02.05.1956

LOURDESDas Wunder des Dr. Dozous

Als die 34jährige Frau Therese Valot den medizinischen Doktorgrad an der Pariser Universität, der Sorbonne, erwerben wollte und nach einem Stoff für ihre Dissertation Umschau hielt, fielen ihrem Ehemann Dr. Guy Valot zwei Themen ein, die er seiner Frau zur Auswahl für ihre Doktorarbeit vorschlug:
- Die echten Schäden durch Tabak.
- Die falschen Heilungen von Lourdes.
Vor die Wahl gestellt, ob sie es mit den Tabakindustriellen oder mit den Wundergläubigen verderben sollte, entschied sich Frau Therese Valot für eine wissenschaftliche Untersuchung der Wunder-Heilungen von Lourdes.
Nach monatelangem Studium in mehreren Archiven war das Werk vollendet: Am 27. Juni 1955 verteidigte Frau Therese Valot die Thesen ihrer Dissertation vor einer Professoren-Jury und erhielt dafür ihr Doktorat "mit ehrenvoller Erwähnung", einer akademischen - Auszeichnung der Pariser Universität für Doktoranden.
Diejenigen allerdings, die sich mit der kommerziellen Auswertung der Wunder von Lourdes beschäftigen, begannen erst Ärgernis an der Doktorarbeit zu nehmen, als die darin vertretenen Thesen - mit Kommentaren des Ehemannes Dr. Guy Valot versehen - vor einigen Wochen in Buchform unter dem Titel "Lourdes et l'Illusion" (Lourdes und die Illusion) bei dem medizinischen Verlag "Librairie Maloine" erschienen.
Die Wunderindustrie des kleinen südwestfranzösischen Städtchens verdankt ihr Entstehen einem Erlebnis, das inzwischen von Poeten wie Franz Werfel und Traumfabrikanten wie David O'Selznick aller Welt in dramatisch bewegter Form dargestellt worden ist: den Marienerscheinungen der jungen Bernadette Soubirous.
Nach der offiziellen Lesart, die in allen Lexika verzeichnet ist, erschien der 14jährigen Bernadette im Jahre 1858 in einer Grotte am Ufer des Flüßchens Gave die Jungfrau Maria. Vierzehn Tage später entsprang in der Grotte wunderbarerweise eine Quelle, deren Wasser Hunderte von Wunderheilungen bewirkte. Über 40 dieser Heilungen sind bisher von der katholischen Kirche als "Wunder" anerkannt worden.
So ist es erklärlich, daß seit den ersten Wunderheilungen jährlich Millionen von Pilgern (1954: 3,5 Millionen) und Tausende von Heilungsuchenden nach Lourdes fahren. Es konnte nicht ausbleiben, daß, der Zustrom der Gläubigen Handel und Wandel des einstmals verträumten kleinen Städtchens erfrischend belebte. Heute ist Lourdes einer der bekanntesten katholischen Wallfahrtsorte; das 14 000-Einwohner-Nest verfügt über 250 Hotels.
In der Nähe der Grotte, in der die inzwischen heiliggesprochene Bernadette zum erstenmal die Marienerscheinung hatte, ist ein neuer Stadtteil entstanden. Über der Grotte erhebt sich eine gotische Basilika, daneben steht die Kirche Notre Dame du Rosaire. Von der Gave-Brücke her führt eine prachtvolle Anlage, die Esplanade des Processions, direkt auf den Ort der Wunderheilungen zu.
Die Geschichte dieses Ortes, seiner Heilungen und vor allem seiner Heiligen wird den Gläubigen in zahllosen Schriften nahegebracht. So wurde beispielsweise den Lourdes-Reisenden aus der Bundesrepublik ein Büchlein in die Hand gedrückt, in dem sich die Geschichte der Bernadette Soubirous etwa so liest:
Bernadette Soubirous, die Heilige, wurde am 7. Januar 1844 als das älteste von acht Kindern armer Müllersleute geboren. 1854 mußte die Familie die gepachtete Mühle verlassen; sie fand im Cachot, dem ehemaligen Gefängnisgebäude, eine unfreundliche Wohnung. Vom 11. Februar bis 16. Juli 1858 hat Bernadette achtzehnmal die Erscheinung der Gottesmutter gesehen. Aus vielen strengen Untersuchungen und Überprüfungen, die von Kommissionen des Staates, der Kirche und privaten Institutionen durchgeführt wurden, hat sich ergeben:
- daß Bernadette geistig ein durchschnittliches, normales, in keiner Weise überspanntes Kind war;
- daß sie charakterlich
aufrichtig war, sich bis zu ihrem Tode in keinen Widerspruch verwickelte und kein Wort über die Erscheinungen und die Botschaften der Gottesmutter zurücknahm;
- daß weder sie noch ihre in den ärmsten Verhältnissen lebenden Eltern sich infolge dieser wunderbaren Erwählung materiell bereichert haben, obschon man sie vom Erscheinungsjahre an mit Geschenken überhäufen wollte.
Im Gegenteil: Mit den Erscheinungen begann für die kleine Bernadette ein Leidensweg; ständig war sie Schmähungen, Drohungen und ununterbrochenen Verhören ausgesetzt. Im Alter von 22 Jahren (1866) trat sie in das Kloster zu Nevers ein. Und am 16. April 1879 starb sie 35jährig als Ordensschwester Marie-Bernard mit einem letzten irdischen Gruß an die Gottesmutter auf den Lippen. Am 8. Dezember 1933 wurde sie heiliggesprochen.
Die Forschungen der Therese Valot - sie kam Anfang dieses Monats durch einen Autounfall ums Leben - ergaben dagegen ein Bild, das sich von der offiziellen Lesart recht auffällig unterschied. Gestützt auf das Material, das sie in den Archiven fand, stellte sie fest: Bernadottes Eltern waren nicht die Pächter, sondern die Eigentümer der Mühle von Boly. Als Bernadette geboren wurde, galten die Soubirous in der ganzen Gegend als sehr vermögende Leute. Ruin und Armut kamen, weil die Eltern dem Alkohol verfallen waren.
Dr. Therese Valot schließt daraus auf eine schwere erbliche Belastung der kleinen Bernadette, die zwar weder lesen noch schreiben konnte, aber vom Abbé Ader im benachbarten Dorf Bartres einen sehr gründlichen Katechismus-Unterricht erhielt. Dieser Geistliche, meint Dr. Therese Valot, spiele eine Schlüsselrolle in der Wundergeschichte von Lourdes. Dr. Therese Valot berichtet, daß gerade zu jener Zeit, als Bernadette Soubirous zu Abbé Ader in den Katechismus-Unterricht ging, in Frankreich viel über die Marienvisionen gesprochen wurde, die zwei Kinder, Maximin und Milanie, im Dorf La Salette hatten. Auch der Abbé Ader interessierte sich sehr für diese beiden Kinder.
Der Volksschullehrer Barbet berichtete über ein Gespräch, das er mit dem Abbé bereits einige Monate vor den Visionen der Bernadette hatte. Nach den Aufzeichnungen des Lehrers sagte Abbé Ader damals: "Es ist seltsam, aber jedes Mal, wenn ich Bernadette sehe, muß ich an die Kinder von La Salette denken. Wenn die Heilige Jungfrau Maximin und Mélanie erschienen ist, so ist es nur darauf zurückzuführen, daß sie ebenso einfach und gottesfürchtig wie Bernadette sind."
Dr. Therese Valot meint, das sei ein Indiz für eine These, die seinerzeit der französische Schriftsteller Emile Zola vertrat. Er behauptete, der Abbé Ader habe mit seinem "Unterricht" der erblich belasteten Bernadette die Visionen suggeriert.
Eine zweite wichtige Rolle in der Geschichte der Wunderstadt spielt, nach Ansicht der Dr. Therese Valot, ein längst verstorbener Arzt, der Dr. Dozous. Ihn beschuldigt Dr. Valot des bewußten Betruges.
Nach der offiziellen Geschichtsschreibung von Lourdes war es am 25. Februar 1858, als Bernadette mit ihren Händen in der völlig trockenen Grotte von Lourdes eine kleine Grube schaufelte und aus dieser Grube plötzlich die heilbringende Quelle mit einer Kapazität von 120 000 Litern täglich sprudelte.
Dr. Valot konfrontiert diese Legende mit zeitgenössischen Berichten. "Falls eine Quelle mit der täglichen Kapazität von 120 000 Litern wunderbarerweise am 25. Februar 1858 zum Vorschein gekommen wäre", schreibt Dr. Valot, "so hätte der Pfarrer von Lourdes, Abbé Peyramale, dieses Wunder als erster erfahren. Was geschieht aber? Einige Tage später kommt Bernadette zum Pfarrer von Lourdes und sagt: ,Die Dame (Marienerscheinung) befahl mir, zu den Geistlichen zu gehen und ihnen zu befehlen, eine Kapelle in der Grotte zu errichten. Ich will, sagte die Dame, daß eine Prozession zu der Grotte kommen soll.'
"Der Geistliche empfängt sie sehr kühl und antwortet: ,Bevor eine Prozession zur Grotte geht, soll doch die Dame ein Wunder geschehen lassen. Sie soll veranlassen, daß dieser wilde Rosenstrauch hier schon im März blüht.'"
Hätte es tatsächlich, meint Dr. Valot, das Wunder der Quelle gegeben, so hätte der Geistliche nicht erst ein zweites Wunder verlangt, das obendrein ausblieb: Der Rosenstrauch blühte nicht.
Auch am 3. März 1858, als etwa 4000 bis 5000 Menschen zur Grotte pilgerten und auf ein Wunder warteten, geschah nichts. Sie sahen zwar das Flüßchen Gave, das seit ewigen Zeiten an der Grotte vorbeifließt und sie mit Feuchtigkeit und Wasser füllt. Aber sie gingen enttäuscht weg, ohne die "wundertätige Quelle" bemerkt zu haben.
An Hand dieses Berichtes sucht Dr. Valot zu beweisen, daß die Grotte nicht wie man heute in Lourdes behauptet - aus trockenem Stein bestand, sondern vielmehr direkt über einer Quelle lag, die sich in sehr geringer Tiefe befand und sofort nach der Entfernung einer dünnen Lehmschicht zum Vorschein kam. Deswegen, meint Dr. Valot, sei es für die Zeitgenossen etwas ganz Selbstverständliches und nicht "ein Wunder" gewesen, daß es in dieser Grotte Wasser gab.
Den Beweis dafür, daß die Grotte feucht und nicht trocken war, erblickt Dr. Valot in einer zeitgenössischen Beschreibung, die der Bischof Bertrand Sévère Laurence im Jahre 1862 zu Papier brachte. Sie vermerkt: "Das Kind gräbt mit seinen Händen ein kleines Loch, das sich sofort mit schmutzigem Wasser füllt. Es trinkt, es wäscht sich das Gesicht und ißt eine Art von Brunnenkresse, die in der Grotte wächst . . . "
Diese Angaben, vor allem aber das Vorhandensein von Brunnenkresse in der Grotte unterbauen nach Dr. Valot die These, daß die Quelle in geringer Tiefe lag und sofort zum Vorschein kam, als das Kind das kleine Loch grub. Niemand erblickte damals auch nur das kleinste Wunder darin, daß diese Quelle zum Vorschein kam und daß das Loch dann während der folgenden Tage durch die Gläubigen, die Heilung bei diesem Wasser suchten, vergrößert wurde.
In den folgenden Wochen - so stellt es Thlerese Valot in ihrer Dissertation dar gerieten die Vision der Bernadette und die Grotte allmählich in Vergessenheit. Da taucht plötzlich ein Dr. Dozous auf der Bildfläche auf, heilt angeblich mit dem Wasser der Grotte einen Blinden namens Bouriette - und ändert die Sachlage mit einem Schlage. Der Bericht des Dr. Dozous über die Heilung Bouriettes versetzt ganz Frankreich in Aufregung: Die Wunderquelle von Lourdes kommt in aller Mund.
Von diesem Dr. Dozous hat nun Thérèse Valot ein Büchlein aufgetrieben, das der Arzt bereits im Jahre 1853 - also fünf Jahre vor dem Erlebnis der Bernadette hatte verlegen lassen. In diesem Buch pries er das Mineralwasser von Cauterets als ein "Sofort-Heilmittel" an, das er zum
Kauf anbot. Dieses Wasser heilte, laut Dr. Dozous, garantiert neun Krankheiten - von der Syphilis bis zur Zuckerkrankheit.
Das Projekt scheiterte, und Dr. Dozous kehrte nach Lourdes zurück. Über sein Auftreten legt Dr. Valot einen Bericht vor, den der Staatsanwalt von Lourdes, Monsieur Dutour, am 26. April 1858 niederschrieb: "Da taucht plötzlich ein Arzt auf, dessen Intervention sehr böse Folgen hat. Herr Dr. Dozous war früher der Arzt des Spitals von Lourdes; er ist jedoch vor zwei Jahren fristlos entlassen worden. Wie man behauptet, ist er darüber bis heute sehr verärgert.
"Er hat es auch sehr übelgenommen, daß er nicht in das dreiköpfige Ärztekollegium aufgenommen wurde, das für den Präfekten einen Bericht über die geistige und körperliche Verfassung von Bernadette Soubirous schreiben sollte. Sobald Dr. Dozous die Schlußfolgerungen dieses (positiven) Berichtes kennenlernte, hat er - der die Visionen früher als einen Unsinn und die Seherin als eine Spitzbübin bezeichnete - seine Meinung radikal geändert."
Dozous, der für sein Heilwasser von Cauterets keine Käufer gefunden hatte, veröffentlichte nun plötzlich einen Bericht über die Heilung seines alten Patienten Bouriette. Dozous gab bekannt: "Bouriette, der damals an einem unheilbaren schwarzen Star erkrankt und gänzlich blind war, hat sich die Augen mit dem wundertätigen Wasser gewaschen, erlangte augenblicklich wieder sein Augenlicht und kam aufgeregt zu mir, um mir das Wunder zu erzählen." Wendig nutzte der Dr. Dozous jede Gelegenheit, um Provisionen an dem großen Geschäft einzustecken, das von da an in Lourdes zu machen war.
Als die Kirche den Platz rund um die Grotte ankaufen wollte, schaltete sich der Arzt sogleich ein, ja, er drängte sich dem Grundstückseigentümer, Monsieur Lafitte, geradezu auf. Nachdem der Verkauf zustande gekommen war, forderte er fünf Prozent Provision mit der Begründung, er habe ja eigentlich die Grotte "entdeckt' und dadurch ihren Wert gesteigert.
Zu einem noch weniger günstigen Ergebnis kam Dr. Valot, als sie die erste, von Dr. Dozous gemeldete Wunderheilung - die von der Kirche niemals anerkannt worden ist - untersuchte. Im Jahre 1858 bezeichnete der Arzt den Louis Bouriette als gänzlich blind. Die Ärzte, die ebenfalls diese erste wundertätige Heilung von Lourdes untersuchten und bestätigten, wichen aber sehr stark von der Darstellung des Dr. Dozous ab. Sie berichteten:
"Im Jahre 1838, also zwanzig Jahre vor den Visionen, wurde Bouriette durch eine Bergwerksexplosion verletzt, die sein rechtes Auge beschädigte. Seit damals, also seit zwanzig Jahren, war er auf diesem Auge, das rot war und ständig blutete, gänzlich erblindet. Er wusch dieses Auge mit dem Quellenwasser von Lourdes und bemerkte zu seiner Überraschung, daß er mit beiden Augen sah. Er stürzte zu Dr. Dozous, teilte ihm seine Heilung mit, und mithin wurde die erste wundertätige Heilung von Lourdes einwandfrei festgestellt." Demnach war Louis Bouriette nur auf einem Auge blind gewesen.
Einer Doktorarbeit der Mademoiselle Francoise Boissarie konnte Thérèse Valot aber noch einen anderen zeitgenössischen Bericht über den Grad der Erblindung des Louis Bouriette entnehmen. Mademoiselle Boissarie hat ihre Dissertation zwar erst im Jahre 1952 geschrieben, aber sie konnte dennoch aus allererster Quelle schöpfen: Ihr Urgroßvater war Präsident des Ärztlichen Konstatierungsbüros in Lourdes gewesen und hatte Aufzeichnungen zum Fall Bouriette hinterlassen.
An Hand dieser Notizen berichtete Francoise Boissarie: "Louis Bouriette war ein alter Patient von Dr. Dozous. Durch eine Explosion hatte er furchtbare Verbrennungen der Hände und des Gesichts davongetragen. Er blieb länger als zwei Stunden besinnungslos. Infolge dieser Verletzung erkrankte er an einer Gehirnhautentzündung, die von solchen Tobsuchtsanfällen begleitet war, daß Dr. Dozous ihn wiederholt in eine Zwangsjacke stecken mußte. Die Krankheit dauerte drei Monate und hinterließ eine Nervenzerrüttung.
"Als Bouriette ... seine Arbeit wiederaufnahm, machte er die Feststellung, daß seine Sehkraft geschwächt war und für die Ausübung seines Berufes nicht ausreichte. Er begab sich wieder zu Dr. Dozous, der ihn untersuchte und das Ergebnis dieser Untersuchung schriftlich niederlegte. 'Ich untersuchte seine Augen', schrieb er, ,und stellte fest, daß das rechte Auge etwas verletzt, die Pupille erweitert und die Sehkraft sehr geschwächt war'." Danach also war Louis Bouriette auch nicht auf einem Auge erblindet. Lediglich die Sehkraft eines Auges hatte nachgelassen. Mit anderen Worten: Louis Bouriette war überhaupt kein Blinder.
Aufgrund dieser Ergebnisse kam Thérese Valot zu dem abschließenden Urteil über die erste Wunderheilung von Lourdes: "Ich glaube fest, daß es weder Bernadette, noch die Heilige Jungfrau, sondern daß es Dr. Dozous und Bouriette waren, die das erste Wunder in die Welt setzten. Als Dr. Dozous behauptete, Bouriette sei gänzlich blind gewesen und habe durch eine Waschung seiner Augen mit dem Wasser der Quelle von Lourdes das Augenlicht wiedergewonnen, war das erste Wunder da. Dank der Leichtgläubigkeit des Volkes begann sofort die Kettenreaktion."
Mehr Pilger, weniger Heilungen
Wie sich diese Kettenreaktion dann weiter entwickelte, läßt sich an den Statistiken ablesen, die Therese Valot in ihre Dissertation aufgenommen hat. Im Jahre 1872 pilgerten rund 50 000 Menschen nach Lourdes. Vier Jahre später schon 100 000. Im Jahre 1930 überschwemmten 500 000 Pilger die Stadt und 1949 über zwei Millionen.
Aber während die Anzahl der Pilger und der Kranken, die in Lourdes eine wundertätige Heilung suchen, ständig zunimmt, geht die Anzahl der Heilungen immer mehr zurück. Bis zum ersten Weltkrieg schwankte die Anzahl der Wunderheilungen von Lourdes, die von dem örtlichen Ärztlichen Konstatierungsbüro bestätigt werden, zwischen 103 und 236 jährlich.
Seit dem ersten Weltkrieg verzichtet das Ärztliche Konstatierungsbüro darauf, jährlich Statistiken zu veröffentlichen. Nach Angaben des Büros sind von 1926 bis 1938 durchschnittlich zehn Heilungen jährlich festzustellen gewesen. Von 1939 bis 1947 sank diese Durchschnittszahl auf drei Heilungen pro Jahr. Und in den Jahren 1947 bis 1955 wurden nur roch je zwei Heilungen in Lourdes bestätigt.
Der französische Biologe und Nobelpreisträger Dr. Alexis Carrel, einer der größten Anhänger von Lourdes, klagte im Jahre 1944, kurz vor seinem Tod: "In Lourdes sind die Wunder viel seltener als vor vierzig oder fünfzig Jahren geworden. Die Kranken finden dort nicht mehr die Atmosphäre der tiefen Andacht, die dort früher herrschte. Die Pilger haben sich in Touristen verwandelt, und ihre Gebete sind unwirksam geworden."
Dr. Therese Valot stimmt mit dieser Feststellung überein. Aber sie nennt andere Gründe für die rückläufige Entwicklung: "Der Sturz der jährlichen Wunderheilungen von Lourdes dem Nullpunkt zu ist nur die unvermeidliche Folge des Fortschritts der medizinischen Wissenschaft."
Dieser These widmet Dr. Valot den größten Teil ihres Buches. Früher, berichtet sie, seien in Lourdes hauptsächlich Tuberkulose-Kranke geheilt worden. So schrieb Dr. Boissarie, damals Präsident des Ärztlichen Konstatierungsbüros von Lourdes, im Jahre 1900: "Wir haben nur chronische Krankheiten in Lourdes. Dementsprechend haben wir besonders schwierige Bedingungen, und nichtsdestoweniger werden unsere Patienten in einem noch nie dagewesenen Ausmaß gesund. Tuberkulose und Krebs heilen mit der gleichen Geschwindigkeit wie Nervenkrankheiten. Blinde und Taube werden im Verlauf von wenigen Sekunden gesund. Von den im Jahre 1898 einwandfrei geheilten 95 Kranken entfielen 52 Fälle auf Tuberkulose in allen ihren Formen, darunter 37 Fälle von Lungentuberkulose, 11 Fälle der Pottschen Krankheit (tuberkulöse Wirbelentzündung) und vier Fälle von tuberkulöser Bauchfellentzündung."
Beim Studium der neueren Statistiken aber entdeckte Therese Valot, daß beispielsweise in den Jahren 1941 bis 1949 von elf Geheilten nur noch drei an Tuberkulose gelitten hatten. Einen der früheren Fälle von Tbc-Heilungen untersuchte sie besonders genau.
Der Modell-Kranke war ein 22jähriger Abbö; er wurde am 10. Juli 1928 zum erstenmal von einem Dr. Jullien untersucht. Der Kranke hustete seit zwei Jahren, sein Appetit war sehr schwach, der Patient nahm dauernd ab. Das Röntgenbild zeigte, daß beide Lungenspitzen angegriffen waren. Dr. Jullien verschrieb vollständige Ruhe, eine Luftkur und kräftige Kost.
Am 16. September 1928 wurde der Kranke in Lourdes gebadet. Als er das Wasser verließ, erklärte er den Begleitern, er fühle sich gesund.
Der Abbé wurde daraufhin im Ärztlichen Konstatierungsbüro untersucht. Alle anwesenden Ärzte unterschrieben ein Protokoll, in dem sie erklärten, daß es sich um die Heilung einer beiderseitigen Lungentuberkulose handele, die "mit einem natürlichen Heilprozeß nicht erklärt werden kann".
Am 20. September, vier Tage später, wurde der "wundertätig geheilte" Patient neuerlich von seinem Arzt Dr. Jullien untersucht. "Es ist ein vollständig veränderter Mann", notierte der Arzt, "voller Energie, aber so exaltiert, daß man seine Exaltation nur mit der seiner Angehörigen vergleichen kann. Er ist überzeugt, völlig geheilt zu sein, sich ganz gesund zu fühlen und sich eines guten Appetits zu erfreuen. Die Waage bestätigt eine Gewichtszunahme von 2,150 Kilogramm innerhalb von neun Tagen. Die Auskultation* ergibt keinen klaren Befund, aber die vorgenommene Röntgenuntersuchung leider genau das gleiche Bild der beiden Lungen wie vorher."
Dr. Valot folgert daraus: "Das Studium der Wunderheilungen von Lungentuberkulose in Lourdes hat uns bewiesen, daß die Wunderheilungen im gleichen Augenblick aufhörten, in dem man begann, bakteriologische und röntgenologische Untersuchungen systematisch vorzunehmen. Seit dieser Zeit werden Fälle von Lungentuberkulose in Lourdes nicht mehr geheilt."
Die Doktorandin Valot stieß bei ihren Nachforschungen noch auf andere Differenzen, die zwischen den Ärzten des örtlichen Konstatierungsbüros und anderen, außenstehenden Ärzten aufgetaucht waren. Als Beispiel führt sie die Abenteuer des Münchner Arztes Dr. Aigner an, der in Gesellschaft des Philosophie-Professors Chide im Jahre 1912 nach Lourdes kam, um die Wunderheilungen zu überprüfen.
Am 22. August 1912 begab sich Dr. Aigner in das Ärztliche Konstatierungsbüro, um gemeinsam mit den Ärzten des Büros die Geheilten zu untersuchen. Der erste Fall war ein Herzkranker. Dr. Aigner und der ebenfalls ortsfremde katholische Arzt Dr. Gouraud diagnostizierten, der Mann leide nach wie vor an einer Herzkrankheit. Aber die Ärzte des Büros waren anderer Meinung: Sie erklärten ihn für geheilt.
Fall Nummer zwei: Ein altes Fräulein legte Bestätigungen des Büros über die wundertätige Heilung einer tuberkulösen Bauchfellentzündung vor. Aber sie brachte es ebenfalls nicht fertig, die beiden Ärzte von ihrer Heilung zu überzeugen. Beim Patienten Nummer drei, einem "geheilten Fall von Lungentuberkulose", hörten die Ärzte bei der Auskultation deutlich Geräusche in beiden Lungen.
. Gleichzeitig wurde einem dritten außenstehenden Arzt, Dr. Thomas, ein "geheilter" Fall von Hüftgelenk-Entzündung vorgeführt. Erklärte Dr. Thomas: "Man sieht doch tuberkulöse Abzesse, die nicht geheilt sind. Sie springen einem doch geradezu in die Augen."
Als Dr. Aigner und Professor Chide am nächsten Tag die Ortspresse studierten, mußten sie überrascht feststellen, daß alle drei Zeitungen von Lourdes ("La Croix de Lourdes", "Le Messager de Lourdes", "La Voix de Lourdes") über fünf neue "Wunderheilungen" berichten: Das Ärztliche Konstatierungsbüro hatte die fünf Patienten des Vortages offiziell als "geheilt" anerkannt. Aus dem Herzkranken Angèle Vialard war dabei allerdings ein Tuberkulose-Kranker geworden, bei dem sich alle Kavernen in einem Augenblick geschlossen hatten.
Entrüstet stürmten Dr. Aigner und Professor Chide zum Bischof von Lourdes, Monseigneur Schaepfer: Wie er es dulden könne, daß solche Lügen in den Zeitungen von Lourdes veröffentlicht würden? "Ich kann nichts dafür", erklärte Monseigneur Schaepfer. "Es sind keine amtlichen Organe."
Noch am gleichen Tag mußten die beiden Wissenschaftler ihre Untersuchungen abbrechen. Die Hotelbesitzer hatten von ihren kritischen Bemerkungen erfahren und die Einwohner aufgestachelt. Die beiden Forscher wurden von einer hysterischen Menschenmasse umringt, die sie lynchen wollte.
Dem Dr. Aigner gelang die Flucht. Professor Chide mußte von zwanzig Krankenwärtern zu seinem Hotel eskortiert werden. Er zog es vor, Lourdes noch am selben Tag zu verlassen.
Auch Dr. Paul Dubois, Professor für Neuropathologie in Bern, gab ein vernichtendes Urteil ab, nachdem er das Ärztliche Konstatierungsbüro in Lourdes einer genauen Untersuchung unterzogen hatte: "Ich war überrascht, bei den Ärzten des ,Konstatierungsbüros' trotz ihres offensichtlich guten Glaubens eine solche Mentalität vorzufinden, daß ihre Feststellungen in meinen Augen jeden Wert verlieren."
Nun bestreitet auch Therese Valot nicht, daß für den Patienten, der sich geheilt fühlt, das persönliche Wohlbefinden von großer Bedeutung ist. Als Beweis zitiert sie einen Versuch, den Dr. Pierre Bourgeois im Jahre 1948 an acht Patienten des Pariser Krankenhauses Cochin durchgeführt hat.
Damals war die "Wunderdroge" Streptomycin nur zu astronomischen Preisen zu haben. Als die Patienten ihre Krankenhausärzte bestürmten, sie mit diesem neuen "Wundermittel" zu behandeln, von
dem sie gerade gehört hatten, entschloß sich Dr. Bourgeois zu einem Experiment. Er wählte acht Patienten aus und stellte ihnen eine Streptomycin-Kur in Aussicht. Ohne das Hilfspersonal einzuweihen, spritzte er ihnen aber statt des Streptomycins eine harmlose Lösung ein.
Sechs Wochen später konnte bei sieben der acht Patienten Gewichtszunahme festgestellt werden. Zwei Patienten, die an Kehlkopfentzündung litten, fühlten sich nach der Pseudobehandlung frei von Beschwerden.
Dieses Experiment beweise eindeutig meint Dr. Valot, daß das subjektive Befinden vieler Kranker durch den Glauben an eine Heilkraft, sei es nun die "Wunderdroge" Streptomycin oder die "Wunderquelle" von Lourdes, gebessert werden könne - wenn sich auch das klinische Krankheitsbild vor dem unbestechlichen Auge der Röntgenkamera nicht ändert.
Bei anderen Leiden, den sogenannten psychosomatischen (seelisch-körperlichen) Krankheiten, müsse ein anderer Maßstab angelegt werden. Sie könnten durch eine rein psychologische Einwirkung, den Glauben an eine Heilkraft etwa, tatsächlich geheilt werden.
"Sogar ich würde mich entschließen", schreibt Dr. Therese Valot, "einen Patienten, der an einer psychosomatischen Krankheit leidet und ein gläubiger Katholik ist nach Lourdes zu schicken, wenn bei ihm alle anderen Behandlungsmethoden versagen. Aber in solchen Fällen kann man auch nicht von einer ,wundertätigen Heilung' sprechen, denn das gleiche ,Wunder' kann durch jede andere Art von psychologischer Einwirkung und manchmal sogar durch bloße Aufregung bewirkt werden."
* Auskultation: Das Behorchen der Im Körper entstehenden Schallzeichen.
Ggeburtshaus Mühle von Boly: In fünf Monaten ...
Heiliggesprochene Bernadette Soubirous
. . . erschien die Jungfrau achtzehnmal
Grotte von Lourdes: "Die Dame befahl, eine Kapelle zu errichten"
Ärztliches Konstatierungsbüro: "Die Wunder sind seltener geworden"
Ärztin Dr. Thérèse Valot
Kein Wunder?
Statue der Bernadette
Glaube an Wunder...
Jennifer Jones als Bernadette*
... und Streptomycin
* In dem Film "Das Lied der Bernadette".

DER SPIEGEL 18/1956
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LOURDES:
Das Wunder des Dr. Dozous

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