18.04.1956

SEDViel lustiger, als man glaubt

Ehe noch die Ulbricht-Clique in der SED-Spitze den ersten ernsthaften Versuch zu unternehmen wagt, die von Ulbricht selber proklamierte "Entfaltung der Demokratie in der Deutschen Demokratischen Republik" zu praktizieren, hat die Bezirksleitung Großberlin des SED -Anhangs "Freie Deutsche Jugend" die Initiative ergriffen.
Diese Jugendfunktionäre ließen eine erstaunlich unautoritäre Freude am Risiko erkennen, als sie - neben "Streitgesprächen der Woche" über Comics, Filme, Tanzwünsche, den amerikanischen Sender Rias und die Atomwaffen - in der vergangenen Woche schon zum dritten Male ihr "Gesamtdeutsches Forum" inszenierten.
Dank geschickter Zweiteilung dieses Abends in politische Fragestunde und anschließenden Tanz bei Bockwurst und Bier war der große Konferenzsaal des Ost -Finanzministeriums an der Spree-Insel von 16- bis 22jährigen Jungarbeitern, Angestellten und Studenten beiderlei Geschlechts und Nationalarmisten in neuen Uniformen dicht gefüllt. Auf der Bühne nahm unterdes das sechsköpfige "Präsidium" seine Plätze ein. Unter dem schmucklosen Spruchband: "Auf jede Frage eine Antwort", mußte die SED-Prominenz zweiter Güte auf 72 oftmals recht unbehagliche Fragen Rede und Antwort stehen.
Es waren:
- Professor Gerhart Eisler, 59, früher Leiter des Pankower "Amtes für Information";
- Alexander Abusch, 54, zweiter Stellvertreter des Kulturministers Becher, Vorstandsmitglied des Schriftstellerverbandes und des Kulturbundes;
- Waldemar Schmidt, 47, stellvertretender
Oberbürgermeister von Ostberlin;
- Hermann Axen, 40, Sekretär der Berliner
SED-Bezirksleitung;
- Hans Modrow, 28, Berliner, Bezirkssekretär
der FDJ, und
- Joachim Hermann, 25, Chefredakteur des FDJ-Zentralorgans "Junge Welt".
Warum es auch für den in westeuropäischen und nordamerikanischen, Parteikämpfen ergrauten kommunistischen Agitator Eisler an diesem Abend nicht einfach war, die an ihn gerichteten Fragen zu beantworten und mangelhafte Antworten seiner Präsidialkollegen zu komplettieren, ist, ohne weiteres mit den Fragen selber zu erklären, die einen Querschnitt durch die politische Denkstruktur der Sowjetzonen -Jugend geben
Da wurde beispielsweise gefragt: "Jugendfreund Modrow (im Präsidium des Forums), du hast vor der Parteigruppe meines Betriebes berichtet, Lenin habe Stalin kritisiert und vor ihm gewarnt. Woher hast du die Weisheit?"
Antwort: "Ich, bin bereit, in eurer Parteigruppe darüber zu sprechen."
Zwischenruf: "Das ist keine Antwort."
Antwort: "Das ist hier schwer zu sagen, ich war Delegierter auf der Parteikonferenz."
Die zweite Frage: "Es gibt Leute, die brave Kommunisten sind, und es gab auch schon brave Kommunisten zu Stalins Lebzeiten. Warum hat Ulbricht zu Stalin nie etwas über seine Fehler gesagt, sondern hat große Loblieder auf ihn gesungen und stellt erst heute seine Fehler öffentlich heraus? Nach dem Tode Stalins so etwas zu sagen, das ist keine Kunst, das kann ich auch. Warum haben denn unsere Leute damals nichts gesagt, als die Fehler gemacht wurden?"
Antwort: "Die Fehler haben sich später erst herausgestellt. Ulbricht konnte sie nicht erkennen, er und andere haben sie guten Glaubens mitgemacht."
Diese Replik des Genossen Eisler wurde nicht akzeptiert: "Professor Eisler irrt. Ulbricht konnte die Fehler Stalins entdecken, da sie seit 1934 bekannt wurden. Er hat selbst gesagt, daß andere Kommunisten, die Stalin kritisierten, verurteilt wurden."
Neue Frage: "Ich war kürzlich in Westberlin und habe ir Rias zufällig über das letzte Jugendforum gehört, daß Professor Eisler Fragen bestellte. Stimmt das?"
Eisler: "Ich habe keine Fragen bestellt. Wie soll ich das denn auch machen?"
Zusatzfrage: "Ich höre den Rias nicht nur, zufällig, sondern auch absichtlich. Die wörtlichen Übertragungen von Adenauer-Reden, kann ich nur so hören, weil sie bei uns nur auszugsweise wiedergegeben werden. Wenn ich sie aber ganz höre, kann ich mir doch ein besseres Bild von seiner Politik machen. Ist das nun ein Verbrechen oder politisch nicht richtig?"
Antwort: "Rias-hören ist kein Verbrechen, aber immer eine Dummheit."
Frage: "Genossin Hilde Benjamin ist auf der Parteikonferenz kritisiert worden wegen zu hoher Strafen. Wird das künftig kontrolliert?"
Antwort: "Die Genossin Benjamin ist Justizminister und erteilt keine Strafen. Es ist jedoch gesagt worden, daß die allgemeine Gesetzlichkeit gefestigt wird und daß es nicht mehr vorkommt, daß ein Bürger, der eine Strafe von 50 Mark erhielt und sich darüber beschwerte, zur Strafe für die Beschwerde eine neue Strafe von 200 Mark zudiktiert bekam."
Frage: "Über Tagesfragen sind doch verschiedene Meinungen möglich. Warum sind aber alle unsere Zeitungen immer einer Meinung? Haben denn die Redakteure keine eigenen Gesichtspunkte?"
Antwort "Die der SED angehörenden Redakteure mögen auf Grund ihrer Weltanschauung dieselbe Meinung haben. In den Zeitungen der anderen Parteien gibt es aber doch auch andere Meinungen."
Frage: "Warum wird nicht viel mehr für die Lyrik in der FDJ getan? In allen Bibliotheken stehen zwar Lyrikbände von Johannes R. Becher, aber die werden nicht gelesen, und ich selber kann mit den Gedichten von Becher auch nichts anfangen."
Antwort: "Wir sind dafür, daß die FDJ sich mit der Lyrik beschäftigt, aber als Humanisten können wir es ihr doch nicht befehlen."
Frage: "Ist es denn wirklich so schlimm, wenn ein französischer Sänger im Varieté 'Friedrichstadt-Palast' vor dem Wolga -Lied den Witz macht, er singe jetzt etwas aus dem Osten und dazu solle rotes Licht gemacht, werden? Können die Arbeiterbewegungen und die Regierung solche Scherze nicht vertragen?"
Antwort: "Selbstverständlich kann die
Arbeiterbewegung solche Scherze vertragen. Die Regierung ist viel lustiger, als man glaubt."
Frage: Im Jugendschutzgesetz ist festgelegt, daß Jugendliche nur bis 21 Uhr arbeiten dürfen. Mit einer Bescheinigung der Eltern und der Gewerkschaft dürfen sie aber auch die ganze Nacht arbeiten. Das Jugendschutzgesetz verbietet es auch, daß Jugendliche nach 23 Uhr tanzen. Das sollte doch auch mit einer Bescheinigung der Eltern möglich sein, denn wenn man damit die ganze Nacht arbeiten kann, sollte man damit auch länger tanzen können."
Antwort: "Es kann ja niemand nachprüfen, ob auf dem Tanzboden solche Bescheinigungen auch wirklich von den Eltern sind."
Frage: "Finden Sie es richtig, daß einem Kommilitonen von der Humboldt-Universität das Ausreise-Visum nach Frankreich verweigert wurde, der auf Einladung eines französischen Kommiliton nach Paris fahren wollte, das Fahrgeld hier bezahlt hätte und keine Devisen brauchte?"
Antwort: "Das war nicht richtig, denn bei fünf Millionen kommunistischer Wähler in Frankreich kann er dort nichts Schlechtes lernen."
Frage: "Durch die Kriegsfolgen gibt es in der DDR Jugendliche, deren Eltern in Westdeutschland leben, andere haben Verwandte ersten Grades in Westdeutschland. Sie werden (aus Sicherheitsgründen) in ihrem Fortkommen beschränkt. Man verlangt von ihnen gleiche Pflichten wie von den anderen Bürgern, gibt ihnen aber nicht die gleichen Rechte. Ist das richtig?"
Antwort: "Das ist ein individueller Fall. Der Frager soll nachher aufs Präsidium kommen.
Frage: "Warum bekommen solche Kinder kein (Arbeiter- und Bauern-) Stipendium, deren Väter bis 1945. Angestellte waren, aber heute in einem Volkseigenen Betrieb arbeiten oder inzwischen gestorben sind?"
Antwort: "Das ist ein individueller Fall, der nachher mit dem Präsidium besprochen werden soll."
Frage: "Ich bin nicht zum Ingenieur -Studium zugelassen worden, obwohl ich die Aufnahmeprüfung besser bestand als andere, die zugelassen wurden weil mein Vater selbständig ist und nicht in einem Volkseigenen Betrieb arbeitet. Wie ist das zu erklären?"
Antwort: Individueller Fall; nachher zum Präsidium.
Frage: "Ich habe, jetzt gelesen, daß der Genosse Rajk in Ungarn rehabiliert wurde, weil die Indizien, die zu seiner Verurteilung führten, nicht ausgereicht haben. Nun lebt Rajk nicht mehr. Sollte man nicht die Todesstrafe abschaffen, um solche Fälle unmöglich zu machen?"
Antwort: "Das muß gründlich diskutiert werden, und ich würde nicht ohne weiteres nein sagen, denn der Fall Rajk ist zweifellos außerordentlich tragisch."
Diese Antwort gab der Hauptmatador, Eisler, der aus eigener Erfahrung weiß, wieviel wohler sich mancher hohe Kommunist fühlen könnte, wenn die Todesstrafe für mangelnde Linientreue abgeschafft würde.
Die vielen "individuellen" und "tragischen Fälle" mehrten sich. Sie waren denn auch der Grund, daß der Propaganda -Professor Eisler, der für einige Antworten immerhin Sonderapplaus bekommen hatte, am Ende dieses "Gesamtdeutschen Forums" erschöpft konstatierte: "Mit jungen Menschen ist es am schwersten. Denen kann man nicht einfach mit einem Rezept kommen - wie den anderen Parteiversammlungen."
Spruchband des FDJ-Forums
Präsidium des Frage-Forums*: Mit jungen Menschen ist es schwerer
SED-Kulturfunkutionär Abusch
Warum so wenig Lyrik?
* Von links nach rechts: Gerhart Eisler, Hermann
Axen, Waldemar Schmidt, FDJ-Funktionäre.

DER SPIEGEL 16/1956
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