der stets ideenreiche damalige Kolonialminister Winston Churchill - er weilte gerade in Kairo - hatte einen sehr englischen Einfall. Er reiste nach Jerusalem, zitierte den Wüstenreisenden Abdullah herbei und schlug ihm vor, dort als König zu bleiben, wohin eben jetzt seine Reise ihn verschlagen hatte, in Amman. Dem Abdullah war die steinerne Wüste unter den Hufen seiner Kamele lieber als das grüne Tal des Euphrats, das er nicht hatte. Er nahm an. Mit dieser abenteuerlichen Episode beginnt die Geschichte des heutigen Königreichs Jordanien.
Nun war es allerdings nicht leicht, die Herrschaft des Hussein-Sohnes Abdullah am Jordan juristisch einigermaßen korrekt zu sichern. Denn genau genommen gehörte sein Herrschaftsgebiet zum ehemals türkischen "Palästina", das die Briten sich vom Völkerbund zur Verwaltung als Mandatsgebiet hatten übergeben lassen. Freilich war die Ostgrenze des Mandatsgebiets nicht festgelegt worden, aber diese Unterlassung war darauf zurückzuführen, daß es äußerst schwer ist, irgendwo in der Wüste eine Grenze zu ziehen. Auf keinen Fall hatten die Grenzzieher des Völkerbundes die Absicht gehabt, den Jordan zur Ostgrenze des Mandats zu machen.
Eben das aber beabsichtigten die Briten: Sie gedachten - nach der alten Devise "Teile und herrsche" -, den Arabern allmählich Teile des Mandatsgebiets zu überlassen, um dann Juden und Araber in Palästina gegeneinander auszuspielen. Als Schiedsrichter in diesem Streit hoffte England für lange Zeit im Lande unentbehrlich zu bleiben.
Zunächst überließen die Briten das Werden des späteren jordanischen Königreichs den Zufällen der Zeit. Sie setzten ihren Schützling Abdullah als Administrator der Mandatsregierung von Palästina im Ostteil des Mandats ein - mit einem Monatsgehalt von 5000 Pfund. Dazu gaben sie ihm einen ältlichen, etwas cholerischen Major namens Peake, der sich zuvor in der Sahara als Führer einer Kamelreitertruppe hervorgetan hatte.
Der biedere Peake war für seinen neuen Job gerade einfältig genug: Er sah sich die dreihundert Mann an, die Abdullah aus Mekka mitgebracht hatte, jagte zwei Drittel von ihnen in die Wüste und schurigelte aus dem Rest eine Kompanie nach dem Muster der Londoner Gardekavallerie zusammen. Das war der Embryo der Arabischen Legion.
Im Spiel um Öl und Macht
In kurzer Frist erhöhte Peake die Zahl seiner Legionäre auf 1000. Die reichten aus, um die wenigen Bauern im Westteil des Landes in erfreulich pünktliche Steuerzahler zu verwandeln. Den weitaus größten Teil des Landes aber - die Wüste im Osten und die bizarren Mondgebirge des Südens - überließ Peake dem jahrtausendealten Chaos, dem ständigen Kleinkrieg der Hammeldiebe, dem Bandenkampf der Clans und Stämme um Wasserlöcher und Weiden.
Inzwischen war - im Jahre 1925 - Abdullahs Vater, der "König aller Araber", Hussein, von dem Wüstenhäuptling Ibn Saud aus Mekka verjagt worden. Er floh zu seinem Sohn Abdullah nach Amman (wo er im Jahre 1931 starb). Aus dem Traum von Großarabien, aus den Versprechungen Englands war ein dynastisches Puzzlespiel der Hussein-Söhne Abdullah und Faisal (König von Irak von 1921 bis 1933) geworden.
Im Jahre 1922 hatte England den Herrschaftsbereich Abdullahs so weit aus dem zu treuen Händen übergebenen Mandat Palästina herausgemogelt, daß es aus der Mandats-Administration in Amman ein Emirat unter britischer Oberherrschaft bilden konnte. Niemand kümmerte sich so recht darum, was in dem, Wüstennest Amman geschah. Abdullah erhielt den Titel eines Emirs, sein Land den Namen Transjordanien.
Beunruhigend blieb, was im Süden des Landes vor sich ging. Jenseits der Grenze, in Saudiarabien, hatte Ibn Saud seinen Wahabiten-Staat gegründet. Die Wahabiten sind eine islamische Sekte, die besonders strenggläubig ist. Anders als die von England zusammengeflunkerten und englandhörigen Haschemiten-Dynastien in Irak und Transjordanien lebte in Ibn Sauds Wüstenreich ein religiöser und politischer Wille. Die Wahabiten wollten ganz Arabien zu ihren strengen Sitten bekehren und unter ihrer Herrschaft vereinen.
So schlug der wahabitische Missionseifer - oft genug allerdings mit Raublust gemischt - über die saudiarabisch-transjordanische Grenze. Fast ein Jahrzehnt lang rumorte dieser Krieg, bis ihm schließlich ein kleiner, unscheinbarer Mann mit eigentlich nicht viel mehr als gutem Zureden ein Ende bereitete. Der Mann hieß John Bagot Glubb.
Als Sohn eines späteren britischen Generals im Jahre 1897 in England geboren, als Pionierleutnant während des ersten Weltkrieges in Frankreich verwundet - ein Schrapnell zerschmetterte ihm den Kiefer -, ließ Glubb sich im Jahre 1920 nach Irak versetzen.
Er wurde zu einer jener zugleich liebenswerten und unheimlichen Figuren, die seit jeher die britische Orientpolitik geschmückt haben. Romantischen Gemüts, zuweilen schlicht und gütig, immer aber verliebt in die ritterlichen Gestalten der Wüste und fasziniert von dem harten männlichen Reiterleben der Beduinen, waren sie die Werkzeuge einer kaltblütigen Politik, bei der es um so reale Dinge wie Ölquellen und strategische Positionen ging.
Es ist gewiß kein Zufall, daß Männer wie der zwergenhafte Secret Service-Agent T. E. Lawrence und Glubb, die wenig mit dem Gentleman-Ideal des dürren, lang aufgeschossenen Schlaks gemein haben, ihren Weg in die Fremde nahmen. Auch Glubb ist ein kleiner Mann. Sein Gesicht - mit Kartoffelnase und Schweinsäuglein - hat keinerlei Verwandtschaft mit dem britischen Pferdegesicht.
Seine Liebe zu England ähnelt darum etwas der hektischen Zuneigung eines verschmähten Verehrers. Er zog wie Lawrence aus, um in der romantischen Ferne das zu werden, was er in der Heimat nicht werden konnte, ein Gentleman-Herrscher, ein Herr des Empire. Allen diesen Sultansberatern, Kamelreitern und Romantikern nächtlicher Wachfeuer unter dem Sternenhimmel der Wüste haftet eine geheime - manchmal sogar psychopathische - Melancholie an, die Melancholie des betrogenen Betrügers. Was sie in endlosen schwärmerischen Kaffeestunden im Zelt aus Ziegenhaar irgendeinem Scheich in die Hand versprachen, wurde in London zu einem kühl berechneten Schachzug im Spiel um Öl und Macht. Die ferne Geliebte dieser Romantiker - England - hinterging sie immer.
So klagte Lawrence, als der Riesenbetrug Englands an dem "König aller Araber", Hussein, ruchbar wurde, als Faisal aus Damaskus verjagt und Palästina den Arabern vorenthalten wurde, als der Traum von Großarabien in einem schmählichen Verrat unterging: "Sie (die Araber) sahen in mir einen freien Agenten der britischen Regierung. In den zwei Jahren unserer Kameradschaft im Feuer der Feinde wuchs ihre selbstverständliche Überzeugung, daß es meiner Regierung so ernst sei wie mir. Dabei war es augenscheinlich von Beginn an so, daß, wenn wir den Krieg gegen die Türken gewinnen, diese Versprechungen totes Papier sein würden... Ich bin bitter und beschämt..."
Als Glubb 1924 einen zweimonatigen Urlaub von seinem Dienst als Distriktsoffizier am unteren Lauf des Euphrat nahm und mit einem arabischen Diener quer durch die riesige Wüste zwischen Irak und dem damaligen Transjordanien ritt, endete sein erstes Gespräch auf transjordanischem Boden - ein Scheich war sein Gesprächspartner - mit dem Satz: "England hat seine Versprechungen gebrochen - wie gewöhnlich." In dem Gespräch war es um den Haschemiten-Traum von Großarabien gegangen.
Vater mit dem kleinen Kinn
Sechs Jahre später - es war 1930 - trat Glubb in den Dienst des transjordanischen Emirs Abdullah. Er wurde Distriktsoffizier im südlichen Grenzgebiet des Landes - dort, wo seit einem Jahrzehnt der Bandenkrieg zwischen den saudiarabischen Wahabiten und den Stämmen Südjordaniens tobte.
Er setzte sich zu den Beduinen in die Zelte und führte endlose Gespräche mit ihnen. Er hielt ihnen vor, wie viele Opfer an Besitz und Leben dieser ständige Bandenkrieg schon gekostet habe und daß dieses Räuberleben schließlich ihren Untergang herbeiführen werde. Er machte ihnen den Gedanken an eine Wüstenpolizei vertraut, die nichts anderes sollte, als dem Krieg ein Ende bereiten und verhindern, daß von diesseits und jenseits der Grenze Banden hin und her ziehen.
Langsam gewann der kleine Mann bei den mißtrauischen Beduinen Boden. Nach und nach kamen junge Beduinen und zogen die Uniform der "Arabischen Legion" an. Was niemandem zuvor gelungen war, wurde jetzt Wirklichkeit: Die freien Söhne der Wüste fügten sich in die britische Disziplin. Schließlich waren es 90 Mann - der Kern von Glubbs später so berühmter Wüstenpatrouille.
Die Wüstensoldaten befriedeten die Grenze, ein Erfolg, der - wie Glubb später schrieb - "der Weisheit, der Hingabe und der brüderlichen Liebe, von der die ersten 90 Mann der Wüstenpatrouille füreinander beseelt waren", zu danken war.
Die in dem zerklüfteten, nahezu vegetationslosen Gebirge des Südens entstandene Idee der Wüstenpatrouille wurde zum Strukturelement der Arabischen Legion. 1932 avancierte Glubb zum stellvertretenden Chef der Arabischen Legion.
Der alte Peake - die "Donnerwolke", wie ihn seine Soldaten nannten - hatte seine Männer vorwiegend aus den bäuerlichen Gebieten des Landes rekrutieren müssen. Immer hatte es an Willigen gemangelt. Dem Glubb dagegen folgten die Beduinen. Mit den neuen Soldaten dehnte er die Herrschaft des Emirs auf die Wüste aus. Frieden herrschte in einem Gebiet, in dem seit Moses der Raubzug als ehrenvoll gegolten hatte.
Glubb überzog das Land mit einem Netz von kleinen Forts, motorisierte die Legion, unterrichtete die Soldaten im Lesen und Schreiben und gab ihnen das Ethos eines Londoner Bobbys, des Polizisten, der auf unauffällige Art und Weise hilft, beschwichtigt und nur gelegentlich hart zuschlägt. Die Legion war Mädchen für alles: Sie sorgte für Ruhe und Ordnung, sie kam Stämmen zur Hilfe, wenn deren Tiere die Maul- und Klauenseuche hatten, sie sammelte Kinder auf, wenn ihre vor Hunger verzweifelnden Eltern sie ausgesetzt hatten.
Glubb reiste oft von Stützpunkt zu Stützpunkt, inspizierte und ließ sich des Abends beim Feuer im Hofe des Forts von den Legionären zeigen, wieweit sie es inzwischen im Lesen und Schreiben gebracht hatten. Die Beduinen-Soldaten liebten ihn. Sie nannten ihn, mit kameradschaftlichem Humor auf seinen von einem deutschen Schrapnell zertrümmerten Kiefer anspielend, den "Vater mit dem kleinen Kinn".
Die Legion - inzwischen auf 2000 Mann angewachsen und seit 1939 unter Glubbs Befehl stehend - bewährte sich im Jahre 1941. In Irak hatte eine deutschfreundliche Regierung die Haschemiten verjagt. Mit Hilfe der Legion gelang es, diesen ersten offenen Aufstand gegen Englands Macht im Orient zu ersticken.
Im Jahre 1946 hatte England den Prozeß der langsamen Herauslösung Transjordaniens aus dem Mandat Palästina abgeschlossen: Emir Abdullah wurde König, das Emirat ein nominell souveränes Land, das sich freilich zugleich verpflichten mußte, britische Soldaten auf seinem Boden zu dulden.
Es war Englands letzter politischer "Erfolg" im Nahen Osten. Am 14. Mai 1948 rief David Ben-Gurion im Museum zu Tel Aviv den Staat Israel aus. Zur gleichen Stunde traten die Araber - Ägypten, (Trans-)Jordanien und Syrien - zum Angriff auf den neuen Staat an, dessen Territorium McMahon einst dem alten Hussein versprochen hatte und das sie für sich beanspruchten. Glubbs Arabische Legion war der Kern des Koalitionsheeres. Sie allein hatte Kanonen, die schossen, sie allein hatte Panzerfahrzeuge, die fuhren, und sie allein hatte Soldaten, die zu kämpfen und zu sterben wußten. Die Arabische Legion war die Hoffnung der arabischen Sache.
Die Legion - rund 20 000 Mann stark überschritt den Jordan, der zu jener Zeit noch die Grenze zwischen dem nur jenseits des Jordan gelegenen Königreich und dem Mandat "Palästina" bildete. Sie marschierte auf Jerusalem, eroberte den östlichen Teil der Stadt und drang nördlich und südlich davon nach Westen vor. Knappe 15 Kilometer standen die vordersten Spitzen der Legion vor der Mittelmeerküste.
Es schien eine Sache von wenigen Tagen zu sein, bis die Masse der unzureichend ausgerüsteten israelischen Miliz in zwei Teile gespalten sein und der zionistische Traum von einem jüdischen Staat mit einem bitteren Erwachen enden würde. Da kam der Vormarsch der Legionäre zum Stehen - ohne zwingende strategische Gründe, ohne daß eine Schlacht verlorengegangen wäre.
Fünf Jahre später - bei einem Festessen in Kairo - sagte es der stellvertretende Generalsekretär der Arabischen Liga, Raif Bellama, westlichen Diplomaten ins Gesicht: "Es war Glubb, der damals im Jahre 1948 den Befehl zum Halten gab, und er gab ihn auf Anweisung Londons. Es war England, das uns Arabern den Dolch in den Rücken stieß."
Einst hatte England sowohl den Arabern als auch den Juden Palästina versprochen. Glubb nannte diese Politik des doppelten Bodens einmal den "Konflikt zweier britischer Idealismen" - der idealistischen Begeisterung der Engländer für die Araber und der idealistischen Begeisterung der Engländer für die Heimkehr der Juden in das Gelobte Land. Juden und Araber aber haben diese romantische Deutung der britischen Palästina -Politik nie akzeptiert. England versuchte im Jahre 1948, die Zwiespältigkeit seiner Politik durch einen Kompromiß zu überdecken. Araber und Juden sollten in zwei Staaten nebeneinander in Palästina leben. Deswegen erteilte London Glubb den Haltebefehl, als die Arabische Legion dabei war, ganz Israel zu erobern.
Der Krieg aber hatte dem Wüstenstaat Transjordanien, der bis dahin etwa 400 000 Einwohner gezählt hatte, das Danaergeschenk neuen Landes und neuer Menschen gebracht. Es kamen die relativ reichen und selbstbewußten Bauern des westlichen Jordan-Ufers dazu, und es kamen die Flüchtlinge. Aus Transjordanien, dem Land jenseits des Jordan, wurde - weil nun auch Land westlich des Jordan zu Abdullahs Königreich gehörte - Jordanien, das Land beiderseits des Jordan. Aus dem Staat der 400 000 Beduinen wurde ein Land, das rund 1,3 Millionen zum großen Teil sozial entwurzelte, geistig und seelisch aufgescheuchte Menschen beherbergen mußte.
Mord vor der Moschee
Als erstes Opfer dieser explosiven Situation fiel des unglücklichen Scherifen Hussein Sohn, Jordaniens König Abdullah. Ein Flüchtling ermordete ihn im Jahre 1951 vor der Omar-Moschee von Jerusalem. Ihm folgte der im Volke beliebte, aber kranke Sohn Abdullahs, König Talal.
Schon als Kronprinz hatte Talal als Gegner Glubbs gegolten. Eines Tages ging durch die Weltpresse die Nachricht, Talal habe Glubb ermordet. Glubb veranstaltete daraufhin eine Pressekonferenz und erklärte: Soweit er feststellen könne, handele es sich bei dieser Nachricht um ein unbestätigtes Gerücht.
Immerhin war sicher, daß Talal nach kurzer Frist Glubb entlassen und der jordanischen Politik eine anti-britische Richtung geben würde. Da entdeckte man, daß Talal verrückt und aus diesem Grunde nicht regierungsfähig sei. Unter dezenter britischer Fürsorge wurde der König in ein schweizerisches Sanatorium gebracht. An Talals Stelle trat dessen in England erzogener Sohn Hussein.
Aus dem arabischen Debakel des israelischen Krieges erhob sich die Gestalt des ägyptischen Obersten Nasser. Er gründete in Kairo den Klub der "freien Offiziere", stürzte den korrupten König Faruk und wurde Zentralfigur der nationalen und sozialen Erneuerung Arabiens, Symbol der Rache für die "große Schmach von 1948".
Sein Ruf und Ruhm durchdringt alle arabischen Staaten des Nahen Ostens und macht alle anderen Autoritäten zu Schattengebilden. Keine der Wüstendynastien, die England in Bagdad, Amman, Kuweit oder Libyen mühselig aufgebaut hat, hält dieser Kraft stand. Der Name Nasser ist das Siegel eines anscheinend unaufhaltsamen Prozesses, der sich - und darin liegt freilich seine unheimliche Gefahr - eines Tages als so ungebärdig erweisen könnte, daß er Nassers Führung entgleitet, den Krieg gegen Israel gleichsam von selbst auslöst oder zu sozialen Aufständen führt und endlich in den Kommunismus umschlägt.
Im Januar erzählte der linkssozialistische britische Unterhausabgeordnete Crossman in London von Erfahrungen, die er bei einem Besuch in Amman gemacht hatte. Er war in dem ersten Hotel der Stadt abgestiegen, und man hatte ihm - dem Briten - das schäbigste Zimmer des Hauses angewiesen. Kaum aber hatte er dem Portier ein Schreiben an den ägyptischen Botschafter mit der Absenderadresse des Obersten Nasser überreicht, als der Hoteldirektor bei ihm erschien, sich für die irrtümliche Unterbringung entschuldigte und ihn in ein fürstliches Appartement geleitete. Nassers Name dirigiert selbst die Zimmerverteilung in den Hotels des Nahen Ostens.
Der Secret Service versagte
Man hat nach dem Sturz Glubb Paschas in London viel Wesens von der konspirativen Tätigkeit geheimer Nasser-Agenten in Jordanien gemacht. In Wirklichkeit waren die Reisen ägyptischer Generalstabsoffiziere nach Jordanien verhältnismäßig bedeutungslose Randerscheinungen einer unaufhaltsamen Entwicklung.
Es ist richtig, daß nach Nassers ägyptischer Revolution saudiarabisches Geld - von Kairo gesteuert - nach Jordanien floß. Es mag richtig sein, daß die schöne Königsmutter Zein - die Frau des für verrückt erklärten und zur Zeit in einem schweizerischen Sanatorium lebenden Exkönigs Talal - dem saudiarabischen Botschafter in Amman durch herzliche und finanzielle Bande verknüpft ist. Es ist auch richtig, daß sich innerhalb der Arabischen Legion ein "Klub der freien Offiziere" bildete, dessen Mekka die ägyptische Hauptstadt Kairo ist.
Aber alle diese Winkelzüge, Tricks und Kniffe aus dem Arsenal orientalischer Haremspolitik wären wirkungslos geblieben, wenn sie bloß das und nicht - wie in der Tat - sekundäre Erscheinungen einer primär spontanen nationalen und sozialen Bewegung gewesen wären.
Es ist bezeichnend, daß Glubbs Spionagechef weder den ganzen Umfang dieser Konspiration überschaute noch ihre Bedeutung richtig zu bewerten vermochte. Seine Agenten - geschult, das Geflüster von Hofschranzen oder das Zeltgetuschel habgieriger Scheichs zu erlauschen - fanden keinen Eingang in die Zirkel junger Offiziere und die Barackengespräche der Flüchtlinge. Und wo sie Bruchstücke der ägyptischen Konspiration ergatterten, mangelten den britischen Auswertern die Maßstäbe, die Informationen richtig einzuschätzen.
Dabei waren sich die Briten in Amman seit langem darüber im klaren, welche ausschlaggebende Bedeutung Jordanien für Nasser und die arabische Sache haben muß. Glubb selbst, ein Kenner der Vorgeschichte und Geschichte des Nahen Ostens, beschrieb in seinem Buch "Die Geschichte der Arabischen Legion" die strategische Bedeutung Jordaniens. Er wählte dafür ein historisches Beispiel.
Als die Kreuzfahrer im 12. Jahrhundert in dem Gebiet, das heute Israel heißt, ein Königreich errichtet hatten, fürchteten sie nichts so sehr, als daß die Moslems Ägyptens und Syriens auf dem Boden des heutigen Jordaniens einander die Hand reichen und so den Kreuzfahrerstaat einzingeln könnten. Im Auftrag der Könige des Kreuzfahrerstaates ging schließlich der französische Ritter Renault de Chatillon über den Jordan nach Osten, um das dort gegründete christliche Fürstentum zu übernehmen. Jahrelang beherrschte Ritter Renault den westlichen Teil des heutigen Jordaniens bis hinab nach Akaba, dem jordanischen Hafen am Nordende des Roten Meeres, in dem heute ein britisches Panzerregiment liegt. Ritter Renault aber wurde eines Tages von den Moslems gefangengenommen und hingerichtet. Mit ihm und seinem Fürstentum ging das Reich von Jerusalem zugrunde.
Mit der Geschichte vom kühnen Ritter Renault hatte Glubb zugleich seine eigene Rolle beschrieben. Er und der unter seiner Mitwirkung gegründete Staat Jordanien waren bis zum 1. März der Keil, der das ägyptisch-saudiarabisch-syrische Paktnetz in zwei Teile zerriß. Diesen Keil zu beseitigen und ihn in einen Rammblock umzuwandeln, der das schmale Israel eines Tages in der Mitte aufreißen kann, ist das Ziel der jordanischen März-Revolution.
Im Jahre 1948 war König Abdullah, der Großvater König Husseins, mit großem Landgewinn aus dem Krieg gegen Israel hervorgegangen. Vorher war die Westgrenze seines Reiches längs des Jordan verlaufen; die Waffenstillstandslinie überließ ihm weite Landstriche am Westufer des Jordan. Abdullahs Reich sprang nun bis in das Zentrum Jerusalems vor und bildete eine weit nach Westen ausgebeulte "Tasche".
Die "Tasche" hat - strategisch gesehen - eine doppelte und widersprüchliche Automatik. Ausgefüllt mit modernen, starken Truppen, ist sie die ideale Ausgangsstellung für einen vernichtenden Angriff auf Israel. Dagegen: Ist die Tasche mit unzulänglichen und unzureichend gerüsteten Truppen ausgestattet, wird sie zwangsläufig zur tödlichen Falle.
Diese strategische Situation war der Ausgangspunkt der Kontroverse, die zu Glubbs Sturz führte. Glubb hatte für den Fall einer "zweiten Runde" im arabisch israelischen Krieg einen Plan entworfen, nach dem die Arabische Legion sofort bei Kriegsausbruch aus der westjordanischen Tasche zurückgezogen werden sollte. König Hussein aber forderte - gedrängt von den "freien Offizieren" - die Verteidigung "jeden Fußbreits jordanischen Bodens".
Militärisch war diese Forderung des Königs Unsinn, solange die Legion den Israelis sowohl rüstungs- als auch zahlenmäßig unterlegen war. Hussein forderte daher, England möge die Legion mit modernen Waffen ausrüsten.
In der Tat ist die Legion auf ihrem Rüstungsstand von 1948 stehengeblieben. Sie verfügt über acht Panzerabwehrkanonen (4-cm-Pak), 28 Geschütze verschiedener Kaliber, 26 Panzerspähwagen - jedoch nicht über Flak, Panzer, Raketenwerfer und Flugzeuge. (Erst Anfang 1956 bewilligte England zehn Düsenkampfmaschinen eines veralteten Typs.)
England finanzierte Jordanien mit jährlich rund 100 Millionen Mark. Der größte Teil des Betrages ging an die Arabische Legion und wurde von Glubb verwaltet. Die veraltete Waffenausstattung der im übrigen glänzend disziplinierten Legion war mithin sein Werk, und offenkundig verfolgte er damit einen Plan, der in London festgelegt worden war. Die technische Schwäche Jordaniens sollte den Arabern alle Rachegelüste gegenüber Israel von vornherein aussichtslos erscheinen lassen.
Nassers Kommandotruppen
Erst im Dezember vorigen Jahres erklärte England sich bereit, für die moderne Ausstattung der Legion etwas zu tun - allerdings unter einer schwerwiegenden Bedingung. Am 5. Dezember erschien Englands Generalstabschef, General Sir Gerald Templer, in Amman und versprach Düsenjäger und Panzer, sofern Jordanien sich verpflichte, nicht dem ägyptisch-saudiarabisch-syrischen Paktsystem beizutreten, sondern Mitglied des von England gegründeten Bagdad-Paktes (Irak, Türkei, Iran, Pakistan und England) zu werden, dessen Zweck es ist, die angelsächsischen Ölquellen des Nahen und Mittleren Ostens vor dem sowjetischen Zugriff und vor dem Kommunismus zu schützen.
Templers Offerte war finanziell beglückend großzügig und militärisch zufriedenstellend. Hussein und seine Regierung waren geneigt, anzunehmen. Da aber zeigte sich zum erstenmal, daß Husseins Reich längst von anderen Kräften als denen im Schloß und in den Beduinenzelten regiert wurde. Von geheimnisvollen Drahtziehern gesteuert, strömten aus den Flüchtlingsbaracken lange Kolonnen in die Hauptstadt Amman und füllten den Platz vor dem Königspalast mit tosenden Massen.
Auch im Lande breitete sich die Revolte aus: Uno-Magazine gingen in Flammen auf, englische und amerikanische Gebäude wurden gestürmt. Zwar bewährte sich noch einmal die Legion als ein Instrument britischer Politik (in Amman eingesetzt, schlug sie die Demonstrationen blutig nieder), gleichwohl aber mußte Sir Gerald Templer unverrichteterdinge nach London zurückreisen.
Die Demonstrationen im Lande gingen weiter und flammten Anfang Januar auch in Amman wieder auf. Nacheinander kamen und gingen drei Regierungen. Die Kaskade der wechselnden Kabinette spülte schließlich einen Mann namens Falah el-Madadha ins jordanische Kriegsministerium. Vor einem halben Jahr noch hatte er als Emigrant in Kairo gelebt, nun wurde er zum Organisator der Revolte gegen Glubb.
Er zettelte in dem bis dahin zum größten Teil treuen Offizierskorps eine stille Meuterei an. Mit Hilfe der Meuterer schleuste er ägyptische Kommandotruppen nach Jordanien, die sich südlich des Toten Meeres postierten. Der Verband war klein - etwa 700 Mann -, bestand aber ausschließlich aus Unteroffizieren und Offizieren, die als Bandenführer und im Guerillakrieg geschult waren. Sie waren der Kaderverband einer Revolution, und diese Drohung eines mörderischen Bürgerkrieges war es, mit der Kriegsminister Falah el-Madadha in der Nacht zum 1. März den Sturz Glubbs vom König erpreßte.
Glubb hatte Mitte Februar von der Anwesenheit ägyptischer Revolutionstruppen auf jordanischem Boden erfahren. Er machte Anstalten, sie von der Legion entwaffnen zu lassen. Aber im arabischen Offizierskorps zeigte sich Widerstand, und so versuchte Glubb, einen Festnahme -Befehl vom König zu erwirken. Der wurde ihm verweigert. Statt dessen erhielt er am 1. März das Entlassungsschreiben.
Noch wenige Wochen zuvor hatte Hussein bei der Geburt seiner Tochter Tija gescherzt, ihre ersten Worte seien "glubb, glubb, glubb" gewesen. Nun trennte ihn die Macht der Entwicklung von jenem Mann, mit dessen Person und Vaterland das Haus der Haschemiten seit dem Tage, an dem ihm königliche Würden zuteil wurden, verbunden war - verbunden durch eine politische Kumpanei, in der es neben romantischer Zuneigung, schwärmerischer Liebe viel Lüge und Verrat gegeben hat.
Der Haß gegen England, die Wut über den Verrat, der an der großarabischen Sache in rund vier Jahrzehnten verübt wurde, gehören unauslöschlich zu den Grundvorstellungen des modernen Arabiens, das der Ägypter Nasser repräsentiert.
Noch stehen in Jordanien britische Truppen. Ein Panzerregiment mit rund 50 Panzern, eine Infanteriekompanie, Nachrichteneinheiten in Mafrak und Amman und eine Staffel der Royal Air Force. Der Vertrag, aufgrund dessen sie in Jordanien stationiert sind, wurde im Jahre 1948 geschlossen und läuft im Jahre 1968 ab. Es ist der gleiche Vertrag, der Jordanien eine jährliche britische Finanzhilfe in Höhe von rund 100 Millionen Mark sichert.
Englands Hamlet, Ministerpräsident Eden, zaudert zur Stunde noch, ob er Glubbs Entlassung als einen Bruch des Vertrages von l948 ansehen soll. Als Eden am 7. März im Unterhaus die Zusicherung König Husseins wiederholte, Jordanien werde sich fernerhin an den Vertrag halten, brach in dem sonst so steifen Hause höhnisches Gelächter aus.
* Die letzte Staffel der Royal Air Force verließ Suez am 14. Februar. Ende Februar standen am Kanal noch rund 9000 englische Soldaten. Der letzte geschlossene Verband der Armee wurde am 10. März verladen. Jetzt sind dort nur noch Etappenformationen, Räumtrupps, Wachmannschaften und Verlade-Einheiten. Bis zum 19. Juni müssen auch sie abgezogen sein.
Die Weltwoche, Zürich
Tischlein deck' dich, Eden streck' dich, Knüppel aus dem Sack
Arabische Legion: Den ritterlichen Gestalten der Wüste...
... in Liebe zugetan: Glubb Pascha
König Hussein, Glubb: Der Dolch im Rücken...
... war englisch. König Abdullah, Glubb (mit Pickelhelm)
Flüchtlingslager in Jordanien: Tuberkulose, Massenelend und Revolutionsstimmung...
... überwucherten den Feudalstaat: Jordanische Wüstenpatrouille
Secret Service-Agent T. E. Lawrence
Ölpolitik unter romantischen Sternen
Heimkehrer Glubb in London: "Wir hoben noch keine Wohnung!"

DER SPIEGEL 12/1956
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 12/1956
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

NAHER OSTEN / GLUBB:
Liebe und Lüge

  • Dieselskandal: "Warum soll ich jetzt dafür geradestehen?"
  • Grasen first! Stoische Schafherde ignoriert Kampfhubschrauber
  • Terror in Christchurch: Ein Haka für die Toten
  • US-Dashcam-Video: Wo bitte ist die Straße hin?