25.04.1956

ENGLAND / MACMILLANAlle sind so glücklich

Warum zählet Ihr Geld dar, da kein Brot ist, und tut Arbeit, davon ihr nicht satt werden könnt? (Jesaja, 55. Kapitel)
Verlesen von Harold Macmillan in der Kirche seiner Heimatgemeinde am Sonntag vor der Budget-Debatte.
Der Andrang zur Londoner Unterhaus -Sitzung am letzten Dienstag war so ungewöhnlich stark, daß viele Abgeordnete keinen Sitzplatz mehr bekamen - das Parlament von Westminster hat nicht genügend Sitzbänke für alle seine 630 Mitglieder. Die Ehefrauen mehrerer Minister - unter ihnen mit einem altmodischen weißen Hut Lady Eden - hatten auf der Tribüne Platz genommen. Auf seinem Eckplatz saß Sir Winston Churchill; bleich, den Kopf auf die Brust gestützt und oft wie fröstelnd die Hände reibend.
Schweigend hörten alle der Budgetrede des Schatzkanzlers Harold Macmillan zu. Nur einmal, als Macmillan eine Heraufsetzung des Tabakzolls ankündigte, kam Bewegung in das Parlament. Abgeordnete drängten zur Tür hinaus, um sich vor Inkrafttreten der Verteuerung noch schnell mit Zigaretten zum alten Preis einzudecken.
Bis auf diesen Zwischenfall jedoch überwog der Ernst der Stunde. Die gespannte Atmosphäre erinnerte an den Tag, da Winston Churchill angesichts einer für England tödlichen Bedrohung dem britischen Volk erklären mußte, er könne ihm für die nächsten Monate nichts als "Blut, Schweiß und Tränen" versprechen. War es damals - am 13. Mai 1940 - die militärische Bedrohung durch die deutschen Truppen, so sollte die Rede Macmillans diesmal in einer der wirtschaftlich dunkelsten Stunden Großbritanniens ein Fanal sein, ein Aufruf zu einem entbehrungsreichen Kampf gegen die britische Wirtschafts- und Währungskrise, die bereits das Ausmaß einer akuten Inflation angenommen hat.
Der hochgewachsene Schatzkanzler (Finanzminister) mit dem grauen Schnurrbart des ehemaligen Gardehauptmanns beschwor die britische Nation, eine Leistung zu vollbringen, die der Blut-, Schweiß- und Tränen-Anstrengung während der Kriegsjahre nahekommt. Denn, so erklärte er, "jede weitere Verstärkung des inflationistischen Drucks in unserer Wirtschaft, ja, allein schon jede Verzögerung wirksamer Maßnahmen müßte zu einer Katastrophe führen".
Nur dramatische Worte können der britischen Öffentlichkeit eine Vorstellung von der Gefahr vermitteln, die nicht so gegenständlich ist wie 1940 die jenseits des schützenden Kanals auftauchende deutsche Streitmacht, aber doch kaum weniger bedrohlich. Englands Bevölkerung will die Gefahr des wirtschaftlichen Bankrotts, die über ihrem Lande schwebt, nicht wahrhaben. Sie hat sich in einen Taumel von Vergnügungen gestürzt und - gegenüber der früher sprichwörtlichen Nüchternheit - einen verwirrenden neuen Zug im englischen Nationalcharakter offenbart.
Großbritanniens öffentliches Gewissen, die "Times", konstatierte in einer großangelegten Analyse der modernen britischen Mentalität eine nationale Bewußtseinskrise. Sie unterscheidet in historischer Sicht zwischen Ländern, die ihren Lebensstandard mit der Schaffenskraft und Dynamik des amerikanischen Vorbilds weitertreiben, und solchen, denen diese Dynamik heute fehlt. Ihrer Meinung nach zählt Westdeutschland zu der ersten Kategorie, England zur zweiten. Englands Bürger glauben nach Ansicht der "Times" allgemein an den Wert eines mehr oder weniger statischen Volkseinkommens, das es möglichst gleichmäßig zu verteilen gelte. Der Engländer von heute feige nur noch eine Besessenheit: in seiner "großen Vergangenheit" zu schwelgen.
Während aber die Franzosen, die nach der Analyse gleichfalls zu den stagnierenden Nationen zählen, sich mit relativ bescheidenen Wünschen nach materiellem Wohlstand ihrer Arbeitsleistung anpassen, fordern die Briten den ganzen materiellen Komfort, den die amerikanische Arbeitsweise den Amerikanern und ihren Nachahmern beschert hat*. Dabei übersehen sie geflissentlich die Tatsache, daß eine hohe Arbeitsproduktivität unabdingbare Voraussetzung dieser Errungenschaften ist. So entsteht der geistige Kurzschluß: Der Staat soll sich gefälligst Mühe geben, seinen Bürgern diesen Wohlstand zu verschaffen.
Die "Times" schreibt sarkastisch: "Der Staat versorgt das halbe Volk mit subventionierten Häusern, so daß es sich nur noch Fernsehantennen auf das Dach zu montieren und Autos vor die Tür zu stellen braucht, um sich des verlängerten Wochenendes erfreuen zu können, das früher nur wenigen zuteil wurde: 0 quanta, qualia -
Sunt illa Sabbota**" -Unabhängige große Zeitungen tadeln seit langem Englands Politiker, weil kaum einer es wagt, das Volk aus diesem Taumel aufzuwecken und ihm zu sagen, wie arm das Land geworden ist. Tatsächlich werden in politischen Versammlungen und Zirkeln nur selten dramatische Töne angeschlagen. Die Ansprachen der stolzgeschwellten Wohlfahrtspolitiker kreisen meist um jene Frage, die auf englischen Parties die angelsächsische Mentalität so trefflich kennzeichnet: "Is everybody happy?*"
Redakteure des Londoner Massenblattes "Daily Mirror", denen die Psychologie des britischen Mr. Jedermann wohlvertraut ist, haben den absonderlichen neuen Charakterzug der Briten genauer untersucht.
Sie tauften die während der letzten Jahre zu Wohlstand gekommenen Arbeiter und Angestellten Englands "Eskapisten" - abgeleitet von "to escape" = fliehen.
Diese Fliehenden, so schrieben sie, weichen jeder ernsthaften politischen Verantwortung aus und interessieren sich für nichts als für die Lohntüten und die Produkte, die ihnen die eskapistische Industrie liefert: für das Fernsehen, für Hollywood -Filme, Autos, Motorräder und für die schlüpfrigen Artikel der Massenpresse, "einen flimmernden und vom Trieb beherrschten Sabbel" (glamorous, sex-infiltrated slobber, wie es der "Intelligence Digest" ausdrückte).
Das strenge Budget für 1956/57, das Schatzkanzler Macmillan in der vergangenen Woche dem Londoner Unterhaus vorlegte, soll diesen Flüchtenden ein Haltesignal sein. Da bisher alle moralischen Appelle, mehr zu arbeiten, den Luxusverbrauch einzuschränken und mehr zu sparen, fehlgeschlagen sind, versucht der britische Schatzkanzler jetzt, seine Landsleute mit den Mitteln der Finanzpolitik zur Umkehr zu bewegen.
Harold Macmillan erhöhte nicht nur den Tabakzoll, der im neuen Haushaltsjahr 28 Millionen Pfund zusätzlich einbringen soll. Als weitere Einsparungsmaßnahmen gab er bekannt:
- Die Brotsubvention wird abgeschafft; Apfelwein unterliegt künftig der Besteuerung:
- der Steuersatz für ausgeschüttete Betriebsgewinne wird um zweieinhalb Prozent erhöht;
- die Investitionen für die verstaatlichten Industrien werden gedrosselt, so daß zusammen mit den anderen Maßnahmen pro Jahr mehr als 100 Millionen Pfund (fast 1200 Millionen Mark) eingespart werden.
Macmillans Spar-Budget war nicht die erste Warnung an die Öffentlichkeit. Wenige Wochen zuvor hatte die Bank von England den Diskont für Wechselkredite auf fünfeinhalb Prozent erhöht. Damit war zum ersten Male wieder der Stand des Unglücksjahres 1931 erreicht, jenes Jahres, in dem für viele Briten die guten alten Tage endeten. Damals mußte Großbritannien das Pfund abwerten und das Prinzip der Golddeckung seiner Währung aufgeben.
Wie damals, so macht auch heute das Zusammenschrumpfen der Gold- und Dollarreserven durch zu hohen Import und zu geringen Export das Debakel der britischen Wirtschaft sichtbar. Von den fast 2,8 Milliarden Dollar Gold, die noch vor einem Jahr als eiserne Reserve in Großbritanniens Devisenkasse ruhten, waren gegen Ende des vergangenen Jahres nur noch 2,1 Milliarden vorhanden.
England ist wie kein anderes europäisches Land auf die Einfuhr angewiesen. Über 60 Prozent aller Lebensmittel kommen aus dem Ausland, 50 Prozent aller von der britischen Industrie verarbeiteten Rohstoffe müssen importiert werden. Jeder Rückgang im Außenhandel bedroht mithin den nationalen Brotkorb.
Nun ist im Großbritannien der Nachkriegszeit eine negative Devisenbilanz durchaus nichts Ungewöhnliches. Unter den Labourregierungen hatte es drei solcher kritischer Perioden gegeben. Im Jahre 1949 mußten die Briten zum zweitenmal in einem Menschenalter den Versuch machen, ihrer wirtschaftlichen Schwierigkeiten durch eine Abwertung des Pfundes Herr zu werden. Zum erstenmal seit Kriegsende steht England jedoch heute in einer Wirtschafts- und Währungskrise, die man nicht, wie zu Zeiten der Labourregierung, mit der Erklärung entschuldigen kann, sie sei durch unkontrollierbare Tendenzen des Welthandels entstanden. Die gegenwärtige Krise ist made in England.
Die Deutschen schaffen mehr
Denn der Außenhandel der westlichen Welt ist seit dem Kriege nie so lebhaft und umfangreich gewesen wie im vergangenen Jahr. Harold Macmillan sagte seinen Landsleuten ohne Umschweife die bittere Wahrheit: "Was passiert ist, ist ganz schlicht die Tatsache, daß unsere Konkurrenten uns einen Teil unserer Exportmärkte wegnehmen. Die Deutschen, die Amerikaner, die Japaner und andere
schaffen einfach mehr als wir. Der ganze Welthandel wächst unaufhörlich, nur unser Anteil daran ist dauernd rückläufig."
Drei alarmierende Symptome einer akuten Inflation in England konstatierte Macmillan:
- "Die Verkaufspreise sind im vergangenen Jahr um sechs Prozent angestiegen, das bedeutet eineinhalbmal so schnell wie ein Jahr zuvor;
- "die Importe wuchsen um fünfzehn Prozent, das heißt dreimal so schnell wie die englische Ausfuhr, und
- "die Gold- und Dollarreserven sind im
letzten Jahr nicht gestiegen, sondern um ein Viertel abgesunken."
Es zählt zu den größten Kümmernissen des konservativen Kabinetts, daß England damit wieder genau dort angelangt ist, wo die Goldverluste vor viereinhalb Jahren die Labourregierung auf die Knie zwangen und den Weg frei machten für den Wahlsieg der Konservativen Partei.
Auch dem Kabinett Attlee waren damals in einem Jahr rund 700 Millionen Dollar Goldreserven unter den Händen fortgeschmolzen. Die als Gegenmaßnahmen verhängten Importsperren, die Preissteigerungen und die Warenverknappung regten damals Englands Wähler zum kritischen Nachdenken über die wirtschaftlichen Vorzüge und Nachteile des Wohlfahrtsstaates an und brachten das Attlee-Regime ins Wanken. Als Premierminister Attlee sich im Herbst 1951 zur Neuwahl stellte, verlor die britische Wirtschaft je Tag 3,5 Millionen Dollar aus ihrer Reservekasse.
In Wahlversammlungen hatten Redner der Konservativen Partei damals an Hand dieser Zahlen vorgerechnet, England werde spätestens im Sommer 1952 bankrott sein, falls die Labourregierung im Amt bleibe. Nur eine konservative Regierung, die der privatwirtschaftlichen Initiative weiten Spielraum gewähre, könne das Land retten und den immer wiederkehrenden Krisen der Zahlungsbilanz ein Ende setzen.
Nach ihrem Wahlsieg verzichtete die Konservative Partei auf einen großen Teil der Planungsmaßnahmen und Importrestriktionen, die bis dahin unter der sozialistischen Führung an der Tagesordnung gewesen waren. Der damalige Schatzkanzler Richard Butler kündigte an, daß er die meisten staatlichen Importkäufe einstellen, den Preisstopp aufheben und die von den Sozialisten verstaatlichte Stahlindustrie reprivatisieren werde. Darüber hinaus beseitigte er etliche Lizenzierungsvorschriften aus der Kriegszeit und verkündete attraktive Steuervergünstigungen für industrielle Investitionen.
Als Butler dem Unterhaus das erste konservative Wirtschaftsbudget vortrug, übermannte den greisen Winston Churchill die Erinnerung an Englands glanzvolle Vergangenheit als Handelsnation: "Das ist echte Tory-Wirtschaftsdemokratie", rief er, Rührungstränen weinend, in den Saal.
Das freiwirtschaftliche Rezept der Konservativen zeitigte zunächst auch recht gute Erfolge. Zwar bot die britische Zahlungsbilanz kurz nach der Amtsübernahme der Konservativen ein wenig ermutigendes Bild, doch ließen sich diese Schwierigkeiten der Öffentlichkeit gegenüber noch glaubhaft auf die Versäumnisse des Labour-Kabinetts zurückführen. Die Verteuerung der im britischen Empire gewonnenen Rohstoffe nach Ausbruch des Korea-Krieges brachte bald größere Dollarbeträge in die Londoner Reservekasse, in die auch die Commonwealth - Länder ihre Dollareinkünfte abführen. Es schien zu stimmen, was die Wahlplakate an allen Litfaßsäulen verkündet hatten: Die konservative Freiheit funktionierte. Im Überschwang seines Anfangserfolges prophezeite Richard Austen Butler, man werde den englischen Lebensstandard in den nächsten fünfundzwanzig Jahren um 100 Prozent steigern.
Seinem Wahlversprechen gemäß ließ das neue Kabinett allerdings den Wohlfahrtsstaat unangetastet. Die Regierung Churchill führte lediglich im staatlichen Gesundheitsdienst eine geringe Beteiligung des Patienten für die Anfertigung von Perükken und Gebissen ein.
Im übrigen aber wurden der Gesundheitsdienst - der jährlich den Gegenwert von sechs Milliarden Mark verschlingt -, wurden Wohnungsbau-Subventionen, Schulgeldfreiheit, Milch- und Brotverbilligungen sowie die staatliche Alterspension für jedermann in vollem Umfang beibehalten; ebenso die Bauprogramme des Staates und der Gemeinden, die der Sicherung der Vollbeschäftigung dienen. Unter Einsatz großer öffentlicher Mittel behielten mithin beide Komponenten ihre Bedeutung, die das Wesen des modernen britischen Wohlfahrtsstaates ausmachen:
- der soziale Wohlfahrtsdienst und
- die Vollbeschäftigung.
Wenn aber die Konservativen geglaubt hatten, der Schwung der befreiten Marktwirtschaft werde die wirtschaftliche Lage des Landes trotz des Wohlfahrts-Ballastes ins Gleichgewicht bringen, so erwies sich diese Hoffnung als ebenso trügerisch wie einige Jahre zuvor ähnlich verfrühte Hoffnungen der Labourregierung. Das britische Arbeitstempo hielt mit den Anstrengungen der allmählich wieder auf den Weltmarkt zurückkehrenden Konkurrenten Englands nicht Schritt.
Die Schöpfer des Wohlfahrtsstaates - vor allem der Sozialversicherungs-Planer Lord William Henry Beveridge - hatten geglaubt, ihre auf Vollbeschäftigung und sozialer Sicherheit fußende neue Gesellschaftsordnung würde im britischen Volk leistungssteigernde Impulse wecken. Sie gingen davon aus, daß Arbeiter oder Angestellte, denen der Staat die Sorgen um die Familie, die Angst vor Not, Krankheit und Alter und die Furcht vor dem Verlust des Arbeitsplatzes abnimmt, neue Energien entwickeln und so Englands industrielle Produktivität in die Höhe treiben würden.
Um zehn Uhr ins Büro
Aber der von der Existenzangst befreite und dank der Vollbeschäftigung selbst vor kurzfristigen Verdiensteinbußen geschützte englische Arbeitnehmer hat seine Anstrengungen keineswegs gesteigert. Im Gegenteil, die Vollbeschäftigung hat das berufliche Streben ganz beträchtlich gedämpft: Der Arbeitnehmer hat es im Zeichen der staatlich garantierten Vollbeschäftigung nicht mehr nötig, als Arbeitsloser durch den Beweis besonderer beruflicher Qualifikation um einen neuen Posten zu kämpfen. Ersparnisse für das Alter oder für Notfälle anzulegen, hat er gleichfalls kaum Anlaß, weil er im Alter eine Staatspension bezieht und weil es von der Blinddarmoperation bis zur Beerdigung kaum einen Notfall gibt, für den der Staat nicht eine Sorgepflicht übernommen hat.
Die "Neue Zürcher Zeitung" hat sich jüngst von ihrem Londoner Korrespondenten über das Problem der Arbeitsleistung in England Einzelheiten berichten lassen: "Die häufigen Teepausen in Läden und Büros hier sind sprichwörtlich geworden. Auch auf mancher Baustelle herrscht ein erstaunlich geruhsamer Betrieb. Der englische Geschäftsherr trifft in der City ein, wenn seine Kollegen auf dem Kontinent schon zwei Stunden Arbeitszeit hinter sich haben. Es scheint nicht wenige Stellen zu geben, an denen zwei oder drei Leute mit einem Arbeitspensum beschäftigt sind, das in Rotterdam, Düsseldorf oder Winterthur nur eine Person erledigt."
Die Teepause ist tatsächlich in England ein nationales Problem geworden. Straff organisierte Gewerkschaften sorgen dafür, daß niemand diese Teepause der Arbeiter anzutasten wagt. So mußte ein siebenundzwanzigjähriger Bergmann in Yorkshire auf Verlangen der zuständigen Gewerkschaft versetzt werden. Er hatte sich, nachdem er die in seinem Schacht durchschnittlich abzubauende Kohlestrecke bewältigt hatte, nicht mit seinem Teetopf zu den anderen Kumpels gesetzt, sondern weitergearbeitet. 7500 Arbeiter einer Rolls-Royce-Fabrik in Schottland streikten, als wiederum ein einzelner das Arbeitspensum überschritt. Dort hatte der Metallarbeiterverband die Parole ausgegeben, langsamer zu arbeiten, um die Einführung von Kurzarbeit zu verhindern.
Ein deutliches Alarmzeichen für das Zurückbleiben des englischen Exports ist auch die Einführung von Kurzarbeit in einem bisher klassischen Ausfuhrzweig Englands, in der Automobilindustrie. Englands Spitzenstellung als Autoexporteur war jahrelang unbestritten und unangetastet. In letzter Zeit mehren sich jedoch Stimmen, die Kritik an den Autokonstruktionen und daran üben, daß die englischen Automobilhersteller ihren konservativen Insel-Geschmack ein wenig hochmütig auch ausländischen Käufern aufzwingen wollen. Zumindest schwedische und Schweizer Autokäufer haben im vergangenen Jahr in steigendem Maße deutsche Wagen den britischen vorgezogen.
Während der Export von Fahrzeugen der englischen Autofabriken nach Schweden um etwa die Hälfte zurückging, konnten das Volkswagenwerk und die Firma Borgward ihren Absatz dorthin vervierfachen. Allein in der Kleinwagenklasse lieferten die fünf größten britischen Firmen im vergangenen Jahr nur 7899 Fahrzeuge nach Schweden, zwei deutsche Firmen dagegen lieferten 33 807 Fahrzeuge. In der Schweiz verkaufte England im vergangenen Jahr 6340 Personenkraftwagen, verglichen mit rund 10 000 Volkswagen und 8400 Opel-Fahrzeugen.
Die Genfer Zeitschrift "Automobil-Revue" schreibt dazu: "Der Kanal scheint doch eine beachtliche Trennungslinie zu sein. Was dem biederen und reservierten Engländer angemessen ist, muß nicht unbedingt auch für den Kunden auf dem Kontinent gut sein. Der Schweizer Motorist jedenfalls hat wenig Verständnis dafür, beim Autokauf etwa keine Ersatzteile mitgeliefert zu bekommen, weil der britische Fabrikant seinen Betrieb zum Fünf-Uhr -Tee einstellt. Es scheint, daß sich Englands Fabrikanten nicht verändert haben, sie bleiben offenbar Kolonialkaufleute. Aber es paßt nicht allen Schweizer, belgischen und skandinavischen Kunden, kolonisiert zu werden."
In den ersten Nachkriegsjahren hatte die englische Exportindustrie glänzende Ausfuhrerfolge erzielt, nicht zuletzt, weil ihre beiden größten Konkurrenten aus der Vorkriegszeit, Deutschland und Japan, damals noch weitgehend vom Welthandel ausgeschaltet waren. Durch die Produktionsbeschränkung der Alliierten lag die Stahlproduktion Westdeutschlands im Jahre 1948 bei 5,6 Millionen Tonnen, diejenige Japans bei 1,7 Millionen. Englands Hüttenwerke dagegen liefen zu dieser Zeit mit einem Jahresausstoß von 15,1 Millionen Tonnen auf Hochtouren.
Heute sind beide Konkurrenten wieder da. So hat die britische Fertigwaren-Ausfuhr im vergangenen Jahr nur um sieben Prozent zugenommen, verglichen mit einem Zuwachs von 18 Prozent des westdeutschen und 27 Prozent des japanischen Exports. Seit dem Jahre 1950 haben sich mithin die Anteile der drei alten Rivalen am Fertigwaren-Welthandel völlig verändert: - Großbritanniens Anteil betrug 1950 mehr als 25 Prozent; heute ist er auf 20 Prozent gesunken.
- Westdeutschlands Anteil betrug 1950 etwa sieben Prozent; heute sind es über 14 Prozent.
- Japans Anteil am
Fertigwaren - Export hat sich in dieser Zeit gleichfalls nahezu verdoppelt.
Britanniens Exporteure haben sich bisher vergeblich bemüht, insbesondere die deutschen Exporterfolge auf Preisdumping, Exportsubventionen oder sonst irgendeine Preispolitik mit doppeltem Boden zurückzuführen. Alle Anfragen, die im Unterhaus zu diesem Thema gestellt wurden, mußten vom britischen Schatzamt als unbegründet abgelehnt werden.
Anläßlich einer solchen Anfrage erklärte ein Sprecher der Regierung, Lord Mancroft, es sei im Gegenteil nicht zu leugnen, daß manche britischen Firmen recht
schlampige Verkaufsmethoden anwenden. Ein eigens zum Studium der deutschen Konkurrenz eingesetzter Ausschuß fand heraus, daß englische Firmen gegenüber deutschen nicht zuletzt aus "Mangel an Höflichkeit in der Korrespondenz" manchmal den kürzeren ziehen.
Die Boulevardpresse kommentiert dagegen jeden deutschen Produktionsanstieg und jedes größere Exportgeschäft mit dramatischen Schlagzeilen. Zum Beispiel:
- "Die Deutschen werfen uns eine Herausforderung zu. Wir müssen sie aufnehmen, wenn wir überleben wollen" ("Daily Mirror").
- "Westdeutschland hat sein neues Buch
'Mein Kampf'" ("Daily Mail, als der Bundesverband der Deutschen Industrie einen dickleibigen Exportkatalog herausgab).
- "Es ist wieder Krieg - diesmal geht es
um deinen Arbeitsplatz" ("The People").
Um die "machtvolle deutsche Invasion auf unseren Handelsmärkten" recht augenfällig zu machen, hatte die Zeitschrift "People" ihre Schlagzeile durch ein Photo illustriert, das einen angreifenden deutschen Infanteriesoldaten in voller Kriegsbemalung, mit Stahlhelm, Bajonett und Handgranate, zeigte.
Als Schatzkanzler Butler im Frühjahr 1954 mit Bundeswirtschaftsminister Erhard zu einer Aussprache über diese Probleme in Bonn zusammentraf, erklärte er freimütig, die britische Regierung werde die Anwürfe verärgerter englischer Exporteure keinesfalls unterstützen, sondern sei auf einen fairen Wettkampf eingestellt.
Das sportliche Auftreten Butlers in Bonn konnte allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, daß er dem Drängen Ludwig Erhards auf völlige Liberalisierung des Handels und auf die Konvertierbarkeit (Austauschbarkeit) der Währungen, die allein einen unverfälschten Wettbewerb ermöglichen würden, beharrlichen Widerstand entgegensetzte. Butler fürchtete mit Recht, daß Englands Wirtschaft und Englands Währung einem solchen Wettbewerb gegenwärtig nicht gewachsen sind.
Zwar hatte die Konvertierbarkeit auch in dem Regierungsprogramm der Konservativen Partei obenan gestanden. Aber der Schatzkanzler mußte spätestens nach zweijähriger Amtszeit erkennen, daß England tatsächlich nicht genügend leistet und exportiert, um seine Importe bezahlen zu können. Daran hat sich bis heute nichts geändert, und darum blieb die Hoffnung der Konservativen, England werde die westliche Welt wieder in das glückliche Zeitalter der Konvertierbarkeit zurückführen, in dem eine Bahnfahrkarte und eine Summe - gleich welcher Währung - genügen, um ungehindert überall zu reisen und zu kaufen, bislang ein unerfüllbarer Wunschtraum.
Großbritannien führte im vergangenen Jahr für 108 Millionen Pfund (fast 1,3 Milliarden Mark) Waren ein, die nicht aus Exporterlösen, sondern aus den Reserven der Gold- und Dollarkasse bezahlt wurden. Ständige Preissteigerungen im Inland schwächen auch den Außenwert des Pfundes erheblich, denn niemand ist an einer Währung interessiert, deren Kaufkraft ständig schwindet. Gegenüber der offiziellen Kursrate von 2,80 Dollar sank der Wert des frei gehandelten Pfundes aus diesen Gründen zeitweilig bis auf 2,71 Dollar ab.
Der gallenkranke Schatzkanzler der Labourregierung, Sir Stafford Cripps, und sein Nachfolger hatten in ähnlichen Situationen auf planwirtschaftliche Kontrollen, wie Lizenzen, Importbeschränkungen und Preisvorschriften, zurückgegriffen. Die Konservativen dagegen hofften, der Misere mit den ebenso bewährten wie alten Praktiken der Diskont-Politik Herr zu werden.
Als die Konjunkturerhitzung zu Beginn des vergangenen Jahres in schnellem Tempo die Preise hochtrieb, wandte Schatzkanzler Butler dieses klassische Mittel erneut an. Am 27. Januar 1955 setzte er den Diskontsatz auf dreieinhalb Prozent herauf. Als die beabsichtigte abschreckende Wirkung auf die Geschäftswelt, die mit Krediten arbeitet, ausblieb, wurde der Diskontsatz noch einmal um ein weiteres Prozent heraufgesetzt. Zum Leidwesen der Konservativen zeigte sich jedoch, daß die Diskontmanipulationen, mit denen früher ganze Wirtschaftsepochen dirigiert worden waren, heute ihre Wirksamkeit weitgehend verloren haben.
In England, wo heute vierzig Prozent des Volkseinkommens vom Staat und den Gemeinden ausgegeben werden, griff die Diskontbremse praktisch nur noch in das halbe Räderwerk der Wirtschaft ein. Denn der Staat, die Gemeinden und die öffentlichen Körperschaften nahmen unberührt von der Diskonterhöhung weiterhin Kredite auf, um die von der Labourregierung übernommene allgemeine Wohlfahrt und die Vollbeschäftigung zu finanzieren.
Für konservative Wirtschaftler stürzten Welten zusammen, als sie sahen, daß ihr Zinsmechanismus nicht mehr so recht funktionierte. Langsam dämmerte ihnen, wie groß der Unterschied zwischen dem früher weltweit praktizierten Laissez faire - bei dem schon der freiere Fluß der billigsten Ware überallhin dafür sorgte, daß sich kein Industrieland einen scharfen Leistungsrückfall und inflationistische Preissteigerungen erlauben konnte - und dem modernen, sozial orientierten Industriestaat ist.
Der politische Zwang, sich von den Massen die Wiederwahl zu erkaufen, brachte die konservative Regierung im Frühling des Wahljahres 1955 dazu, ein volkswirtschaftlich unaufrichtiges Budget vorzulegen. In einem Augenblick, da es darauf angekommen wäre, den aufgeputschten Inlandskonsum zu drosseln, der eine der Hauptursachen des wachsenden Importstromes ist, machte Butler Englands Bürgern durch verschiedene Steuererleichterungen in seinem Budget ein Wahlgeschenk von mehr als hundert Millionen Pfund.
Die Öffentlichkeit mußte sich angesichts dieses Budgets sagen, was sie nur allzu gern glaubte; daß nämlich mit Englands Wirtschaft alles im Lot sei. Sie nahm das Steuergeschenk dankbar hin und wählte die Konservativen wieder.
Als Butler jedoch im Oktober vergangenen Jahres aus den Finanzschwierigkeiten keinen anderen Ausweg wußte, als ein Not-Budget vorzulegen, nahmen das nicht nur die Unterhausabgeordneten der Arbeiterpartei unwirsch zur Kenntnis. Denn Butlers Not-Budget enthielt zwecks Eindämmung der überhöhten Inlandsnachfrage Kaufsteuern und andere Maßnahmen zur Kaufkraftabschöpfung im Werte von 112 Millionen Pfund. Das war etwa genau die Summe der Steuererleichterungen, die Butler im Frühjahr bewilligt hatte.
Die Konservativen mußten sich im Unterhaus schärfste Kritik der Opposition gefallen lassen. Clement Attlee kanzelte den Schatzkanzler ab, ohne daß sich in den Reihen der Konservativen jemand zu einer Verteidigung aufraffte. Attlee erklärte ironisch: "Wenn das die wahre Lage unserer Finanzwirtschaft ist, dann wundert es mich nicht, daß der Schatzkanzler sie den Wählern nicht vor der Wahl enthüllt hat."
Bei der Kabinettsumbildung im Dezember wurde Butler auf den Posten des Lordsiegelbewahrers und Führers des Unterhauses umdirigiert. Das Schatzamt übernahm Macmillan, den die Konservativen ihren "Ideenmenschen des Kabinetts" nennen.
Seine Ernennung in der kritischsten Wirtschaftssituation seit der Amtsübernahme durch die Konservativen empfahl sich nicht zuletzt deshalb, weil Macmillan seiner Partei schon einmal aus einer verzweifelten Lage geholfen hat. Im Wahlkampf des Jahres 1951 war eine der zugkräftigsten Parolen die Ankündigung gewesen, eine konservative Regierung würde im Falle eines Wahlsieges je Jahr 300 000 Wohnungen bauen. Das schien ein höchst leichtfertiges Versprechen zu sein, denn die Labourregierung hatte es in ihren Amtsjahren mit vieler Mühe auf durchschnittlich 200 000 Wohnungen gebracht.
Aber der kurz nach dem Wahlsieg von Churchill ernannte Wohnungsbauminister Macmillan nahm sich einen kleinen Bauunternehmer als Ratgeber und löste das Versprechen ein. Im Laufe seiner Amtszeit brachte er es sogar auf jährlich 347 605 Wohnungen und Einfamilienhäuser.
Macmillan ist ein zäher Schotte. Ihm ist die britische Schnodderigkeit gegenüber scheinbar ausweglosen Situationen eigen, die ihn in den Augen seiner Kollegen gerade in der gegenwärtigen Wirtschaftsmisere für den Posten des Schatzkanzlers besonders geeignet macht. Als im ersten Weltkrieg Sanitäter den Gardehauptmann Macmillan zwölf Stunden nach einem Angriff schwerverwundet im Niemandsland inmitten toter Soldaten entdeckten, fanden sie ihn in einem Buche die Tragödien des Aischylos lesend.
Neun Zofen
Wie Anthony Eden, dem er im Typ ein wenig ähnelt, hat Macmillan die herkömmliche Erziehung der britischen oberen Zehntausend genossen. Er war in Eton auf der Schule und hat in Oxford studiert Nach dem Ende des ersten Weltkriegs ging Captain Macmillan als Adjutant des Herzogs von Devonshire, der zum Generalgouverneur Kanadas ernannt worden war, nach Nordamerika. Durch seine Vermählung mit einer Tochter seines damaligen Dienstherrn wurde der Sohn des Londoner Verlagshauses Macmillan mit dem höchsten Adel Englands verschwägert.
Sein Lebensstil entspricht ganz dem der englischen Landedelleute, die einmal das Rückgrat der Konservativen Partei bildeten. Macmillan liebt es, in Knickerbockern und karierter Mütze auf die Jagd zu gehen. Als vor einem Jahr in seinem Landsitz Birch Grove House unweit Londons ein Einbruch verübt wurde, erfuhr man, daß sich seine Familie trotz der "Verarmung" der früheren englischen Herrenschicht neun Zofen, Köchinnen und Dienstmädchen hält.
Macmillans gesellschaftliche Stellung hat ihn allerdings nicht daran gehindert, die Gedanken-Schablone der Konservativen Partei häufig zu durchbrechen. Seine Schärfe ist gefürchtet. Schon als junger Abgeordneter des Wahlkreises Bromley bezeichnete er seine Parteiführer als "verlassene Schlackenhaufen" und forderte eine Erneuerung der Partei. In seinem Verlag ließ er auch Werke des Vaters der Vollbeschäftigungstheorie, des Lords John Maynard Keynes, drucken, dessen Lehren die theoretische Grundlage des Vollbeschäftigungs-Systems sind, mit dem die Labour-Regierung nach dem Kriege England beglückte. 1938 gab er unter dem Titel "Der Mittelweg" ein wirtschaftspolitisches Buch heraus, das seinen Parteifreunden verdächtig rot erschien.
Der Titel des Buches deutet darauf hin, daß Macmillan das Rezept zur Bewältigung der wirtschaftlichen Probleme moderner Massenstaaten irgendwo in der Mitte zwischen dem freibeuterischen Kapitalismus alter Prägung und der totalen Planung der Sowjets sucht. Der Autor vertrat die für einen Konservativen ungewöhnliche Meinung, der Staat müsse notfalls Zwangsmittel einsetzen, um die Schlüsselindustrien zu veranlassen, sich entsprechend den allgemeinen Bedürfnissen der Volkswirtschaft zu organisieren.
Während der Beschwichtigungspolitik der Regierung Chamberlain vor dem Kriege hielt Macmillan treu zu dem Rebellen Winston Churchill. Nachdem Churchill 1940 die Regierung übernommen hatte, machte er den eigenwilligen und ehrgeizigen Buchverleger zum Staatssekretär im Beschaffungsministerium. Nach der Landung der Alliierten in Afrika avancierte Macmillan zum Kabinettsminister für Nordwestafrika und hatte unter anderem den Streit zwischen den aufeinander eifersüchtigen französischen Generälen de Gaulle und Giraud zu schlichten. Als Churchill 1954 sein letztes Kabinett umbildete, in dem Macmillan als Wohnungsbauminister fungiert hatte, erhielt der Schotte den Posten des Verteidigungsministers. Churchills Rücktritt hob ihn schließlich sogar für kurze Zeit auf den Stuhl des Außenministers. Seinen Meriten als Wohnungsbauminister jedoch hat Macmillan auf diesem Posten keine neuen Erfolge hinzufügen können.
Das Familienwappen der Macmillans zwei Hände, die ein Schwert ergreifen - könnte ein Symbol für die neue Aufgabe des heute Zweiundsechzigjährigen sein. Denn nur mit schwertscharfen Schlägen ist es nach Ansicht unabhängiger Experten möglich, den gordischen Knoten zu lösen, zu dem sich die wirtschaftlichen Lebensfäden des Wohlfahrtsstaates England verwickelt haben. Die in lateinischer Schrift unter dem Familienwappen vermerkte Inschrift jedoch - "den Unglücklichen zu helfen" - steht zu Macmillans neuem Aufgabengebiet in umgekehrter Beziehung. Denn Englands Bürger, denen er jetzt als Schatzkanzler helfen soll, sind alles andere als unglücklich. Der Ernst der wirtschaftlichen Situation ihres Landes dringt nicht in ihr Bewußtsein.
Der amerikanische Journalist Don Cook, seit langem Berichterstatter der "New York Herald Tribune" in England, bezeichnete es als das Erstaunlichste an Englands heutiger Situation, daß in der Öffentlichkeit "nicht im geringsten das Gefühl herrscht, man stecke mitten in einer Krise". Der während der ersten Zahlungsbilanzkrisen - in den Jahren 1947 und 1949 - auch in privatem Kreise erregt diskutierte Schlachtruf, England müsse exportieren oder sterben, rege heute niemanden mehr auf.
Die Labourführer haben zwar den Wohlfahrtsstaat verwirklicht, in dem sich jeder, auch jeder ausländische Besucher, kostenlos die Zähne plombieren lassen kann, in dem man aus öffentlichen Mitteln finanzierte Häuser bewohnt, im Alter vor Hunger und Not bewahrt bleibt und - wie sich die Zeitschrift "Spectator" ausdrückt seinen Lohn als eine Art Taschengeld für Vergnügungen betrachten könne. Sie haben aber dem britischen Bürger nicht klarmachen können, daß er zwangsläufig für diese Errungenschaften härter arbeiten muß als in der Vorkriegszeit, da es alle diese Dinge nicht gab, während andererseits "die Schätze Indiens" noch vorhanden waren.
Es paßt genau in dieses Bild, daß aus Angst vor den unaufhaltsam kletternden Preisen nicht gespart, sondern das verdiente Geld sofort wieder ausgegeben wird. Während die Spareinlagen in den meisten westeuropäischen Ländern steigen, mußte Schatzkanzler Macmillan im Unterhaus einen alarmierenden Rückgang bekanntgeben: Waren die Bank- und Spareinlagen im Jahre 1954 noch um 184 Millionen Pfund angewachsen, so sind sie im vergangenen Jahr um 294 Millionen Pfund gesunken.
Preissteigerung um 50 Prozent
Englands Inflation hat allein in den letzten neun Jahren die Preise um durchschnittlich fünfzig Prozent erhöht und die Kaufkraft des Pfundes dadurch um ein Drittel vermindert. Mithin gleicht der Zinsgewinn für ein Sparkonto den Verlust durch die Geldentwertung nicht mehr aus. Um die sich daraus ergebende Abneigung gegen das Sparen zu überwinden, will Macmillan den neuen Vergnügungsdrang der Briten mobilisieren. Er verkündete mit seinem Budget die Einführung einer Prämienspar -Lotterie, bei der vierteljährlich aus den Zinsen von Spareinlagen Geldpreise verlost werden sollen. Bislang war im puritanischen England jede Art von Lotterie verboten.
Da die Engländer offenbar ihrer Währung selbst nicht mehr trauen, ist es nicht weiter verwunderlich, daß auch die ausländischen Kapitaleinleger ihre Ersparnisse in London, dem einstigen Bankenzentrum der Welt, nicht mehr sicher wähnen. Sie zogen im vergangenen Jahr rund 93 Millionen Pfund von ihren Konten ab.
Schon Macmillans Vorgänger, Richard Butler, hatte seine Landsleute in öffentlichen Ansprachen aufgefordert, doch wenigstens den Gegenwert von drei Glas Bier monatlich zu sparen, was immerhin 90 Millionen Pfund Sparkapital einbringen würde, das für Englands große Aufgaben so dringend benötigt wird. Mit der Schrumpfung des Londoner Geldmarktes ist nämlich die Gefahr verbunden, daß Großbritannien sich selbst die Fäden zu den ihm verbliebenen Kolonien und den Commonwealth-Ländern abschneidet.
Diese Länder sind dringend auf Erschließungs-Kapital aus London angewiesen. Wenigstens 500 Millionen Pfund Kapital werden jährlich von den Kolonien benötigt. Da nun der britische Kapitalmarkt kaum mehr in der Lage ist, die zur Rationalisierung der Industrieproduktion des Mutterlandes erforderlichen Gelder aufzubringen, klopfen die Kolonien schon heute oft vergeblich bei den Banken der Londoner City an.
Immer häufiger treten in den Kolonien die USA als Kapitalgeber an Englands Stelle. Viele Millionen Dollar fließen schon seit Jahren in englische Kolonialunternehmen und verstärken in ihnen den Einfluß der Amerikaner. In Malaya, an der Goldküste Afrikas, in Rhodesien und auf Zypern etablieren sich ständig neue amerikanische Firmen. Noch hält das System der Vorzugszölle das Commonwealth zusammen. Es verstärkt sich jedoch die Befürchtung, daß sich einige Länder aus der Gemeinschaft des Sterlingblocks lösen werden, wenn sich die Kapitalsituation nicht bessert.
Großbritanniens Handelsbilanz endet seit mehr als hundert Jahren stets mit einem Passivsaldo. Es hat mithin immer für größere Summen Rohstoffe und Waren eingeführt, als es durch eigene Warenexporte verdiente. Zwischen der Situation vor zwanzig Jahren und heute besteht jedoch ein fundamentaler Unterschied:
- Früher wurde das Handelsdefizit ständig mehr als ausgeglichen durch jene Posten der Zahlungsbilanz, die zum "unsichtbaren" Wertaustausch zählen: durch Zinsen und Gewinne, die Englands Investitionen im Ausland und in den Kolonien abwarfen, weiter durch die Frachtgewinne der englischen Handelsflotte, durch Versicherungsgebühren und sonstige Dienstleistungsgewinne des Welthandelsplatzes London, über den einmal fast zwei Drittel des Welthandels abgewickelt wurden.
- Heute sind diese Einnahmen durch den Verlust zahlreicher Auslandsinvestitionen während der Kriegs- und Nachkriegsjahre (die britischen Eisenbahnen in Argentinien zum Beispiel wurden gegen Fleischlieferungen verkauft) stark zusammengeschrumpft. Die Minderung der Einnahmen aus Investitionen in Übersee läßt um so stärker die Kosten ins Gewicht fallen, die England aus politischen und strategischen Gründen für Truppenstationierungen außerhalb des Mutterlandes aufwendet. Darum wehrt sich das Londoner Schatzamt auch verzweifelt, die Stationierungskosten für die britischen Truppen in der Bundesrepublik künftig zu übernehmen.
Die konservative Regierung hatte sich das Ziel gesetzt, nicht nur den Ausgleich der Zahlungsbilanz, sondern noch mehr zu erreichen. Sie wollte einen jährlichen Devisen-Überschuß von 350 Millionen Pfund herauswirtschaften. Diese Beträge sollten dem Ersatz für verlorene Auslandsinvestitionen und der Festigung erhalten gebliebener Wirtschaftsbastionen in Übersee dienen, um die historischen Quellen britischen Reichtums weiterfließen zu lassen.
Dieses Ziel zu erreichen, setzt nach Ansicht britischer Ökonomen eine große Anstrengung voraus. Es wird aber immer schwieriger und unpopulärer, ein solches Ansinnen an Menschen zu richten, denen der Anreiz zur verbesserten Arbeitsleistung weitgehend genommen ist. Denn der britische Wohlfahrtsstaat, wie er gegenwärtig in der Bevölkerung Englands aufgefaßt wird, soll den Arbeitenden den Wohlstand auch ohne erhöhte Produktivität garantieren.
Es ist die Aufgabe Harold Macmillans, den Briten nun klarzumachen, wie schnell
die Inflation die wirtsaftliche Scheinblüte vernichten kann. Mit jeder neuen
Preissteigerung müssen Englands Exportleistungen zwangsläufig hinter denen anderer Länder zurückbleiben, die solche Preissteigerungen vermeiden können. Der volkswirtschaftlich geschulte Schatzkanzler kennt diese grundsätzliche Ursache der gegenwärtigen Schwierigkeiten sehr genau.
Lord Keynes würde staunen
Er erklärte in einer Rundfunkansprache: "Wir verlangen mehr und mehr Geldeinkommen, ohne auch entsprechend mehr zu produzieren. Seit Ende des Krieges haben wir zwar 26 Prozent mehr Güter und Dienstleistungen produziert. Das Schlimme ist nur, daß wir uns für diese Arbeitsleistung 80 Prozent mehr Geld ausbezahlt haben."
Das Kabinett Eden, das in der letzten Zeit bereits starke Einbußen seines Prestiges erlitten hat, setzt große Hoffnungen auf den neuen Schatzkanzler. Der linke Flügel der Konservativen Partei erwartet unter Hinweis auf Macmillans wirtschaftspolitische Konzeption des "Mittelweges" Wunderdinge von ihm. Seit er im Amt ist, hat sich der Schatzkanzler jedoch über die Möglichkeiten einer Verwirklichung seiner früheren Thesen noch nicht geäußert.
Abgeordnete des rechten Flügels dagegen hoffen, Macmillan werde schärfer als sein Vorgänger Butler von den klassischen Mitteln konservativer Wirtschaftspolitik Gebrauch machen und auf einen Abbau der übertriebenen Wohlfahrtsleistungen des heutigen England hinarbeiten. Sie bauen vor allem darauf, er werde entschlossen gegen die wieder einmal höhere Löhne fordernden Gewerkschaften auftreten, denen gegenüber Butler immer einen vermittelnden Standpunkt eingenommen hatte. Diese Forderung wird um so dringlicher erhoben, als einige Gewerkschaften des Landes nach Macmillans Rundfunkappell bereits bekanntgaben, sie ließen sich nicht von ihrer gewerkschaftlichen Pflicht abhalten, höhere Löhne zu fordern, solange die Regierung nicht das Preisniveau stabilisiere.
In einem kürzlich veröffentlichten Weißbuch über die Wirtschaftslage entschuldigt die konservative Regierung das Ausbleiben einer wirtschaftlichen Besserung mit der Erklärung, Großbritannien sei praktisch die erste Nation der Welt, die sich mit dem Problem der Vollbeschäftigung auseinandersetzen müsse. Richard Butler hatte noch vor seinem Abtreten die Ansicht geäußert, selbst der Vollbeschäftigungstheoretiker Keynes würde staunen, wenn er noch lebte und die Fülle der aus der Vollbeschäftigung resultierenden Schwierigkeiten beobachten könnte.
In der Tat gibt es in England - dank der umfangreichen öffentlichen Arbeiten - kaum einen Arbeitsfähigen ohne Beschäftigung. Selbst im Wintermonat Januar gab es nur 246 000 Arbeitslose (1,3 Millionen in Deutschland). England hat damit eine Beschäftigung von 99,2 Prozent aller Arbeitsfähigen erreicht*, und das wiederum erklärt die starke Stellung der Arbeitnehmer in den Betrieben und der Gewerkschaften im öffentlichen Leben. Im großen wie im kleinen verfügen die Arbeitnehmer über Druckmittel, mit denen sie sich allen Anforderungen, mehr zu leisten, erfolgreich widersetzen.
Die Reservisten des Karl Marx
Diese Überbeschäftigung erklärt ein gut Teil der leistungsmindernden und preistreibenden Tendenzen. Londons "Economist" schrieb dem neuen Schatzkanzler kurz nach seiner Amtsübernahme die Mahnung ins Stammbuch: "Amerika, England und Deutschland, in allen diesen drei Ländern herrscht Vollbeschäftigung. Während aber die beiden anderen Länder sich mit einem Beschäftigungsgrad von 96 oder 97 Prozent begnügen, der der Industrie Raum für Dispositionen läßt, besteht England darauf, eine supervolle, überlaufende Vollbeschäftigung zu haben. Mehr als alles andere erklärt dies, warum es Amerika und Deutschland gelungen ist, gleichzeitig Vollbeschäftigung und stabile Preise zu bewahren, während England versagt."
Von diesen Voraussetzungen ausgehend, fordert eine starke Gruppe unter den konservativen Wirtschaftsexperten klipp und klar eine künstliche Arbeitslosigkeit. Sie sehen darin die beste Möglichkeit, dem währungsgefährdenden Lohntreiben der Gewerkschaften und dem auf Ratenkäufen basierenden Überkonsum ein Ende zu machen. Die Arbeiter würden ihrer Meinung nach für die dringend erforderliche Produktivitätssteigerung schnell empfänglicher werden, wenn ihnen das seelische Abenteuer des Arbeitsplatzwechsels oder gar der zeitweiligen Arbeitslosigkeit nähergerückt würde. Heute sei es doch so, daß jeder, dem zu geringe Arbeitsleistungen vorgeworfen werden, sofort beleidigt sein Bündel schnüre - in der sicheren Gewißheit, sofort in anderen Betrieben unterzukommen.
Natürlich wird dieser Hinweis auf die lohndrückende "industrielle Reservearmee" des seligen Karl Marx nicht in brutaler Offenheit verkündet. Angesichts der geringen Erfolge moralischer Appelle gewinnt jedoch diese straffe Deflationspolitik immer mehr Anhänger. Viele Fachleute teilen voll die Meinung des "Economist", der schrieb, ein solches Ventil-Öffnen auf dem mit Überdruck geladenen Arbeitsmarkt werde sich "nach einigen Monaten, selbst wenn ein vorübergehender Produktionsrückgang eintreten sollte, als eine Gesundungskur für die britische Wirtschaft erweisen".
An Schatzkanzler Macmillan ist aus den Reihen seiner Partei deshalb die Mahnung ergangen, das Instrumentarium der Zinspolitik streng zu gebrauchen und die Banken zu einem zeitweiligen Abbau ihrer Kredite zu veranlassen. Ein solcher Kreditabbau soll zusammen mit der Erschwerung von Ratenkäufen die Inlandsnachfrage um die jährlich 250 Millionen Pfund (drei Milliarden Mark) mindern, die nach Meinung der Experten als Inflations-Speck am britischen Wirtschaftskörper zuviel sind.
Ehe er aber zu den schärfsten Deflationsmaßnahmen greift, will Macmillan offenbar die geistige Lethargie seiner Landsleute überwinden und ihnen klarmachen, daß die wirtschaftliche Lage bei aller äußeren Prosperität sehr ernst ist. Der Schatzkanzler hat bereits offen zugegeben, was weder Butler noch die sozialistischen Vorgänger jemals zu sagen gewagt haben, daß nämlich die Inflation in England bereits ein Ausmaß angenommen hat, in dem sie von der Regierung allein nicht mehr gemeistert werden kann.
Um das der Öffentlichkeit nahezubringen, hat der britische Schatzkanzler vor wenigen Tagen die größte amtliche Aufklärungsaktion seit dem Kriege gestartet. Er verschickte an alle Firmen mit mehr als hundert Beschäftigten einen persönlichen Brief, in dem er zu Lohn- und Preisdisziplin in den Betrieben aufruft. In einigen hunderttausend Exemplaren verteilt das Schatzkanzleramt überdies eine populär geschriebene Broschüre über den Zusammenhang zwischen Inflation und Vollbeschäftigung.
An Englands Litfaßsäulen prangt seit kurzem Macmillans neuer Schlachtruf gegen die Inflation: Mehr arbeiten, mehr verdienen - mehr sparen!
Daily Express, Londou
Warum der Schatzkanzler so traurig dreinschaut!
Schatzkanzler Macmillan und Frau: Schwertstreiche gegen die Inflation
Wettlauf der Börsenmakler nach der Diskonterhöhung: Die Staatsbank schlug Alarm
Daily Express, London
"Natürlich müssen wir den Riemen enger schnallen, Herr Macmillan, aber zuerst der da drüben!"
Kricketspieler Macmillan
Neue Züge im britischen Volkscharakter
Punch, London
Deutsche Stationierungskosten: "Einen Groschen für die Wache!" Sozialversicherer Beveridge
Wohlfahrt lahmt den Arbeitsfleiß
Churchill-Mitarbeiter Macmillan im Kriege*: Der Ideenmensch
Daily Mirror, London
Macmillan gibt den Takt an
Macmillans Vorgänger Butler
Zurück in die Kulisse
Macmillan mit Budgetkoffer: Dünkirchen-Stimmung im Unterhaus
* In England besitzt beispielsweise jeder neunte Einwohner ein Fernsehgerät- In der Bundesrepublik nur jeder hundertdreißigste
** Etwa: 0 wie zahlreich und erbaulich sind solche Festtage."
* Ist auch jeder glücklich?
* In den Jahren vor dem zweiten Weltkrieg betrug die Arbeitslosigkeit im Durchschnitt fast zehn Prozent aller Arbeitsfähigen.
* Von links nach rechts: Churchills Tochter Sarah, Feldmarschall Alexander, Churchill, Generalleutnant Scoble, Macmillan.

DER SPIEGEL 17/1956
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